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BAG ur­teilt zur Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge.

Ar­beit­ge­ber sind zur Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge schon vor Aus­spruch der Kün­di­gung ver­pflich­tet und nicht erst bis zum En­de der Kün­di­gungs­frist: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.03.2006, 2 AZR 343/05

02.04.2006. Ge­mäß §17 und § 18 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) sind Ar­beit­ge­ber bei sog. Mas­sen­ent­las­sun­gen da­zu ver­pflich­tet, vor­ab den Be­triebs­rat zu den den ge­plan­ten Ent­las­sun­gen zu kon­sul­tie­ren, d.h. er­geb­nis­of­fen mit ihm zu be­ra­ten.

Im nächs­ten Schritt hat der Ar­beit­ge­ber so­dann der Ar­beits­agen­tur recht­zei­tig schrift­li­che Un­ter­la­gen zu den ge­plan­ten Ent­las­sun­gen und zu den be­reits durch­ge­führ­ten Be­ra­tun­gen mit dem Be­triebs­rat zu­zu­ar­bei­ten.

Im Ge­setz nicht klar ge­re­gelt ist der Zeit­punkt, in dem die An­zei­ge bei der Ar­beits­agen­tur ein­ge­gan­gen sein muss, den das Ge­setz spricht hier von ge­plan­ten "Ent­las­sun­gen" und nicht von Kün­di­gun­gen. Und ei­ne Ent­las­sung ist nach bis­he­ri­gem Ver­ständ­nis die Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses, al­so der Zeit­punkt, in dem der Ar­beit­neh­mer nach Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist "drau­ßen ist".

Nach ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) sind Ar­beit­ge­ber aber schon viel frü­her als bis­her zur Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ver­pflich­tet, näm­lich be­reits vor Aus­spruch der Kün­di­gung und nicht erst bis zum En­de der Kün­di­gungs­frist: BAG, Ur­teil vom 23.03.2006, 2 AZR 343/05.

Wann muss die Massenentlassungsanzeige bei der Arbeitsagentur eingehen?

Die Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20.07.1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen ("Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie") schreibt vor, daß Ar­beit­ge­ber:

  • die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter recht­zei­tig zwecks Er­zie­lung ei­ner Ei­ni­gung zu kon­sul­tie­ren ha­ben, wenn sie be­ab­sich­ti­gen, "Mas­sen­ent­las­sun­gen" vor­zu­neh­men (Art.2 Abs.1 Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie),
  • der zuständi­gen Behörde al­le be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen schrift­lich an­zei­gen müssen, wo­bei sie An­ga­ben über die be­ab­sich­tig­te Mas­sen­ent­las­sung und die Kon­sul­ta­tio­nen der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter gemäß Ar­ti­kel 2 ma­chen müssen und die Behörde über die Gründe der Ent­las­sung, über die Zahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, über die Zahl der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer und über den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len, in­for­mie­ren müssen (Art.3 Abs.1 Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie).

Wei­ter schreibt die Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie vor, daß die der zuständi­gen Behörde an­ge­zeig­ten be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen frühes­tens 30 Ta­ge nach Ein­gang der An­zei­ge bei der Behörde wirk­sam wer­den.

Der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) hat mit Ur­teil vom 27.01.2005 (Rechts­sa­che C-188/03) ent­schie­den, daß un­ter "Ent­las­sung" im Sin­ne der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie nicht erst die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach Ab­lauf der Kündi­gungs­fris­ten, son­dern be­reits der Aus­spruch der Kündi­gung zu ver­ste­hen ist.

Die­se Ent­schei­dung hat zur Fol­ge, daß es nicht genügt, der zuständi­gen Behörde 30 Ta­ge vor Ab­lauf der Kündi­gungs­frist die er­for­der­li­chen Mit­tei­lun­gen zu ma­chen, son­dern daß die­se Mit­tei­lun­gen be­reits viel früher, nämlich be­reits vor Aus­spruch der Kündi­gungs­erklärun­gen ge­macht wer­den müssen.

Die­ses Verständ­nis der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie ist mit der bis­he­ri­gen An­wen­dung des deut­schen Rechts, d.h. der §§ 17 und 18 KSchG, nicht ver­ein­bar. Die­se Ge­set­zes­vor­schrif­ten sol­len die Vor­ga­ben der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie in na­tio­na­les Recht um­set­zen und müssen da­her den An­for­de­run­gen der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie ent­spre­chen.

Nach § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG muß ein Ar­beit­ge­ber der Agen­tur für Ar­beit An­zei­ge er­stat­ten, be­vor er in­ner­halb von 30 Ka­len­der­ta­gen mehr als ei­ne im Ge­setz fest­ge­leg­te An­zahl von Ar­beit­neh­mern "entläßt". Nach bis­he­ri­gem Verständ­nis die­ser Vor­schrift galt, daß die An­zei­ge an die Ar­beits­ver­wal­tung recht­zei­tig vor der tatsächli­chen Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se (und nicht et­wa schon vor Aus­spruch der Kündi­gun­gen) er­fol­gen mußte. Die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge konn­te des­halb auch noch nach dem Aus­spruch der Kündi­gun­gen er­fol­gen.

Wei­ter­hin be­stimmt § 18 Abs. 1 KSchG, daß an­zei­ge­pflich­ti­ge Mas­sen­ent­las­sun­gen im All­ge­mei­nen nicht vor Ab­lauf ei­nes Mo­nats nach Ein­gang der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge bei der Agen­tur für Ar­beit wirk­sam wer­den. Ei­ne Aus­nah­me gilt nur dann, wenn die Agen­tur für Ar­beit den an­ge­zeig­ten Ent­las­sun­gen vor­zei­tig (d.h. vor Ab­lauf ei­nes Mo­nats nach der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge) zu­stimmt.

Im Hin­blick auf das Ur­teil des EuGH vom 27.01.2005 ist frag­lich, ob die bis­he­ri­ge, d.h. ge­gen die Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie ver­s­toßen­de Hand­ha­bung der §§ 17 und 18 KSchG vorüber­ge­hend, d.h. bis zu ei­ner Ge­set­zesände­rung hin­zu­neh­men ist - oder ob man die §§ 17 und 18 KSchG "richt­li­ni­en­kon­form", d.h. im Sin­ne des o.g. EuGH-Ur­teils aus­le­gen könn­te.

Prak­tisch fragt sich vor al­lem auch, ob jetzt auf ein­mal al­le im Zu­sam­men­hang mit Mas­sen­ent­las­sun­gen aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen un­wirk­sam sein sol­len, wenn der kündi­gen­de Ar­beit­ge­ber in Übe­rein­stim­mung mit der bis­he­ri­gen Rechts­pra­xis nicht schon vor Aus­spruch der Kündi­gung, son­dern erst vor Aus­lau­fen der Kündi­gungs­frist der Ar­beits­ver­wal­tung ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge über­mit­telt hat. Zu die­ser Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Ur­teil vom 23.03.2006 Stel­lung ge­nom­men.

Der Streitfall: Kündigungswelle zwecks Massenentlassung im Sommer 2004 wird nicht vor Ausspruch der Kündigungen angezeigt

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall war der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer seit 1994 zu­sam­men mit wei­te­ren 22 Ar­beit­neh­mern bei dem Ar­beit­ge­ber beschäftig­te. Ein Be­triebs­rat war nicht ge­bil­det wor­den.

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te das Ar­beits­verhält­nis auf­grund wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten mit Schrei­ben vom 30.06.2004 or­dent­lich, d.h. un­ter Ein­hal­tung der re­gulären Kündi­gungs­frist. Eben­so kündig­te er al­len an­de­ren Ar­beit­neh­mern. Et­wa ei­nen Mo­nat später, am 01.08.2004, wur­de über das Vermögen des Ar­beit­ge­bers das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und ein In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt, der die Ar­beits­verhält­nis­se al­ler Ar­beit­neh­mer er­neut mit Schrei­ben vom 02.08.2004 kündig­te.

Der Ar­beit­ge­ber und der In­sol­venz­ver­wal­ter zeig­ten die zu un­ter­schied­li­chen Zeit­punk­ten vor­ge­se­he­nen "Ent­las­sun­gen" (d.h. die Be­en­di­gun­gen der Ar­beits­verhält­nis­se nach Ab­lauf der je­wei­li­gen Kündi­gungs­fris­ten) der Agen­tur für Ar­beit am 02.08.2004 und am 26.08.2004 an. Die Agen­tur für Ar­beit er­teil­te am 09.08.2004 und am 10.09.2004 ent­spre­chen­de Be­schei­de.

Der Kläger hat die Kündi­gun­gen u.a. we­gen Ver­s­toßes ge­gen §§ 17, 18 KSchG für un­wirk­sam ge­hal­ten. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Schuld­ne­rin bzw. der Be­klag­te hätten die Mas­sen­ent­las­sung be­reits vor dem Aus­spruch der Kündi­gung und nicht erst da­nach bei der Ar­beits­ver­wal­tung an­zei­gen müssen.

Die Vor­in­stan­zen hat­ten die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

BAG: Bei Kündigungswelle vor dem 27.01.2005 gibt es zwar Vertrauensschutz, danach müssen Massenentlassungen aber vor Ausspruch der Kündigungen angezeigt werden

Das BAG hat die Re­vi­si­on des Klägers zurück­ge­wie­sen. Da­mit hat es sich im Er­geb­nis der An­sicht der Vor­in­stan­zen an­ge­schlos­sen.

Al­ler­dings ist das BAG dem EuGH grundsätz­lich ge­folgt. Er hat nämlich die Re­ge­lung des § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG "richt­li­ni­en­kon­form aus­ge­legt". Dem­zu­fol­ge muß nun­mehr die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge bei der Agen­tur für Ar­beit be­reits recht­zei­tig vor dem Aus­spruch der Kündi­gun­gen (und nicht mehr wie bis­her vor dem Aus­lau­fen der Kündi­gungs­fris­ten) er­fol­gen.

Ob ei­ne nicht recht­zei­ti­ge An­zei­ge zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung führt oder ob - wie nach bis­he­ri­gem Recht - nur die Ent­las­sung vorüber­ge­hend nicht voll­zo­gen wer­den kann, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt al­ler­dings of­fen­ge­las­sen.

Ei­ne Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung woll­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem hier zu ent­schei­den­den Fall be­reits des­halb nicht an­neh­men, weil dem kündi­gen­den Ar­beit­ge­ber Ver­trau­ens­schutz zu gewähren ist. Deut­sche Ar­beit­ge­ber durf­ten nämlich bis zum Be­kannt­wer­den des o.g. Ur­teils des EuGH (27.01.2005) auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts und die Ver­wal­tungs­pra­xis der Agen­tu­ren für Ar­beit ver­trau­en, der zu­fol­ge ei­ne An­zei­ge vor der tatsächli­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­rei­chend war.

Fa­zit: Ei­nem kündi­gen­den Ar­beit­ge­ber können nicht rück­wir­kend Hand­lungs­pflich­ten auf­er­legt wer­den, mit de­nen er nicht zu rech­nen brauch­te und die er nachträglich nicht mehr erfüllen kann.

Wel­che Kon­se­quen­zen hat die Ent­schei­dung des BAG?

Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat un­mit­tel­ba­re Be­deu­tung nur für die­je­ni­gen Kündi­gun­gen, die im Zu­sam­men­hang mit Mas­sen­ent­las­sun­gen bis zum 27.01.2005 aus­ge­spro­chen wur­den.

Für später aus­ge­spro­che­ne Kündi­gun­gen steht nun­mehr fest, daß die §§ 17 und 18 KSchG auch oh­ne Ge­set­zesände­rung nun­mehr den Ar­beit­ge­ber zur Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge vor Aus­spruch der Kündi­gung (und nicht erst vor Aus­lau­fen der Kündi­gungs­frist) ver­pflich­ten.

Un­klar ist al­ler­dings nach wie vor, wie schwer die "Stra­fe" für den Ar­beit­ge­ber ist, der sich dar­an nicht hält und der Ar­beits­ver­wal­tung die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht be­reits vor Aus­spruch der Kündi­gung, son­dern erst vor Ab­lauf der der Kündi­gungs­frist über­mit­telt:

Hier ist nach wie vor un­klar, ob die Kündi­gung in die­sem Fal­le un­wirk­sam ist (mit der Fol­ge, daß ei­ne er­neu­te Kündi­gung aus­ge­spro­chen wer­den muß), oder ob die mit der Kündi­gung be­ab­sich­tig­te Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nur vorüber­ge­hend auf­ge­scho­ben ist (wo­bei al­ler­dings un­klar ist, wie lan­ge ein sol­cher Auf­schub dau­ern soll).

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Letzte Überarbeitung: 11. Oktober 2016

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