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Fra­ge nach Schwan­ger­schaft un­zu­läs­sig

Recht zur Lü­ge auch bei Be­ste­hen ei­nes Be­schäf­ti­gungs­ver­bots: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 06.02.2003, 2 AZR 621/01
21.03.2003. Er­reicht ein Ar­beit­neh­mer den Ab­schluß des Ar­beits­ver­tra­ges durch be­wußt fal­sche Be­ant­wor­tung von Fra­gen, die der Ar­beit­ge­ber ihm vor Ver­trags­schluß stellt, so kann dar­in ei­ne arg­lis­ti­ge Täu­schung im Sin­ne von § 123 Abs.1 BGB lie­gen. In ei­nem sol­chen Fall kann der ge­täusch­te Ar­beit­ge­ber den Ver­trag an­fech­ten. Der Ar­beits­ver­trag ver­liert mit die­ser Er­klä­rung, ähn­lich wie im Fal­le ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung, sei­ne recht­li­che Wirk­sam­keit mit so­for­ti­ger Wir­kung.

Ei­ne sol­che An­fech­tungs­mög­lich­keit be­steht al­ler­dings nicht, wenn die ge­stell­te Fra­ge un­zu­läs­sig war. In ei­nem sol­chen Fall ist das Fra­ge­recht des Ar­beit­ge­bers ein­ge­schränkt. Der be­frag­te Ar­beit­neh­mer hat ein "Recht zur Lü­ge". Ob die­ses Recht auch be­steht, wenn Art und Um­fang der zu be­set­zen­den Stel­le von An­fang an ein Be­schäf­ti­gungs­ver­bot ei­ner schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin er­for­dern wür­de, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) kürz­lich ent­schie­den, BAG, Ur­teil vom 06.02.2003, 2 AZR 621/01.

Recht zur Lüge auch dann, wenn die schwangere Bewerberin aufgrund der Schwangerschaft nicht einen Tag arbeiten kann?

Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts war die Fra­ge des Ar­beit­neh­mers nach ei­ner Schwan­ger­schaft der Be­wer­be­rin im all­ge­mei­nen un­zulässig, d.h. die Be­wer­be­rin durf­te die­se Fra­ge falsch be­ant­wor­ten.

Da­von mach­te das BAG al­ler­dings dann ei­ne Aus­nah­me, d.h. es sah die Fra­ge nach ei­ner Schwan­ger­schaft aus­nahms­wei­se als zulässig an, wenn die Beschäfti­gung der schwan­ge­ren Be­wer­be­rin auf dem vor­ge­se­he­nen Ar­beits­platz von vorn­her­ein we­gen ei­nes Beschäfti­gungs­ver­bots zum Schutz der Schwan­ge­ren oder des un­ge­bo­re­nen Kin­des nach dem MuSchG (Mut­ter­schutz­ge­setz) un­zulässig wäre.

Ei­ne sol­che Aus­nah­me will das Bun­des­ar­beits­ge­richt jetzt nicht mehr ma­chen.

Der Fall des BAG: Wäschereigehilfin täuscht bei der Bewerbung über ihre Schwangerschaft und kann daher den Job nicht antreten

In dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ging es um fol­gen­des:

Die Kläge­rin schloß mit der be­klag­ten Ar­beit­ge­be­rin am 03.05.2000 ei­nen Ar­beits­ver­trag. Bei Ver­trags­schluß ver­si­cher­te sie auf Be­fra­gen der Ar­beit­ge­be­rin, daß sie nicht schwan­ger sei. Die­se An­ga­be war al­ler­dings falsch bzw. ge­lo­gen, da die Kläge­rin durch Aus­kunft ih­rer Ärz­tin vom 11.04.2000 be­reits wußte, daß sie schwan­ger war.

Et­wa zwei Wo­chen nach Ver­trags­schluß, am 19.05.2000, in­for­mier­te die Kläge­rin die Be­klag­te dann über ih­re Schwan­ger­schaft. Dar­auf­hin focht die Be­klag­te mit Schrei­ben vom 08.06.2000 den Ar­beits­ver­trag un­ter Be­ru­fung auf § 123 Abs.1 BGB we­gen arg­lis­ti­ger Täuschung an.

Im fol­gen­den er­hob die Kläge­rin Kla­ge mit dem An­trag, das Ge­richt möge fest­stel­len, daß ihr Ar­beits­verhält­nis durch die An­fech­tung der Be­klag­ten nicht be­en­det wor­den sei. In dem Pro­zeß wand­te die Ar­beit­ge­be­rin ein, die ver­ein­bar­te Tätig­keit (Wäsche­r­ei­ge­hil­fin) sei auf Grund ge­setz­li­cher Be­stim­mun­gen für Schwan­ge­re nicht ge­eig­net. Ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz könne sie der Kläge­rin nicht an­bie­ten.

Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­ben der Kla­ge trotz­dem statt­ge­ge­ben, d.h. das Fort­be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses fest­ge­stellt. Da­ge­gen wand­te sich die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin mit der Re­vi­si­on.

BAG: Das Recht schwangerer Bewerberinnen zur Lüge geht vor, auch bei Beschäftigungsverboten

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich der Mei­nung der Ar­beit­neh­me­rin an­ge­schlos­sen und da­her die Ent­schei­dun­gen der bei­den Vor­in­stan­zen bestätigt. Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts:

Die Fra­ge der Be­klag­ten nach der Schwan­ger­schaft ist auch un­ter dne hier ge­ge­be­nen Umständen un­zulässig, weil sie ei­ne nach § 611a BGB ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts enthält, so das BAG.

In Fort­ent­wick­lung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung und in Übe­rein­stim­mung mit dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof sieht das BAG in der Fra­ge nach der Schwan­ger­schaft nun­mehr auch dann ei­ne un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung der weib­li­chen Be­wer­be­rin, wenn ei­ne un­be­fris­tet ein­zu­stel­len­de Ar­beit­neh­me­rin die ver­ein­bar­te Tätig­keit während der Schwan­ger­schaft we­gen ei­nes mut­ter­schutz­recht­li­chen Beschäfti­gungs­ver­bo­tes zunächst nicht ausüben kann.

Fa­zit: Das Ur­teil des BAG ist kon­se­quent, da das Beschäfti­gungs­hin­der­nis bei ei­ner un­be­fris­te­ten Ein­stel­lung nur vorüber­ge­hend be­steht, d.h. nach Be­en­di­gung der Mut­ter­schutz­fris­ten kann die jun­ge Mut­ter wie­der ar­bei­ten, da die Beschäfti­gungs­ver­bo­te dann nicht mehr gel­ten. Außer­dem ist ein Beschäfti­gungs­ver­bot kei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit, so dass der Ar­beit­ge­ber auch nicht mit Lohn­fort­zah­lungs­kos­ten be­las­tet ist. So ge­se­hen führt auch ei­ne "Schwan­ger­schafts-Lüge" auch bei ei­nem Beschäfti­gungs­ver­bot nicht un­be­dingt zu ei­ner dau­er­haf­ten Störung des Ver­trags­verhält­nis­ses.

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Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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