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Mut­ter­schafts­geld­zu­schuss ver­fas­sungs­wid­rig

Der­Zu­schuss zum Mut­ter­schafts­geld setzt An­rei­ze, Frau­en nicht ein­zu­stel­len, und ver­letzt da­her das Ge­bot der Chan­cen­gleich­heit von Frau­en: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluß vom 18.11.2003, 1 BvR 302/96
20.11.2003. Frau­en dür­fen ge­mäß §§ 3 Abs.2, 6 Abs.1 Mut­ter­schutz­ge­setz (MuSchG) sechs Wo­chen vor und acht Wo­chen nach der Ent­bin­dung nicht be­schäf­tigt wer­den. Wäh­rend die­ser Schutz­fris­ten er­hal­ten sie ei­nen Lohn­er­satz in Hö­he des Net­to­lohns.

Der Lohn­er­satz wird zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Kran­ken­kas­se in der Wei­se auf­ge­teilt, daß die Kran­ken­kas­se ein Mut­ter­schafts­geld in Hö­he von 13,00 EUR pro Ka­len­der­tag und der Ar­beit­ge­ber die Dif­fe­renz zwi­schen dem Mut­ter­schafts­geld und dem Net­to­lohn be­zahlt ("Zu­schuss zum Mut­ter­schafts­geld").

Die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, ei­nen Zu­schuss zum Mut­ter­schafts­geld zu zah­len, ist in § 14 Abs.1 MuschG ent­hal­ten. Da das Mut­ter­schafts­geld seit 1968 nicht mehr er­höht wur­de und da­her seit­dem kon­stant 25,00 DM bzw. 13 EUR pro Ka­len­der­tag be­trägt, wer­den die Ar­beit­ge­ber seit­dem im­mer stär­ker be­las­tet, d.h. der von ih­nen zu tra­gen­de An­teil an der Lohn­fort­zah­lung hat sich seit­dem stän­dig er­höht.

Nun wur­den al­ler­dings Zwei­fel laut, ob die Vor­schrift des § 14 MuschG ver­fas­sungs­kon­form ist. Sie ist es nicht, wie ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) zeigt: BVerfG, Be­schluß vom 18.11.2003, 1 BvR 302/96.

Mindert die finanzielle Belastung größerer Betriebe mit dem Zuschuß zum Mutterschaftsgeld die Beschäftigungschancen von Frauen?

Seit Ja­nu­ar 1986 wer­den nur Ar­beitg­be­ber, die klei­ne­re Be­trie­ben mit nicht mehr als 20 Ar­beit­neh­mer führen, von der fi­nan­zi­el­len Be­las­tung mit Mut­ter­schutz­leis­tun­gen ent­las­tet, nämlich durch die Um­la­ge U2. Die Um­la­ge­beträge be­mes­sen sich da­bei nicht an der An­zahl der beschäftig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen, son­dern nach der Ge­samt­zahl der Beschäftig­ten. Da­her sind auch sol­che Ar­beit­ge­ber in das Ver­fah­ren ein­be­zo­gen, die kei­ne Frau­en beschäfti­gen. Die Um­la­ge U1 ist so ge­ring be­mes­sen, dass sie aus Sicht des um­la­ge­pflich­ti­gen Ar­beit­ge­bers ein gu­tes Geschäft ist.

An­ders sieht es da­ge­gen für Ar­beit­ge­ber aus, die Be­trie­be mit mehr als 20 Ar­beit­neh­mer führen. Sie blei­ben auf den Kos­ten für den Zu­schuß zum Mut­ter­schafts­geld sit­zen. Für sie be­steht da­her ein An­reiz, eher Männer als Frau­en ein­zu­stel­len, um die­ser fi­nan­zi­el­len Be­las­tung zu ent­ge­hen.

Dies ist aus ver­schie­de­nen Gründen ver­fas­sungs­recht­lich be­denk­lich. Zum ei­nen kann man ar­gu­men­tie­ren, dass hier Ar­beit­ge­ber mit Kos­ten der Ge­burt be­las­tet we­den, die "ei­gent­lich" vom Staat zu tra­gen wären. Und zum an­de­ren könn­te die­se fi­nan­zi­el­le Be­las­tung von größeren Ar­beit­neh­mern ei­ne mit­tel­ba­re Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, in­dem sie die Beschäfti­gungs­chan­cen von Frau­en bei größeren Ar­beit­ge­ber senkt. Das könn­te ge­gen die grund­ge­setz­lich ga­ran­tier­te Chan­cen­gleich­heit von Männern und Frau­en (Art.3 Abs.2 Grund­ge­setz - GG) ver­s­toßen.

Der Fall des BVerfG: Streitlustiger Arbeitgeber weigert sich, den Zuschuß zum Mutterschaftsgeld zu zahlen

Die Be­schwer­deführe­rin in dem der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu­grun­de lie­gen­den Ver­fah­ren beschäftig­te et­wa 100 Ar­beit­neh­mer, da­von zur Hälf­te Frau­en. Ei­ne bei ihr an­ge­stell­te Ar­beit­neh­me­rin wur­de auf­grund der Beschäfti­gungs­ver­bo­te vor und nach der Ent­bin­dung nicht beschäftigt.

Die Kran­ken­kas­se zahl­te der Ar­beit­neh­me­rin ins­ge­samt 2.500 DM Mut­ter­schafts­geld. Die Be­schwer­deführe­rin ver­wei­ger­te der Ar­beit­neh­me­rin den ihr an sich gemäß § 14 Abs.1 MuSchG zu­ste­hen­den Zu­schuß zum Mut­ter­schafts­geld in Höhe von 3.335 DM. Zur Be­gründung ver­trat sie die Mei­nung, § 14 Abs. 1 Satz 1 MuSchG ver­s­toße ge­gen die Ver­fas­sung.

Die Ar­beits­ge­rich­te hiel­ten hin­ge­gen die Ver­pflich­tung der Be­schwer­deführe­rin zur Zah­lung des Zu­schus­ses zum Mut­ter­schafts­geld in al­len drei In­stan­zen für ver­fas­sungs­gemäß. Da­ge­gen rich­tet sich die beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt er­ho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Be­schwer­deführe­rin.

Zur Be­gründung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de führ­te die Be­schwer­deführe­rin aus, daß ih­re Be­rufs­ausübungs­frei­heit durch die Zu­schuss­pflicht zum Mut­ter­schafts­geld in un­verhält­nismäßiger Wei­se be­schränkt und da­mit ver­letzt wer­de. Der Mut­ter­schutz lie­ge im vor­ran­gi­gen In­ter­es­se der Ge­mein­schaft al­ler Bürger und müsse da­her im We­sent­li­chen aus Steu­er­mit­teln fi­nan­ziert wer­den.

BVerfG: Der Zuschuß zum Mutterschaftsgeld in seiner jetzigen Form ist eine verfassungswidrige Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat sich der Mei­nung der Be­schwer­deführe­rin im Prin­zip an­ge­schlos­sen und da­her fest­ge­stellt, daß § 14 Abs.1 MuschG ver­fas­sungs­wid­rig ist. Die Ent­schei­dungs­for­mel lau­tet in die­sem Punkt wie folgt:

"1. § 14 Ab­satz 1 Satz 1 des Mut­ter­schutz­ge­set­zes in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 18. April 1968 (Bun­des­ge­setz­blatt I Sei­te 315) und in der Fas­sung späte­rer Be­kannt­ma­chun­gen ist nach Maßga­be der Gründe mit Ar­ti­kel 12 Ab­satz 1 des Grund­ge­set­zes nicht ver­ein­bar.

2. Dem Ge­setz­ge­ber wird auf­ge­ge­ben, bis zum 31.12.2005 ei­ne ver­fas­sungsmäßige Re­ge­lung zu tref­fen."

Zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung ar­gu­men­tiert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im we­sent­li­chen wie folgt:

Die Zu­schuss­pflicht des Ar­beit­ge­bers be­ein­träch­tigt zwar die Be­rufs­frei­heit des Ar­beit­ge­bers, doch ist die­se Be­ein­träch­ti­gung zur Er­rei­chung des ge­setz­ge­be­ri­schen Ziels, die ar­bei­ten­de Mut­ter und das wer­den­de Kind vor ar­beits­platz­be­ding­ten Ge­fah­ren zu schützen, ge­eig­net, er­for­der­lich und auch zu­mut­bar. Ins­be­son­de­re ist die den Ar­beit­ge­bern auf­er­leg­te fi­nan­zi­el­le Be­las­tung wirt­schaft­lich trag­bar.

Von Ver­fas­sungs we­gen ist ist der Staat da­her nicht da­zu ver­pflich­tet, die Kos­ten des Mut­ter­schut­zes al­lein zu tra­gen. Die mit dem Mut­ter­schutz ver­bun­de­nen Kos­ten dürfen so­mit teil­wei­se auch den Ar­beit­ge­bern auf­er­legt wer­den. Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­stie­ge­nen An­teils der Ar­beit­ge­ber­leis­tun­gen über­wie­gen nach wie vor die öffent­li­chen Leis­tun­gen für den Schutz von Mut­ter und Kind die Be­las­tun­gen der Ar­beit­ge­ber.

Al­ler­dings sieht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch die be­ste­hen­de Rechts­la­ge das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bot aus Art.3 Abs.2 GG als ver­letzt an. § 14 Abs.1 Satz 1 MuSchG be­schränkt in­so­weit die Be­rufs­ausübungs­frei­heit un­an­ge­mes­sen, als die­se Vor­schrift das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bot ver­letzt. Art.3 Abs.2 GG ver­langt, daß Frau­en die glei­chen Er­werbs­chan­cen ha­ben wie Männer.

Die­sem Schutz­auf­trag wi­der­spricht die Zu­schuss­pflicht des Ar­beit­ge­bers zum Mut­ter­schafts­geld in der ge­genwärti­gen recht­li­chen Aus­ge­stal­tung. Das Aus­gleichs- und Um­la­ge­ver­fah­ren stellt nach An­sicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts we­gen sei­ner Be­gren­zung auf Klein­un­ter­neh­men kei­ne aus­rei­chen­de Kom­pen­sa­ti­on dar.

Zwar wirkt der Ge­setz­ge­ber ei­ner Ver­su­chung der Ar­beit­ge­ber, Frau­en bei der Ein­stel­lung zur Ver­mei­dung von späte­ren Be­las­tun­gen durch den Mut­ter­schutz zu dis­kri­mi­nie­ren, da­durch ent­ge­gen, daß ge­schlechts­be­zo­ge­ne Be­nach­tei­li­gun­gen bei der Ein­stel­lung ver­bie­tet (§ 613a BGB); zum an­de­ren ver­sucht der Ge­setz­ge­ber durch das Um­la­ge­ver­fah­ren ei­ne un­glei­che Be­las­tun­gen von Un­ter­neh­men mit un­ter­schied­lich ho­hem Frau­en­an­teil zu ver­mei­den, um auch auf die­sem We­ge Beschäfti­gungs­hin­der­nis­se für Frau­en ab­zu­bau­en.

Das Um­la­ge­ver­fah­ren ist je­doch auf Klein­un­ter­neh­men be­schränkt, d.h. größere Un­ter­neh­men wer­den nicht ein­be­zo­gen. Bei sol­chen Un­ter­neh­men be­steht da­her nach An­sicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts das Ri­si­ko ei­ner fak­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en bei der Ein­stel­lung fort. Im Hing­blick auf die­ses Ri­si­ko hält das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt § 14 Abs.1 Satz 1 MuSchG für ver­fas­sungs­wid­rig.

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Letzte Überarbeitung: 8. März 2015

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