Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Zeit­druck bei Be­trieb­s­än­de­run­gen

LAG Mün­chen schränkt Recht des Be­triebs­ra­tes auf ex­ter­ne Be­ra­tung ein: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Be­schluss vom 24.06.2010, 2 TaBV 121/09
04.10.2010. Be­trieb­s­än­de­run­gen kön­nen ein­schnei­den­de Ver­än­de­run­gen für al­le Be­schäf­tig­ten ei­nes Un­ter­neh­mens mit sich brin­gen. Ab ei­ner ge­wis­sen Grö­ße sieht das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz vor, dass der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat in­for­miert und sich mit ihm be­rät, be­vor er sei­ne Pla­nung um­setzt.

Da­bei kön­nen un­ter er­leich­ter­ten Be­din­gun­gen ex­ter­ne Be­ra­ter hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen hat die­se Mög­lich­keit mit we­nig über­zeu­gen­der Be­grün­dung zeit­lich be­grenzt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Be­schluss vom 24.06.2010, 2 TaBV 121/09.

Dürfen Betriebsräte bei Betriebsänderungen in jeder Phase Berater hinzuziehen?

In größeren Un­ter­neh­men müssen Un­ter­neh­mer den Be­triebs­rat über ge­plan­te Be­triebsände­run­gen, die we­sent­li­che Nach­tei­le für die Be­leg­schaft oder er­heb­li­che Tei­le der Be­leg­schaft zur Fol­ge ha­ben können, recht­zei­tig und um­fas­send zu un­ter­rich­ten und die ge­plan­ten Be­triebsände­run­gen mit dem Be­triebs­rat zu be­ra­ten (§ 111 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG). Bei­spiels­wei­se bei größeren Kündi­gungs­wel­len oder gar ei­ner (Teil-)Still­le­gung hat be­steht die­se In­for­ma­ti­ons- und Be­ra­tungs­pflicht da­mit schon vor Ab­schluss der Pla­nun­gen.

In die­ser Si­tua­ti­on muss der Ar­beit­ge­ber mit dem Be­triebs­rat mit dem Ziel ei­ner Verständi­gung, dem so ge­nann­ten In­ter­es­sen­aus­gleich, über al­le Fra­gen der an­ste­hen­den Be­triebsände­rung ver­han­deln. An­ders als ein So­zi­al­plan ist die­ser In­ter­es­sen­aus­gleich je­doch recht­lich nicht er­zwing­bar. Ge­setz­lich wird hier nur der Ar­beit­ge­ber ge­maßre­gelt, der die ge­plan­te Be­triebsände­rung oh­ne aus­rei­chen­de vor­he­ri­ge Ver­hand­lun­gen um­setzt. In die­sem Fall muss er gemäß § 113 Be­trVG den Ar­beit­ge­bern, die durch die Be­triebsände­rung wirt­schaft­li­che Nach­tei­le er­lei­den, Ab­fin­dun­gen oder an­de­re Va­ri­an­ten ei­nes "Nach­teils­aus­gleichs" zah­len.

Aus­rei­chend ist über den In­ter­es­sen­aus­gleich erst ver­han­delt, wenn der Ar­beit­ge­ber nach In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats und ge­mein­sa­men Be­ra­tun­gen ver­geb­lich die Ei­ni­gungs­stel­le an­ruft. Die Ei­ni­gungs­stel­le ist für wei­te­re Ver­hand­lun­gen des­halb be­son­ders ge­eig­net, weil sich durch ei­nen neu­tra­len Vor­sit­zen­den ge­lei­tet wird.

Da die Zeit­span­ne zwi­schen In­for­ma­ti­on, Be­ra­tung und Ein­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le zu­meist sehr kurz be­mes­sen ist, müssen Be­triebsräte sich bei we­sent­li­chen Be­triebsände­run­gen möglichst rasch und gut über die Pla­nung und (zu­meist wirt­schaft­li­che) Mo­ti­va­ti­on des Ar­beit­ge­bers in­for­mie­ren. In größeren Be­trie­ben kann das schnell zu ei­ner ex­trem an­spruchs­vol­len Auf­ga­be wer­den. In Un­ter­neh­men mit mehr als 300 Ar­beit­neh­mern können Be­triebsräte da­her zu ih­rer Un­terstützung ei­nen Be­ra­ter hin­zu­zie­hen (§ 111 Satz 2 Halb­satz 1 Be­trVG). In die­sem Zu­sam­men­hang wird nicht ein­mal ei­ne Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers oder ei­ne Ver­ein­ba­rung mit ihm benötigt.

Zu der Fra­ge, ob die­ses Recht auf ex­ter­ne Be­ra­tung zeit­lich be­grenzt ist, hat kürz­lich das (LAG) München Stel­lung ge­nom­men (Be­schluss vom 24.06.2010, 2 TaBV 121/09).

Der Fall: Gesamtbetriebsrat beauftragt Berater, nachdem Einigungsstelle eingesetzt wurde

Die Lei­tung ei­nes Un­ter­neh­mens mit mehr als 300 Ar­beit­neh­mern un­ter­rich­te­te den Wirt­schafts­aus­schuss En­de Mai 2008 über ei­ne für Ok­to­ber ge­plan­te Be­triebsände­rung. An­fang Ju­ni stell­te der Geschäftsführer dem für die Ver­hand­lun­gen zuständi­gen Ge­samt­be­triebs­rat (GBR) mit ei­ner 70seitigen Power-Point-Präsen­ta­ti­on Um­fang und Fol­gen der ge­plan­ten Be­triebsände­rung vor. Der GBR mach­te Gespräche von der Über­mitt­lung ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs­ent­wurfs abhängig. Den leg­te der Ar­beit­ge­ber Mit­te Ju­li vor.

We­ni­ge Ta­ge später fass­te der GBR den Be­schluss, ei­ne Kölner Be­ra­tungs­ge­sell­schaft als Be­ra­ter gemäß § 111 und § 92a Be­trVG zur Un­terstützung hin­zu­zu­zie­hen, und zwar zur Er­ar­bei­tung al­ter­na­ti­ver Vor­schläge zur Kos­ten­ein­spa­rung und Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung im Zu­sam­men­hang mit der ge­plan­ten Be­triebsände­rung. Die Be­ra­tungs­ge­sell­schaft mach­te An­fang Au­gust ein Kos­ten­an­ge­bot. Der Ar­beit­ge­ber lehn­te ei­ne Kos­tenüber­nah­me ab.

Mit­te Sep­tem­ber wur­de die Ei­ni­gungs­stel­le durch Ge­richts­be­schluss auf Be­trei­ben des Ar­beit­ge­bers ein­ge­rich­tet. Zwei Ta­ge da­nach be­auf­trag­te der GBR die Be­ra­tungs­ge­sell­schaft. Die­se führ­te vom 29.10. bis zum 04.11.2008 In­ter­views mit ver­schie­de­nen Gesprächs­part­nern und be­riet den GBR. Dafür stell­te sie 70.687,69 EUR brut­to in Rech­nung. Der Ar­beit­ge­ber zahl­te nicht, so dass der Be­triebs­rat vor dem Ar­beits­ge­richt München auf Kos­tenüber­nah­me klag­te, al­ler­dings oh­ne Er­folg (Ar­beits­ge­richt München, Be­schluss vom 11.11.2009, 34 BV 53/09).

LAG München: Zu spät! Berater können ohne Zustimmung nur vorher hinzugezogen werden.

Auch in der zwei­ten In­stanz hat­te der Ge­samt­be­triebs­rat kei­nen Er­folg.

Das LAG war der Auf­fas­sung, aus dem Zweck der §§ 111 Satz 2, 112 Be­trVG er­ge­be sich, dass ei­nen Be­ra­ter nach § 111 Satz 2 Be­trVG vom Be­triebs­rat nur bis zur Ein­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le hin­zu­ge­zo­gen wer­den könne. Da­nach sei die vom Ge­setz gewünsch­te schnel­le und un­abhängi­ge Be­ra­tung nicht mehr er­for­der­lich. We­gen der "in­ten­si­ven Kom­mu­ni­ka­ti­on" der Be­triebs­part­nern in der Ei­ni­gungs­stel­le sei es aus­rei­chend, dem Be­triebs­rat ei­nen Be­ra­ter auf Grund­la­ge von § 80 Abs.3 Be­trVG zur Sei­te zu stel­len, d.h. nur wenn der Ar­beit­ge­ber zu­stimmt. Die­ses Ver­fah­ren könne zwar zeit­auf­wen­dig sein und bie­te kei­ne Gewähr, dass es vor Ab­schluss der In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen tatsächlich zu ei­ner Be­ra­tung des Be­triebs­rats kommt. Häufig wer­de al­ler­dings der Ar­beit­ge­ber ei­ner Ver­ein­ba­rung über die Hin­zu­zie­hung ei­nes Sach­verständi­gen schon des­halb auf­ge­schlos­sen ge­genüber­ste­hen, weil er selbst ein In­ter­es­se an ei­nem bal­di­gen Ab­schluss der Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich ha­be.

Die­se Auf­fas­sung des LAG München ist nicht über­zeu­gend. Das Ge­setz sieht ei­ne Zeit­gren­ze schlicht nicht vor.

Zwar wur­de die Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen. So­weit er­sicht­lich wur­de sie aber nicht ein­ge­legt. Das heißt aber nicht, dass an­de­re Ar­beits­ge­rich­te der Auf­fas­sung des LAG München fol­gen, ins­bes­in­de­re weil die­see auch in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur kaum ver­tre­ten wird. Wer als Be­triebsräte den­noch "auf Num­mer si­cher ge­hen" will, soll­te ex­ter­ne Be­ra­ter bei an­ste­hen­den Be­triebsände­run­gen vor der Ein­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le be­auf­tra­gen. In dem hierfür zu fas­sen­den Be­schluss soll­te ge­nau be­nannt wer­den, wer wel­che Be­ra­tungs­leis­tun­gen zu wel­chen Prei­sen er­brin­gen soll. Ein Kos­ten­an­ge­bot mit St­un­den- oder Ta­gessätzen und ei­ner sum­menmäßigen Ober­gren­ze bie­tet hier ei­ne gu­te Ori­en­tie­rung.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 18. Januar 2014

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880