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Son­der­kün­di­gungs­schutz für Er­satz­mit­glie­der ei­nes Be­triebs­ra­tes

LAG Düs­sel­dorf ent­schei­det über bis­her un­ge­lös­te Fra­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 26.04.2010, 16 Sa 59/10
02.09.2010. Er­satz­mit­glie­der ei­nes Be­triebs­ra­tes sind an­ders als Be­triebs­rats­mit­glie­der an sich in kei­ner Wei­se pri­vi­le­giert. Erst wenn sie in den Be­triebs­rat nach­rü­cken, steht ih­nen der ge­setz­li­che Son­der­kün­di­gungs­schutz zu, der die­ses oft kon­flikt­träch­ti­ge Eh­ren­amt recht­lich ab­si­chert.

Was an sich nach ei­ner ein­fa­chen und nach­voll­zieh­ba­ren Re­ge­lung klingt, kann im Ein­zel­fall vie­le schwie­ri­ge Fra­gen auf­wer­fen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 26.04.2010, 16 Sa 59/10.

Wann und wie wird ein Ersatzmitglied zum Mitglied des Betriebsrates?

Der Be­triebs­rat ist ein Gre­mi­um, das aus Ar­beit­neh­mern be­steht, den Be­triebs­rats­mit­glie­dern, die ne­ben ih­rer "nor­ma­len" Ar­beit die In­ter­es­sen ih­rer Ar­beits­kol­le­gen wahr­neh­men müssen. Da ih­re Tätig­keit zwangsläufig zu Kon­flik­ten mit dem Ar­beit­ge­ber führt, wer­den Be­triebs­rats­mit­glie­der ge­setz­lich be­son­ders geschützt. Ne­ben ei­nem straf­be­wehr­ten Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung (§§ 78 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG in Verb. mit § 119 Be­trVG) spielt der ge­setz­li­che Son­derkündi­gungs­schutz für Be­triebs­rats­mit­glie­der da­bei die wich­tigs­te Rol­le.

Die­ser Son­derkündi­gungs­schutz sieht vor (§ 15 Abs.1 S.1 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG), dass die or­dent­li­che Kündi­gung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glie­des im All­ge­mei­nen un­zulässig ist, es sei denn, dass der ge­sam­te Be­trieb ge­schlos­sen wer­den soll oder zu­min­dest die Be­triebs­ab­tei­lung, in der das Be­triebs­rats­mit­glied ge­ar­bei­tet hat (in die­sem Fall muss aber wei­ter­hin ei­ne Um­set­zung in ei­ne an­de­re Ab­tei­lung unmöglich sein).

Da or­dent­li­che Kündi­gun­gen von Be­triebs­rats­mit­glie­dern da­her prak­tisch kaum je­mals "recht­lich dar­stell­bar" sind, muss der Ar­beit­ge­ber in der Re­gel zur außer­or­dent­li­chen ("frist­lo­sen") Kündi­gung grei­fen. Ei­ne sol­che Kündi­gung ist auch ge­genüber Be­triebs­rats­mit­glie­dern nicht aus­ge­schlos­sen, doch muss dafür ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor­lie­gen. Und darüber hin­aus muss der Be­triebs­rat als Gre­mi­um der ge­plan­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ei­nes sei­ner Mit­glie­der gemäß § 103 Be­trVG aus­drück­lich zu­stim­men. Die­ser be­son­de­re Kündi­gungs­schutz zu­guns­ten von Be­triebs­rats­mit­glie­dern wirkt ab dem En­de der Amts­zeit ein Jahr lang nach und er­schwert während die­ser "Abkühlungs­pha­se" eben­falls ei­ne frist­lo­se Kündi­gung.

Ist ein Be­triebs­rats­mit­glied zeit­wei­lig oder dau­er­haft ver­hin­dert, dann tritt ein Er­satz­mit­glied an sei­ne Stel­le. Sein Na­me wird aus den nicht­gewähl­ten Ar­beit­neh­mern der­je­ni­gen Vor­schlags­lis­ten ent­nom­men, de­nen das be­trof­fe­ne or­dent­li­che Mit­glied an­gehört (§ 25 Be­trVG). Das Er­satz­mit­glied wird dann während der Dau­er der Ver­hin­de­rung des Mit­glieds - eben­falls - zum Be­triebs­rats­mit­glied und hat dem­zu­fol­ge den Son­derkündi­gungs­schutz von Be­triebs­rats­mit­glie­dern.

Auf den ers­ten Blick scheint das ei­ne kla­re ge­setz­li­che Re­ge­lung zu sein. Aber wann ge­nau ist ein re­guläres Be­triebs­rats­mit­glied "zeit­wei­lig ver­hin­dert"? Sind gewähr­ter Ur­laub oder die Frei­stel­lung nach Kündi­gung Fälle ei­ner sol­chen Ver­hin­de­rung? Und wann ge­nau und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen tritt das Er­satz­mit­glied an die Stel­le des ver­hin­der­ten Mit­glieds in den Be­triebs­rat ein? Von der Ant­wort auf sol­che un­schein­ba­ren De­tail­fra­gen hängt oft die Ent­schei­dung darüber ab, ob ei­ne Kündi­gung wirk­sam ist oder nicht. Das zeigt ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes (LAG) Düssel­dorf (Ur­teil vom 26.04.2010, 16 Sa 59/10).

Der Fall: Ersatzmitglied erhält Kündigung, während er ein Betriebsratsmitglied vertreten soll

Der Kläger ist Klein­in­stand­hal­ter und 1.Er­satz­be­triebs­rats­mit­glied bei dem be­klag­ten Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­men, das ihm Spe­sen­be­trug vor­warf. An­fang April 2009 wur­de der Be­triebs­rat des­halb zu sei­ner frist­lo­sen Kündi­gung an­gehört. Am 14.04.2009 be­riet die­ser über die Zu­stim­mung. Al­le or­dent­li­chen Mit­glie­der nah­men an die­ser Sit­zung teil. Es wur­de be­schlos­sen, die Zu­stim­mung zur frist­lo­sen Kündi­gung des Klägers nicht zu er­tei­len.

Am glei­chen Tag be­an­trag­te und er­hielt ei­nes der or­dent­li­chen Be­triebs­rats­mit­glie­der Ur­laub für den 15.04.2009.

Bei dem Be­klag­ten war am 15.04.2009 wie je­den Tag ei­ne Ker­nar­beits­zeit von 09:00 Uhr bis 15:00 Uhr an­ge­ord­net. Ab 06:00 Uhr konn­ten be­reits Ar­beits­zei­ten er­fasst wer­den. Der Kläger wur­de an die­sem Tag nicht zu Be­triebs­ratstätig­keit her­an­ge­zo­gen und nahm da­her re­gulär sei­ne Ar­beit auf. Ge­gen 08:00 Uhr wur­de von dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kündi­gung und so­for­ti­ge Frei­stel­lung los­ge­schickt, die den Kläger ge­gen 10:00 er­reich­te. Zwi­schen 10:55 Uhr und 13:00 Uhr rief die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de das be­ur­laub­te Be­triebs­rats­mit­glied an und bat um Teil­nah­me an ei­nem Be­spre­chungs­ter­min um 16:00 Uhr. Um 13:30 Uhr gab es ei­ne Sit­zung anläss­lich der außer­or­dent­li­chen Kündung des Klägers. Er nahm an ihr nicht Teil, weil er als be­trof­fe­ner Ar­beit­neh­mer aus­ge­schlos­sen war.

Der Kläger er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und be­rief sich auf den Son­derkündi­gungs­schutz für Be­triebs­rats­mit­glie­der. Das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal gab sei­ner Kla­ge statt (Ur­teil vom 24.11.2009, 7 Ca 1658/09). Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber leg­te Be­ru­fung beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ein.

LAG Düsseldorf: Das Ersatzmitglied hat Sonderkündigungsschutz

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ent­schied wie sei­ne Vor­in­stanz. Die Kündi­gung sei un­wirk­sam, weil der Kläger zum Zeit­punkt der Kündi­gung als Be­triebs­rats­mit­glied Son­derkündi­gungs­schutz ge­habt ha­be.

Im Aus­gangs­punkt teilt es die Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), dass die Gewährung von Er­ho­lungs­ur­laub ei­nen Fall der zeit­wei­li­gen Ver­hin­de­rung sei. Ei­ne Ver­hin­de­rung lie­ge, so meint das Ge­richt, erst dann nicht mehr vor, wenn das be­ur­laub­te Be­triebs­rats­mit­glied dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den vor dem Tag des Er­ho­lungs­ur­laubs Be­scheid ge­ge­ben hat, dass es trotz Ur­laub sein Amt ausüben möch­te.

Mit dem Son­derkündi­gungs­schutz soll ein stets ein­satz­be­rei­ter, vollzähli­ger Be­triebs­rat si­cher­ge­stellt wer­den. Des­halb ging das LAG da­von aus, dass es auf die Dau­er der Ver­hin­de­rung des or­dent­li­chen Mit­glie­des nicht an­kommt und das Er­satz­mit­glied im Ur­laubs­fall oh­ne Wei­te­res zu Be­ginn des Ar­beits­ta­ges nachrückt. Aus dem glei­chen Grund ist da­bei der Be­ginn der Ar­beits­zeit der frühest mögli­che Zeit­punkt, zu dem ge­ar­bei­tet wer­den darf. Das war hier 06:00 Uhr mor­gens.

An­ders als das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Ur­teil vom 25.11.2005, 10 Sa 922/05) mein­te das LAG Düssel­dorf, die Frei­stel­lung des Klägers durch den be­klag­ten Ar­beit­ge­ber führe nicht zu des­sen zeit­wei­li­ger Ver­hin­de­rung. An­ders als Ur­laub, der so­wohl die Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung und zur Wahr­neh­mung der Be­triebs­rats­auf­ga­ben zeit­wei­lig auf­he­be, be­tref­fe die ein­sei­ti­ge Frei­stel­lung nur die Ar­beits­leis­tung.

Zu­dem mein­te das Ge­richt, der Son­derkündi­gungs­schutz nach § 15 Abs.1 Satz 1 KSchG schütze das Be­triebs­rats­amt un­abhängig von der kon­kre­ten Amtstätig­keit. Es sei des­halb nicht er­for­der­lich sei, dass das Er­satz­be­triebs­rats­mit­glied zu kon­kre­ter Be­triebs­ratstätig­keit her­an­ge­zo­gen wird.

Fa­zit: Die Fra­ge, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen bei er­ho­lungs­be­ding­ter Ab­we­sen­heit ei­nes Be­triebs­rats­mit­glie­des für ein nachrücken­des Er­satz­mit­glied Kündi­gungs­schutz nach § 15 Abs.1 Satz 1 KSchG ein­tritt, ist nach wie vor nicht höchst­rich­ter­lich ent­schie­den und zwi­schen den Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten um­strit­ten. Ei­ni­ge da­mit ver­bun­de­nen Rechts­fra­gen könn­ten bald durch das BAG be­ant­wor­tet wer­den, denn zwi­schen­zeit­lich wur­de die vom LAG zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on beim BAG un­ter dem Ak­ten­zei­chen 2 AZR 388/10 ein­ge­legt.

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