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Be­nach­tei­lung von Be­triebs­rä­ten durch Pro­zess­kos­ten?

Ar­beits­ge­richt­li­che Be­son­der­hei­ten er­schwe­ren Be­triebs­rats­mit­glie­dern den Er­satz von An­walts­kos­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 20.01.2010, 7 ABR 68/08
03.08.2010. En­ga­gier­te Be­triebs­rä­te wer­den im­mer wie­der mit Ar­beit­ge­bern kon­fron­tiert, die mit teil­wei­se recht ra­bia­ten Me­tho­den ver­su­chen, die Tä­tig­keit der Be­triebs­rats­mit­glie­der zu er­schwe­ren. Ähn­lich wie in Mob­bing­fäl­len kann es da­bei zu un­ter­blie­be­nen Lohn­zah­lun­gen, Un­ter­las­sungs­ver­lan­gen, Ab­mah­nun­gen und Kün­di­gun­gen kom­men. Je nach Sach­la­ge kann hier­ge­gen er­folg­reich ge­richt­lich vor­ge­gan­gen wer­den.

Der Rechts­weg ist je­doch lang, schwer und vor al­len Din­gen: Teu­er. Auf Grund ge­wis­ser ar­beits­recht­li­cher Be­son­der­hei­ten kos­tet er nicht nur Ner­ven son­dern auch ba­res Geld, und zwar un­ab­hän­gig da­von, ob das Be­trie­brats­mit­glied ge­winnt oder ver­liert. So man­cher Ar­beit­ge­ber ist sich des­sen be­wusst und tes­tet da­her die Be­las­tungs­gren­zen der Mit­glie­der. Ei­ne An­fang 2010 er­gan­ge­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes (BAG) ist da­bei nicht ge­eig­net, dem Trei­ben Ein­halt zu ge­bie­ten: BAG, Be­schluss vom 20.01.2010, 7 ABR 68/08.

§ 12a ArbGG - Benachteiligung von Betriebsräten leicht gemacht?

Nach § 78 Satz 2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - (Be­trVG) dürfen Mit­glie­der des Be­triebs­ra­tes we­gen ih­rer Tätig­keit nicht be­nach­tei­ligt oder begüns­tigt wer­den. Die Re­ge­lung dient der Un­abhängig­keit der Be­triebs­rats­mit­glie­der. Je­des Be­triebs­rats­mit­glied soll oh­ne Furcht vor Maßre­ge­lun­gen des Ar­beit­ge­bers sein Amt ausüben können. Ver­ein­ba­run­gen, die ge­gen § 78 Satz 2 Be­trVG ver­s­toßen, sind nach § 134 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) als Ver­s­toß ge­gen ein ge­setz­li­ches Ver­bot zu be­wer­ten und da­her nich­tig.

Ge­gen die­se ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen, je­den­falls ge­gen ih­ren Geist, wird in der be­trieb­li­chen Pra­xis manch­mal mas­siv ver­s­toßen. So gibt es im­mer wie­der Fälle, in de­nen Be­triebsräte durch un­be­rech­tig­te Lohnkürzun­gen und Ab­mah­nun­gen re­gel­recht zermürbt wer­den sol­len. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on des "Be­triebs­rats­mob­bings" wird ein Be­triebs­rats­mit­glied zwar re­gelmäßig we­nig Pro­ble­me da­mit ha­ben, vor dem Ar­beits­ge­richt sei­ne Ansprüche (al­so bei­spiels­wei­se den vor­ent­hal­te­nen Lohn oder die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung) durch­zu­set­zen. Der Pfer­de­fuß ist aber ei­ne Be­son­der­heit des ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens:

Denn gemäß § 12a Abs.1 Satz 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) muss im Ur­teils­ver­fah­ren vor Ar­beits­ge­rich­ten in der ers­ten In­stanz je­de Par­tei ih­ren Rechts­an­walt selbst be­zah­len.Auch wenn der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer in vol­lem Um­fang ei­nen Pro­zess vor ei­nem Ar­beits­ge­richt ge­winnt, kann er die Kos­ten für sei­nen An­walt nicht auf den un­ter­le­ge­nen Ar­beit­ge­ber überwälten. Ei­gent­lich soll die­se Re­ge­lung den Ar­beit­neh­mer vor unnöti­gen Kos­ten schützen. Aber sie gilt auch zu­guns­ten von Ar­beit­ge­bern.

Auf die­se Wei­se können böswil­li­ge Ar­beit­ge­ber ei­nem un­lieb­sa­men Be­triebs­rats­mit­glied des­halb nicht nur psy­cho­lo­gi­sche, son­dern ggf. auch spürba­re fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me be­rei­ten. Und § 12a ArbGG wird von den Ge­rich­ten, ins­be­son­de­re vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG), sehr ernst ge­nom­men. Auch Scha­dens­er­satz­ansprüche auf Frei­stel­lung von den Rechts­an­walts­kos­ten wer­den die­ser Recht­spre­chung zu­fol­ge durch § 12a ArbGG aus­ge­schlos­sen sind. Al­len­falls bei in Fällen ei­ner - schwer nach­weis­ba­ren - "vorsätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schädi­gung" des Ar­beit­neh­mers könn­te ei­ne auf Er­satz von Rechts­an­walts­kos­ten ge­rich­te­te Kos­ten­er­stat­tungs­kla­ge Er­folg ha­ben, doch ist auch das nicht ab­sch­ließend geklärt.

Noch ungüns­ti­ger ist die Rechts­la­ge für ein Be­triebs­rats­mit­glied, das ge­gen un­be­rech­ti­ge Lohnkürzun­gen ge­richt­lich vor­ge­hen muss, wenn es das ar­beits­ge­richt­li­che Ver­fah­ren durch ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich be­en­det. Denn prak­tisch al­le Ver­glei­che ent­hal­ten ent­we­der gar kei­ne Kos­ten­tra­gungs­re­ge­lung (so dass § 12a ArbGG) gilt oder aber ei­ne Kos­ten­tra­gungs­re­ge­lung, die § 12a ArbGG aus­drück­lich ent­spricht. Ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­run­gen sind prak­tisch nicht durch­setz­bar.

Da­mit stellt sich die Fra­ge, ob sol­che Ver­glei­che zwi­schen Be­triebs­rats­mit­glied und Ar­beit­ge­ber nicht ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ver­s­toßen und des­halb un­wirk­sam sind. Das BAG hat­te An­fang die­sen Jah­res die Ge­le­gen­heit, ei­ne Ant­wort zu ge­ben (Ur­teil vom 20.01.2010, 7 ABR 68/08).

Der Fall: Betriebsratsmitglied schließt nach im Streit um Abmahnungen und Lohn einen Vergleich in Anlehnung an § 12a ArbGG

Ein Be­triebs­rats­mit­glied ver­lang­te im Ur­teils­ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt vom Ar­beit­ge­ber Ar­beits­vergütung für vier Ar­beits­ta­ge im Ju­ni und Ju­li 2006 so­wie die Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung vom 11.07.2006. In der Ab­mah­nung hat­te der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rats­mit­glied vor­ge­wor­fen, sei­ne Ar­beit an die­sem Tag nicht auf­ge­nom­men, son­dern oh­ne Ab­mel­dung nicht er­for­der­li­che Be­triebs­rats­auf­ga­ben er­le­digt zu ha­ben. Das Be­triebs­rats­mit­glied mach­te in dem Rechts­streit gel­tend, an den strei­ti­gen Ta­gen ent­we­der nach vor­he­ri­ger Ab­mel­dung er­for­der­li­che Be­triebs­ratstätig­keit wahr­ge­nom­men oder aber ge­ar­bei­tet zu ha­ben. Dem hielt der Ar­beit­ge­ber, of­fen­bar in Kennt­nis der Rechts­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens, nichts ent­ge­gen.

Die Par­tei­en be­en­de­ten den Rechts­streit mit ei­nem Ver­gleich, in dem sich der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­te­te, al­le Kla­ge­for­de­run­gen mit Aus­nah­me der Zin­sen zu erfüllen. Außer­dem ent­hielt der Ver­gleich die Re­ge­lung, dass je­de Par­tei ih­re An­walts­kos­ten selbst tra­gen soll­te. Sie be­tru­gen auf Sei­ten des Be­triebs­rats­mit­glieds 676,86 EUR.

In ei­nem Fol­ge­pro­zess, der in Form ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens geführt wur­de, ver­lang­te das Be­triebs­rats­mit­glied Frei­stel­lung von den An­walts­kos­ten. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies den An­trag zwar zurück (Be­schluss vom 07.08.2007, 4 BV 47/07), doch gab das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ihm in ei­ner ausführ­lich und gut be­gründe­ten Ent­schei­dung statt (Be­schluss vom 10.04.2008, 9 TaBV 236/07).

We­sent­lich für das LAG war die Über­le­gung, dass die An­walts­kos­ten­be­las­tung letzt­lich dem Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung von Be­triebs­rats­mit­glie­dern we­gen ih­rer Tätig­keit (§ 78 Satz 2 Be­trVG) zu­wi­der lau­fen würde.

BAG: Eine Benachteiligung liegt nicht vor

Das BAG ent­schied an­ders als die Vor­in­stanz zu Guns­ten des Ar­beit­ge­bers.

Mit knap­pen Wor­ten be­gründet das Ge­richt sein Ur­teil mit der über­ra­schen­den Er­kennt­nis, dass ei­ne Be­nach­tei­li­gung des Be­triebs­rats­mit­glie­des gar nicht vor­liegt, weil er wie je­der an­de­re Ar­beit­neh­mer das Recht nut­zen kann, Ver­glei­che ab­zu­sch­ließen. Aus § 78 Satz 2 Be­trVG er­ge­be sich nur, dass ein Be­triebs­rats­mit­glied we­gen sei­ner Amts­stel­lung nicht mit Kos­ten be­las­tet wer­den darf, die ein sons­ti­ger Ar­beit­neh­mer in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on eben­falls nicht hätte. Aus dem Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot er­ge­be sich je­doch nicht, dass jed­we­der im Zu­sam­men­hang mit der Be­triebs­ratstätig­keit ent­ste­hen­de "Nach­teil" aus­zu­glei­chen ist.

Ir­ri­tie­rend weit von der tägli­chen Pra­xis ent­fernt ist die Auf­fas­sung des BAG, bei Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen wer­de zwar "übli­cher­wei­se" an die Re­ge­lung in § 12a ArbGG ge­dacht, es ste­he aber den Par­tei­en frei, im Ver­gleich ei­ne an­de­re Ver­ein­ba­rung zu tref­fen. Da für den Ar­beit­ge­ber ei­ne Über­nah­me der Rechts­an­walts­kos­ten letzt­lich oft wirt­schaft­lich un­in­ter­es­san­ter ist als ei­ne Ver­ur­tei­lung, wird sich ei­ne sol­che Übe­r­ein­kunft frei­lich re­gelmäßig nicht er­zie­len las­sen. Auf die­se na­he­lie­gen­de Über­le­gung geht das Ge­richt al­ler­dings nicht näher ein.

Fa­zit: Die­se Ent­schei­dung schwächt die Po­si­ti­on von Be­triebs­rats­mit­glie­dern, die sich im ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils­ver­fah­ren ge­gen un­be­rech­tig­te Lohnkürzun­gen oder auch ge­gen ei­ne un­be­rech­tig­te, ih­ren Son­derkündi­gungs­schutz miss­ach­ten­de Kündi­gung zu Wehr set­zen müssen. Von sol­chen Maßnah­men be­trof­fe­ne Be­triebsräte soll­ten nicht klein bei­ge­ben, son­dern not­falls al­le be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Mit­tel ausschöpfen. Ins­be­son­de­re ein Be­schluss­ver­fah­ren gemäß § 23 Abs.3 Be­trVG we­gen gro­ber Miss­ach­tung der Rech­te des Be­triebs­rats oder ei­ne Straf­an­zei­ge we­gen Be­hin­de­rung der Be­triebs­ratstätig­keit gemäß § 119 Abs.1 Nr.2 Be­trVG sind recht­li­che und kos­ten­neu­tra­le Möglich­kei­ten, auf ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge An­grif­fe zu re­agie­ren, wenn die­se "un­ter der Gürtel­li­nie" lie­gen.

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Letzte Überarbeitung: 13. Juli 2016

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