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Be­triebs­über­gang auch bei schwie­ri­ge­ren Ar­beits­auf­ga­ben

Die ar­beit­neh­mer­sei­ti­ge Pflicht zur Über­nah­me kom­ple­xe­rer Auf­ga­ben steht ei­nem Be­triebs­über­gang nicht ent­ge­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.06.2009, 8 AZR 258/08

07.08.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te zu ent­schei­den, ob ein Be­triebs­über­gang auch dann vor­liegt, wenn durch die Über­nah­me ei­nes we­sent­li­chen Teils der Be­leg­schaft, die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge ih­res Wis­sens und Kön­nens wei­ter ge­schult wer­den müs­sen, um die schwie­ri­ge­ren und kom­ple­xe­ren neu­en Auf­ga­ben bei dem Be­triebs­über­neh­mer er­brin­gen zu kön­nen.

Es war vor al­lem auch zu prü­fen, ob es ei­nem Be­triebs­teil­über­gang ent­ge­gen­steht, wenn die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer beim Er­wer­ber zu­sätz­lich zu ih­ren bis­he­ri­gen auch an­de­re bzw. neue Auf­ga­ben ver­rich­ten und die über­nom­men Teams ih­re bis­he­ri­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ei­gen­stän­dig­keit ver­lie­ren bzw. in an­de­ren Struk­tu­ren ein­ge­bun­den wer­den: BAG, Ur­teil vom 25.06.2009, 8 AZR 258/08.

Betriebsübergang unter Wahrung seiner "wirtschaftlichen Identität" auch bei neuen Aufgaben?

Geht ein Be­trieb oder Be­triebs­teil durch Rechts­geschäft auf ei­nen an­de­ren In­ha­ber über, so tritt die­ser gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein. Das Ar­beits­verhält­nis wird auf die­se Wei­se kraft Ge­set­zes auf den Be­triebs­er­wer­ber über­ge­lei­tet und in sei­nem Be­stand geschützt.

Vor­aus­set­zung für die­sen Schutz ist das Vor­lie­gen ei­nes Be­triebsüber­gangs oder ei­nes Be­triebs­teilüber­gangs. Ob ein sol­cher vor­liegt oder nicht, ist al­lein auf der Grund­la­ge des Ge­set­zes zu be­ur­tei­len und in Fällen, in de­nen das Nach­fol­ge-Un­ter­neh­men an der au­to­ma­ti­schen Über­nah­me der al­ten Be­leg­schaft kein In­ter­es­se hat, oft hef­tig um­strit­ten.

Die Recht­spre­chung ver­langt für ei­nen Be­triebsüber­gang ei­ne über­g­angsfähi­ge „wirt­schaft­li­che Ein­heit“, d.h. ei­ne or­ga­ni­sier­te Ge­samt­heit von Per­so­nen oder von Sa­chen, de­ren Zweck in der auf Dau­er an­ge­leg­ten Ausübung ei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit mit ei­ge­ner Ziel­set­zung be­steht. Da­mit kommt es auf al­le As­pek­te ei­nes vor­han­de­nen Be­triebs an, d.h. auf die Be­zie­hun­gen zu Kun­den, auf die sach­li­chen Be­triebs­mit­tel (Ma­schi­nen, Gebäude), auf die Be­leg­schaft, auf das be­trieb­li­che Wis­sen („Know How“) so­wie auf die Außen­dar­stel­lung. Al­le die­se Teil­as­pek­te ei­nes vor­han­de­nen Be­triebs müssen un­ter Wah­rung sei­ner „Iden­tität“ über­nom­men wer­den.

Da bei Dienst­leis­tungs­be­trie­ben (Gebäuderei­ni­gung, Be­wa­chung) sach­li­che Be­triebs­mit­tel kaum vor­han­den sind, kommt es hier auf die Über­nah­me der Haupt­be­leg­schaft an, d.h. ei­nes nach Zahl und Sach­kun­de we­sent­li­chen Teils der Be­leg­schaft. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind oft schwer nach­zu­wei­sen, da die Über­nah­me von et­wa 70 % bis 80 % der al­ten Be­leg­schaft meist als zah­lenmäßige Un­ter­gren­ze an­ge­se­hen wird und außer­dem die be­triebs­prägen­de „Sach­kun­de“ der über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer zu be­le­gen ist.

Frag­lich ist, ob be­reits ein Auf­ga­ben­zu­wachs beim Er­wer­ber, der den über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mern ne­ben ih­ren fort­geführ­ten bis­he­ri­gen Auf­ga­ben neue Ar­bei­ten ab­ver­langt, da­ge­gen spricht, dass ein nach Sach­kun­de we­sent­li­cher Teil der Be­leg­schaft über­nom­men wird. Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das BAG mit Ur­teil vom 25.06.2009 (8 AZR 258/08) zu ent­schei­den.

Der Fall: Neugründung und Aufgabenerweiterung eines Callcenterunternehmens

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war seit lan­gem bei ei­nem zu ei­nem Großkon­zern gehören­den Call­cen­ter tätig, das für ver­schie­de­ne zum Kon­zern gehören­de Un­ter­neh­men Kun­den­an­fra­gen und –be­schwer­den ent­ge­gen­nahm und klärte. In die­sem Call­cen­ter wur­den in ers­ter Li­nie eher ein­fa­che An­fra­gen bzw. An­ru­fe di­rekt geklärt („first le­vel sup­port“), während eher schwie­ri­ge an die dafür zuständi­gen An­sprech­part­ner der Kon­zern­un­ter­neh­men wei­ter­ge­lei­tet wur­den („se­cond le­vel sup­port“).

Die Kon­zern­lei­tung be­schloss bis Mit­te 2006, die­se Auf­ga­ben­tei­lung zwi­schen zwei Schwie­rig­keits­stu­fen der Kun­den­be­treu­ung und -be­ra­tung auf­zu­he­ben und künf­tig so­wohl den „first le­vel sup­port“ als auch den „se­cond le­vel sup­port“ von ei­nem für al­le Kon­zern­un­ter­neh­men zuständi­gen, größeren Call­cen­ter ab­wi­ckeln zu las­sen. Zu die­sem Zweck wur­de be­schlos­sen, den Be­trieb des ursprüng­li­chen Call­cen­ter­un­ter­neh­mens zum 31.03.2007 ein­zu­stel­len und ein neu­es Call­cen­ter­un­ter­neh­men mit er­wei­ter­ten Auf­ga­ben und Per­so­nal­be­stand zu gründen. Die­ses Un­ter­neh­men wur­de En­de Au­gust 2006 ge­gründet und über­nahm in meh­re­ren Wel­len ei­nen er­heb­li­chen Teil der beim al­ten Call­cen­ter beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer.

Kon­kret über­nahm das neue Call­cen­ter von den beim al­ten Call­cen­ter beschäftig­ten et­wa 426 Ar­beit­neh­mern, so­weit die­se Zah­len­verhält­nis­se aus dem der­zeit veröffent­lich­ten Sach­ver­halt deut­lich wer­den, et­wa 300 und da­mit über 70 Pro­zent, und zwar auf Ba­sis neu­er Ar­beits­verträge mit ver­schlech­ter­ten Be­din­gun­gen. Von den 256 un­be­fris­tet beschäftig­ten Mit­ar­bei­tern nah­men nur 161 das An­ge­bot ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung bei dem neu­en Call­cen­ter an, während die et­wa 170 be­fris­tet beschäftig­ten Mit­ar­bei­ter des al­ten Call­cen­ters zwar kein of­fi­zi­el­les Über­nah­me­an­ge­bot er­hiel­ten, aber letzt­lich zu ei­nem Großteil zum neu­en Ar­beit­ge­ber wech­sel­ten.

Da die Kläge­rin als ei­ne der al­ten Fest­an­ge­stell­ten das Ver­trags­an­ge­bot des neu­en Call­cen­ters nicht an­nahm, kündig­te ihr das al­te Call­cen­ter En­de Sep­tem­ber 2006 zum 31.03.2007 we­gen (an­geb­li­cher) Be­triebs­stil­le­gung. We­gen der Kündi­gung er­hob sie ge­gen den al­ten Ar­beit­ge­ber vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ver­klag­te zu­gleich auch des­sen Nach­fol­ger mit dem Ziel, die Über­lei­tung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses auf die­sen we­gen Be­triebsüber­gangs fest­zu­stel­len.

Während sie vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin Er­folg hat­te (Ur­teil vom 25.04.2007, 30 Ca 19158/06), un­ter­lag sie in der zwei­ten In­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg (Ur­teil vom 12.02.2008, 12 Sa 1719/07).

Das LAG hielt die Kündi­gung we­gen an­geb­li­cher Stil­le­gung des al­ten Call­cen­ters für wirk­sam und ver­nein­te ei­nen Be­triebsüber­gang. Da­bei stütz­te es sich im we­sent­li­chen auf die Über­le­gung, dass das neue Call­cen­ter kei­nen we­sent­li­chen Teil der Be­leg­schaft über­nom­men ha­be. Zwar sei ei­ne aus­rei­chend große Zahl von Ar­beit­neh­mern über­nom­men wor­den, doch sei die­ser Be­leg­schafts­teil nicht zu­gleich auch hin­sicht­lich sei­ner Sach­kun­de als we­sent­lich an­zu­se­hen.

Denn die über­nom­me­nen Kräfte könn­ten, so das LAG, oh­ne vor­he­ri­ge Schu­lung die neu­en Auf­ga­ben des „se­cond le­vel sup­port“ nicht bewälti­gen. Je­den­falls sei kein „iden­titäts­wah­ren­der“ Über­gang ge­ge­ben, da sich auf­grund des Auf­ga­ben­zu­wach­ses die Iden­tität der Auf­ga­ben verändert ha­be.

BAG: Betriebsübergang bei der Übernahme eines Callcenters mit Aufgabenerweiterung

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hob die Ent­schei­dung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg auf und gab der Kla­ge statt. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG heißt es hier­zu:

Die Wertschöpfung beim al­ten Call­cen­ter be­ruh­te we­sent­lich auf der Tätig­keit der Ar­beit­neh­mer und nicht auf dem Ein­satz sach­li­cher Be­triebs­mit­tel, d.h. das al­te Call­cen­ter war ein be­triebs­mit­tel­ar­mer Be­trieb. Auf die mögli­cher­wei­se über­nom­me­nen Be­triebs­mit­tel (vor al­lem der Te­le­fon­an­la­ge) kam es da­her für das BAG eben­so­we­nig wie für das LAG an, son­dern viel­mehr dar­auf, ob der Be­trei­ber des neu­en Call­cen­ters ei­nen nach Zahl und Sach­kun­de we­sent­li­chen Teil des bis­he­ri­gen Per­so­nals über­nom­men hat­te.

Die­se Fra­ge be­ant­wor­te­te das BAG an­ders als das LAG mit „ja“. Die für ei­nen Be­triebsüber­gang er­for­der­li­che Sach­kun­de der über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer liegt, so das BAG, auch dann vor, wenn die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge ih­res be­reits vor­han­de­nen Wis­sens und Könnens wei­ter ge­schult wer­den müssen, um die schwie­ri­ge­ren und kom­ple­xe­ren neu­en Auf­ga­ben bei dem Be­triebsüber­neh­mer er­brin­gen zu können.

Fa­zit: Seit dem Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 12.02.2009 (Rs. C-466/07 - Kla­ren­berg gg. Fer­ro­tron) ist ein von den bis­he­ri­gen be­trieb­li­chen Abläufen ab­wei­chen­des „Er­wer­ber­kon­zept“ kein ent­schei­den­des Ar­gu­ment mehr ge­gen das Vor­lie­gen ei­nes Be­triebsüber­gangs. (Wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/034).

In die­sem Ur­teil hat­te der EuGH klar­ge­stellt, dass es ei­nem Be­triebs­teilüber­gang nicht ent­ge­gen­steht, wenn die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer beim Er­wer­ber zusätz­lich zu ih­ren bis­he­ri­gen auch an­de­re bzw. neue Auf­ga­ben ver­rich­ten und die über­nom­men Teams ih­re bis­he­ri­ge or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ei­genständig­keit ver­lie­ren bzw. in an­de­ren Struk­tu­ren ein­ge­bun­den wer­den.

Mögli­cher­wei­se zieht das vor­lie­gen­de Ur­teil des BAG die Kon­se­quen­zen aus dem Kla­ren­berg-Ur­teil des EuGH, ob­wohl die­ses ei­nen Be­triebs­teilüber­gang be­traf und nicht - wie der vor­lie­gen­de Fall des BAG - den Über­gang ei­nes gan­zen Be­triebs.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 4. August 2016

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