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Vie­le Ar­beit­neh­mer weh­ren sich ge­gen ih­re Kün­di­gung nicht

Nur 12 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer kla­gen ge­gen ih­re Kün­di­gung, nur 16 Pro­zent er­hal­ten ei­ne Ab­fin­dung: Stu­die der TNS In­fra­test So­zi­al­for­schung im Auf­trag des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts in der Hans-Böck­ler Stif­tung

09.03.2009. Ei­ne ak­tu­el­le, im Auf­trag der Hans-Böck­ler Stif­tung durch­ge­führ­te em­pi­ri­sche Un­ter­su­chung aus dem Jah­re 2008 be­stä­tigt, dass sich die meis­ten Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne Kün­di­gung des Ar­beit­ge­bers nicht ge­richt­lich zur Wehr set­zen.

Nur 12 Pro­zent der von ih­rem Ar­beit­ge­ber ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mer er­he­ben ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, und nur 16 Pro­zent er­hal­ten nach ei­ner Kün­di­gung ei­ne Ab­fin­dung.

Der ge­setz­li­che Kün­di­gungs­schutz ist da­her kaum als ein Hin­der­nis für Ent­las­sun­gen an­zu­se­hen, ge­schwei­ge denn dass er ein Hin­de­rungs­grund für Ar­beit­ge­ber ist, Ein­stel­lun­gen vor­zu­neh­men: 

Wenn der Ar­beit­ge­ber kün­digt: Nur je­der ach­te klagt: Pres­se­mit­tei­lung der Hans-Böck­ler-Stif­tung vom 10.02.2009.

Bei Erhalt einer Kündigung stellt sich die Frage: klagen oder nicht klagen?

Erklärt ein Ar­beit­ge­ber sei­nem Ar­beit­neh­mer die außer­or­dent­li­che Kündi­gung, muss er hierfür gemäß § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ei­nen wich­ti­gen Grund ha­ben.

Bei ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung hin­ge­gen muss der Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen nur die Ein­hal­tung der in § 622 BGB ge­nann­ten Fris­ten, d.h. der or­dent­li­chen Kündi­gungs­fris­ten be­ach­ten.

Dies ist je­doch an­ders, wenn das Ar­beits­verhält­nis dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) un­terfällt und da­her all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schutz ge­nießt. Dies ist gemäß § 1 KSchG der Fall, wenn das Ar­beits­verhält­nis zum Kündi­gungs­zeit­punkt länger als sechs Mo­na­te be­steht und in dem Be­trieb mehr als zehn Ar­beit­neh­mer beschäftigt sind. Dann braucht der Ar­beit­ge­ber für ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung ei­nen ge­setz­lich an­er­kann­ten Grund, da­mit die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt und da­mit wirk­sam ist.

Die Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung muss der Ar­beit­neh­mer je­doch in­ner­halb von drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung vor Ge­richt gel­tend ma­chen (§ 4 KSchG). Tut er dies nicht, gilt die Kündi­gung als wirk­sam, selbst wenn der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ei­gent­lich zu Un­recht gekündigt hat. Das Un­ter­las­sen ei­ner frist­ge­rech­ten Kündi­gungs­schutz­kla­ge führt da­her zur Wirk­sam­keit der Kündi­gung (auch dann, wenn die­se "ei­gent­lich" un­wirk­sam ist).

Vor die­sem Hin­ter­grund kla­gen Ar­beit­neh­mer nach Er­halt ei­ner Kündi­gung viel­fach vor dem Ar­beits­ge­richt, zunächst ein­fach nur des­halb, um sich ei­ne güns­ti­ge Ver­hand­lungs­po­si­ti­on in be­zug auf ei­ne mögli­cher­wei­se be­wil­lig­te Ab­fin­dung zu er­hal­ten. Die Fra­ge, wie häufig tatsächlich ge­klagt wird, ist aber al­les an­de­re als of­fen­kun­dig. Ins­be­son­de­re der Geschäfts­an­fall bei den Ar­beits­ge­rich­ten gibt hierüber nicht oh­ne wei­te­res Auf­schluss, da sie nichts über das Verhält­nis von kla­gen­den zu nicht kla­gen­den Ar­beit­neh­mer aus­sagt.

Mit den o.g. Fra­gen be­fasst sich ei­ne ak­tu­el­le Stu­die, die 2008 im Auf­trag der Hans-Böck­ler-Stif­tung durch­geführt wur­de.

Stuie: Nur 12 Prozent der Arbeitnehmer klagen gegen ihre Kündigung, nur 16 Prozent erhalten eine Abfindung

Nach ei­ner Stu­die der TNS In­fra­test So­zi­al­for­schung im Auf­trag des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) in der Hans-Böck­ler-Stif­tung aus dem Frühjahr 2008 ge­hen nur 12 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer ge­gen ei­ne Kündi­gung ge­richt­lich vor. Die große Mehr­heit al­ler Kündi­gun­gen wird al­so durch Ver­strei­chen­las­sen der Kla­ge­frist au­to­ma­tisch wirk­sam.

Zu die­sem Er­geb­nis passt, dass nur 16 Pro­zent der gekündig­ten Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung er­hal­ten. Denn vie­le Ab­fin­dung wer­den erst im We­ge ei­nes ge­richt­li­chen Ver­gleichs zu­ge­spro­chen, da so­wohl Ar­beit­neh­mer als auch Ar­beit­ge­ber das (Kos­ten-)ri­si­ko ei­ner ver­lo­re­nen Kla­ge ver­mei­den wol­len.

So er­hiel­ten auch in der Grup­pe der Ar­beit­neh­mer, die ge­klagt hat­ten, 57 Pro­zent ei­ne Ab­fin­dung - ge­genüber ma­ge­ren sie­ben Pro­zent der nicht kla­gen­den Ar­beit­neh­mer (un­ter der Vor­aus­set­zung, dass für sie kein So­zi­al­plan be­stand).

Die An­zahl der kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ist da­bei ge­genüber ei­ner Un­ter­su­chung aus dem Jahr 2001 um ein Pro­zent ge­sun­ken. Die Re­form des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes im Jahr 2004, nach der Be­trie­be erst ab mehr als 10 statt wie zu­vor mehr als fünf Ar­beit­neh­mern un­ter das Kündi­gungs­schutz­ge­setz fal­len soll­ten, hat al­so auf die Kla­ge­ver­fah­ren kei­ne Aus­wir­kun­gen ge­habt.

Ei­ne Be­fra­gung durch die Uni­ver­sität Ham­burg aus dem Jahr 2007 er­gab schließlich, dass 10,5 Pro­zent der Per­so­nal­lei­ter auf­grund des Kündi­gungs­schut­zes auf Kündi­gun­gen, 16 Pro­zent auf Ein­stel­lun­gen ver­zich­te­ten.

Fazit: Der Kündigungsschutz ist kaum ein Entlassungshinderhindernis, geschweige denn ein Einstellungshindernis

Das Kündi­gungs­schutz­ge­setz ist im­mer wie­der kri­ti­siert wor­den. Es wur­de im­mer wie­der befürch­tet, dass Ar­beit­ge­ber aus Angst vor künf­ti­gen Kündi­gungs­schutz­kla­gen be­reits vor Neu­ein­stel­lun­gen zurück­schre­cken würden, ins­be­son­de­re dann, wenn ei­ne zu ent­schei­den­de Ein­stel­lung den Be­trieb über die für das Kündi­gungs­schutz­ge­setz re­le­van­te Min­dest­ar­beit­neh­mer­zahl he­ben würde.

Zu­dem wer­de es Ar­beit­ge­bern, so lau­tet ein an­de­rer Kri­tik­punkt, we­gen des kom­pli­zier­ten und ar­beit­neh­mer­freund­li­chen Ge­set­zes auch dann ver­wehrt, Ar­beit­neh­mer zu ent­las­sen, wenn dies wirt­schaft­lich oder aus an­de­ren Gründen drin­gend ge­bo­ten sei.

Die Stu­die zeigt, dass die Rea­lität an­ders aus­sieht. Der Großteil der Ar­beit­neh­mer wehrt sich erst nicht ge­gen ei­ne Kündi­gung. Um­ge­kehrt lässt sich auch ein er­heb­li­cher Teil der Ar­beit­ge­ber durch das Kündi­gungs­schutz­ge­setz nicht bei sei­ner Ent­schei­dung be­ein­flus­sen, ei­nen Ar­beit­neh­mer ein­zu­stel­len oder nicht ein­zu­stel­len. Auch Kündi­gungs­ent­schei­dun­gen wer­den nicht wirk­lich, d.h. im Er­geb­nis vom Be­ste­hen des ge­setz­li­chen Kündi­gungs­schut­zes ver­hin­dert.

Letzt­lich be­le­gen die Zah­len aber auch, dass es für Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen durch­aus von Vor­teil ist, ge­gen ei­ne Kündi­gung ge­richt­lich vor­zu­ge­hen.

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Letzte Überarbeitung: 19. November 2015

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