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Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung bei Un­ter­neh­mens­ver­schmel­zung

Ver­schmel­zen ein wirt­schaft­lich schwa­ches und ein star­kes Un­ter­neh­men, steht den Be­triebs­rent­nern des schwa­chen Un­ter­neh­mens ei­ne Ren­ten­auf­bes­se­rung zu: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.07.2007, 3 AZR 810/05

25.10.2007. Ver­schmilzt ein wirt­schaft­lich schwa­ches Un­ter­neh­men mit ei­nem er­trags­star­ken Un­ter­neh­men, so ha­ben die Be­triebs­rent­ner ei­nen neu­en Schuld­ner ih­rer Ren­ten­an­sprü­che, näm­lich das aus der Ver­schmel­zung her­vor­ge­gan­ge­ne neue Un­ter­neh­men.

Die­ser neue Ver­sor­gungs­schuld­ner ist wirt­schaft­lich bes­ser auf­ge­stellt als das durch die Ver­schmel­zung un­ter­ge­gan­ge­ne wirt­schaft­lich schwa­che Un­ter­neh­men.

In ei­ner sol­che Si­tua­ti­on ha­ben die Be­triebs­rent­ner des ehe­ma­li­gen schwa­chen Un­ter­neh­mens ei­nen An­spruch auf An­pas­sung ih­rer Be­triebs­ren­ten nach oben, wo­bei die An­pas­sun­gen zum Zeit­punkt der Ver­ein­ba­rung der Fu­si­on vor­zu­neh­men ist: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.07.2007, 3 AZR 810/05.

Wie sind Betriebsrenten anzupassen, wenn der ehemalige Arbeitgeber mit einem anderen Unternehmen verschmilzt?

Das Ge­setz zur Ver­bes­se­rung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung (Be­trAVG) ver­pflich­tet ei­nen Ar­beit­ge­ber im Ab­stand von je­weils drei Jah­ren zur Über­prüfung ei­ner An­pas­sung der lau­fen­den Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung, § 16 Be­trVG.

Der Ar­beit­ge­ber hat nach „bil­li­gem Er­mes­sen“ über ei­ne tatsächli­che An­pas­sung an die Kauf­preis­ent­wick­lung zu ent­schei­den. Da­bei hat er ins­be­son­de­re die wirt­schaft­li­che La­ge des Un­ter­neh­mens ei­ner­seits und die In­ter­es­sen des Empfängers der Ver­sor­gungs­leis­tung an­de­rer­seits ge­gen­ein­an­der ab­zuwägen. Be­fin­det sich das Un­ter­neh­men in ei­ner wirt­schaft­lich schlech­ten Si­tua­ti­on, kann ei­ne An­pas­sung un­ter­blei­ben.

Das BAG hat­te vor kur­zem die Fra­ge zu ent­schei­den, ob die Fu­si­on ei­nes not­lei­den­den Un­ter­neh­mens mit ei­nem wirt­schaft­lich ge­sun­den Un­ter­neh­men Aus­wir­kun­gen auf den An­spruch ei­nes Be­triebs­rent­ners auf An­pas­sung der lau­fen­den Leis­tun­gen hat (BAG, Ur­teil vom 31.07.2007, 3 AZR 810/05).

Der Streitfall: Betriebsrentner eines schwachen Unternehmens wollen mehr Rente, weil ihr Ex-Arbeitgeber mit einem starken Unternehmen fusioniert wurde

Der Kläger be­zog seit 1984 ei­ne Be­triebs­ren­te von der W. AG als frühe­rer Ar­beit­ge­be­rin. An­pas­sun­gen an die Kauf­kraft­ent­wick­lung fan­den le­dig­lich zum 01.01.1988 und zum 01.01.1991 statt, da sich die W. AG in der Fol­ge­zeit in ei­ner wirt­schaft­lich schlech­ten Si­tua­ti­on be­fand und ei­ne An­pas­sung un­ter­blei­ben konn­te.

In­fol­ge ei­nes am 03.07.2001 ge­schlos­se­nen Ver­schmel­zungs­ver­tra­ges wur­de die wirt­schaft­lich ge­sun­de S. GmbH auf die W. AG ver­schmol­zen. Gleich­zei­tig fir­mier­te die W. AG zur Be­klag­ten um. Die Ein­tra­gung im Han­dels­re­gis­ter er­folg­te un­ter dem 15.05.2002.

Der Kläger be­gehr­te dar­auf­hin im We­ge der ar­beits­ge­richt­li­chen Kla­ge ei­ne Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung, wo­bei er auf die mitt­ler­wei­le auf­grund der Ver­schmel­zung wirt­schaft­lich po­si­ti­ve Si­tua­ti­on der Rechts­nach­fol­ge­rin sei­nes frühe­ren Ar­beit­ge­bers, der „An­pas­sungs­schuld­ne­rin“, ver­wies.

Die Be­klag­te lehn­te ei­ne An­pas­sung der Be­triebs­ren­te mit der Be­gründung ab, dass trotz der Ver­schmel­zung Ge­win­ne und Ver­lus­te so­wie das Ei­gen­ka­pi­tal nach wie vor al­lein mit Blick auf die (vor­ma­li­ge) W. AG, d.h. „ge­trennt“ zu er­mit­teln sei­en. Da­her sei trotz der Ver­schmel­zung al­lein die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on der vor­ma­li­gen W. AG im Rah­men der Über­prüfung ei­ner Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung zu berück­sich­ti­gen.

Das Ar­beits­ge­richt Lin­gen wies die Kla­ge ab, und zwar mit der der Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­klag­ten fol­gen­den Be­gründung, dass bei der An­pas­sung auf das wei­ter­hin der W. AG „kal­ku­la­to­risch zu­zu­ord­nen­de Ei­gen­ka­pi­tal“ und auf die dar­auf zu er­rech­nen­den Ge­win­ne und Ver­lus­te ab­zu­stel­len sei, weil an­dern­falls der Sinn der Fu­si­on, die auch die Sa­nie­rung der W. AG be­zweckt ha­be, in Fra­ge ge­stellt wer­de. Die wirt­schaft­li­che Er­trags­kraft der W. AG las­se aber - bei iso­lier­ter Be­trach­tung - ei­ne Be­triebs­ren­ten­an­he­bung nicht zu.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen als Be­ru­fungs­in­stanz gab da­ge­gen dem Kläger teil­wei­se recht (LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 11.11.2005, 10 Sa 548/05 B), d.h. es sprach dem Kläger ei­ne An­he­bung der Be­triebs­ren­te von 388,07 EUR auf 430,29 EUR ab dem 01.06.2005 zu.

Da­bei ging das LAG von ei­ner mit der Ver­schmel­zung am 15.05.2002 ein­ge­tre­te­nen Sa­nie­rung des Un­ter­neh­mens aus und mein­te wei­ter­hin, die Ren­ten­an­pas­sung sei erst­mals drei Jah­re nach der er­folg­ten Sa­nie­rung vor­zu­neh­men, d.h. im vor­lie­gen­den Fall zum 01.06.2005 als dem ers­ten auf den 15.05.2005 fol­gen­den Zah­lungs­ter­min.

BAG: Bei Verschmelzungen von wirtschaftlich schwachen mit starken Unternehmen kommt es auf die Leistungsfähigkeit des neuen Unternehmens an

Das BAG hob das Ur­teil des LAG Nie­der­sach­sen auf und ver­wies die Sa­che zur wei­te­ren Sach­ver­halts­aufklärung zurück, wo­bei es noch­mals wei­ter zu Guns­ten des Klägers ur­teil­te wie zu­vor be­reits das LAG.

Grund­la­ge die­ser Ent­schei­dung wa­ren fol­gen­de Über­le­gun­gen: Ei­ne Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen La­ge des An­pas­sungs­schuld­ners in­fol­ge ei­ner Fu­si­on mit ei­nem er­trags­star­ken Un­ter­neh­men muss sich so­fort zu Guns­ten der Be­triebs­ren­ten­empfänger aus­wir­ken, so das BAG. Da­her ist der maßgeb­li­che An­pas­sungs­stich­tag im vor­lie­gen­den Fall zu­guns­ten des Be­triebs­rent­ners ge­genüber dem Ur­teil des LAG um mehr als drei Jah­re vor­zu­ver­la­gern, nämlich auf den 01.01.2002 (Ver­ein­ba­rung der Fu­si­on).

Auch wenn die Ver­schmel­zung auf die Be­klag­te zu die­sem Zeit­punkt noch nicht wirk­sam war, muss­te der Ar­beit­ge­ber ei­ne Zu­kunfts­pro­gno­se zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung vor­neh­men, auf wel­che die Ent­schei­dung über ei­ne An­he­bung der Be­triebs­ren­ten zu stützen war. Dem­nach können zu er­war­ten­de Aus­wir­kun­gen ei­ner Ver­schmel­zung be­reits vor de­ren Wirk­sam­wer­den zu berück­sich­ti­gen sein.

Da das LAG Nie­der­sach­sen kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen hat­te, ob zum Stich­tag des 01.01.2002 ernst zu neh­men­de Ein­tra­gungs­ri­si­ken be­stan­den und so­mit ei­ne Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on der An­pas­sungs­schuld­ne­rin noch nicht hin­rei­chend wahr­schein­lich war (mit der Fol­ge, dass ei­ne An­pas­sung je­den­falls nicht zum Stich­tag des 01.01.2002 zu er­fol­gen hätte), hob das BAG das Ur­teil des LAG auf und ver­wies den Recht­streit zurück.

Fa­zit: Das BAG ent­schei­det mit die­sem Ur­teil wie­der ein­mal ei­ne strei­ti­ge Rechts­fra­ge zu­guns­ten der auf Ren­ten­an­pas­sung kla­gen­den Be­triebs­ren­ter. Das Ur­teil ist an­ge­sichts des Wort­lauts von § 16 Be­trVG fol­ge­rich­tig. So­zi­al­po­li­tisch ge­se­hen ist ei­ne en­ga­gier­te Recht­spre­chung zu­guns­ten der Be­triebs­rent­ner auch po­si­tiv zu be­wer­ten, da Rent­ner ab­ge­se­hen von den Ar­beits­ge­rich­ten kei­ne wirk­lich en­ga­gier­ten Fürspre­cher und kei­ne ef­fek­ti­ven Druck­mit­tel mehr ha­ben: Wer be­ren­tet ist, kann nicht mehr strei­ken, und sei­ne Un­zu­frie­den­heit wirkt sich nor­ma­ler­wei­se nicht ne­ga­tiv auf das Be­triebs­kli­ma aus.

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Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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