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Lohn­dis­kri­mi­nie­rung durch Ver­wei­ge­rung ei­nes „be­am­ten­ähn­li­chen“ Ar­beits­ver­trags

Ist die Ver­güns­ti­gung von zwei Ar­beit­neh­mern be­reits ein "all­ge­mei­nes Prin­zip"?: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.08.2007, 9 AZR 943/06

24.09.2007. Auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz kön­nen sich Ar­beit­neh­mer beim The­ma Be­zah­lung nur be­ru­fen, wenn die fi­nan­zi­el­le Bes­ser­stel­lung von ver­gleich­ba­ren Ar­beits­kol­le­gen auf ei­nem "all­ge­mei­nen Prin­zip der Lohn­fin­dung" be­ruht.

Dem­ent­spre­chend wird oft dar­über ge­strit­ten, ob ei­ne fi­nan­zi­el­le Bes­ser­stel­lung ei­ne Ein­zel­fall­ent­schei­dung ist (so die Sicht des Ar­beit­ge­bers) oder auf ei­nem all­ge­mei­nen Prin­zip be­ruht, das mög­li­cher­wei­se nur auf den zwei­ten Blick zu er­ken­nen ist. Das ist die Sicht des Ar­beit­neh­mers, der un­ter Be­ru­fung auf den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung mehr Geld ha­ben möch­te.

Be­son­ders ge­nau hin­schau­en muss man, wenn die Bes­ser­stel­lung auf der Li­nie Mann-Frau ver­läuft, d.h. wenn männ­li­che Ar­beit­neh­mer bes­ser ge­stellt wer­den als ver­gleich­ba­re weib­li­che. So lag es in ei­nem vor kur­zem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­de­nen Fall, in dem es nicht "nur" um Gleich­be­hand­lung, son­dern auch um die Fra­ge ging, ob die Bes­ser­stel­lung der Män­ner ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts dar­stellt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.08.2007, 9 AZR 943/06

Wann beruhen Lohnunterschiede auf einem allgemeinen Prinzip und wann sind sie Einzelfallregelungen?

24.09.2007. Der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­sagt, dass der Ar­beit­ge­ber bei begüns­ti­gen­den Maßnah­men ge­genüber sei­nen Ar­beit­neh­mern kei­nen ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer aus willkürli­chen Gründen schlech­ter als an­de­re, mit ihm ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer be­han­deln darf.

Ein ge­setz­lich ge­re­gel­ter Fall des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ist das Ver­bot der Lohn­dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts, das bis zum In­kraft­tre­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) am 18.08.2006 in § 611a BGB ent­hal­ten war und seit­dem in § 1 AGG und § 8 Abs.2 ge­re­gelt ist.

Da­bei schließt der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz un­glei­che Ent­loh­nung glei­cher Ar­beit grundsätz­lich nicht aus. Ei­ne ver­bo­te­ne Un­gleich­be­hand­lung liegt viel­mehr nur dann vor, wenn al­le (mit­ein­an­der ver­gleich­ba­ren) Ar­beit­neh­mer ei­ne Loh­nerhöhung oder Zu­satz­zah­lung in glei­cher Höhe bzw. auf glei­cher Be­rech­nungs­ba­sis er­hal­ten und der Ar­beit­ge­ber be­stimm­te Ar­beit­neh­mer oh­ne sach­li­che Gründe schlech­ter stellt.

In Fällen die­ser Art gibt es ei­ne er­kenn­ba­re all­ge­mei­ne Re­gel der Lohn­fin­dung, von der der Ar­beit­ge­ber nicht zu­las­ten ei­nes ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers ab­wei­chen darf. Bei Lohn­kla­gen, die auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestützt wer­den, ist oft strei­tig, ob die vom kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ver­lang­te zusätz­li­che Vergütung sei­nen Kol­le­gen „nach ei­nem er­kenn­ba­ren all­ge­mei­nen Prin­zip“ gewährt wird oder al­lein auf­grund in­di­vi­du­el­ler Ver­ein­ba­run­gen im Ein­zel­fall.

In ei­ner Ent­schei­dung vom 14.08.2007 hat das BAG sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur Lohn­dis­kri­mi­nie­rung präzi­siert, d.h. es hat­te zu ent­schei­den, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die fi­nan­zi­el­le Schlech­ter­stel­lung weib­li­cher Ar­beit­neh­mer in ei­nem klei­nen Be­trieb mit nur sechs Ar­beit­neh­mern als (recht­lich zulässi­ge) Ein­zel­fall­ent­schei­dung und wann als (recht­lich ver­bo­te­ne) Ab­wei­chung von ei­nem „all­ge­mei­nen Prin­zip“ an­zu­se­hen ist.

Der Streitfall: Angestellte Lehrerin in einer kleinen Schule klagt auf beamtenähnliche Beahlung, die zwei männliche Kollegen erhalten

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin ist bei ei­nem Ver­ein, der ei­ne Son­der­schu­le mit ei­nem Kna­ben­an­teil von 90 Pro­zent be­treibt, als Leh­re­rin tätig. Ne­ben der Kläge­rin beschäftigt der Ver­ein ei­ne wei­te­re Leh­re­rin und vier Leh­rer, da­von ei­nen in der Funk­ti­on des Schul­lei­ters.

Die Ar­beits­verträge des Schul­lei­ters und zwei­er wei­te­rer männ­li­cher Lehr­kräfte - Herr M. und Herr A. - se­hen im Un­ter­schied zu den Ar­beits­verträgen der Kläge­rin und ih­rer Kol­le­gin sog. be­am­tenähn­li­che Leis­tun­gen wie Ver­sor­gungs- und Bei­hil­fe­leis­tun­gen, Rei­se- und Um­zugs­kos­ten­er­stat­tun­gen vor. Der vier­te Leh­rer ist ab­ge­ord­ne­ter Lan­des­be­am­ter.

Die Leh­rer M. und A. konn­ten ei­nen „be­am­tenähn­li­chen“ Dienst­ver­trag mit dem Ver­ein durch­set­zen, in­dem sie im De­zem­ber 2002 mit Ab­wan­de­rung zu ei­ner öffent­li­chen Son­der­schu­le droh­ten und den Ver­ein da­durch zu ei­ner Ver­tragsände­rung brach­ten. Zu die­sem Zeit­punkt be­fand sich die Kläge­rin in El­tern­zeit. Nach Rück­kehr in den Dienst im Sep­tem­ber 2003 erklärte sie ge­genüber dem Ver­ein An­fang 2004, sie wol­le eben­falls ei­nen „be­am­tenähn­li­chen“ Ver­trag, da sie mit dem Ge­dan­ken spie­le, an ei­ne staat­li­che Schu­le zu wech­seln.

Der Be­klag­te ging auf die­se For­de­rung nicht ein. Auch der wei­te­ren Lehr­kraft, Frau L., die zu die­sem Zeit­punkt be­reits älter als 45 Jah­re war und für die des­halb ei­ne Ver­be­am­tung bei dem Land Nie­der­sach­sen nicht mehr in Be­tracht kam, wur­de kein An­ge­bot ei­ner Ver­trags­auf­bes­se­rung ge­macht.

Die Kläge­rin klag­te dar­auf­hin auf Ver­tragsände­rung und ver­trat die An­sicht, der Ver­ein ver­s­toße ge­gen den ar­beits­ver­trag­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, in­dem er nur den männ­li­chen Lehr­kräften „be­am­tenähn­li­che“ Dienst­verträge an­bie­te. Sach­li­che Gründe für die­se Dif­fe­ren­zie­rung ge­be es nicht. Es lie­ge da­her ei­ne ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Lohn­dis­kri­mi­nie­rung der weib­li­chen Lehr­kräfte vor.

Der Ver­ein be­rief sich auf den an­geb­li­chen Ein­zel­fall­cha­rak­ter der mit M. und A. ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung. Außer­dem brach­te er vor, ein Weg­gang die­ser bei­den Lehr­kräfte hätte auf­grund des ho­hen An­teils männ­li­cher Schüler zu ei­ner be­son­de­ren Be­las­tung geführt. Um die spe­zi­fi­schen Bedürf­nis­se die­ser Schüler zu berück­sich­ti­gen, bedürfe es ei­nes ho­hen An­teils männ­li­cher Lehr­kräfte, so dass man den bei­den Leh­rern ha­be ent­ge­gen­kom­men müssen.

Das Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen (Ur­teil vom 07.07.2006, 3 Sa 1688/05 B) wie­sen die Kla­ge ab.

BAG: Wenn kein Geld für eine Besserstellung aller Arbeitnehmer da ist, muss der Arbeitgeber eine Auswahl vornehmen

Die Kläge­rin hat­te vor dem BAG Er­folg. Zur Be­gründung heißt es:

Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung sei nicht durch ei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt. Der Ver­ein könne sich nicht dar­auf be­ru­fen, aus Kos­ten­gründen ne­ben dem Schul­lei­ter nur zwei Lehr­kräfte be­am­tenähn­lich be­han­deln zu können, denn ein sol­cher fi­nan­zi­el­ler Zwang erkläre nicht, wes­halb der Ver­ein die Kläge­rin nicht in die er­for­der­li­che Aus­wahl ein­be­zo­gen ha­be. Auch ein ho­her Kna­ben­an­teil recht­fer­ti­ge es nicht, bei der ge­bo­te­nen Aus­wah­l­ent­schei­dung al­lein auf das männ­li­che Ge­schlecht ab­zu­stel­len.

Fa­zit: Ein all­ge­mei­nes Prin­zip bei der Lohn­fin­dung kann recht­lich auch dann vor­lie­gen, wenn ei­ne Maßnah­me, die aus Sicht des Ar­beit­ge­bers in­di­vi­du­el­len Cha­rak­ter hat (hier: die Ver­bes­se­rung der Vergütung der Leh­rer M. und A.), auf ein all­ge­mei­nes Pro­blem be­zo­gen ist (hier: auf das Pro­blem der Ab­wan­de­rung von Lehr­kräften auf­grund schlech­te­rer Be­zah­lung als im öffent­li­chen Dienst).

Ist ei­ne ge­ne­rel­le Bes­ser­stel­lung al­ler Ar­beit­neh­mer nicht möglich, ist nach den Vor­ga­ben des BAG ei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung durch­zuführen.

Kon­kret hätte der Ver­ein im Jah­re 2003 al­len vie­ren bis da­to noch nicht „be­am­tenähn­lich“ vergüte­ten Lehr­kräften, d.h. den Leh­rern M. und A. so­wie den bei­den weib­li­chen Kräften, ei­ne sol­che Ver­tragsände­rung freiblei­bend an­bie­ten und im Fal­le von mehr als zwei In­ter­es­se­be­kun­dun­gen ei­ne Wahl der zwei Ar­beit­neh­mer tref­fen müssen, de­ren Ge­halts­auf­bes­se­rung fi­nan­zier­bar war. Die­se Aus­wahl hätte nach ge­schlechts­un­abhängi­gen Kri­te­ri­en vor­ge­nom­men wer­den müssen (et­wa: Qua­li­fi­ka­ti­on).

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Letzte Überarbeitung: 18. November 2015

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