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Bei Kün­di­gung kein Kla­ge­ver­zicht oh­ne Ge­gen­leis­tung

Ab­wick­lungs­ver­trä­ge und Aus­gleichs­klau­seln nach Kün­di­gun­gen müs­sen auch "Goo­dies" für den Ar­beit­neh­mer ent­hal­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 06.09.2007, 2 AZR 722/06

11.09.2007. Oft kommt es nach ei­ner vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­nen Kün­di­gung zu ei­ne au­ßer­ge­richt­li­chen güt­li­chen Ei­ni­gung, d.h. zu ei­nem Ab­wick­lungs­ver­trag.

Dar­in ver­zich­tet der Ar­beit­neh­mer auf ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und der Ar­beit­ge­ber be­wil­ligt ei­ne Ge­gen­leis­tung wie z.B. ei­ne Ab­fin­dung, ei­ne Frei­stel­lung oder die Zu­sa­ge ei­ner gu­ten Zeug­nis­no­te.

Sol­che Ver­ein­ba­run­gen sind All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB), wenn sie vom Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig vor­for­mu­liert und dem Ar­beit­neh­mer zur Un­ter­schrift vor­ge­legt wer­den. Sie soll­ten dann aber auch ei­nen fai­ren In­halt ha­ben, d.h. hier soll­te der Ar­beit­neh­mer nicht völ­lig über den Tisch ge­zo­gen wer­den.

Das aber wird er nach ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), wenn der Ar­beit­neh­mer oh­ne je­de Ge­gen­leis­tung in ei­nem vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­leg­ten For­mu­lar auf die Er­he­bung ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ver­zich­tet. Dann liegt im all­ge­mei­nen ei­ne "un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung" im Sin­ne von § 307 Abs.1 Satz 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor: BAG, Ur­teil vom 06.09.2007, 2 AZR 722/06.

Können Abwicklungsverträge und Ausgleichsquittungen ausschließlich in einem Klageverzicht bestehen?

Hat der Ar­beit­ge­ber aus sei­ner Sicht Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung we­gen ei­ner vom Ar­beit­neh­mer be­gan­ge­nen schwe­ren Pflicht­ver­let­zung und/oder we­gen des drin­gen­den Ver­dachts ei­ner Straf­tat, so kommt es in dem dar­auf­hin geführ­ten, in der Re­gel für al­le Be­tei­lig­ten ex­trem be­las­ten­den Per­so­nal­gespräch oft­mals zu ei­nem re­gel­rech­ten Kampf um ei­ne Un­ter­schrift des Ar­beit­neh­mers: Der Ar­beit­neh­mer wird „mit Händen und Füßen“ zu ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag oder ei­ner Kla­ge­ver­zichts­erklärung ge­drängt.

Der Hin­ter­grund aus Sicht des Ar­beit­ge­bers ist klar: Je­de Kündi­gung mit ei­nem ver­hal­tens­be­ding­ten Hin­ter­grund führt mit ei­ner ge­wis­sen Wahr­schein­lich­keit zu ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, und die sind für den Ar­beit­ge­ber ris­kant, da man Kündi­gungs­schutz­kla­gen ver­lie­ren kann.

Da­ge­gen ist die Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te bis­lang eher ar­beit­ge­ber­freund­lich, wenn es um die recht­li­che Wirk­sam­keit von Erklärun­gen des Ar­beit­neh­mers geht, mit de­nen er selbst in die Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ein­wil­ligt.

So hat das BAG mit Ur­teil vom 27.11.2003 (2 AZR 177/03) ent­schie­den, dass Ar­beit­neh­mern kein all­ge­mei­nes Recht zum Wi­der­ruf von Auf­he­bungs­verträgen zu­steht (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 03/07 Wi­der­rufs­recht bei Auf­he­bungs­verträgen). Die Re­geln des Ver­brau­cher­schut­zes (§ 312 Abs.1 Nr.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB) sind hier nicht an­wend­bar

Bis­lang nicht klar ent­schie­den war die Fra­ge, ob ein Kla­ge­ver­zicht des Ar­beit­neh­mers, den die­ser oh­ne je­de Ge­gen­leis­tung auf ei­nem vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­ten Ab­wick­lungs­ver­trag oder ei­ner Aus­gleichs­quit­tung durch sei­ne Un­ter­schrift erklärt, wirk­sam ist oder ob er bei An­wen­dung der Re­geln über die Kon­trol­le all­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) als „un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung“ (§ 307 Abs.1 Satz 1 BGB) des Ar­beit­neh­mers wir­kungs­los ist.

Ein Fall aus dem Arbeitsalltag eines bekannten Drogeriediscounters: Arbeitgeber lässt sich die Wirksamkeit seiner Kündigung ohne Gegenleistung bestätigen

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall warf der Ar­beit­ge­ber, das „Dro­ge­rie­un­ter­neh­men Sch.“, ei­ner ge­ringfügig beschäftig­ten Ver­kaufs­an­ge­stell­ten vor, an dem Dieb­stahl der in ei­ner Fi­lia­le des Un­ter­neh­mens er­ziel­ten Ta­ges­ein­nah­men von 4.375,00 EUR be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Je­den­falls sei ein so gra­vie­ren­der Ver­dacht ent­stan­den, dass dem Ar­beit­ge­ber die wei­te­re Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den könne.

Der drin­gen­de Tat­ver­dacht er­gab sich aus Sicht des Ar­beit­ge­bers dar­aus, dass die Ar­beit­neh­me­rin zu­sam­men mit zwei wei­te­ren in der Fi­lia­le täti­gen Ver­kaufs­kräften Zu­gang zu den ent­wen­de­ten Ta­ges­ein­nah­men hat­te, so dass es ei­ner der drei Mit­ar­bei­ter ge­we­sen sein muss­te.

Dar­auf­hin erklärte der Ar­beit­ge­ber die frist­lo­se, hilfs­wei­se die or­dent­li­che Kündi­gung, wo­bei er sich so­wohl auf den Vor­wurf des Dieb­stahls als auch auf ei­nen drin­gen­den Tat­ver­dacht stütz­te. Auf dem der Ar­beit­neh­me­rin über­reich­ten Kündi­gungs­schrei­ben war fol­gen­de ab­sch­ließen­de Erklärung ent­hal­ten:

„Kündi­gung ak­zep­tiert und mit Un­ter­schrift bestätigt. Auf Kla­ge ge­gen die Kündi­gung wird ver­zich­tet.“

Die­se Erklärung wur­de von der Kläge­rin un­ter­zeich­net und von der Be­klag­ten ge­gen­ge­zeich­net. Ei­ne Ge­gen­leis­tung für die­sen Kla­ge­ver­zicht – et­wa in Ge­stalt ei­ner Ab­fin­dung oder dgl. – ver­ein­bar­ten die Par­tei­en nicht. Ge­gen die­se Kündi­gung er­hob die Ar­beit­neh­me­rin Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Stutt­gart.

Das Ar­beits­ge­richt Stutt­gart wies die Kla­ge ab, da es den Kla­ge­ver­zicht für wirk­sam hielt, so dass es auf die Fra­ge der Be­rech­ti­gung der vom Ar­beit­ge­ber er­ho­be­nen Vorwürfe gar nicht an­kam.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Stutt­gart hin­ge­gen gab der Kläge­rin recht, wo­bei es der Mei­nung war, ein Kla­ge­ver­zicht oh­ne Ge­gen­leis­tung be­nach­tei­li­ge den ver­zich­ten­den Ar­beit­neh­mer in ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Wei­se (LAG Stutt­gart, Ur­teil vom 19.07.2006, 2 Sa 123/05).

BAG: Ein Klageverzicht ohne Gegenleistung ist eine unangemessene Benachteiligung

Das BAG hat sich der Mei­nung des LAG Stutt­gart an­ge­schlos­sen und der kla­gen­den Ar­beit­neh­me­rin recht ge­ge­ben. Zur Be­gründung heißt es:

Nach § 307 Abs.1 Satz 1 BGB sei­en Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner ent­ge­gen Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­lig­ten. Ei­ne sol­che un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung sei re­gelmäßig an­zu­neh­men, wenn der Ar­beit­neh­mer im un­mit­tel­ba­ren An­schluss an ei­ne Ar­beit­ge­berkündi­gung oh­ne Ge­gen­leis­tung in ei­nem ihm vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­leg­ten For­mu­lar auf die Er­he­bung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­zich­tet.

Durch ei­nen sol­chen Kla­ge­ver­zicht wer­de von der ge­setz­li­chen Re­ge­lung des § 4 Satz 1 KSchG ab­ge­wi­chen. Oh­ne Ge­gen­leis­tung be­nach­tei­li­ge ein sol­cher for­mu­larmäßiger Ver­zicht den Ar­beit­neh­mer un­an­ge­mes­sen.

Im Übri­gen war das BAG auch mit dem LAG Stutt­gart der Mei­nung, ein „wich­ti­ger Grund“ für ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung lie­ge hier nicht vor.

Das LAG hat­te dies mit der Über­le­gung be­gründet, dass ei­ne Wahr­schein­lich­keit der Tat­be­tei­li­gung der Kläge­rin von „nur“ 33 Pro­zent (bei drei po­ten­ti­el­len Tätern) nicht aus­rei­che, um ei­nen so drin­gen­den Tat­ver­dacht ge­gen die Kläge­rin her­vor­zu­ru­fen, dass dem Ar­beit­ge­ber die wei­te­re Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­ge­mu­tet wer­den könn­te. Ei­nen Be­weis für die Täter­schaft der Kläge­rin hat­te der Ar­beit­ge­ber oh­ne­hin nicht in der Hand.

Auf­grund die­ser Ent­schei­dung stellt sich die Fra­ge, ob nicht auch die bis­lang ge­richt­lich stets ab­ge­seg­ne­ten Auf­he­bungs­verträge - im Er­geb­nis ge­gen die Ten­denz der o.g. Ent­schei­dung des BAG vom 27.11.2003 (2 AZR 177/03) - ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers dar­stel­len könn­ten, falls die "Ge­gen­leis­tung" nicht stimmt.

Im­mer­hin wer­den Auf­he­bungs­verträge prak­tisch im­mer als Al­ter­na­ti­ve zu ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ins Au­ge ge­fass­ten Kündi­gung ab­ge­schlos­sen, und sie wer­den ein­sei­tig vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­liert und sind da­her AGB. Wenn un­ter sol­chen Umständen im Auf­he­bungs­ver­trag kei­ne Ge­gen­leis­tung für den Ver­zicht des Ar­beit­neh­mers auf den Kündi­gungs­schutz vor­ge­se­hen ist, dürf­te er un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gend und da­mit un­wirk­sam sein.

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Letzte Überarbeitung: 4. Januar 2016

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