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Bun­des­fi­nanz­hof zwei­felt an Kür­zung der Pend­ler­pau­scha­le

Die ver­rin­ger­te Ab­zugs­fä­hig­keit von Fahrt­kos­ten sorgt wei­ter für ju­ris­ti­schen Streit: Bun­des­fi­nanz­hof, Be­schluss vom 23.08.2007, VI B 42/07
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21.09.2007. Auf­grund der ge­setz­li­chen Neu­re­ge­lung der Pend­ler­pau­scha­le kön­nen Ar­beit­neh­mer ab dem An­fang 2007 die Kos­ten für ih­re Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Ar­beits­platz nur noch be­grenzt, näm­lich ab dem 21. Ki­lo­me­ter steu­er­lich gel­tend ma­chen.

Wer mit dem ei­ge­nen Au­to zur Ar­beit fährt und da­bei re­gel­mä­ßig lan­ge Stre­cken zu­rück­le­gen muss, ist da­her ab An­fang des Jah­res der Dum­me, d.h. er bleibt auf sei­nen Kos­ten in er­heb­li­chem Um­fang sit­zen. Das ist für vie­le Be­rufts­tä­ti­ge ge­ra­de in länd­li­chen Ge­bie­ten ein Schlag ins Ge­sicht.

Vor al­lem fragt sich, ob die neue ge­setz­li­che Be­gren­zung der Ab­zugs­fä­hig­keit von Fahrt­kos­ten mit dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz der Gleich­be­hand­lung (Art.3 Grund­ge­setz - GG) ver­ein­bart ist. Die­se Fra­ge hat sich in ei­ner ak­tul­len Ent­schei­dung auch der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) ge­stellt: BFH, Be­schluss vom 23.08.2007, VI B 42/07.

Kann das Steuerrecht die Kosten für die Fahrten zwischen Wohnung und Arbeit zur Privatangelegenheit erklären?

§ 9 Abs.2 Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (EStG) in der Fas­sung des Steu­erände­rungs­ge­set­zes 2007 vom 19.07.2006 (BGBl I S.1652, BSt­Bl I S.432) enthält mit Wir­kung ab 2007 ein Ab­zugs­ver­bot bzgl. der „Pend­ler­pau­scha­le“, d.h. die bis­her ab­zugsfähi­gen Auf­wen­dun­gen für Fahr­ten von Ar­beit­neh­mern zwi­schen Woh­nung und re­gelmäßiger Ar­beitsstätte wer­den be­grenzt:

Ab dem 01.01.2007 können Ar­beit­neh­mer in ih­rer Steu­er­erklärung Auf­wen­dun­gen für Fahr­ten zum Ar­beits­platz erst ab dem 21. Ki­lo­me­ter ab­zugsfähig gel­tend ma­chen. Gemäß § 9 Abs.2 EStG in der der­zei­ti­gen Fas­sung sind Auf­wen­dun­gen des Ar­beit­neh­mers für We­ge zwi­schen Woh­nung und re­gelmäßiger Ar­beitsstätte grundsätz­lich kei­ne Wer­bungs­kos­ten (mehr). Viel­mehr sind Fahrt­auf­wen­dun­gen nach der­zei­ti­ger Ge­set­zes­la­ge „erst ab dem 21. Ent­fer­nungs­ki­lo­me­ter mit ei­ner Ent­fer­nungs­pau­scha­le von 0,30 EUR wie Wer­bungs­kos­ten“ an­zu­set­zen.

Seit der Einführung die­ses Ab­zugs­ver­bo­tes meh­ren sich die Stim­men in Li­te­ra­tur und Recht­spre­chung, die an der Ver­fas­sungsmäßig­keit die­ses Ab­zugs­ver­bo­tes Zwei­fel an­mel­den. So ha­ben be­reits das Nie­dersäch­si­sche Fi­nanz­ge­richt (Be­schluss vom 27.02.2007, 8 K 549/06,) und das Fi­nanz­ge­richt des Saar­lan­des (Be­schluss vom 22.03.2007, 2 K 2442/06) die Neu­re­ge­lung der Pend­ler­pau­scha­le als ver­fas­sungs­wid­rig an­ge­se­hen und die­se Fra­ge dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) nach Art. 100 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) zur Prüfung bzw. Ent­schei­dung vor­ge­legt (dort anhängig un­ter: 2 BvL 1/07 und 2 BvL 2/07).

Da­ge­gen ha­ben das Fi­nanz­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg (Ur­teil vom 07.03.2007, 13 K 283/06), das Fi­nanz­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern (Ur­teil vom 23.05.2007, 1 K 497/06) und das Fi­nanz­ge­richt Köln (Be­schluss vom 29.03.2007, 10 K 274/07) die Neu­re­ge­lung der Pend­ler­pau­scha­le als mit dem GG ver­ein­bar be­ur­teilt. Die­se Ent­schei­dun­gen sind noch nicht rechts­kräftig, da hier Re­vi­sio­nen zum Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) (VI R 17/07 und VI R 27/07) bzw. ei­ne Be­schwer­de (VI B 57/07) ein­ge­legt wur­den. Die­se Ver­fah­ren sind der­zeit beim BFH anhängig.

Mit Be­schluss vom 23.08.2007 hat sich nun­mehr erst­mals der BFH zu die­ser Fra­ge geäußert. Zu ent­schei­den war ein vom Steu­er­pflich­ti­gen an­ge­streng­tes Eil­ver­fah­ren, bei dem es um die Aus­set­zung der Voll­zie­hung ei­nes ab­leh­nen­den Be­schei­des des Fi­nanz­am­tes ging. Der Steu­er­pflich­ti­ge hat­te ei­ne Lohn­steu­er­ermäßigung für das Ka­len­der­jahr 2007 be­an­tragt, und zwar be­reits ab dem ers­ten We­ge­ki­lo­me­ter, die vom Fi­nanz­amt ab­ge­lehnt wor­den war.

Kon­kret ging es um die Beträge, die im Lohn­steu­er-Ermäßigungs­ver­fah­ren als Frei­be­trag auf der Lohn­steu­er­kar­te ein­ge­tra­gen wer­den können. Da­zu gehören gemäß § 39a Abs.1 Nr.1 EStG Wer­bungs­kos­ten, die bei den Einkünf­ten aus nicht­selbständi­ger Ar­beit an­fal­len, so­weit sie den Ar­beit­neh­mer-Pausch­be­trag über­stei­gen. Das Fi­nanz­amt woll­te Auf­wen­dun­gen ent­spre­chend der der­zei­ti­gen Ge­set­zes­la­ge erst ab dem 21. Ki­lo­me­ter berück­sich­ti­gen.

Der BFH hat­te da­her – in­so­weit al­ler­dings nur vorläufig bzw. in ei­nem Eil­ver­fah­ren – darüber zu ent­schei­den, ob ein Frei­be­trag über die ge­sam­te Ent­fer­nung zwi­schen Woh­nung und Ar­beitsstätte im Zu­sam­men­hang mit der Ent­fer­nungs­pau­scha­le zu­min­dest vorläufig in vol­ler Höhe in die Lohn­steu­er­kar­te ein­zu­tra­gen und im Rah­men der be­an­trag­ten Lohn­steu­er­ermäßigung für das Jahr 2007 zu berück­sich­ti­gen sei.

Der Streitfall: Eheleute müssen von ihrer Wohnung aus zu verschiedenen Arbeitsorten pendeln

Die An­trag­stel­ler sind Ehe­leu­te und an un­ter­schied­li­chen Or­ten als Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Mit ih­rem An­trag auf Lohn­steu­er-Ermäßigung für das Jahr 2007 be­an­trag­ten sie, Auf­wen­dun­gen des Ehe­man­nes für die We­ge zwi­schen Woh­nung und Ar­beitsstätte (Ent­fer­nungs­pau­scha­le) als Frei­be­trag auf der Lohn­steu­er­kar­te ein­zu­tra­gen, wo­bei sie die vol­le Ent­fer­nung von 61 km an­setz­ten.

Das Fi­nanz­amt als An­trags­geg­ner er­mit­tel­te den Frei­be­trag ent­spre­chend der der­zei­ti­gen Ge­set­zes­la­ge nach der um 20 km gekürz­ten Ent­fer­nung. Ge­gen den in­so­weit ab­leh­nen­den Be­scheid über die Lohn­steu­er-Ermäßigung 2007 leg­ten die An­trag­stel­ler er­folg­los Ein­spruch ein. Ih­ren An­trag, im We­ge der Aus­set­zung der Voll­zie­hung den be­an­trag­ten Frei­be­trag vorläufig in vol­ler Höhe ein­zu­tra­gen, lehn­te das Fi­nanz­amt ab. Die Ehe­leu­te stell­ten dar­auf­hin ei­nen An­trag beim Nie­dersäch­si­schen Fi­nanz­ge­richt in Han­no­ver auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung. Das Fi­nanz­ge­richt gab die­sem An­trag statt und ließ die Be­schwer­de zum Bun­des­fi­nanz­hof zu.

Da­bei führ­te es aus, dass ernst­li­che Zwei­fel dar­an bestünden, ob § 9 Abs. 2 EStG ver­fas­sungs­gemäß sei, so­weit die Vor­schrift den steu­er­li­chen Ab­zug der Fahrt­kos­ten zwi­schen Woh­nung und Ar­beitsstätte für die ers­ten 20 km aus­sch­ließe (Be­schluss des Nie­dersäch­si­schen Fi­nanz­ge­richts, 02.03.2007, 7 V 21/07). Das un­ter­le­ge­ne Fi­nanz­amt leg­te dar­auf­hin Be­schwer­de zum BFH ein.

Bundesfinanzhof: Hier muss Karslruhe entscheiden

Der BFH wies die Be­schwer­de des Fi­nanz­am­tes zurück. Zur Be­gründung heißt es:

Bei dem Ab­leh­nungs­be­scheid des Fi­nanz­am­tes, den Frei­be­trag nicht auf der Lohn­steu­er­kar­te ein­zu­tra­gen, han­de­le es sich um ei­nen voll­zieh­ba­ren Ver­wal­tungs­akt, ge­gen den vorläufi­ger Recht­schutz durch den An­trag auf Aus­set­zung der Voll­zie­hung in Be­tracht kom­me.

Zwar lägen we­gen der neu­en Fas­sung des § 9 Abs.2 Satz 1 EStG die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­tra­gung der nach der vol­len Ent­fer­nung be­rech­ne­ten Fahrt­auf­wen­dun­gen auf der Lohn­steu­er­kar­te der An­trag­stel­ler nicht vor, al­ler­dings schließe dies ei­ne Aus­set­zung der Voll­zie­hung nicht aus, da ei­ne sol­che gemäß §§ 361 Abs.2 Satz 2 AO, 69 Abs.2 Satz 2, Abs.3 Satz 1 Fi­nanz­ge­richts­ord­nung (FGO) be­reits dann er­fol­gen könne, wenn „ernst­li­che Zwei­fel“ an der Rechtmäßig­keit des an­ge­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts bestünden.

Sol­che Zwei­fel hegt der BFH im vor­lie­gen­den Fall, d.h. es stimmt den vom Fi­nanz­ge­richt geäußer­ten Zwei­feln an der Ver­fas­sungsmäßig­keit des § 9 Abs. 2 EStG aus­drück­lich zu. Ergänzend wird dar­auf ver­wie­sen, dass die­se Fra­ge in der Li­te­ra­tur kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­de und auch in der Recht­spre­chung zu un­ter­schied­li­chen Ent­schei­dun­gen geführt ha­be.

„Of­fen­sicht­lich“ sei je­den­falls, dass die Kos­ten für die Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Ar­beitsstätte nach bis­he­ri­gem Verständ­nis für den An­trag­stel­ler be­ruf­lich ver­an­lasst sei­en. Sie sei­en zur Er­werbs­si­che­rung un­ver­meid­lich. Un­ter Ver­wen­dung ei­nes Zi­tats aus ei­ner Ent­schei­dung des Preußischen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts stellt der BFH fest: „Wenn der Er­wer­ben­de sich nicht zu sei­ner Ar­beits­stel­le be­gibt, so ver­dient er auch nichts“.

Auf­grund die­ser Ent­schei­dung des BFH liegt der Ball nun­mehr in Karls­ru­he, d.h. das BVerfG wird - vor­aus­sicht­lich im Jah­re 2008 - über die Ver­ein­bar­keit der ge­setz­li­chen Be­gren­zung der Ab­zugsfähig­keit von We­ge­kos­ten gemäß § 9 Abs.2 EStG zu ent­schei­den ha­ben. Bis da­hin kann Ar­beit­neh­mern nur ge­ra­ten wer­den, die der der­zei­ti­gen Ge­set­zes­la­ge ent­spre­chen­de Be­gren­zung der Ab­zugsfähig­keit nicht hin­zu­neh­men, son­dern auf die­ser Grund­la­ge er­ge­hen­de Ent­schei­dun­gen des Fi­nanz­am­tes recht­lich an­zu­grei­fen.Im übri­gen ist der­zeit nicht aus­zu­sch­ließen, dass der Ge­setz­ge­ber an­ge­sichts der BFH-Ent­schei­dung die Re­ge­lung der Pend­ler­pau­scha­le zu­guns­ten des Bürgers ändert.

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Letzte Überarbeitung: 31. Oktober 2016

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