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Die CG­ZP ist nicht ta­rif­fä­hig

Die CG­ZP kann zwar "Ta­rif­ver­trä­ge" vor­wei­sen, doch von die­sen hat nur die Ar­beit­ge­ber­sei­te Vor­tei­le: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Be­schluss vom 01.04.2009, 35 BV 17008/08

11.06.2009. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat ent­schie­den, dass die Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­cher Ge­werk­schaf­ten (CG­ZP) nicht ta­rif­fä­hig ist.

Die CG­ZP hat zwar vie­le "Ta­rif­ver­trä­ge" für Leih­ar­beits­bran­che ab­ge­schlos­sen, doch ver­die­nen die­se Ver­ein­ba­run­gen den Na­men "Ta­rif­ver­trag" nicht wirk­lich, da sie prak­tisch aus­schließ­lich Ver­ein­ba­run­gen ent­hal­ten, die für die Ar­beit­ge­ber­sei­te vor­teil­haft sind, d.h. für die Leih­ar­beits­fir­men.

Da­her be­ste­hen ernst­haf­te Zwei­fel dar­an, ob die CG­ZP wirk­lich ei­ne Ge­werk­schaft und nicht viel­mehr ein U-Boot der Ar­beit­ge­ber­sei­te ist.

Die­se Zwei­fel wer­den be­stä­tigt durch die CG­ZP-Ent­schei­dung vom April die­ses Jah­res: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Be­schluss vom 01.04.2009, 35 BV 17008/08.

Ist die CGZP eine echte Gewerkschaft oder ein U-Boot der Arbeitgeberseite?

Die Leih­ar­beits- bzw. Zeit­ar­beits­bran­che be­gann An­fang 2004 zu boo­men. Die Zahl der Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen in die­sem Sek­tor stieg jähr­lich um durch­schnitt­lich et­wa 22 Pro­zent und liegt ak­tu­ell bei deut­lich über 700.000 Beschäftig­ten. An­ge­sichts der ho­hen Per­so­nal­fluk­tua­ti­on in der Bran­che liegt die Zahl der Ar­beit­neh­mer, die ihm Ver­lauf ei­nes Jah­res in Leih­ar­beit tätig sind, so­gar noch höher, nämlich bei et­wa ei­ner Mil­li­on. Ins­ge­samt sind in die­ser Bran­che et­wa drei Pro­zent al­ler so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftig­ten tätig.

Die zu­neh­men­de ge­samt­wirt­schaft­li­che Be­deu­tung der Zeit­ar­beit ist je­den­falls zum Teil auf ei­ne Ge­set­zesände­rung aus dem Jahr 2003 zurück­zuführen, die ab 2004 wirk­sam wur­de: Da­mals führ­te der Ge­setz­ge­ber im Zu­ge der Hartz-Re­for­men zwar den Grund­satz des "equal pay(ment) / equal tre­at­ment" ein (§ 9 Nr.2 Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz - AÜG), wo­nach Zeit­ar­bei­tern die glei­chen Ar­beits­be­din­gun­gen und die glei­che Vergütung wie ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mern im Ent­lei­her­be­trieb gewährt wer­den muss.

Gleich­zei­tig ließ der Ge­setz­ge­ber es aber zu, die­sen Grund­satz per Ta­rif­ver­trag aus­zu­he­beln: Das AÜG lässt ei­ne Ab­wei­chung vom Grund­satz des equal tre­at­ment zu, wenn der Leih­ar­beit­neh­mer auf ta­rif­ver­trag­li­cher Ba­sis beschäftigt wird. Es über­rascht nicht, dass dar­auf­hin prak­tisch al­le Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men da­zu über­ge­gan­gen sind, selbst Ta­rif­verträge ab­zu­sch­ließen und/oder in ih­ren Ar­beits­verträgen auf Zeit­ar­beits­ta­rif­verträge zu ver­wei­sen.

Den An­fang mach­te die Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­cher Ge­werk­schaf­ten für Zeit­ar­beit und Per­so­nal­ser­vice­agen­tu­ren (CG­ZP). Die CG­ZP ist ein Zu­sam­men­schluss von der­zeit vier Mit­glie­dern des Christ­li­chen Ge­werk­schafts­bun­des Deutsch­land (CGB), der kei­ne be­son­de­ren Ver­bin­dun­gen zu den christ­li­chen Kir­chen hat. Sie schloss im ers­ten Quar­tal 2003 als ers­te „Ge­werk­schaft“ ei­nen Flächen­ta­rif­ver­trag in der Zeit­ar­beits­bran­che. Da­mit mach­te sie sich kei­ne Freun­de - je­den­falls nicht auf Sei­ten der Ge­werk­schaf­ten.

Der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB), eben­falls ei­ne ta­riffähi­ge Ver­ei­ni­gung von Ein­zel­ge­werk­schaf­ten, ver­han­del­te da­mals nämlich mit Ver­ei­ni­gun­gen von Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men und wur­de da­bei durch den frühen Ta­rif­ab­schluss der CG­ZP mas­siv un­ter Druck ge­setzt. Erst kürz­lich hieß es aus DGB-Krei­sen, dass es oh­ne den Vor­s­toß der CG­ZP wohl gar kei­ne Ta­rif­verträge im Be­reich Zeit­ar­beit ge­ge­ben hätte.

Ins­be­son­de­re dem be­kann­ten DGB-Mit­glied ver.di war und ist die CG­ZP ein Dorn im Au­ge. Ver.di be­zwei­felt die Ta­riffähig­keit die­ser Ver­ei­ni­gung und da­mit letzt­lich die Wirk­sam­keit der von ihr ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträge. Die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Or­ga­ni­sa­tio­nen wur­de zu­neh­mend ag­gres­siv geführt und gip­fel­te in ei­nem Sta­tus­ver­fah­ren nach § 97 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG).

In die­sem Rah­men muss­te das erst­in­stanz­lich zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Ber­lin in sei­nem Be­schluss vom 01.04.2009 (35 BV 170008/08) die fol­gen­de „ein­fa­che“ Fra­ge klären: Ist die CG­ZP ta­riffähig?

Der Streitfall: Massive Anhaltspunkte für Arbeitgeberinteressen an der Gründung und den "Tarifverträgen" der CGZP

Die CG­ZP wur­de zeit­gleich mit Einführung des equal pay­ment und der ta­rif­ver­trag­li­chen Ab­wei­chungsmöglich­keit ge­gründet. Die ers­te Sat­zung stammt vom 11.12.2002 und wur­de un­ter­schrie­ben von der Christ­li­chen Ge­werk­schaft Me­tall (CGM), der Ge­werk­schaft Öffent­li­cher Dienst und Dienst­leis­tun­gen (GÖD), der Christ­li­chen Ge­werk­schaft Post­ser­vice und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on (CGPT), der DHV - Die Be­rufs­ge­werk­schaft e. V. im CGB und schließlich von dem Ver­band Deut­scher Tech­ni­ker (VDT).

Eben­falls zeit­wei­se Mit­glied in der CG­ZP war die Uni­on Ga­ny­med, ei­ne Fach­ge­werk­schaft der Ho­tel-, Re­stau­rant- und Café-An­ge­stell­ten. Wie auch der VDT ist sie je­doch zwi­schen­zeit­lich aus­ge­tre­ten.

Ih­rer Selbst­dar­stel­lung zu Fol­ge wur­de die CG­ZP ge­gründet, "um nach den er­folg­ten ge­setz­li­chen Verände­run­gen im Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz (AÜG) für die Beschäftig­ten der Zeit­ar­beits­bran­che ei­nen rechts­si­che­ren ta­rif­li­chen Zu­stand her­zu­stel­len."

Aus­weis­lich der Sat­zung han­delt es sich (an­ders als der Ei­gen­na­me sug­ge­riert) nicht um ei­ne "Ta­rif­ge­mein­schaft" im herkömmli­chen Sin­ne, son­dern um ei­ne Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on nach § 2 Abs.3 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (TVG). Die Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten ha­ben in der Sat­zung ih­re "Ta­rif­ho­heit für die Bran­che der Zeit­ar­beit an die Ta­rif­ge­mein­schaft ab­ge­tre­ten".

Schon im ers­ten Jahr nach ih­rer Gründung schloss die CG­ZP - am 24.02.2003 - ei­nen Ta­rif­ver­trag für die Zeit­ar­beits­bran­che, der wie erwähnt ei­ne beträcht­li­che „Len­kungs­wir­kung“ für die Ab­schlüsse des DGB hat­te. Es folg­ten zahl­rei­che Fir­men­ta­rif­verträge, wo­bei die kon-kre­ten Zah­len je nach Quel­le zwi­schen 50 und 200 schwan­ken.

Die Zeit­ar­beits­ta­rif­verträge 2007/2008 se­hen in den ers­ten sechs Mo­na­ten der Beschäfti­gung ei­nen St­un­den­lohn von 6,40 Eu­ro brut­to (West) bzw. 5,70 Eu­ro brut­to (Ost) vor. Erst da­nach erhöht sich der Lohn auf 7,07 Eu­ro bzw. 5,77 Eu­ro. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass die meis­ten Zeit­ar­beits­verhält­nis­se kei­ne drei Mo­na­te be­ste­hen, ei­ne „in­ter­es­san­te“ Ge­stal­tung. Zum Ver­gleich: Im An­wen­dungs­be­reich der DGB-Verträge müssen durch­ge­hend 7,15 Eu­ro / 7,38 Eu­ro (West) bzw. 6,06 Eu­ro / 6,42 Eu­ro (Ost) ge­zahlt wer­den. Im übri­gen gibt es zahl­rei­che von der CG­ZP ver­ein­bar­te Fir­men­ta­rif­verträge, die im Ver­gleich zu dem Ver­bands­ta­rif­ver­trag der CG­ZP noch ungüns­ti­ge­re Be­din­gun­gen ent­hal­ten.

Trau­ri­ge Berühmt­heit er­lang­te die CG­ZP En­de 2007 durch ei­nen Be­richt des Po­li­tik­ma­ga­zins Re­port Mainz im Ers­ten. Das Ma­ga­zin hat­te bei ei­nem Un­ter­neh­men in Wup­per­tal ei­nen CG­ZP-Haus­ta­rif mit ei­nem St­un­den­lohn von 4,81 Eu­ro brut­to im Hel­fer­be­reich aus­fin­dig ge­macht. Be­son­ders anrüchig war, dass der Ar­beit­ge­ber an­schei­nend bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern zu­sam­men mit dem Ar­beits­ver­trag ei­ne Bei­tritts­erklärung zur christ­li­chen Ge­werk­schaft mit ei­ner Re­ge­lung über die Abführung des Bei­trags durch den Ar­beit­ge­ber (!) vor­leg­te.

Un­klar ist, wie vie­le Ar­beit­neh­mer die CG­ZP über­haupt (mit­tel­bar) ver­tritt. Häufi­ger ge­nannt wer­den et­wa 100.000 Mit­glie­der der CGM und 80.000 Mit­glie­der der DHV. Die­se Zah­len wer­den vom DGB und sei­nen Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten ve­he­ment be­strit­ten und konn­ten bis­her von der CG­ZP nicht un­ter Be­weis ge­stellt wer­den. Zu­dem er­gibt sich aus die­sen all­ge­mei­nen An­ga­ben nicht, wie hoch der An­teil der or­ga­ni­sier­ten Leih­ar­beit­neh­mer ist.

Über die Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der CG­ZP ist, selbst nach ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Auf­la­gen, nichts Sub­stan­zi­el­les be­kannt.

Ins­ge­samt be­ste­hen auf­grund von durch­ge­hend äußerst ar­beit­ge­ber­freund­li­chen Ta­rif­ab­schlüs-sen und ei­ner we­nig trans­pa­ren­ten Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur Zwei­fel an der Ta­riffähig­keit der CG­ZP. Vor die­sem Hin­ter­grund be­an­trag­ten der DGB, ver.di und die Ber­li­ner Se­nats­ver­wal­tung In­te­gra­ti­on, Ar­beit und So­zia­les En­de 2008 vor dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin die Durchführung ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Kon­troll­ver­fah­rens zur Klärung die­ser Fra­ge.

Arbeitsgericht Berlin: Die CGZP ist keine Gewerkschaft, da sie keine Durchsetzungskraft zugunsten der Leiharbeitnehmer hat

Nach Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts Ber­lin ist die CG­ZP nicht ta­riffähig (Be­schluss vom 01.04.2009, 35 BV 17008/08). Doch schon jetzt dürf­te fest­ste­hen, dass die­se Ent­schei­dung nicht so bald rechts­kräftig wird. Noch am Tag des Verkündungs­ter­mins kündig­te die CG­ZP er­war­tungs­gemäß Rechts­mit­tel an.

Die­se "Run­de" im Streit um die Ta­riffähig­keit der CG­ZP hat al­ler­dings min­des­tens drei Ver­lie­rer: Die CG­ZP – und den DGB und ver.di.

Das ArbG Ber­lin sprach dem DGB und ver.di nämlich die (sach­li­che) Ta­rif­zuständig­keit für die ge­werb­li­che Ar­beit­neh­merüber­las­sung ab, da sich die­se Auf­ga­be nicht aus den Ge­werk­schafts­sat­zun­gen er­gab. Es wies de­ren Anträge da­her als un­zulässig zurück. Nur der An­trag der Ber­li­ner Se­nats­ver­wal­tung war zulässig, da sie in ih­rer Ei­gen­schaft als obers­te Ar­beits­behörde des Lan­des Ber­lin an­trags­be­rech­tigt ist.

In der Sa­che ver­nein­te das Ge­richt so­wohl ei­ne ei­ge­ne Ta­riffähig­keit der CG­ZP als auch ei­ne von ih­ren Mit­glie­dern ab­ge­lei­te­te Ta­riffähig­keit.

Nach Auf­fas­sung des Ge­richts müssen für ei­ne Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on die glei­chen Maßstäbe gel­ten wie für ei­ne Ge­werk­schaft. Maßgeb­lich ist da­mit die Durch­set­zungs­kraft ("so­zia­le Mäch­tig­keit") der Or­ga­ni­sa­ti­on.

Nor­ma­ler­wei­se wird die­se nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) durch ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­verträge be­legt. Wer vie­le Ta­rif­verträge ab­sch­ließt, wird of­fen­bar als Ver­trags­part­ner ernst ge­nom­men und kann sich durch­set­zen - so die The­se für den Re­gel­fall.

Im Zeit­ar­beits­sek­tor be­steht aber die Möglich­keit, durch Ta­rif­verträge vom "equal pay" ab­zu­wei­chen. Ar­beit­ge­ber ha­ben da­her ein ganz spe­zi­el­les ei­ge­nes In­ter­es­se an Ta­rif­verträgen – am bes­ten natürlich mit Part­nern, die möglichst schwach sind. Die "Re­gel­fall­ver­mu­tung" passt al­so für die Leih­ar­beit nicht.

Oh­ne die­ses In­diz je­doch blieb der CG­ZP we­nig bis nichts, um ih­re "Mäch­tig­keit" zu be­le­gen. We­der Mit­glie­der­bestände noch hin­rei­chen­de Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren konn­te sie - trotz ge­richt­li­chen Nach­fra­gens im Ver­fah­ren be­le­gen. Die Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten wie­der­um hat­ten in der Sat­zung ih­re "Macht" im Leih­ar­beits­be­reich auf­ge­ge­ben und konn­ten da­mit zur "Macht" der CG­ZP nichts mehr bei­tra­gen.

Der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts ist ei­ne zu recht kurz ge­hal­te­ne und nach­voll­zieh­bar be­gründe­te Ent­schei­dung, die ei­nen Zwi­schen­schritt auf dem Weg zum BAG dar­stellt, oh­ne in­halt­lich grund­le­gend neue As­pek­te zum The­ma der Ta­riffähig­keit bei­zu­tra­gen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, ha­ben das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg und auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt über den Fall ent­schie­den und bestätigt, dass die CG­ZP kei­ne wirk­sa­men Ta­rif­verträge ab­sch­ließen kann. Die Ent­schei­dun­gen des LAG und des BAG so­wie ei­ne Kom­men­tie­rung die­ser Ent­schei­dun­gen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 9. Juni 2014

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