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Die deut­sche Un­fall­ver­si­che­rung ver­stößt nicht ge­gen das Eu­ro­pa­recht.

Die zwin­gen­de Mit­glied­schaft von Ar­beit­ge­bern in den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten als Trä­ger der Un­fall­ver­si­che­rung ist rech­tens: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 05.03.2009, C-350/07 (Katt­ner gg. Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft)

29.04.2009. Als Ar­beit­ge­ber ist man recht­lich da­zu ver­pflich­tet, zum Schut­ze der Ar­beit­neh­mer stän­dig den Geld­beu­tel auf­zu­ma­chen.

Die Lis­te der so­zia­len und da­mit fi­nan­zi­el­len Las­ten, die Ar­beit­ge­ber in Deutsch­land tra­gen müs­sen, ist ziem­lich lang ge­wor­den. Und so kommt es vor, dass Ar­beit­ge­ber hin und wie­der an ih­ren Ket­ten rüt­teln und ein­zel­ne Be­las­tun­gen recht­lich in Fra­ge stel­len.

So auch ein me­tall­ver­ar­bei­ten­des Un­ter­neh­men aus Sach­sen, die Katt­ner Stahl­bau GmbH, die sich recht­lich ge­gen ih­re zwangs­wei­se Mit­glied­schaft in der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft wehr­te.

Im Er­geb­nis oh­ne Er­folg: Vor kur­zem hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hofs (EuGH) im Fall Katt­ner be­stä­tigt, dass die deut­sche Un­fall­ver­si­che­rung, d.h. die für Ar­beit­ge­ber zwin­gen­de Mit­glied­schaft bei den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten als den Trä­gern der Un­fall­ver­si­che­rung, mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist: EuGH, Ur­teil vom 05.03.2009, C-350/07 - Katt­ner gg. Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft.

Verstößt es gegen die Rechte von Arbeitgebern, sie gegen ihren Willen in Berufsgenossenschaften hineinzuzwingen?

In Deutsch­land ist das ge­setz­li­che Sys­tem der Un­fall­ver­si­che­rung im Sieb­ten Buch des So­zi­al­ge­setz­buchs (SGB VII) ge­re­gelt. Auf die­ser Grund­la­ge müssen al­le Un­ter­neh­men ei­ner der für sie sach­lich und ört­lich zuständi­gen 25 Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten (BG) bei­tre­ten.

Die Zwangs­mit­glied­schaft und das da­mit ver­bun­de­ne Ver­si­che­rungs­mo­no­pol der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten führ­te in den letz­ten Jah­ren im­mer wie­der zu Zwei­feln dar­an, ob das Sys­tem der deut­schen ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung mit der Ver­fas­sung und mit dem eu­ropäischen Ge­mein­schafts­recht zu ver­ein­ba­ren sei.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt (BSG) hat in den letz­ten Jah­ren mehr­fach zu die­ser Fra­ge Stel­lung ge­nom­men (BSG, Ur­teil vom 11.11.2003, B 2 U 16/03 R; Ur­teil vom 09.05.2006, B 2 U 34/05 R; Ur­teil vom 20.03.2007, B 2 U 9/06 R). Da­bei ent­schied es im­mer, dass die Pflicht­mit­glied­schaft recht­lich un­be­denk­lich sei. Es stütz­te sich da­bei im We­sent­li­chen auf ein Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes (EuGH) zur ita­lie­ni­schen Un­fall­ver­si­che­rung (EuGH, Ur­teil vom 22.01.2002, C-218/00, Ci­sal ./. INAIL). Da das deut­sche Un­fall­ver­si­che­rungs­sys­tem in sei­nen Grundzügen dem ita­lie­ni­schen Sys­tem ent­spre­che, sei die da­zu er­gan­ge­ne EuGH-Recht­spre­chung auf Deutsch­land über­trag­bar.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) nahm ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das BSG-Ur­teil vom 11.11.2003 nicht zur Ent­schei­dung an, was ein Hin­weis dar­auf ist, dass die Recht­spre­chung des BSG vom BVerfG auch künf­tig nicht be­an­stan­det wer­den dürf­te.

Trotz die­ser deut­li­chen Ten­denz in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung hat­te das säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der Pflicht­mit­glied­schaft in der ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung und leg­te die­se Fra­ge dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) als Er­su­chen um Vor­ab­ent­schei­dung nach Art. 234 des Ver­tra­ges zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft (EG) vor. Über die­se Vor­la­ge­fra­ge ent­schied der EuGH mit Ur­teil vom 05.03.2009, C-350/07.

Ein Fall geht durch die Instanzen: Die Kattner Stahlbau GmbH wills wissen

Die Kläge­rin in dem vor dem LSG anhängi­gen Ver­fah­ren, die Katt­ner Stahl­bau GmbH, kündig­te En­de 2004 ih­re Pflicht­mit­glied­schaft bei der für sie fach­lich zuständi­gen Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft (MMB). Da­bei erklärte sie ih­re Ab­sicht, sich künf­tig bei ei­nem däni­schen Un­ter­neh­men pri­vat ge­gen die be­ste­hen­den Ri­si­ken zu ver­si­chern.

Die MMB teil­te ihr dar­auf­hin per Be­scheid mit, ein Aus­tritt bzw. ei­ne Kündi­gung sei recht­lich nicht möglich. Ge­gen die­sen Be­scheid - und da­mit ge­gen die MMB - er­hob die Katt­ner GmbH Kla­ge beim So­zi­al­ge­richt Leip­zig. Das So­zi­al­ge­richt wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 21.11.2005, S 7 U 90/05).

Die Kläge­rin mach­te dar­auf­hin in ih­rer Be­ru­fung vor dem Säch­si­schen LAG gel­tend, die Zwangs­mit­glied­schaft be­ein­träch­ti­ge sie in ih­rer pas­si­ven Dienst­leis­tungs­frei­heit (Art. 49, 50 EG). Außer­dem ver­s­toße die Aus­sch­ließlich­keits­stel­lung der Be­klag­ten ge­gen das Mo­no­pol­ver­bot aus Art. 82, 86 EG.

Das Säch­si­sche LSG setz­te das Ver­fah­ren aus (Be­schluss vom 24.07.2007, L 6 U 2/06) und stell­te dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof die Fra­ge, ob die be­klag­te Un­fall­ver­si­che­rung ein „Un­ter­neh­men“ im Sin­ne der Art. 81 und 82 EG sei und ob die Pflicht­mit­glied­schaft der Kläge­rin ge­gen ge­mein­schafts­recht­li­che Vor­schrif­ten ver­s­toße. Art. 81 und 82 EG ver­bie­ten Un­ter­neh­men mit wirt­schaft­li­cher Ziel­set­zung die Bil­dung von Kar­tel­len und die miss­bräuch­li­che Aus­nut­zung ei­ner markt­be­herr­schen­den Stel­lung.

In der Vor­la­ge­ent­schei­dung stell­te sich das LSG auf den Stand­punkt, es ge­be er­heb­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen dem deut­schen Sys­tem und dem ita­lie­ni­schen Sys­tem, so dass die zu die­sem er­gan­ge­ne Recht­spre­chung des EuGH kei­ne aus­rei­chen­de Klar­heit brin­ge.

EuGH: Die Pflichtmitglied­schaft von Arbeitgebern in den Berufsgenossens­chaften als Träger der Unfallver­sicherung ist rechtens

In sei­nem Ur­teil vom 05.03.2009 (C-350/07) bestätig­te der EuGH die Rechts­auf­fas­sung des BSG und des BVerfG. Ei­ne BG ist dem­nach kein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 und 82 EG, denn sie übt kei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus.

Da­bei ver­weist der Ge­richts­hof auf den so­zia­len Zweck der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, nämlich die Mit­wir­kung am Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit. Zu­dem set­ze das deut­sche Un­fall­ver­si­che­rungs­sys­tem den "Grund­satz der So­li­da­rität" um, da die Ver­si­che­rung durch Beiträge fi­nan­ziert wer­de, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal dem Ri­si­ko ent­spre­che. Sch­ließlich un­terlägen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten der staat­li­chen Auf­sicht.

Die zwei­te Vor­la­ge­fra­ge be­ant­wor­tet der Ge­richts­hof in der Wei­se, dass die Zwangs­mit­glied­schaft von Un­ter­neh­men in BGs nicht ge­gen Ge­mein­schafts­recht ver­s­toße. Zwar be­schränke das deut­sche Sys­tem der Un­fall­ver­si­che­rung die Dienst­leis­tungs­frei­heit ausländi­scher Ver­si­che­rungs­an­bie­ter. Die­se Be­schränkung sei je­doch durch über­wie­gen­de Gründe des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt, nämlich durch das Ziel, das „fi­nan­zi­el­le Gleich­ge­wicht“ ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit zu gewähr­leis­ten.

Da­mit sind die in den letz­ten Jah­ren geäußer­ten Zwei­fel an der ge­mein­schafts­recht­li­chen Zulässig­keit der deut­schen ge­setz­li­chen Un­fall­ver­si­che­rung prak­tisch vorm Tisch. Das Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs un­ter­mau­ert die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung deut­scher Ge­rich­te. Von der Bun­des­re­gie­rung wur­de die­ses Ur­teil dem­ent­spre­chend mit Er­leich­te­rung auf­ge­nom­men (Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les, Pres­se­mel­dung vom 06.03.2009).

An­de­rer­seits macht das Ur­teil in Sa­chen Katt­ner aber auch deut­lich, dass die Ver­ein­bar­keit des Un­fall­ver­si­che­rungs­sys­tems mit dem EU-Recht kei­ne Selbst­verständ­lich­keit ist, son­dern viel­mehr von sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen abhängig ist, nämlich un­ter an­de­rem von ei­nem so­li­da­ri­schen Aus­gleich von Ri­si­ken.

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Letzte Überarbeitung: 25. Januar 2014

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