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Dop­pel­te Schrift­form­klau­sel fällt bei AGB-Kon­trol­le durch

Der Spiel­raum für Schrift­form­klau­seln in For­mu­lar­ar­beits­ver­trä­gen wird im­mer klei­ner: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.05.2008, 9 AZR 382/07

25.06.2008. Vor­for­mu­lier­te Ar­beits­ver­trä­ge ent­hal­ten oft ei­ne Klau­sel, der zu­fol­ge Ver­trags­än­de­run­gen nur wirk­sam sind, wenn sie schrift­lich fest­ge­hal­ten wer­den.

Sol­che Schrift­form­klau­seln kön­nen auch dop­pelt ge­näht wer­den und hei­ßen dann "dop­pel­te" bzw. „qua­li­fi­zier­te“ Schrift­form­klau­seln.

Dop­pel­te Schrift­form­klau­seln be­sa­gen, dass nicht nur Ver­trags­än­de­run­gen, son­dern auch ein Ver­zicht auf die Ein­hal­tung der Schrift­form nur wirk­sam ist, wenn er schrift­lich ver­ein­bart wird. Nach ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ha­ben sol­che Klau­seln kei­nen recht­li­chen Be­stand: BAG, Ur­teil vom 20.05.2008, 9 AZR 382/07.

Was geht vor, eine vertragliche Schriftformklausel oder ihr einvernehmliches Außerkraftsetzen durch eine nicht schriftliche Vereinbarung?

Schrift­li­che Ar­beits­verträge wer­den nicht für je­des Ar­beits­ver­trags­verhält­nis neu ent­wi­ckelt. In der Re­gel wer­den vor­for­mu­lier­te Ver­trags­wer­ke, die der Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig aus­ge­ar­bei­tet hat, ver­wen­det. Ein­sei­tig vor­for­mu­lier­te Ver­trags­be­din­gun­gen, die der Ver­wen­der für ei­ne Viel­zahl von Verträgen vor­for­mu­liert hat und der an­de­ren Ver­trags­par­tei bei Ver­trags­ab­schluss zur Un­ter­schrift vor­gibt, un­ter­lie­gen als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) der recht­li­chen Kon­trol­le am Maßstab der §§ 305 ff. Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Vor­for­mu­lier­te Ar­beits­verträge ent­hal­ten oft Schrift­form­klau­seln, de­nen zu­fol­ge Ände­run­gen oder Ergänzun­gen des Ver­tra­ges nur wirk­sam sind, wenn sie schrift­lich fest­ge­hal­ten wer­den.

Da die Ver­trags­par­tei­en ih­ren Ver­trag al­ler­dings je­der­zeit ändern und da­her auch form­frei (münd­lich oder still­schwei­gend) von ih­rer ei­ge­nen Schrift­form­ver­ein­ba­rung wie­der ab­wei­chen können, tau­gen Schrift­form­klau­seln we­nig, wenn sie nicht als dop­pel­te oder „qua­li­fi­zier­te“ Klau­seln ab­ge­fasst sind. Sol­che Schrift­form­klau­seln be­sa­gen, dass nicht nur Ver­tragsände­run­gen im All­ge­mei­nen, son­dern auch ein Ver­zicht auf die Ein­hal­tung der Schrift­form nur wirk­sam ist, wenn er schrift­lich ver­ein­bart bzw. fest­ge­hal­ten wird.

Ha­ben die Par­tei­en des Ar­beits­ver­trags ei­ne dop­pel­te Schrift­form ver­ein­bart, fragt sich al­ler­dings, ob später über­haupt noch münd­li­che Ver­ein­ba­run­gen ge­trof­fen wer­den können. Das Ge­setz setzt dies im All­ge­mei­nen vor­aus, in­dem es in § 305b BGB be­stimmt, dass in­di­vi­du­el­le Ver­trags­ab­re­den Vor­rang vor AGB ha­ben.

Aus die­ser ge­setz­li­chen Re­ge­lung bzw. aus ih­rer Vorgänger­norm im AGB-Ge­setz hat die Recht­spre­chung der Zi­vil­ge­rich­te in ei­ni­gen Ent­schei­dun­gen den Schluss ge­zo­gen, dass der ge­ne­rel­le Aus­schluss der Wirk­sam­keit münd­lich ge­trof­fe­ner Ein­zelab­re­den ge­gen das ge­setz­li­che Prin­zip des Vor­rangs der In­di­vi­dua­la­b­re­de ver­s­toße und da­her kei­nen recht­li­chen Be­stand ha­be.

Frag­lich und bis­her durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) nicht ent­schie­den ist, ob die­se Recht­spre­chung auch für Ar­beits­verträge gilt. Da­bei kommt es nicht nur auf § 305b BGB an, son­dern auch auf § 307 Abs.1 Satz 1 BGB. Da­nach sind Be­stim­mun­gen in AGBs un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen.

Ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung kann sich nach Satz 2 die­ser Vor­schrift auch dar­aus er­ge­ben, dass die Be­stim­mung nicht klar und verständ­lich ist. Den Vor­wurf der Un­verständ­lich­keit könn­te man ge­genüber ar­beits­ver­trag­li­chen dop­pel­ten Schrift­form­klau­seln er­he­ben, da die­se den Ar­beit­neh­mer im Un­kla­ren darüber las­sen, ob es über­haupt zulässig ist, durch münd­li­che In­di­vi­dua­la­b­re­den von dem „Klein­ge­druck­ten“ im Ar­beits­ver­trag ab­zu­wei­chen.

Mit die­sen Fra­gen hat­te sich das BAG in sei­nem Ur­teil vom 20.05.2008 aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Der Streitfall: Mietkostenersatz für Auslandsbeschäftigten auf der Basis einer formlosen Ergänzung des Arbeitsvertrags

Ge­klagt hat­te ein Ar­beit­neh­mer, der zum 06.05.2002 als Büro­lei­ter/Kan­ton, Chi­na beschäftigt war. Der Kläger be­wohn­te mit sei­nem Le­bens­gefähr­ten, der beim glei­chen Ar­beit­ge­ber ar­bei­te­te, ei­ne Woh­nung in Chi­na.

Mie­ter war der Kläger. Er über­sand­te dem Ar­beit­ge­ber mo­nat­lich Ex­cel-Ta­bel­len, die ei­ne Auf­stel­lung des mo­nat­li­chen Bud­gets ent­hiel­ten, u.a. die mo­nat­li­che Mie­te von um­ge­rech­net 2.301,91 EUR. Die­se Auf­wen­dun­gen, u.a. auch die Mie­te, wur­den mo­nat­lich vom Ar­beit­ge­ber er­stat­tet, ob­wohl der schrift­li­che Ar­beits­ver­trag ei­ne sol­che Pflicht nicht ent­hielt.

Im Au­gust 2005 kündig­te der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­verhält­nis frist­los. Ge­gen die­se Kündi­gung ging der Kläger ge­richt­lich vor und er­reich­te im­mer­hin, dass der Ar­beit­ge­ber die Kündi­gungs­fris­ten ein­hal­ten muss­te. Bei der Ge­le­gen­heit klag­te er auch die Er­stat­tung von Miet­kos­ten für neun Mo­na­te (20.717,19 EUR) ein, die der Be­klag­te zu­letzt nicht mehr hat­te zah­len wol­len.

Im Streit um die Miet­kos­ten be­rief sich der Ar­beit­ge­ber auf das von ihm aus­ge­ar­bei­te­te und dem Ar­beit­neh­mer bei Ver­trags­ab­schluss ge­stell­te ar­beits­ver­trag­li­che Klau­sel­werk. Die­ses ent­hielt u.a. fol­gen­de Re­ge­lung:

„Ände­run­gen und Ergänzun­gen die­ses Ver­tra­ges sind, auch wenn sie be­reits münd­lich ge­trof­fen wur­den, nur wirk­sam, wenn sie schrift­lich fest­ge­legt und von bei­den Sei­ten un­ter­zeich­net wor­den sind. Dies gilt auch für den Ver­zicht auf das Schrift­for­mer­for­der­nis.“

Das Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach wies die Kla­ge mit Ur­teil vom 24.11.2006, 7 CA 3670/05 hin­sicht­lich der Er­stat­tung der Miet­kos­ten ab. In dem dar­auf­hin geführ­ten Be­ru­fungs­ver­fah­ren hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf die Ar­beit­ge­be­rin zur Zah­lung der Mie­ten ver­ur­teilt, die Re­vi­si­on je­doch zu­ge­las­sen (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 13.04.2007, 9 Sa 143/07).

Das LAG sah in der ar­beit­ge­ber­sei­tig vor­ge­ge­be­nen Schrift­form­klau­sel ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers mit der Fol­ge, dass es die Re­ge­lung als un­wirk­sam an­sah. Die Un­wirk­sam­keit er­gibt sich nach An­sicht des LAG al­ler­dings nicht aus § 305b BGB, da zwi­schen den Par­tei­en kei­ne Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen wor­den sei, dass die Ar­beit­ge­be­rin die Woh­nungs­mie­te er­stat­ten müsse.

Es han­de­le sich hier viel­mehr um ei­nen An­spruch aus be­trieb­li­cher Übung, wes­we­gen §305b BGB un­an­wend­bar sei. Un­ter ei­ner be­trieb­li­chen Übung ver­steht man die re­gelmäßige Wie­der­ho­lung be­stimm­ter Ver­hal­tens­wei­sen des Ar­beit­ge­bers, aus de­nen der Ar­beit­neh­mer dar­auf schließen kann, dass ihm ei­ne Leis­tung oder Vergüns­ti­gung dau­er­haft zu­kom­men soll.

Der Kläger ha­be vor­lie­gend aus den mo­nat­li­chen Er­stat­tun­gen der in das Bud­get auf­ge­nom­me­nen Mie­ten dar­auf schließen können, dass die Mie­ten auch wei­ter­hin er­stat­tet wer­den würden, dies auch des­halb, weil auch an­de­ren Ar­beit­neh­mern die Mie­ten er­stat­tet wur­den.

Die Un­wirk­sam­keit der Schrift­form­klau­sel er­gibt sich da­her nach An­sicht des LAG Düssel­dorf aus § 307 Abs.1 BGB, da die Klau­sel den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen der Ge­bo­te von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­ge. Die Ar­beit­ge­be­rin ha­be kein zu bil­li­gen­des In­ter­es­se dar­an, ge­ne­rell da­vor geschützt zu sein, dass mit Per­so­nal­din­gen be­fass­te und in die­sem Rah­men all­ge­mein ver­tre­tungs­be­rech­tig­te Mit­ar­bei­ter nach Ar­beits­ver­trags­schluss, d.h. im We­ge der in­di­vi­du­el­len Ver­trags­ergänzung Leis­tun­gen zu­sa­gen würden.

Da die im vor­lie­gen­den Fall strit­ti­ge Klau­sel sämt­li­che Ände­run­gen oder Ergänzun­gen des Ver­tra­ges oh­ne Ein­hal­tung der Schrift­form für un­wirk­sam erkläre und kei­ne an­der­wei­ti­ge Re­ge­lung für münd­li­che Ver­ein­ba­run­gen tref­fe, er­fas­se die Klau­sel auch Ver­ein­ba­run­gen, an de­ren Ver­hin­de­rung die Ar­beit­ge­be­rin kein schützens­wer­tes In­ter­es­se ha­be. Da­her sei die klau­selmäßig ver­ein­bar­te ge­ne­rel­le Un­wirk­sam­keit münd­li­cher In­di­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen ei­ne un­an­ge­mes­sen Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers und da­her gemäß § 307 Abs.1 BGB un­wirk­sam.

Da es die Schrift­form­klau­sel für un­wirk­sam hielt, ge­stand das LAG dem Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf Er­stat­tung der Mie­ten aus be­trieb­li­cher Übung zu. Ge­gen die­se Ent­schei­dung rich­tet sich die Re­vi­si­on der Ar­beit­ge­be­rin.

BAG: Doppelte Schriftformklauseln sind unklar und damit unwirksam, wenn sie nicht deutlich machen, dass individuelle Vereinbarungen immer vorgehen

Das BAG hat sich mit Ur­teil vom 20.05.2008 (9 AZR 382/07) der Mei­nung des LAG Düssel­dorf an­ge­schlos­sen und der Kla­ge statt­ge­ge­ben. So­weit den bis­lang vor­lie­gen­den An­ga­ben der Pres­se­mit­tei­lung ent­nom­men wer­den kann, geht das BAG da­von aus, dass die Schrift­form­klau­sel des For­mu­lar­ar­beits­ver­tra­ges we­gen un­an­ge­mes­se­ner Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers gemäß § 307 Abs.1 BGB un­wirk­sam sei.

Das BAG be­zieht sich wei­ter­hin auf § 305b BGB, d.h. auf den grundsätz­li­chen Vor­rang in­di­vi­du­el­ler Ab­re­den vor AGB-Re­ge­lun­gen. Das im vor­lie­gen­den Fall ver­ein­bar­te dop­pel­te Schrift­for­mer­for­der­nis ver­mit­te­le den Ein­druck, dass münd­li­che in­di­vi­du­el­le Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en man­gels Ein­hal­tung der Schrift­form ge­ne­rell nicht möglich bzw. gemäß § 125 Satz 2 BGB nich­tig sei­en. Dies ste­he aber dem Schutz­zweck des § 305b BGB ent­ge­gen, der ge­ra­de den in­di­vi­du­el­len Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Par­tei­en den Vor­rang vor den Re­ge­lun­gen des For­mu­lar­ver­tra­ges einräume.

Fa­zit: Die Ur­tei­le des LAG Düssel­dorf und des BAG sind im Er­geb­nis rich­tig, doch ist die Be­gründung, d.h. der Ver­weis auf § 307 Abs.1 BGB we­nig über­zeu­gend. Die we­sent­li­che Fra­ge lau­tet nicht, wel­cher Ein­druck beim Ar­beit­neh­mer hin­sicht­lich der Abänder­bar­keit des ar­beits­ver­trag­li­chen Klau­sel­wer­kes im We­ge form­lo­ser In­di­vi­dua­la­b­re­den ent­steht, son­dern ob form­freie In­di­vi­dua­la­b­re­den Vor­rang ha­ben - oder eben nicht.

Die­se Fra­ge ist aber un­ter Her­an­zie­hung von § 305b BGB zu klären. Da­bei kann man ru­hig vor­aus­set­zen, dass ei­ne „be­trieb­li­che Übung“ letzt­lich nichts wei­ter ist als ei­ne be­son­de­re Form der ein­ver­nehm­li­chen form­frei­en Ver­trags­ergänzung, die auch „in­di­vi­du­el­len“ Cha­rak­ter im Sin­ne von § 305b BGB hat, da sie im Verhält­nis zum ar­beits­ver­trag­li­chen Klau­sel­werk ei­nen be­son­de­ren bzw. in­di­vi­du­el­len Sta­tus hat.

Ar­beit­ge­ber soll­ten da­her künf­tig auf dop­pel­te Schrift­form­klau­seln ver­zich­ten bzw. die­se durch Re­ge­lun­gen er­set­zen, in de­nen kon­kret be­zeich­ne­te ver­trag­li­che Ände­run­gen - et­wa sol­che, die dem Ar­beit­neh­mer Ansprüche auf Ge­halt oder Kos­ten­er­stat­tung ver­schaf­fen – von der (aus­drück­li­chen oder form­frei­en) Zu­stim­mung kon­kret be­zeich­ne­ter Ver­tre­tungs­per­so­nen abhängig ge­macht wer­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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