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Ein­grup­pie­rung als Ober­arzt

Ent­schei­dung zum TV-Ärz­te: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 09.12.2009, 4 AZR 841/08

05.01.2010. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat Grund­sät­ze für die Ein­grup­pie­rung ei­nes Ober­arz­tes nach dem TV-Ärz­te auf­ge­stellt.

Lei­tet der Arzt sei­nen An­spruch auf Ver­gü­tung nach der Ober­arzt-Ver­gü­tungs­grup­pe Ä3 dar­aus ab, dass der Ar­beit­ge­ber ihm die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für ei­nen Teil- oder Funk­ti­ons­be­reich der Kli­nik über­tra­gen ha­be, kommt es nach An­sicht des BAG dar­auf an, ob er die­se me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung al­lein trägt oder mit ei­nem an­de­ren Arzt zu­sam­men, und ob ihm min­des­tens ein Fach­arzt un­ter­stellt ist: BAG, Ur­teil vom 09.12.2009, 4 AZR 841/08.

Wer ist Oberarzt nach dem TV-Ärzte?

Der vom Mar­bur­ger Bund ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an Uni­ver­sitätskli­ni­ken vom 30.10.2006 („TV-Ärz­te“) hat in Ab­wei­chung von der zu­vor für Ärz­te im Kran­ken­haus­dienst gel­ten­den (BAT-)Ta­rif­sys­te­ma­tik erst­mals ei­ne be­son­de­re ta­rif­li­che Ent­gelt­grup­pe für Oberärz­te ein­geführt, nämlich die Ent­gelt­grup­pe Ä3. Ihr zu­fol­ge er­hal­ten Oberärz­tin­nen bzw. Oberärz­te ei­ne höhe­re Vergütung als Fachärz­te, die nach Ä2 vergütet wer­den.

Kaum war die neue Ta­rif­grup­pe der Oberärz­te am 01.11.2006 in Kraft ge­tre­ten, ent­stand in vie­len Häusern Streit darüber, ob alt­ge­dien­te Oberärz­te auch die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne ih­rem Ti­tel ent­spre­chen­de ta­rif­li­che Ein­grup­pie­rung erfüll­ten. Nicht je­der Arzt, der im Kli­nik­all­tag den Ti­tel „Ober­arzt“ führt, kann auch ei­ne ta­rif­li­che Be­zah­lung gemäß Ent­gelt­grup­pe Ä3 ver­lan­gen, d.h. er kann es nur dann, wenn er in sei­ner Per­son die ta­rif­li­chen Ein­grup­pie­rungs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt.

Ober­arzt im Sin­ne von § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1) ist der­je­ni­ge Arzt (nicht un­be­dingt: Fach­arzt), dem die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­che der Kli­nik bzw. Ab­tei­lung vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen wor­den ist. Außer­dem ist Ober­arzt im Sin­ne von § 12 TV-Ärz­te (Ent-gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 2) auch der­je­ni­ge Fach­arzt in ei­ner durch den Ar­beit­ge­ber über­tra­ge­nen Spe­zi­al­funk­ti­on, für die die­ser ei­ne er­folg­reich ab­ge­schlos­se­ne Schwer­punkt- oder Zu­satz­wei­ter­bil­dung nach der Wei­ter­bil­dungs­ord­nung for­dert.

Bei der Rechts­an­wen­dung be­son­ders um­strit­ten wa­ren in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Vor­aus­set­zun­gen der Ober­arz­t­ein­grup­pie­rung gemäß § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1), da die meis­ten tra­di­tio­nell als Oberärz­te geführ­ten Kli­nikärz­te ei­ne spe­zi­fi­sche, eben oberärzt­li­che Ver­ant­wor­tung für ei­nen Kli­nik­be­reich, meist ei­ne von ih­nen be­treu­te Sta­ti­on, ausübten und ih­re Tätig­keit da­her un­ter die Fall­grup­pe 1 der ta­rif­li­chen Ober­arzt­vor­schrift sub­su­mier­ten.

Bei der An­wen­dung die­ser ta­rif­li­chen Fall­grup­pe war strei­tig, wel­che An­for­de­run­gen an die „me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung“ des Ta­rif­o­ber­arz­tes zu stel­len sind, d.h. ob ihm (ständig?) Fachärz­te un­ter­stellt sein müssen (und falls ja: wie vie­le?), ob er die oberärzt­li­che Ver­ant­wor­tung für ei­ne Sta­ti­on al­lein ausüben, d.h. der ein­zi­ge Ober­arzt für die­se Sta­ti­on sein muss, oder ob er die­se Funk­ti­on ge­mein­sam mit ei­nem oder meh­re­ren Ober­arzt­kol­le­gen wahr­neh­men kann, und wel­che Vor­aus­set­zun­gen an ei­ne „Über­tra­gung“ der Ober­arzt­ver­ant­wor­tung durch den Ar­beit­ge­ber zu stel­len sind.

Zu ei­ni­gen die­ser Fra­gen hat sich nun­mehr nach über zwei Jah­ren vor den Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten aus­ge­foch­te­ner Strei­tig­kei­ten das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ins­ge­samt sie­ben Ur­tei­len geäußert. Ei­nes die­ser Ur­tei­le, des­sen In­halt der­zeit nur auf der Grund­la­ge ei­ner Pres­se­mit­tei­lung be­kannt ist, soll im fol­gen­den be­spro­chen wer­den (BAG, Ur­teil vom 09.12.2009, 4 AZR 841/08).

Der Fall des Bundesarbeitsgerichts: Herzchirurg klagt auf Eingruppierung als Oberarzt

In dem erst­in­stanz­lich vom Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ent­schie­de­nen Fall hat­te ein pro­mo­vier­ter Herz­chir­urg, der seit 1997 bei dem be­klag­ten Uni­ver­sitätskli­ni­kum als Arzt beschäftigt war und seit 2003 die Fach­arzt­be­zeich­nung „Fach­arzt für Herz­chir­ur­gie“ führ­te, auf Ein­grup­pie­rung und Be­zah­lung als Ober­arzt im Sin­ne des TV-Ärz­te ge­klagt. Zur Be­gründung be­rief er sich auf ei­ne Wei­ter­bil­dung auf dem Ge­biet der herz­chir­ur­gi­schen In­ten­siv­me­di­zin so­wie dar­auf, dass er seit Mai 2006 als Ober­arzt in der herz­chir­ur­gi­schen In­ten­siv­sta­ti­on tätig sei.

Die Kli­nik­ver­wal­tung stuf­te den Arzt den­noch En­de 2006 als Fach­arzt ab dem vier­ten Jahr in die Ent­gelt­grup­pe Ä2, Stu­fe 2, TV-Ärz­te ein. Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Fall, über den wir im Jah­re 2007 be­rich­tet hat­ten, fin­den Sie auf un­se­rer Web­sei­te un­ter „Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/50 Me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt“.

Das Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf wies sei­ne Kla­ge mit ausführ­li­cher Be­gründung ab, wo­bei es in be­zug auf die vom Kläger be­an­spruch­te Fall­grup­pe 1 der Ober­arzt­ta­rif­grup­pe ar­gu­men­tier­te, dass der Kläger kei­ne aus­rei­chend ge­nau­en und nach­voll­zieh­ba­ren An­ga­ben zum Be­ste­hen und ggf. zum Um­fang sei­ner Wei­sungs­be­fug­nis­se ge­macht ha­be. Oh­ne Wei­sungs­be­fug­nis­se bzw. „Auf­sichts­funk­tio­nen über ärzt­li­ches und nichtärzt­li­ches Per­so­nal“, so das Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, sei ei­ne Ein­grup­pie­rung in § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1) aber nicht möglich (Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 12.07.2007, 14 Ca 669/07).

Auch das in die­sem Fall in der Be­ru­fungs­in­stanz zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf war der Mei­nung, dass der Kläger nicht die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Ta­rif­o­ber­arz­tes mit „me­di­zi­ni­scher Ver­ant­wor­tung“ im Sin­ne von § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1) erfülle. Auf­grund der in der zwei­ten In­stanz zu­ta­ge ge­tre­te­nen wei­te­ren In­for­ma­tio­nen über den Sach­ver­halt leg­te das LAG aber bei sei­ner Ent­schei­dung den Ak­zent dar­auf, dass der Kläger die von ihm be­haup­te­te Ober­arzt­ver­ant­wor­tung für die herz­chir­ur­gi­sche In­ten­siv­sta­ti­on im­mer nur zu­sam­men mit ei­nem wei­te­ren Ober­arzt­kol­le­gen aus­geübt hat­te.

Dies aber genügt, so das LAG Düssel­dorf, für ei­ne Ein­grup­pie­rung in § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1) nicht: Ein Arzt ist viel­mehr nur dann als Ta­rif­o­ber­arzt in die­se Ent­gelt­grup­pe ein­grup­piert, wenn ihm die al­lei­ni­ge me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für den ge­sam­ten Teil- oder Funk­ti­ons­be­reich über­tra­gen ist (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 08.08.2008, 9 Sa 1399/07).

Hier­ge­gen leg­te der Arzt Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt ein.

Bundesarbeitsgericht: Oberarzt ist nur, wer die alleinige medizinische Verantwortung trägt

Das BAG teilt in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung Nr.114/09 vom 09.12.2009 mit, die sie­ben von ihm am sel­ben Tag ent­schie­de­nen Ein­grup­pie­rungs­kla­gen hätten zwar teil­wei­se Er­folg ge­habt, sei­en aber über­wie­gend ab­ge­wie­sen wor­den.

Zu den ein­gangs erwähn­ten Rechts­fra­gen wird mit­ge­teilt, dass nach An­sicht des BAG die oberärzt­li­che me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung ein Auf­sichts- und ein­ge­schränk­tes Wei­sungs­recht für das un­ter­stell­te me­di­zi­ni­sche Per­so­nal in dem zu­ge­wie­se­nen Teil­be­reich um­fas­sen muss. Da­bei sei im Hin­blick auf die all­ge­mei­ne ärzt­li­che Ver­ant­wor­tungs­struk­tur für ei­ne Ober­arz­t­ein­grup­pie­rung nötig, dass dem Ober­arzt in al­ler Re­gel min­des­tens (auch) ein Fach­arzt un­ter­stellt sei.

Wei­ter­hin ist nach An­sicht des BAG für die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt er­for­der­lich, dass der Ober­arzt - un­ge­ach­tet der Letzt­ver­ant­wor­tung des Chef­arz­tes - die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für den von ihm be­treu­ten Be­reich trägt.

Sch­ließlich liegt ei­ne dem Ar­beit­ge­ber zu­re­chen­ba­re „Über­tra­gung“ der Ober­arzt­ver­ant­wor­tung im Sin­ne des TV-Ärz­te in der Re­gel nicht schon dar­in, dass ein Arzt vor In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te zum Ober­arzt er­nannt wur­de. Ei­ne sol­che Er­nen­nung al­lein hat dem BAG zu­fol­ge meist kei­ne Be­deu­tung für die ta­rif­ge­rech­te Ein­grup­pie­rung.

Aus die­sen Gründen hat auch das BAG in dem oben erwähn­ten Fall des Ar­beits­ge­richts bzw. des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf ge­gen den kla­gen­den Arzt ent­schie­den: Da er im­mer nur zu­sam­men mit ei­nem oberärzt­li­chen Kol­le­gen die herz­chir­ur­gi­sche In­ten­siv­sta­ti­on als Ober­arzt be­treut hat­te, erfüll­te er nach An­sicht des BAG nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1).

Kri­tisch ist da­zu an­zu­mer­ken, dass bei größeren Sta­tio­nen mit vie­len Bet­ten so­wie bei der in­ten­siv­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung auf­grund von nicht zu ver­mei­den­den Ab­we­sen­heits­zei­ten so­wohl im Ver­lauf der (sie­ben mal 24 =) 168 St­un­den um­fas­sen­den „Pa­ti­en­ten­be­treu­ungs­wo­che“ (Frei­zeit) als auch im Jah­res­ver­lauf (Ur­laub, Krank­heit) ein ein­zi­ger Ober­arzt nicht aus­rei­chend wäre und da­her unüblich ist. Oh­ne zwei oder drei Oberärz­te las­sen sich vie­le Sta­tio­nen gar nicht sinn­voll or­ga­ni­sie­ren.

Die Ober­arzt­ver­ant­wor­tung ist we­ni­ger ei­ne Fra­ge des „Sta­tus“, d.h. der Zuständig­keit ei­nes ein­zi­gen Ober­arz­tes für „sei­ne“ Sta­ti­on, als viel­mehr ei­ne Fra­ge der Ar­beits- und Lei­tungs­auf­ga­ben während der Ar­beit: Ei­ner im Ärz­te­team muss schließlich über the­ra­peu­ti­sche und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Fra­gen ent­schei­den, und zwar täglich während der Ar­beit. Die­se Auf­ga­ben kann man zwang­los als Wahr­neh­mung der me­di­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tung für ei­ne Sta­ti­on der Kli­nik be­grei­fen, wo­bei sich die­se dann in den meis­ten Fällen auf meh­re­re Schul­tern ver­teilt.

Die An­sicht des BAG läuft dar­auf hin­aus, für die Ein­grup­pie­rung ei­nes Ober­arz­tes in § 12 TV-Ärz­te (Ent­gelt­grup­pe Ä3, Fall­grup­pe 1) ei­nen im Kli­nik­all­tag eher sel­ten an­zu­tref­fen­den „Platz­hirsch­sta­tus“ zu ver­lan­gen. Der TV-Ärz­te soll­te da­her um ei­ne Klar­stel­lung ergänzt wer­den, der zu­fol­ge die oberärzt­li­che me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für ei­nen Be­reich der Kli­nik auch von meh­re­ren Ärz­ten ge­mein­sam ge­tra­gen wer­den kann - vor­aus­ge­setzt natürlich, dass die­se in der Re­gel nicht ge­mein­sam während der­sel­ben Dienst­zei­ten aus­geübt wird.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe fin­den Sie im Voll­text hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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