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Ei­ni­gungs­stel­le für Aus­kunft von Kon­zern­mut­ter

Ge­richt schließt In­for­ma­ti­ons­pflicht ge­gen­über dem Wirt­schafts­aus­schuss ei­ner Kon­zern­toch­ter nicht aus: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 03.11.2009, 1 TaBV 63/09

18.01.2010. Der in Un­ter­neh­men mit mehr als 100 Be­schäf­tig­ten zu er­rich­ten­de Wirt­schafts­aus­schuss (§ 106 Abs. 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG) ist recht­zei­tig und um­fas­send über al­le wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten des Un­ter­neh­mens zu un­ter­rich­ten. Au­ßer­dem hat der Ar­beit­ge­ber ihm die nö­ti­gen Un­ter­la­gen vor­zu­le­gen und muss die aus den wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten re­sul­tie­ren­den Fol­gen für die Per­so­nal­pla­nung er­läu­tern.

Frag­lich ist, ob der Wirt­schafts­aus­schuss un­ter Um­stän­den auch In­for­ma­ti­ons­rech­te ge­gen­über der Kon­zern­mut­ter hat, falls die­se bei per­so­nel­len Ent­schei­dun­gen in dem Be­trieb, für den der Wirt­schafts­aus­schuss zu­stän­dig ist, das Sa­gen hat. Da­zu hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen ei­ne in­ter­es­san­te Ent­schei­dung ge­fällt: LAG Nie­der­sach­sen, Be­schluss vom 03.11.2009, 1 TaBV 63/09.

Wirtschaftsausschuss und Informationspflichten

In Un­ter­neh­men mit mehr als 100 Beschäftig­ten ist gemäß § 106 Abs. 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ein Wirt­schafts­aus­schuss zu er­rich­ten. Er soll dafür Sor­ge tra­gen, dass der Be­triebs­rat in wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten die nöti­gen In­for­ma­tio­nen erhält, um sein Mit­be­stim­mungs­recht in wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten (ef­fek­tiv) ausüben zu können. Der Ar­beit­ge­ber hat den Wirt­schafts­aus­schuss recht­zei­tig und um­fas­send über die wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten des Un­ter­neh­mens un­ter Vor­la­ge der er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen zu un­ter­rich­ten, so­weit da­durch nicht die Be­triebs- und Geschäfts­ge­heim­nis­se des Un­ter­neh­mens gefähr­det wer­den, so­wie die sich dar­aus er­ge­ben­den Aus­wir­kun­gen auf die Per­so­nal­pla­nung dar­zu­stel­len (§ 106 Abs. 2 Be­trVG).

Da die In­for­ma­ti­ons­pflicht des Ar­beit­ge­bers nur in dem Maße be­steht, so­weit da­durch kei­ne Be­triebs- oder Geschäfts­ge­heim­nis­se of­fen­bart wer­den, be­steht häufig Streit darüber, ob der Ar­beit­ge­ber den Wirt­schafts­aus­schuss aus­rei­chend in­for­miert hat oder zu Un­recht In­for­ma­tio­nen als Be­triebs- und Geschäfts­ge­heim­nis­se zurückhält. Dann muss gemäß § 109 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­ru­fen wer­den. Sie ent­schei­det dann über die even­tu­ell zu ge­ben­den In­for­ma­tio­nen und Un­ter­la­gen, wo­bei ihr Spruch die Ei­ni­gung zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat er­setzt.

Recht­lich pro­ble­ma­tisch ist da­bei die Fra­ge, ob der Wirt­schafts­aus­schuss auch In­for­ma­tio­nen von ei­ner Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft bzw. Kon­zern­mut­ter ver­lan­gen kann, wenn die­se den Be­trieb des Toch­ter­un­ter­neh­mens, für den der Wirt­schafts­aus­suss zuständig ist, fak­tisch lei­tet. Der Wirt­schafts­aus­schuss ei­ner Toch­ter­ge­sell­schaft hat häufig ein nach­voll­zieh­ba­res In­ter­es­se an In­for­ma­tio­nen durch die Kon­zern­mut­ter, weil die­se wich­ti­ge und fol­gen­rei­che wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen trifft, die auch die Toch­ter­ge­sell­schaft be­tref­fen. Um die Fra­ge, ob ein sol­cher „In­for­ma­ti­ons­durch­griff“ recht­lich be­gründet ist, geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Nie­der­sach­sen (Be­schluss vom 03.11.2009, 1 TaBV 63/09).

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Niedersachsen: Wirtschaftsausschuss verlangt Informationen von der Konzernmutter

Ei­ne Kon­zern­mut­ter hat­te nach ei­nem Be­triebsüber­gang acht Toch­ter­ge­sell­schaf­ten ge­bil­det, die ei­nen Be­trieb mit et­wa 270 Ar­beit­neh­mern un­ter ein­heit­li­cher Lei­tung führ­ten. Der Mut­ter­kon­zern ent­schied im lau­fen­den Geschäfts­be­trieb, auch bei Per­so­nal­fra­gen, des Be­trie­bes mit.

Im Be­reich ei­nes Toch­ter­un­ter­neh­mens wa­ren Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­ge­se­hen und dies­bezüglich In­ter­es­sen­aus­gleichs- und So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen geführt und ab­ge­schlos­sen wor­den. Gleich­zei­tig ver­lang­te der Wirt­schafts­aus­schuss, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft ih­re Bi­lanz, die Ge­winn- und Ver­lust­rech­nung, ei­ne Auf­stel­lung der auf die Toch­ter­ge­sell­schaf­ten über­tra­ge­nen Vermögens­wer­te und Aus­kunft über den Ver­bleib der er­wor­be­nen As­sets.

Dem kam die Mut­ter­ge­sell­schaft nicht nach. Der Be­triebs­rat rief des­halb gemäß § 109 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an. Der Ar­beit­ge­ber ver­wei­gert je­doch auch die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le, so dass der Be­triebs­rat gemäß § 98 Abs. 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ge­richt­lich die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le be­gehr­te. Das Ar­beits­ge­richt Hil­des­heim wies den An­trag des Be­triebs­rats zurück (Be­schluss vom 20.07.2009, 3 BV 3/09).

Landesarbeitsgericht Niedersachsen: Informationspflicht nicht ausgeschlossen

Das LAG Nie­der­sach­sen gab da­ge­gen dem Be­triebs­rat recht und be­fand, dass ei­ne Ei­ni­gungs­stel­le nicht of­fen­sicht­lich un­zuständig ist. Im All­ge­mei­nen, so ar­gu­men­tier­te das LAG, be­steht zwar nur ei­ne In­for­ma­ti­ons­pflicht des Wirt­schafts­aus­schus­ses in­ner­halb des Be­trie­bes, vor­lie­gend al­so im Ge­mein­schafts­be­trieb der acht Kon­zerntöch­ter, aus­nahms­wei­se kommt je­doch ein „In­for­ma­ti­ons­durch­griff“ auf die Mut­ter­ge­sell­schaft in Fra­ge, wenn sie Teil des Ge­mein­schafts­be­trie­bes ist und bei der Un­ter­neh­mens­lei­tung, vor al­lem in Per­so­nal­fra­gen, das Sa­gen hat.

Da­bei weist das LAG auch auf die durch das Ri­si­ko­be­gren­zungs­ge­setz vom 12.08.2008 im Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz ein­geführ­ten er­wei­ter­ten Aus­kunfts­pflich­ten im Fal­le ei­ner Un­ter­neh­mensüber­nah­me (§ 106 Abs. 3 Nr. 9a Be­trVG), die auch bezüglich der Ab­sich­ten des Un­ter­neh­mens­er­wer­bers be­ste­hen (§ 106 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG).

Das LAG hielt es da­bei zu­min­dest für nicht aus­ge­schlos­sen, dass die Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft zu­sam­men mit ih­ren Toch­ter­ge­sell­schaf­ten ei­nen Ge­mein­schafts­be­trieb un­ter­hielt. Dar­auf deu­te­te auch hin, dass der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Mut­ter­ge­sell­schaft an den In­ter­es­sen­aus­gleichs- und So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen der Toch­ter­ge­sell­schaft teil­ge­nom­men hat­te.

Genügend An­halts­punk­te für ei­ne „of­fen­sicht­li­che“ recht­li­che Un­zuständig­keit der Ei­ni­gungs­stel­le für die Ent­schei­dung über die In­for­ma­ti­ons­pflich­ten der Mut­ter­ge­sell­schaft gab es nach Auf­fas­sung des LAG al­so nicht, so dass es dem Ei­ni­gungs­stel­len­be­set­zungs­an­trag gemäß § 98 Abs. 1 Satz 2 ArbGG statt­ge­ben muss­te: Ob die Ei­ni­gungs­stel­le dann auch tatsächlich zuständig ist oder nicht, ent­schei­det nicht das Ge­richt, son­dern die ein­ge­setz­te Ei­ni­gungs­stel­le sel­ber.

Fa­zit: Das LAG Nie­der­sach­sen spricht sich zwar nicht ein­deu­tig zu ei­nem „In­for­ma­ti­ons­durch­griff“ auf die Kon­zern­mut­ter aus. Die Ent­schei­dung stärkt je­doch den­noch die In­for­ma­ti­ons­rech­te des Be­triebs­rats ge­genüber ei­ner Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft, da an die Be­gründung ei­ner „of­fen­sicht­li­chen“ Un­zuständig­keit der Ei­ni­gungs­stel­le in der Ent­schei­dung ho­he Hürden ge­stellt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 12. Juli 2015

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