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LAG Hamm folgt Wind­hund­prin­zip bei Streit um Vor­sit­zen­den ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le

Ei­ni­gungs­stel­len im Ge­richts­be­zirk des LAG Hamm: Wer zu­erst kommt, mahlt zu­erst.: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 19.07.2010, 10 TaBV 39/10
09.12.2010. Bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat sieht das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die Bil­dung ei­ner so ge­nann­ten Ei­ni­gungs­stel­le vor. Sie be­steht aus Bei­sit­zern, die von den Be­triebs­par­tei­en je­weils in glei­cher An­zahl ge­stellt wer­den und ei­nem im Ide­al­fall ein­ver­ständ­lich aus­ge­wähl­ten Vor­sit­zen­den. In al­ler Re­gel wer­den für die­se Auf­ga­be er­fah­re­ne Ar­beits­rich­ter ge­wählt.

Der Vor­sit­zen­de lei­tet die Ei­ni­gungs­stel­le und hat da­mit ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be: Von sei­ner Er­fah­rung und sei­nem Ver­mitt­lungs­ge­schick kann es ab­hän­gen, ob sich Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat doch noch ei­ni­gen oder nicht. Zu­dem kann er bei un­über­brück­ba­ren Dif­fe­ren­zen zum "Züng­lein an der Waa­ge" wer­den. Da die Bei­sit­zer bei ei­ner Ab­stim­mung re­gel­mä­ßig für ih­re je­wei­li­ge Par­tei ab­stim­men wer­den, ist der Vor­sit­zen­de im wei­te­ren Ab­stim­mungs­ver­fah­ren da­zu be­ru­fen, mit sei­ner Stim­me den Aus­schlag über den In­halt des Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs zu ge­ben.

Da­her ist je­de Be­triebs­par­tei dar­an in­ter­es­siert, "ih­ren" Vor­sit­zen­den durch­zu­set­zen. Gibt es da­bei kei­ne Ei­ni­gung, sieht § 98 Abs. 1 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ein Be­set­zungs­ver­fah­ren vor. Ab­ge­se­hen da­von, dass der Vor­sit­zen­de un­par­tei­isch und bis­her nicht mit der Sa­che be­fasst ge­we­sen sein soll, ist da­bei ist ge­setz­lich nicht nä­her ge­re­gelt, nach wel­chen Kri­te­ri­en das zu­stän­di­ge Ge­richt den Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­den fest­le­gen soll. Da die­ses ge­richt­li­che Ver­fah­ren nur über zwei In­stan­zen ge­führt wer­den kann (ver­glei­che § 98 Abs. 2 Satz 4 ArbGG), gibt es hier­zu kei­ne durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ver­ein­heit­lich­te Recht­spre­chung. Viel­mehr ist die Auf­fas­sung des je­weils zu­stän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) ent­schei­dend. Da es in den 16 deut­schen Bun­des­län­dern 18 Lan­des­ar­beits­ge­rich­te gibt, ist nicht über­ra­schend, dass die Mei­nun­gen un­ter­schied­lich aus­fal­len. Im We­sent­li­chen gibt es zwei An­sich­ten.

Die ei­ne Sei­te geht da­von aus, dass das an­ge­ru­fe­ne Ge­richt nicht an die An­trä­ge bzw. Vor­schlä­ge der Be­triebs­par­tei­en ge­bun­den ist und zieht es vor, im Zwei­fel ei­nen neu­tra­len Drit­ten als Vor­sit­zen­den zu be­stel­len. Die­sem An­satz fol­gen bei­spiels­wei­se das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg.

Die Ge­gen­auf­fas­sung sieht sich grund­sätz­lich an den An­trag bzw. Vor­schlag der Be­triebs­par­tei ge­bun­den, die das Ge­richt an­ge­ru­fen hat. Nur wenn die an­de­re Be­triebs­par­tei nach­voll­zieh­ba­re Be­den­ken ge­gen den vor­ge­schla­ge­nen Vor­sit­zen­den hat, soll das Ge­richt ei­ne ab­wei­chen­de Wahl tref­fen kön­nen.

Im Zu­stän­dig­keits­be­reich von Ge­rich­ten, die die­ser Auf­fas­sung fol­gen, kann es al­so pas­sie­ren, dass sich die Be­triebs­par­tei­en ein "Wett­ren­nen" um die An­ru­fung des Ge­richts und das Stel­len des ent­schei­den­den An­trags lie­fern. Da­her wird die­se Auf­fas­sung auch als "Wind­hund­prin­zip" oder "Mül­ler­prin­zip" be­zeich­net. Ihr fol­gen bei­spiels­wei­se das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg.

In­ner­halb des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg ist die Fra­ge gar zwi­schen den ver­schie­de­nen zu­stän­di­gen Kam­mern um­strit­ten (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/147: Vor­sit­zen­der der Ei­ni­gungs­stel­le - Teil II und Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/059: Vor­sit­zen­der für Ei­ni­gungs­stel­le).

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm hat sich in ei­nem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Be­schluss eben­falls für das Wind­hund­prin­zip aus­ge­spro­chen (Be­schluss vom 19.07.2010, 10 TaBV 39/10). In dem zu Grun­de lie­gen­den Fall hat­te ein Be­triebs­rat als Vor­sit­zen­den ei­nen Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt vor­ge­schla­gen. Der Ar­beit­ge­ber hat­te dem nur ent­geg­net, er be­fürch­te durch die Be­tei­li­gung die­ses hoch­ran­gi­gen Rich­ters ei­nen ne­ga­ti­ven Ein­fluss auf ein et­wa nach­fol­gen­des ge­richt­li­ches Ver­fah­ren. Dies ge­nüg­te dem LAG nicht und folg­te dem Vor­schlag des Be­triebs­ra­tes.

Fa­zit: Be­triebs­rä­te und Ar­beit­ge­ber soll­ten sich im Vor­feld von Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren über die Recht­spre­chung des für sie zu­stän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­richts in­for­mie­ren. Denn soll­te sich im Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen über die Be­set­zung der Ei­ni­gungs­stel­le ein un­über­brück­ba­rer Kon­flikt er­ge­ben, ist es ge­ge­be­nen­falls er­for­der­lich, schnell mit ei­nem ge­richt­li­chen An­trag zu re­agie­ren, um ei­ne gu­te Ver­hand­lungs­po­si­ti­on bei­zu­be­hal­ten.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 7. Juni 2015

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