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Ar­beit­ge­ber muss El­tern­zeit­ver­län­ge­rung nicht im­mer zu­stim­men

Die Dau­er der El­tern­zeit soll­te man sich im Vor­hin­ein ge­nau über­le­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Teil­ur­teil vom 14.04.2010, 10 Sa 59/09

25.11.2010. El­tern ha­ben das Recht, von der Ge­burt ih­res Kin­des an bis zur Voll­endung von des­sen drit­ten Le­bens­jahr ei­ne El­tern­zeit (bis zum 31.12.2006: "Er­zie­hungs­ur­laub") zu neh­men (§ 15 Abs. 2 Satz 1 Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz - BEEG).

Grund­sätz­lich müs­sen sie sich da­bei nicht mit ih­rem Ar­beit­ge­ber ei­ni­gen. Im Re­gel­fall ge­nügt ei­ne form- und frist­ge­rech­te Mit­tei­lung, d.h. sie muss schrift­lich und spä­tes­tens sie­ben Wo­chen vor Be­ginn der El­tern­zeit er­fol­gen (§ 16 Abs. 1 Satz 1 BEEG).

Nur bei drin­gen­den Grün­den ist aus­nahms­wei­se ei­ne an­ge­mes­se­ne kür­ze­re Frist mög­lich (§ 16 Abs. 1 Satz 2 BEEG). Wird die Frist nicht ein­ge­hal­ten, ver­schiebt sich der Be­ginn der El­tern­zeit um die Dau­er der Ver­spä­tung.

Bei der Mit­tei­lung muss der Ar­beit­neh­mer zu­gleich fest­le­gen, für wel­che Zei­ten in­ner­halb von zwei Jah­ren nach der Ge­burt des Kin­des die El­tern­zeit ge­nom­men wer­den soll. Auf die­se Wei­se soll so­wohl für den Ar­beit­neh­mer als auch den Ar­beit­ge­ber Pla­nungs­si­cher­heit er­mög­licht wer­den.

Aus dem glei­chen Grund kann die El­tern­zeit ge­mäß § 16 Abs. 3 Satz 1 BEEG re­gel­mä­ßig nur mit Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers vor­zei­tig be­en­det oder im Rah­men des § 15 Abs. 2 BEEG ver­län­gert wer­den. Nur aus­nahms­wei­se, näm­lich wenn ein vor­ge­se­he­ner Wech­sel in der An­spruchs­be­rech­ti­gung aus ei­nem wich­ti­gen Grund nicht er­fol­gen kann, ist das Ein­ver­ständ­nis des Ar­beit­ge­bers un­er­heb­lich (§ 16 Abs.3 Satz 4 BEEG).

In ähn­li­cher Wei­se be­stimmt § 15 Abs. 2 Satz 4 BEEG, dass bis zu zwölf Mo­na­te der El­tern­zeit mit Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers auf die Zeit bis zur Voll­endung des ach­ten Le­bens­jah­res des Kin­des über­tra­gen wer­den kön­nen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ist in­so­weit der Auf­fas­sung, der Ar­beit­ge­ber sei bei sei­ner Ent­schei­dung über Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung nicht frei, son­dern müs­se die Grund­sät­ze bil­li­gen Er­mes­sens ein­hal­ten und die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen ge­mäß § 315 Abs. 3 Satz 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­gen­ein­an­der ab­wä­gen (BAG, Ur­teil vom 21.04.2009, 9 AZR 391/08).

Höchst­rich­ter­lich un­ge­klärt ist bis­her je­doch, ob die­ser ver­gleichs­wei­se en­ge Maß­stab auch für ein Ver­län­ge­rungs­ver­lan­gen nach § 16 Abs. 3 Satz 1 BEEG gilt, das sich auf den zwei­jäh­ri­gen Zeit­raum be­zieht, für den sich der Ar­beit­neh­mer mit sei­ner ur­sprüng­li­chen Mit­tei­lung ge­bun­den hat.

Ei­ne Ant­wort auf die­se Fra­ge könn­te ein der­zeit an­hän­gi­ges Ver­fah­ren brin­gen. In dem Streit­fall hat­te ei­ne Ar­beit­neh­me­rin ge­gen­über ih­rem Ar­beit­ge­ber fest­ge­legt, in­ner­halb von zwei Jah­ren nach der Ge­burt ih­res Kin­des nur im ers­ten Jahr ei­ne El­tern­zeit zu neh­men. Da ihr Kind aber in die­ser Zeit sehr krank war, ver­lang­te sie ei­ne an­schlie­ßen­de Ver­län­ge­rung um ein wei­te­res Jahr.

Der Ar­beit­ge­ber ver­wei­ger­te sei­ne Zu­stim­mung, da er fest mit ih­rer Ar­beits­kraft ge­rech­net hat­te. Mit ih­rer auf die­se Zu­stim­mung ge­rich­te­te Kla­ge hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Breis­gau) zu­nächst Er­folg (Ur­teil vom 01.09.2009, 8 Ca 109/09).

Dem­ge­gen­über ge­stand das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg als Be­ru­fungs­ge­richt dem Ar­beit­ge­ber ei­nen ex­trem wei­ten Ent­schei­dungs­spiel­raum zu. Er sei hier - an­ders als in der vom BAG ent­schie­de­nen Fall­kon­stel­la­ti­on - bis zur Gren­ze des Rechts­miss­brau­ches in sei­ner Ent­schei­dung frei.

Da er hier ver­nünf­ti­ge Grün­de für sei­ne Ent­schei­dung hat­te, wur­de sie auch durch die Krank­heit des Kin­des nicht rechts­miss­bräuch­lich. Es ge­nügt da­für näm­lich nicht, so das LAG, dass ei­ne Rechts­aus­übung die Ge­gen­sei­te hart trifft. Das LAG gab da­her der Be­ru­fung statt (Ur­teil vom 14.04.2010, 10 Sa 59/09) und ließ die Re­vi­si­on we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung zu.

Fa­zit: Ob das BAG die­ser Rechts­auf­fas­sung fol­gen wird, ist of­fen. El­tern soll­ten sich in je­dem Fall im Vor­hin­ein mög­lichst gut über­le­gen, in wel­chem Um­fang sie sich um ihr Kind in des­sen ers­ten bei­den Le­bens­jah­ren küm­mern wol­len. Wer sich spä­ter an­ders ent­schei­det und dann oh­ne Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers sei­ner Ar­beit fern­bleibt, ri­sikiert sonst ei­ne Ab­mah­nung oder ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Ur­teil des LAG Ba­den-Würt­tem­berg auf­ge­ho­ben, im Grund­satz für die Ar­beit­neh­me­rin ent­schie­den und den Rechts­streit zur wei­te­ren Ver­hand­lung an das LAG zu­rück­ver­wie­sen. Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts und ei­ne Be­spre­chung die­ses Ur­teils fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 13. Juli 2016

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