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Frei­stel­lung be­en­det Ver­si­che­rungs­pflicht

Un­wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung im ge­kün­dig­ten Ar­beits­ver­hält­nis soll zur Be­en­di­gung des Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses füh­ren: Be­spre­chung der Spit­zen­ver­bän­de der So­zi­al­ver­si­che­rung vom Ju­ni 2005

09.07.2005. Die Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen, des Ver­bands deut­scher Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger (VDR) und der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) ha­ben sich am 05. und 06.07.2005 zu ei­ner ge­mein­sa­men Be­spre­chung über Fra­gen des Ein­zugs von So­zi­al­bei­trä­gen ge­trof­fen.

Da­bei ha­ben die Spit­zen­ver­bän­de der So­zi­al­ver­si­che­rung ei­ne für die Be­en­di­gung von Ar­beits­ver­hält­nis­sen wich­ti­ge Ent­schei­dung zur So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht im ge­kün­dig­ten Ar­beits­ver­hält­nis ge­trof­fen.

An­geb­lich soll die Ver­ein­ba­rung ei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung noch wäh­rend der Rest­lauf­zeit des Ar­beits­ver­hält­nis­ses da­zu füh­ren, dass das so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis be­en­det wird. Der Ar­beit­neh­mer hät­te die­ser An­sicht zu­fol­ge zwar noch ein Ar­beits­ver­hält­nis und wür­de für bis zu des­sen Be­en­di­gung Lohn er­hal­ten, doch un­ter­lä­ge die­ser nicht mehr der So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht.

Im Fol­gen­den fas­sen wir die wich­tigs­ten Fol­gen die­ser ge­mein­sam ver­tre­te­nen Rechts­mei­nung für Sie zu­sam­men.

Welche Folgen hat eine unwiderrufliche Freistellung?

Bei der Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen wird oft ver­ein­bart, dass der Ar­beit­neh­mer für die Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses von der Ar­beit frei­ge­stellt sein soll, d.h. er soll bis zum Aus­lau­fen des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr bei der Ar­beit er­schei­nen, aber den­noch sei­ne Vergütung er­hal­ten.

Ei­ne sol­che be­zahl­te Frei­stel­lung führt nun­mehr nach Auf­fas­sung der Spit­zen­verbände der So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger da­zu, dass das "so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäfti­gungs­verhält­nis" mit dem Be­ginn der un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung en­det.

BEISPIEL: Der Ar­beit­ge­ber kündigt ei­nem seit mehr als 12 Jah­ren beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer frist­los we­gen ei­ner an­geb­li­chen schwe­ren Ver­feh­lung. Bei ei­ner frist­gemäßen Kündi­gung hätte der Ar­beit­ge­ber ei­ne Kündi­gungs­frist von fünf Mo­na­ten zum Mo­nats­en­de ein­hal­ten müssen. Der Ar­beit­neh­mer er­hebt Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Ei­ni­ge Wo­chen nach Aus­spruch der Kündi­gung schließen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer im Güte­ter­min vor dem Ar­beits­ge­richt fol­gen­den Ver­gleich.

  1. Das Ar­beits­verhält­nis en­det frist­ge­recht, d.h. erst fünf Mo­na­te nach Aus­spruch der Kündi­gung, und zwar "aus be­trieb­li­chen Gründen"; außer­dem hält der Ar­beit­ge­ber sei­ne An­schul­di­gun­gen nicht mehr auf­recht.
  2. Der Ar­beit­neh­mer erhält ei­ne Ab­fin­dung (oder auch nur ein wohl­wol­len­des Zeug­nis).
  3. Der Ar­beit­neh­mer wird un­ter An­rech­nung auf et­wai­gen Rest­ur­laub bis zur frist­gemäßen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­wi­der­ruf­lich von der Ar­beit frei­ge­stellt.

Während ein sol­cher Ab­fin­dungs­ver­gleich mit Frei­stel­lung nach bis­he­ri­ger Pra­xis die Fol­ge hat­te, dass der Ar­beit­neh­mer bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist in ei­nem Beschäfti­gungs­verhält­nis und da­mit in der So­zi­al­ver­si­che­rung blieb, en­det nun­mehr nach der An­sicht der Spit­zen­verbände der So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger das Beschäfti­gungs­verhält­nis bzw. die So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht ab dem Be­ginn der Frei­stel­lung.

Spitzenverbände: Bei unwiderruflicher Freistellung hat der Arbeitgeber sein Weisungsrecht verloren, so dass kein Beschäftigungsverhältnis mehr vorliegt

Die Ent­schei­dung der Spit­zen­verbände der Kran­ken­kas­sen, des VDR und der BA vom 05./06.07.2005 ver­weist im We­sent­li­chen dar­auf, dass die Un­wi­der­ruf­lich­keit der Frei­stel­lung zu ei­ner Be­en­di­gung des Aus­tausch­verhält­nis­ses "Ar­beit­leis­tung ge­gen Be­zah­lung" führe.

Ein bei­der­sei­ti­ges Aus­tausch­verhält­nis be­ste­he nicht mehr, wenn die Ar­beits­pflicht im ge­gen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men endgültig auf­ge­ho­ben wer­de. In die­sem Fall en­de nämlich auf sei­ten des Ar­beit­neh­mers die Wei­sungs­ge­bun­den­heit und auf sei­ten des Ar­beit­ge­bers das Wei­sungs­recht.

Die­se Be­gründung ist zwar ju­ris­tisch "ver­tret­bar", aber nicht zwin­gend. Da das Ar­beits­verhält­nis auch während der Frei­stel­lungs­pha­se fort­be­steht, können die Par­tei­en nämlich auch ei­ne zunächst ver­ein­bar­te "Un­wi­der­ruf­lich­keit" der Frei­stel­lung je­der­zeit wie­der ein­ver­nehm­lich be­sei­ti­gen.

Auf ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung dürf­te der Ar­beit­neh­mer an­ge­sichts der gra­vie­ren­den und in­ter­es­se­wid­ri­gen Fol­gen ei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung auch ei­nen An­spruch ha­ben.

Führt eine unwiderrufliche Freistellung zum Verlust des Versicherungsschutzes in der Sozialversicherung?

Wer als Ar­beit­neh­mer der im obi­gen Bei­spiel ge­nann­ten Re­ge­lung zu­stimmt, muss mit fol­gen­den Kon­se­quen­zen rech­nen:

Ers­tens ist er so­fort und nicht erst nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist "ar­beits­los", wo­bei er sein Beschäfti­gungs­verhält­nis selbst "gelöst" hat und da­her mit ei­ner Sperr­zeit gemäß § 159 Drit­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB III) (früher: § 144 SGB III) rech­nen muss.

Zwei­tens un­ter­lie­gen die "Lohn­zah­lun­gen" in der Frei­stel­lungs­pha­se nicht mehr der Bei­trags­pflicht zur So­zi­al­ver­si­che­rung, d.h. sie sind recht­lich ge­se­hen ei­ne Art Ab­fin­dung. Es wer­den da­her kei­ne Beiträge zur Ren­ten­ver­si­che­rung und Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung ab­geführt, was zum Ver­lust von an­sons­ten ent­ste­hen­den An­wart­schaf­ten führt. Bei kürze­ren Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen könn­ten da­her die Leis­tungs­vor­aus­set­zun­gen für das Ar­beits­lo­sen­geld feh­len.

Drit­tens tritt ein Ru­hen des Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruchs gemäß § 157 SGB III (früher: § 143 SGB III) oder gemäß § 158 SGB III (früher: § 143a SGB III) ein. Denn ent­we­der ist die wei­te­re "Lohn­zah­lung" durch den Ar­beit­ge­ber "Ar­beits­ent­gelt" im Sin­ne von § 157 SGB III (früher: § 143 SGB III) oder der Ar­beit­neh­mer hat im Sin­ne von § 158 SGB III (früher: § 143a SGB III) Kündi­gungs­fris­ten ge­gen Ab­fin­dung "ver­kauft". Das Ru­hen des Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruchs tritt un­abhängig von ei­ner Sperr­zeit ein.

Vier­tens ist der Ar­beit­neh­mer während der Frei­stel­lungs­zeit nach Ab­lauf ei­nes Mo­nats ab Frei­stel­lungs­be­ginn nicht mehr als "Beschäftig­ter" in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung geschützt. Erst nach Ab­lauf der Sperr­zeit be­steht wie­der (über die Agen­tur für Ar­beit) ein sol­cher Schutz.

Ins­ge­samt führt die An­sicht der Spit­zen­verbände zu den Fol­gen ei­ner ein­ver­nehm­li­chen un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung zu ne­ga­ti­ven und von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en of­fen­bar nicht gewünsch­ten Fol­gen:

Der wirt­schaft­li­che Sinn des oben be­schrie­be­nen Ver­gleichs be­steht ja ge­ra­de dar­in, dass der Ar­beit­neh­mer für die Dau­er der Kündi­gungs­frist de­ren wirt­schaft­li­chen Wert, d.h. die Be­zah­lung im Rah­men ei­nes re­gulären Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses erhält. Außer­dem ha­ben die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en die be­rech­tig­te Er­war­tung, dass dem Ar­beit­neh­mer kei­ne so­zi­al­recht­li­chen Nach­tei­le ent­ste­hen, da ja ge­ra­de zu die­sem Zweck (!) die Kündi­gungs­fris­ten "brav ein­ge­hal­ten" und natürlich auch die So­zi­al­beiträge für die Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­geführt wer­den sol­len.

Wie können sich Arbeitnehmer vor Rechtsnachteilen bei Freistellungsvereinbarungen schützen?

Als Ar­beit­neh­mer soll­ten Sie im Rah­men ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­trags kei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung mehr zu­stim­men, da dies zu den oben ge­n­an­ten recht­li­chen Nach­tei­len führt.

Falls Frei­stel­lun­gen erwünscht sind, kann der Ar­beit­ge­ber ein­sei­tig ei­ne Frei­stel­lung erklären oder man ver­ein­bart ei­ne wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung.

In den meis­ten Fällen ist die Ver­ein­ba­rung der Un­wi­der­ruf­lich­keit ei­ner Frei­stel­lung aus Sicht des Ar­beit­neh­mers so­wie­so nicht er­for­der­lich, da bei­de Sei­ten wis­sen, dass der Ar­beit­ge­ber ab­so­lut kein Ver­lan­gen da­nach ver­spürt, den Ar­beit­neh­mer noch ein­mal im Be­trieb zu se­hen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, ha­ben die Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger ih­re Ver­laut­ba­rung vom 05./06.07.2005 of­fi­zi­ell wie­der ver­wor­fen, d.h. sie ha­ben erklärt, dass ei­ne un­wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung des Ar­beit­neh­mers von der Ar­beits­pflicht das ein­mal wirk­sam be­gründe­te so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäfti­gungs­verhält­nis nicht ent­fal­len lässt.

Die­se Rich­tig­stel­lung fin­det sich hier:

 

Letzte Überarbeitung: 22. August 2016

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