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Arbeitsrecht aktuell
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Füh­rungs­äm­ter auf Zeit sind ver­fas­sungs­wid­rig.

Karls­ru­he ver­passt dem Leis­tungs­prin­zip im Be­am­ten­recht ei­nen Dämp­fer: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 28.05.2008, 2 BvL 11/07

23.07.2008. Die Dis­kus­si­on über ei­ne stär­ker leis­tungs­ori­en­tier­te Be­am­ten­lauf­bahn und über ei­ne mehr vom Wett­be­werb ge­präg­te Aus­wahl für Füh­rungs­po­si­tio­nen hat­te da­zu ge­führt, dass der Ge­setz­ge­ber die be­fris­te­te Über­tra­gung von Füh­rungs­po­si­tio­nen im Be­am­ten­recht er­mög­licht hat.

Durch das Ge­setz zur Re­form des öf­fent­li­chen Dienst­rechts, vom 24.02.1997 (BGBl I, S.322) wur­de das Be­am­ten­rechts­rah­men­ge­setz (BRRG) durch ei­nen neu­en § 12 b er­gänzt, der ei­ne ent­spre­chen­de Er­laub­nis­norm ent­hält.

Auf der Grund­la­ge die­ser bun­des­recht­li­chen Er­laub­nis­norm ha­ben ei­ni­ge Bun­des­län­der lan­des­ge­setz­li­che Vor­schrif­ten zur be­fris­te­ten Über­tra­gung von Füh­rungs­äm­tern ein­ge­führt, un­ter ih­nen Nord­rhein-West­fa­len. Die­se lan­des­recht­li­chen Re­ge­lun­gen wur­den jetzt von Karls­ru­he für ver­fas­sungs­wid­rig er­klärt: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 28.05.2008, 2 BvL 11/07

Sind Führungsämter auf Zeit mit dem verfassungsrechtlichen Schutz der hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums vereinbar?

Auf­grund der Ände­rung des Be­am­ten­rechts­rah­men­rechts hat Nord­rhein-West­fa­len ei­ne neue Vor­schrift in sein Lan­des­be­am­ten­ge­setz ein­gefügt, nämlich § 25b Lan­des­be­am­ten­ge­setz Nord­rhein-West­fa­len (LBG NRW). Die­se Vor­schrift er­laubt die be­fris­te­te Über­tra­gung von Führungsämtern (Ge­setz zur Ände­rung dienst­recht­li­cher Vor­schrif­ten, vom 20.04.1999, GVBl NRW 1999, S.148).

Be­gründet wur­de die­ser Schritt da­mit, dass die be­fris­te­te Wahr­neh­mung von Führungs­funk­tio­nen zu ei­ner bes­se­ren Aus­wahl der Führungs­kräfte im öffent­li­chen Dienst bei­tra­ge und fähi­ges und fle­xi­bles Führungs­per­so­nal leich­ter ein­setz­bar ge­macht wer­de (LT­Drucks 12/3186, S.37, 44).

Im Ein­zel­nen sieht § 25b LBG NRW vor, auf Le­bens­zeit er­nann­ten Be­am­ten ein Amt mit Führungs­funk­ti­on zunächst für ei­ne ers­te Amts­zeit von fünf bzw. zwei Jah­ren zu über­tra­gen, oh­ne dass nach Ab­lauf der ers­ten Dienst­zeit ein An­spruch auf Über­tra­gung des Am­tes auf Le­bens­zeit ent­stan­den wäre. Erst nach dem En­de der zwei­ten Amts­zeit hat der Dienst­herr nach sei­nem Er­mes­sen darüber zu ent­schei­den, ob er ei­ne Über­tra­gung des Führungs­am­tes auf Le­bens­zeit vor­neh­men wol­le. Ei­ne sol­che Er­mes­sens­ent­schei­dung wäre so­dann in Streitfällen ge­richt­lich nur so­weit über­prüfbar ge­we­sen, als die bei der Ent­schei­dung an­ge­stell­ten Über­le­gun­gen zur Er­mes­sens­ausübung feh­ler­haft wa­ren.

Für den Fall, dass sich der Dienst­herr ge­gen die dau­er­haf­te Über­tra­gung des Führungs­am­tes ent­schei­den würde, sieht die Neu­re­ge­lung vor, dass das Grund­verhält­nis, in dem sich der Be­am­te be­reits vor Über­tra­gung der Führungs­funk­ti­on be­fand, nach En­de des Führungs­am­tes fort­ge­setzt wer­den würde. Da­mit wäre auch ei­ne au­to­ma­ti­sche Rück­stu­fung der Be­sol­dungs­grup­pe mit oft er­heb­li­chen Ein­kom­mens­ein­bußen ver­bun­den.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob die Über­tra­gung von Führungsämtern auf Zeit ver­fas­sungs­gemäß, d.h. mit Art.33 Abs.5 Grund­ge­set­zes (GG) ver­ein­bar ist. Die­ser Vor­schrift zu­fol­ge ist das öffent­li­che Dienst­recht un­ter Berück­sich­ti­gung der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums zu re­geln und fort­zu­ent­wi­ckeln. Zu die­sen Grundsätzen gehört un­strei­tig auch das Le­bens­zeit­prin­zip, d.h. das Prin­zip der le­bens­zei­ti­gen Amtsüber­tra­gung, das be­reits in Art.129 Abs.1 Satz 1 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ver­an­kert war.

Auf­grund ei­nes Vor­la­ge­be­schlus­ses des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (BVerwG) vom 27.09.2007 (2 C 21/06, 2 C 26/06, 2 C 29/07) hat­te sich nun­mehr das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) da­mit zu be­fas­sen, ob die­se lan­des­ge­setz­li­che Re­ge­lung mit den her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums und da­mit mit Art.33 Abs.5 GG ver­ein­bar ist (BVerfG, Be­schluss vom 28.05.2008, 2 BvL 11/07).

Der Streitfall: Nordrhein-westfälische Beamte wehren sich gegen die zeitliche Befristung ihrer Führungspositionen

Die Kläger im Aus­gangs­ver­fah­ren sind im Schul­dienst bzw. in der Forst­ver­wal­tung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len täti­ge Be­am­te, de­nen ein Amt in lei­ten­der Funk­ti­on auf Zeit über­tra­gen wor­den war. Mit ih­ren Kla­gen be­gehr­ten sie die Über­tra­gung der von ih­nen be­klei­de­ten Ämter, die ih­nen gemäß § 25b LBG NRW le­dig­lich auf Zeit über­tra­gen wa­ren, auf Le­bens­zeit.

Die von die­ser Re­ge­lung be­trof­fe­nen Be­am­ten hat­ten oh­ne Er­folg beim Dienst­herrn be­an­tragt, dass ih­nen die Führungsämter auf Le­bens­zeit über­tra­gen wer­den würden und wa­ren mit die­sem Be­geh­ren vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten Müns­ter, Düssel­dorf und Gel­sen­kir­chen so­wie in der Be­ru­fungs­in­stanz, dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, er­folg­los ge­blie­ben.

Mit der Re­vi­si­on vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ver­fol­gen die Kläger ih­re Ansprüche auf Über­tra­gung ih­rer Führungsämter auf Le­bens­zeit wei­ter. Da das BVerwG wie erwähnt der An­sicht war, der § 25b LBG NRW sei ver­fas­sungs­wid­rig, leg­te es im Rah­men der Rich­ter­vor­la­ge gemäß Art.100 GG dem BVerfG die­se Fra­ge zur Ent­schei­dung vor.

Bundesverfassungsgericht: Führungsämter auf Zeit gefährden die Unabhängigkeit der Beamten und stellen einen zu schweren Eingriff in das Lebenszeitprinzip dar

Das BVerfG bestätig­te die Auf­fas­sung des BVerwG, d.h. es erklärte § 25b LBG NRW für ver­fas­sungs­wid­rig.

Nach An­sicht des BVerfG ist ei­ner der durch Art.33 Abs.5 GG ga­ran­tier­ten her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums, nämlich das Le­bens­zeit­prin­zip, durch die mehr­fach zeit­lich be­grenz­te Über­tra­gung von Führungsämtern in un­verhält­nismäßiger Wei­se ein­ge­schränkt. Da­her verstößt § 25b LBG NRW ge­gen Art.33 Abs.5 GG.

Zeit­lich be­grenz­te Be­am­ten­verhält­nis­se sind nach An­sicht des BVerfG nur aus­nahms­wei­se wie zum Bei­spiel bei kom­mu­na­len Wahl­be­am­ten zulässig. In der Re­gel sol­le die Le­bens­zeit­stel­lung dem Be­am­ten ei­ne Po­si­ti­on ver­schaf­fen, aus der her­aus er sein Amt un­abhängig und frei von sach­frem­den Zwängen ausüben kann. Wenn der Be­am­te die Rück­stu­fung in ein nied­ri­ger be­wer­te­tes Amt fürch­ten müsse, be­ste­he die Ge­fahr der Be­fan­gen­heit.

Zwar sei auch das Leis­tungs­prin­zip ei­ner der her­ge­brach­ten Grundsätze des Art.33 Abs.5 GG. Das ge­setz­ge­be­ri­sche Ziel, die­ses Prin­zip zu fördern, könne je­doch nicht ei­nen so schwe­ren Ein­griff in das Le­bens­zeit­prin­zip recht­fer­ti­gen, wie er hier durch die dop­pel­te Be­fris­tung vor­ge­nom­men wer­de.

Dem Leis­tungs­prin­zip könne be­reits durch die Bes­ten­aus­le­se und ei­ner ein­fa­chen ers­ten Pro­be­zeit genügt wer­den. Der Wunsch, Führungsämter häufi­ger neu zu be­set­zen, förde­re den Miss­brauch und die Ämter­pa­tro­na­ge, und zwar in ei­nem Be­reich, der ei­ner umfäng­li­chen recht­li­chen Über­prüfung nur ein­ge­schränkt zugäng­lich ist. Zu­dem sei die Be­fris­tung nicht ge­eig­net, Leis­tungs­ab­fall zu sank­tio­nie­ren, da hierfür kein ge­richt­lich über­prüfba­res Merk­mal in der Re­ge­lung vor­ge­se­hen sei.

Auch der Wett­be­werb um die Führungsämter wer­de durch die strei­ti­ge Re­ge­lung nicht gefördert, da bei der Ent­schei­dung über die Über­tra­gung ei­ner wei­te­ren Amts­zeit kein neu­es Aus­wahl­ver­fah­ren durch­zuführen sei.

Fa­zit: Be­am­te des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, die un­ter Be­ru­fung auf § 25b LBG NRW ein Amt auf Zeit über­tra­gen be­kom­men ha­ben, können die Er­nen­nung in das Be­am­ten­verhält­nis auf Le­bens­zeit in dem aus­geübten Amt beim Dienst­herrn ver­lan­gen. Da mit der Nich­tig­keit die­ser Re­ge­lung ein recht­li­cher Grund für die Be­fris­tung der Er­nen­nung weg­fiel, ist die Er­nen­nung so­mit rechts­feh­ler­haft.

Auf­grund sei­ner Fürsor­ge­pflicht ist der Dienst­herr ver­pflich­tet, die von den Be­am­ten er­lang­te schutzwürdi­ge Ver­trau­ens­po­si­ti­on durch ei­ne er­neu­te Er­nen­nung – dies­mal auf Le­bens­zeit - zu si­chern. Die­ser An­spruch auf dau­er­haf­te Über­tra­gung des Führungs­am­tes kann not­falls ver­wal­tungs­ge­richt­lich ge­genüber dem Dienst­herrn durch­ge­setzt wer­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 12. April 2015

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