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Funk­ti­ons­nach­fol­ge oder Be­triebs­über­gang?

BAG: Bei Über­nah­me sämt­li­cher Rei­ni­gungs­kräf­te und an­schlie­ßen­der Wei­ter­be­schäf­ti­gung im Be­trieb des Ver­äu­ße­rers als Leih­ar­beit­neh­mer liegt ein Be­triebs­über­gang vor: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.05.2008, 8 AZR 481/07

24.06.2008. In vie­len Fäl­len der Fremd­ver­ga­be bzw. des Out­sour­cing von be­trieb­li­chen Funk­tio­nen ist um­strit­ten, ob die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auf ih­re al­ten Ar­beits­ver­trä­ge po­chen kön­nen, wenn sie bei der Fremd­ver­ga­be "mit­ma­chen", d.h. zur Fremd­fir­ma wech­seln sol­len.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass die ein­zel­ver­trag­li­che Über­nah­me sämt­li­cher Rei­ni­gungs­kräf­te ei­nes Kran­ken­hau­ses durch ei­ne kran­ken­haus­ei­ge­ne Ser­vice-GmbH ist als Be­triebs­teil­über­gang zu be­wer­ten ist, wenn die über­nom­me­nen Kräf­te nach ih­rer Über­nah­me in die Ser­vice-GmbH von die­ser an den Kran­ken­haus­trä­ger zu­rück­ver­lie­hen wer­den und wenn die­se Ar­beit­neh­mer­über­las­sung der ein­zi­ge Zweck der Ser­vice-GmbH ist: BAG, Ur­teil vom 21.05.2008, 8 AZR 481/07.

Ändert sich die Organisation der Arbeit schon dadurch, dass der neue Arbeitgeber eine Leiharbeitsfirma ist und die Arbeitnehmer an ihren Ex-Arbeitgeber verleiht?

Geht ein Be­trieb oder Be­triebs­teil durch Rechts­geschäft auf ei­nen an­de­ren In­ha­ber über, so tritt die­ser gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein. Un­ter „Be­trieb“ oder - als klei­ne­re Va­ri­an­te - „Be­triebs­teil“ ver­steht die Recht­spre­chung ei­ne wirt­schaft­li­che Ein­heit, d.h. ei­ne or­ga­ni­sier­te Ge­samt­heit von Per­so­nen und/oder von Sa­chen mit dem Zweck der dau­er­haf­ten Ausübung ei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit.

Da es bei rei­nen Dienst­leis­tungs­be­trie­ben kaum sach­li­che Be­triebs­mit­tel gibt, die im Rah­men ei­nes Be­triebs- oder Be­triebs­teilüber­gangs über­ge­hen könn­ten, ist die­se De­fi­ni­ti­on in Be­triebsüber­g­angsfällen un­ter Be­tei­li­gung von Rei­ni­gungs-, Per­so­nal­ser­vice- oder Be­wa­chungs­un­ter­neh­men in der Wei­se an­zu­wen­den, dass man sich die Fra­ge stel­len muss, ob der (po­ten­ti­el­le) Be­triebs­er­wer­ber die Haupt­be­leg­schaft über­nom­men hat oder nicht. Über­nimmt er ei­nen nach Zahl und Sach­kun­de we­sent­li­chen Teil der Be­leg­schaft, spricht dies für ei­nen Be­triebs(teil)über­gang, über­nimmt er nur ei­ni­ge we­ni­ge Mit­ar­bei­ter, spricht dies da­ge­gen.

Al­ler­dings kann auch die Über­nah­me von prak­tisch sämt­li­chen Mit­ar­bei­tern ei­nes rei­nen Dienst­leis­tungs­be­triebs im Ein­zel­fall kei­nen Be­triebs­teilüber­gang dar­stel­len, wenn der Er­wer­ber die über­nom­me­nen Mit­ar­bei­ter im Rah­men ei­nes an­de­ren „Er­wer­ber­kon­zepts“ wei­ter beschäfti­gen möch­te.

Die Ar­beits­ge­rich­te spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang da­von, dass die vom Er­wer­ber über­nom­me­ne wirt­schaft­li­che Ein­heit „als iden­ti­sche Ein­heit“ über­nom­men und wei­ter­geführt wer­den muss.

So spricht zum Bei­spiel die Über­nah­me sämt­li­cher bei ei­ner Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft beschäftig­ten Haus­meis­ter durch ein Gebäude­ma­nage­men­t­un­ter­neh­men auf den ers­ten Blick für ei­nen Be­triebs­teilüber­gang, doch kann die­ser ers­te Ein­druck falsch sein, wenn der Er­wer­ber die vor­mals als Haus­meis­ter beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer nach der Über­nah­me mit be­schränk­ten Auf­ga­ben, d.h. ent­we­der als bloße Rei­ni­gungs­kräfte oder aus­sch­ließlich als Haus­hand­wer­ker mit spe­zi­el­lem Auf­ga­ben­be­reich ein­set­zen will.

Frag­lich ist, ob die ar­beits­ver­trag­li­che Über­nah­me der Rei­ni­gungs­kräfte ei­nes Kran­ken­hau­ses durch ei­ne Ser­vice-GmbH ei­nen Be­triebs­teilüber­gang dar­stellt, wenn die über­nom­me­nen Kräfte nach ih­rer Über­nah­me in die Ser­vice-GmbH von die­ser an den Kran­ken­haus­träger zurück­ver­lie­hen wer­den. Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das BAG vor kur­zem zu ent­schei­den.

Der Fall des BAG: Krankenhausträger verschiebt die Reinigungskräfte an ein Tochterunternehmen und leiht sie sich von diesem zurück

Die drei kla­gen­den Ar­beit­neh­me­rin­nen wa­ren seit 1971 bzw. 1978 bzw. 1981 in ei­nem Kran­ken­haus in Zwie­sel als Rei­ni­gungs­kräfte beschäftigt. Ar­beit­ge­ber war der Träger des Kran­ken­hau­ses, ein Kom­mu­nal­un­ter­neh­men. Gemäß ei­ner in den Ar­beits­verträgen ent­hal­te­nen Klau­sel rich­te­te sich das Ar­beits­verhält­nis nach den je­weils gel­ten­den Be­stim­mun­gen des Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges und den zusätz­lich für den Land­kreis R. maßgeb­li­chen Ta­rif­verträgen in ih­rer je­weils gel­ten­den Fas­sung.

Um die sich dar­aus er­ge­ben­de Vergütung lang­fris­tig auf das Ni­veau der St­un­denlöhne im pri­va­ten Gebäuderei­ni­ger­hand­werk ab­zu­sen­ken, be­schloss das Kom­mu­nal­un­ter­neh­men, die Ar­beits­verhält­nis­se der Rei­ni­gungs­kräfte durch ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen auf ei­ne vom Kom­mu­nal­un­ter­neh­men als al­lei­ni­ge Ge­sell­schaf­te­rin geführ­te Ser­vice-GmbH über­zu­lei­ten. Ein­zi­ger Zweck der GmbH war die Stel­lung von Per­so­nal an das Kom­mu­nal­un­ter­neh­men oder an des­sen Toch­ter­un­ter­neh­men.

Zu die­sem Zweck leg­te man den Rei­ni­gungs­kräften ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag zur Un­ter­schrift vor und bot ih­nen gleich­zei­tig ei­nen neu­en Ar­beits­ver­trag mit der Ser­vice-GmbH an. In die­sem gab es kei­ne Be­zug­nah­me mehr auf die bis­her gel­ten­den ta­rif­li­chen Be­din­gun­gen. Die bis­he­ri­ge Vergütung soll­te so lan­ge ein-ge­fro­ren blei­ben, bis das Ni­veau der St­un­denlöhne im pri­va­ten Gebäuderei­ni­ger­hand­werk die jet­zi­ge Vergütungshöhe er­reicht ha­ben würde.

Die Kläge­rin­nen schlos­sen die ih­nen an­ge­bo­te­nen Auf­he­bungs­verträge zum 31.06.2004 und die Ar­beits­verträge mit der Ser­vice-GmbH zum 01.07.2004 zwar ab, ver­tra­ten je­doch schon ei­ni­ge Wo­chen später die Auf­fas­sung, die­se Verträge sei­en we­gen Ge­set­zes­um­ge­hung gemäß § 134 BGB in Verb. mit § 613a BGB nich­tig.

Das Ver­hal­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te sei nämlich von vorn­her­ein dar­auf aus­ge­rich­tet ge­we­sen, den ge­setz­lich zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers zwin­gen­den An­spruch aus § 613a BGB auf Kon­ti­nuität des Ar­beits­verhält­nis­ses zu um­ge­hen. Da­zu ver­wie­sen die Kläge­rin­nen auf die zwi­schen den Par­tei­en un­strei­ti­ge Tat­sa­che, dass sie auch nach dem Wech­sel zur Ser­vice-GmbH im Kran­ken­haus die glei­chen Tätig­kei­ten wie früher ver­rich­ten muss­ten. Nach wie vor stell­te das Kom­mu­nal­un­ter­neh­men ih­nen die Rei­ni­gungs­mit­tel und Ar­beits­geräte zur Verfügung und er­teil­te ih­nen durch die­sel­ben Per­so­nen wie zu­vor Ar­beits­an­wei­sun­gen.

Die Rei­ni­gungs­kräfte klag­ten dar­auf­hin ge­gen die Ser­vice-GmbH auf Fest­stel­lung, dass der mit dem Kom­mu­nal­un­ter­neh­men ge­schlos­se­ne Auf­he­bungs­ver­trag rechts­un­wirk­sam sei. Außer­dem be­gehr­ten sie die Ver­ur­tei­lung der Ser­vice-GmbH, sie über den 30.06.2004 hin­aus zu den bis­her gel­ten­den Ar­beits­be­din­gun­gen bei dem Kom­mu­nal­un­ter­neh­men zu beschäfti­gen.

Das in ers­ter In­stanz an­ge­ru­fe­ne Ar­beits­ge­richt Pas­sau gab der Kla­ge mit Ur­teil vom 30.06.2005 statt, wo­hin­ge­gen das in der Be­ru­fungs­in­stanz zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München die Kla­ge ab­wies (LAG München, Ur­teil vom 27.02.2006, 6 Sa 870/05).

Das LAG München war der An­sicht, die Über­nah­me der Rei­ni­gungs­kräfte durch die Ser­vice-GmbH stel­le kei­nen Be­triebsüber­gang dar, da die Ser­vice-GmbH le­dig­lich die Rei­ni­gungs­kräfte neu ein­ge­stellt ha­be, wo­hin­ge­gen die Be­triebs­mit­tel beim Kom­mu­nal­un­ter­neh­men ver­blie­ben sei­en und wei­ter­hin von die­sem be­schafft würden. Die Rei­ni­gungstätig­keit als sol­che im Kom­mu­nal­un­ter­neh­men könne nicht als wirt­schaft­li­che Ein­heit ge­wer­tet wer­den. Die Be­klag­te GmbH führe da­her le­dig­lich die Rei­ni­gungs­ar­bei­ten fort, was als ein Fall von „Funk­ti­ons­nach­fol­ge“ zu be­wer­ten sei.

BAG: Bei Übernahme sämtlicher Reinigungskräfte und anschließender Weiterbeschäftigung im Betrieb des Veräußerers als Leiharbeitnehmer liegt ein Betriebsübergang vor

Das BAG hat wie das Ar­beits­ge­richt Pas­sau für die Kläge­rin­nen ent­schie­den, d.h. es hat das Be­ru­fungs­ur­teil des LAG München auf­ge­ho­ben.

So­weit der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG ent­nom­men wer­den kann, hat das BAG im We­sent­li­chen des­halb ei­nen Be­triebs­teilüber­gang und kei­ne bloße Funk­ti­ons­nach­fol­ge an­ge­nom­men, weil die über­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer an das Kom­mu­nal­un­ter-neh­men zurück­ver­lie­hen wur­den und dort die glei­chen Tätig­kei­ten ver­rich­ten muss­ten wie bis­her

Er­schwe­rend kam hin­zu, dass aus­sch­ließli­cher Ge­gen­stand der Ser­vice-GmbH die Stel­lung von Per­so­nal an das Kom­mu­nal­un­ter­neh­men oder an des­sen Toch­ter­un­ter­neh­men ist. Un­ter sol­chen Umständen ist kein ei­ge­nes bzw. neu­es Er­wer­ber­kon­zept im Ver­gleich zu dem bis­he­ri­gen Ar­beits­ein­satz der Rei­ni­gungs­kräfte beim Kom­mu­nal­un­ter­neh­men zu er­ken­nen.

Dem­zu­fol­ge war die Über­lei­tung prak­tisch sämt­li­cher Rei­ni­gungs­kräfte in die­sem Fall ein In­diz dafür, dass die bis­he­ri­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit „Kran­ken­haus­rei­ni­gung“ als iden­ti­sche Ein­heit von der Ser­vice-GmbH über­nom­men wur­de. Dem­zu­fol­ge war der prak­tisch zeit­gleich ge­schlos­se­ne Auf­he­bungs­ver­trag mit dem Kom­mu­nal­un­ter­neh­men als Be­triebs­veräußerer und der Ab­schluss ei­nes ungüns­ti­ge­ren neu­en Ar­beits­ver­trags mit der Ser­vice-GmbH als Um­ge­hung der in § 613a Abs.1 Satz 1 BGB zwin­gend vor­ge­se­he­nen Auf­recht­er­hal­tung der bis­he­ri­gen Ar­beits­ver­trags­be­din­gun­gen an­zu­se­hen und da­her gemäß § 134 BGB un­wirk­sam.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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