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Gleich­be­hand­lung von Le­bens­part­nern

Recht auf Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Ur­teil vom 07.07.2009, 1 BvR 1164/07

30.12.2009. Im öf­fent­li­chen Dienst ist für hin­ter­blie­be­ne Ehe­part­ner oft ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung vor­ge­se­hen.

Seit Ein­füh­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Le­bens­part­ner­schaft stellt sich, ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund des im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) nor­mier­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot auf­grund der se­xu­el­len Iden­ti­tät, die Fra­ge, ob auch hin­ter­blie­be­ne Le­bens­part­ner An­spruch auf die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ha­ben.

Um die Fra­ge, ob auch gleich­ge­schlecht­li­che Le­bens­part­ner ein Recht auf Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ha­ben, geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG): BVerfG, Ur­teil vom 07.07.2009, 1 BvR 1164/07.

Stellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften

Durch ver­schie­de­ne ge­setz­li­che Ände­run­gen, die in den letz­ten Jah­ren in Kraft ge­tre­ten sind, ist dafür ge­sorgt, dass gleich­ge­schlecht­li­che Le­bens­part­ner auf tra­di­tio­nell Ehe­paa­ren vor­be­hal­te­ne recht­li­che Vor­tei­le und Ab­si­che­run­gen zurück­grei­fen können. Das grund­le­gen­de und wich­tigs­te die­ser Ge­set­ze ist das Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz (LPartG) vom 16.02.2001.

Sein Ziel war zum ei­nen die An­pas­sung der Rechts­la­ge an die veränder­te ge­sell­schaft­li­che Rea­lität und zum an­de­ren die Ver­mei­dung ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Iden­tität. Hand­lungs­be­darf sah man nicht nur we­gen des im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten Gleich­be­hand­lungs­ge­bots, d.h. we­gen Art. 3 Abs. 1 Grund­ge­setz (GG), son­dern auch we­gen des Ge­bots der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung, das in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der eu­ropäischen Uni­on fest­ge­legt ist.

Ob­schon mitt­ler­wei­le in vie­len Be­rei­chen die grundsätz­li­che Gleich­stel­lung ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner mit Ehe­part­nern um­ge­setzt ist, stellt sich in vie­len De­tail­fra­gen im­mer wie­der die Fra­ge, ob die her­ge­brach­te recht­li­che Bes­ser­stel­lung von Ehe­leu­ten in ge­setz­li­chen oder ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen ge­recht­fer­tigt ist, wo­bei vor al­lem der ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art. 6 GG) zum Tra­gen kommt.

Im Be­reich der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung fragt sich, ob ein hin­ter­blie­be­ner Le­bens­part­ner wie ei­ne Wit­we bzw. ein Wit­wer An­spruch auf ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te hat. Im öffent­li­chen Dienst, d.h. bei den hier täti­gen An­ge­stell­ten geht es um die Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Länder (VBL) bzw. um die von die­ser ge­tra­ge­ne Zu­satz­ver­sor­gung. In den die Ver­sor­gung be­tref­fen­den Re­ge­lun­gen ist ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te - je­den­falls aus­drück­lich - nur für hin­ter­blie­be­ne Ehe­part­ner vor­ge­se­hen, nicht aber für hin­ter­blie­be­ne gleich­ge­schlecht­li­che Le­bens­part­ner. Den Buch­sta­ben die­ser Re­ge­lun­gen fol­gend hat­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) im Jah­re 2007 die Kla­ge ei­nes hin­ter­blie­be­nen gleich­ge­schlecht­li­chen Le­bens­part­ners ab­ge­wie­sen (BGH, Ur­teil vom 14.02.2007, IV ZR 267/04).

Nun­mehr hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) mit Ur­teil vom 07.07.2009 (1 BvR 1164/07) darüber zu ent­schei­den, ob ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te gemäß den Ver­sor­gungs­re­ge­lun­gen der VBL ha­ben.

Der Fall des Bundesverfassungsgerichts: Dienstherr teilt Angestelltem mit, sein Lebenspartner habe keinen Anspruch auf Hinterbliebenenrente

Der seit 1977 im öffent­li­chen Dienst beschäftig­te Be­schwer­deführer lebt seit 2001 in ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft und ist bei der VBL zu­satz­ver­si­chert. Kin­der sind von kei­nem der Part­ner zu ver­sor­gen.

Aus An­lass ei­ner Be­rech­nung der in der Zu­satz­ver­sor­gung er­wor­be­nen An­wart­schaf­ten des Be­schwer­deführers teil­te ihm der Dienst­herr mit, dass sein Le­bens­part­ner kei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ren­te er­hal­ten wer­de, da dies in § 38 der Sat­zung der VBL nicht vor­ge­se­hen ist. Die In­stanz­ge­rich­te sa­hen hier­in kei­ne un­ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung und wie­sen die Kla­ge mit der Be­gründung zurück, dass die im Sat­zungs­text ver­wand­ten Be­grif­fe „Hei­rat“, „Ehe“ und „Ehe­gat­te“ ei­ne förm­lich ge­schlos­se­ne Ehe vor­aus­set­zen. Da das Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz be­reits in Kraft war, als die Sat­zung be­schlos­sen wur­de, war auch die Möglich­keit nicht ge­ge­ben, den Sat­zungs­text un­ter Berück­sich­ti­gung der veränder­ten Ge­setz­la­ge aus­zu­le­gen und so zu dem gewünsch­ten Er­geb­nis zu kom­men, so der BGH.

Der BGH nahm an, dass die Ehe zwar ge­genüber der ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft nicht be­vor­zugt wer­den müsse. Es sei aber zulässig, der Ehe „an­de­re“ Rech­te zu ge­ben als ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft, da Ehe und Fa­mi­lie durch Art. 6 GG be­son­ders geschützt würden. Die obers­ten Zi­vil­rich­ter ver-tra­ten wei­ter­hin die Auf­fas­sung, dass es nach wie vor ty­pi­scher­wei­se die ver­hei­ra­te­ten Ar­beit­neh­mer sei­en, die mit ih­rem Ein­kom­men die Vor­sor­ge­kos­ten für Ehe­gat­ten und Kin­der maßgeb­lich be­strei­ten. Dar­in be­ste­he ein recht­lich maßgeb­li­cher Un­ter­schied ge­genüber Un­ver­hei­ra­ten und gleich­ge­schlecht­li­chen Le­bens­part­nern.

Bundesverfassungsgericht: Ausschluss verfassungswidrig

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat der Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Klägers statt­ge­ge­ben und fest­ge­stellt, dass die an­ge­grif­fe­nen Ur­tei­le ihn in sei­nem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 GG ver­let­zen.

Das BVerfG folg­te da­mit der Sicht­wei­se des BGH nicht und stell­te fest, dass es zur Be­gründung ei­ner Un­gleich­be­hand­lung von Ehe und Le­bens­part­ner­schaft nicht aus­reicht, auf den grund­ge­setz­li­chen Schutz der Ehe zu ver­wei­sen. Für das Ver­fas­sungs­ge­richt kann die Pri­vi­le­gie­rung der Ehe, un­abhängig da­von, ob die­se kin­der­los ist oder nicht, nur mit der Be­gründung ge­recht­fer­tigt wer­den, dass ei­ne auf Dau­er ver­bind­li­che Ver­ant­wor­tung und ge­gen­sei­ti­ge Ein­stands­pflich­ten zwi­schen den Part­nern über­nom­men wer­den.

In die­sem Fürein­an­der­ein­ste­hen liegt aber seit der weit­ge­hen­den recht­li­chen Gleich­stel­lung von Le­bens­part­nern und Ehe­leu­ten kein we­sent­li­cher Un­ter­schied mehr, da gemäß dem LPartG durch die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft ver­gleich­ba­re Un­ter­halts­pflich­ten dem Part­ner ge­genüber be­gründet wer­den wie zwi­schen Ehe­leu­ten. Da­her stand für das BVerfG hin­ter der Ent­schei­dung des Sat­zungs­ge­bers, Le­bens­part­ner von der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung aus­zu­neh­men, kei­ne sach­lich bzw. recht­lich nach­voll­zieh­ba­re Über­le­gung, die ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung recht­fer­ti­gen würde. Sch­ließlich sei das In­ter­es­se des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers am Ver­sor­gung­s­cha­rak­ter der Hin­ter­blie­be­nen­ren­te bei Ehen wie bei Le­bens­part­ner­schaf­ten gleich aus­ge­prägt.

Fa­zit: Mit sei­ner Ent­schei­dung hat das BVerfG ei­nen deut­li­chen Weg­wei­ser hin zu ei­ner gleich­stel­lungs­freund­li­chen Recht­spre­chung auf­ge­stellt. Da­mit weist die Recht­spre­chung des BVerfG in die glei­che Rich­tung wie die jüngs­ten Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH), der mit Ur­teil vom 01.04.2008, Rs. C-267/06 (Ta­dao Ma­ru­ko) klar­ge­stellt hat­te, dass die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 die Be­nach­tei­lung gleich­ge­schlecht­li­cher Le­bens­part­ner beim Be­zug von Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten ver­bie­tet (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/046 Eu­ro­pa­recht ver­bie­tet Be­nach­tei­li­gun­gen von Ho­mo­se­xu­el­len beim Be­zug von Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten). Letzt­lich geht es um die Durch­set­zung der ju­ris­ti­schen Gleich­be­hand­lung von in­sti­tu­tio­nell ab­ge­si­cher­ten und auf Le­bens­zeit be­gründe­ten Le­bens-, Ein­stands- und Ver­sor­gungs­ge­mein­schaf­ten von Paa­ren.

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Letzte Überarbeitung: 1. Dezember 2016

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