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Gleich­be­hand­lung bei Son­der­zah­lun­gen

Ver­folgt der Ar­beit­ge­ber mit frei­wil­li­gen Gra­ti­fi­ka­tio­nen meh­re­re Zwe­cke, ste­hen die Zah­lun­gen al­len Ar­beit­neh­mern zu, auf auch nur ein­zel­ne die­ser Zwe­cke zu­tref­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.09.2007, 10 AZR 569/06

30.10.2007. Dem Ar­beit­ge­ber kann im Prin­zip frei dar­über ent­schei­den, wel­che Zie­le er mit der Ge­wäh­rung von Son­der- oder Ein­mal­zah­lun­gen ver­folgt, auf die die Ar­beit­neh­mer erst ein­mal kei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen An­spruch ha­ben.

Sol­che Gra­ti­fi­ka­tio­nen wie z.B. ein Weih­nachts­geld kön­nen dem­ent­spre­chend ver­schie­de­ne Zwe­cke ha­ben. Wenn der Ar­beit­ge­ber hier nicht ein­deu­tig be­stimm­te Zweck­set­zun­gen aus­schließt, kön­nen Ar­beit­neh­mer aus dem ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ei­nen An­spruch auf Zah­lung her­lei­ten, falls ei­ni­ge der vom Ar­beit­ge­ber ver­folg­ten Zweck­set­zun­gen auch bei ih­nen zu­tref­fen oder zu­min­dest teil­wei­se zu­tref­fen.

Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ni­gen Par­al­lel-Ur­tei­len vom 26.09.2007, die den­sel­ben Be­trieb be­tra­fen, klar­ge­stellt: BAG, Ur­teil vom 26.09.2007, 10 AZR 568/06; BAG, Ur­teil vom 26.09.2007, 10 AZR 569/06; BAG, Ur­teil vom 26.09.2007, 10 AZR 570/06.

Wie ist der Gleichbehandlungsgrundsatz anzuwenden bei unklaren Zwecksetzungen des Arbeitgebers?

In den vom BAG am 26.09.2007 ent­schie­de­nen drei Fällen ging es um den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. Die­ser un­ter­sagt es dem Ar­beit­ge­ber, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer oh­ne Sach­grund schlech­ter als ver­gleich­ba­re an­de­re Ar­beit­neh­mer zu be­han­deln, falls er be­stimm­te Gra­ti­fi­ka­tio­nen wie z.B. ein Weih­nachts­geld für be­stimm­te begüns­tig­te Ar­beit­neh­mer­grup­pen nach ei­nem ein­heit­li­chen Prin­zip ver­gibt.

Recht­lich nicht ab­sch­ließend geklärt ist die Fra­ge, in­wie­weit der Ar­beit­ge­ber auch dann noch an den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den ist, wenn er Ar­beit­neh­mer von frei­wil­li­gen Leis­tun­gen aus­nimmt und dafür teil­wei­se sach­li­che Gründe anführen kann. An­ders ge­sagt: Ver­folgt der Ar­beit­ge­ber mit sei­nen frei­wil­li­gen Leis­tun­gen zu­gleich ver­schie­de­ne Zwe­cke und tre­fefn die­se Zwe­cke auf ei­nen Ar­beit­neh­mer nur zum Teil zu - kann er dann auf­grund des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes eben­falls die Leis­tung ver­lan­gen oder nicht?

Der Streitfall: Weihnachtsgeldzahlung sollte vorherige Lohneinbußen ausgleichen und zugleich anderen Zielen dienen

Ein Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rungs­be­trieb verlänger­te 2001 mit ein­zel­ver­trag­li­cher Zu­stim­mung von et­wa 400 Ar­beit­neh­mern die Ar­beits­zeit und senk­te gleich­zei­tig den Grund­lohn in den Be­rei­chen Spritz­guss und Mon­ta­ge ab. Da­durch soll­ten die Ar­beit­neh­mer ei­nen Bei­trag zur Sa­nie­rung des Un­ter­neh­mens leis­ten.

Et­wa 50 Ar­beit­neh­mer, dar­un­ter die Kläger in den drei vom BAG ent­schie­de­nen Fällen, hat­ten die­se für sie ungüns­ti­ge Ände­rung ih­rer Ar­beits­verträge ab­ge­lehnt.

In der Fol­ge­zeit kündig­te die Ar­beit­ge­be­rin un­ter Ver­weis auf ih­re schwie­ri­ge wirt­schaft­li­che La­ge ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über zusätz­li­che Leis­tun­gen, u.a. über die Zah­lung von Weih­nachts­geld. Gleich­zei­tig bot sie den Mit­ar­bei­tern, die der für sie ungüns­ti­gen Ar­beits­ver­tragsände­rung (verlänger­te Ar­beits­zeit bei Ab­sen­kung des Grund­lohns) zu­ge­stimmt hat­ten, fol­gen­de Ver­ein­ba­rung an:

Sie soll­ten für das Jahr 2003 - und un­ter Wi­der­rufs­vor­be­halt auch für die fol­gen­den Jah­re - Weih­nachts­geld­zah­lun­gen er­hal­ten. Die­se Zah­lung soll­te die ver­gan­ge­ne Be­triebs­treue ho­no­rie­ren und gleich­zei­tig ei­nen An­reiz für das Ver­blei­ben im Be­trieb ge­ben. Außer­dem soll­te auch die An­we­sen­heit des Ar­beit­neh­mers ho­no­riert wer­den.

Drei der Mit­ar­bei­ter, die sich ei­ner Ge­halts­ab­sen­kung bei gleich­zei­ti­ger Erhöhung der Ar­beits­zeit ver­wei­gert hat­ten und da­her von die­ser Ver­ein­ba­rung über das Weih­nachts­geld aus­ge­nom­men wur­den, klag­ten die Weih­nachts­geld­zah­lung vor dem Ar­beits­ge­richt un­ter Be­ru­fung auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ein. Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm als Be­ru­fungs­ge­richt ga­ben den Kla­gen statt ( LAG Hamm, Ur­teil vom 02.02.2006, 8 Sa 472/05, LAG Hamm, Ur­teil vom 02.02.2006, 8 Sa 473/05 und LAG Hamm, Ur­teil vom 02.02.2006, 8 Sa 476/05).

BAG: Verfolgt der Arbeitgeber mit freiwilligen Sonderzahlungen mehrere Zwecke, stehen die Zahlungen allen Arbeitnehmern zu, auf die einzelne dieser Zwecke zutreffen

Auch das BAG gab den Ar­beit­neh­mern Recht. Die Re­vi­si­on der Ar­beit­ge­be­rin blieb er­folg­los. Das BAG hielt der Ar­beit­ge­be­rin ei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor:

Ein sach­li­cher Grund für ei­ne Un­gleich­be­hand­lung war nicht zu er­ken­nen, so das BAG. Denn der Ar­beit­ge­ber ver­folg­te mit der Weih­nachts­geld­zu­sa­ge nicht aus­sch­ließlich den Zweck, die fi­nan­zi­el­len Ein­bußen der Ar­beit­neh­mer aus­zu­glei­chen, die ei­nen Sa­nie­rungs­bei­trag ge­leis­tet hätten. Das wäre in Ord­nung ge­we­sen: Will der Ar­bei­te­ber durch ei­ne frei­wil­li­ge Son­der­zah­lung ein un­ter­schied­li­ches Lohn­ni­veau aus­glei­chen, kann das sach­lich ge­recht­fer­tigt sein. Nur war das hier nicht der Fall, weil der Ar­beit­ge­ber mit sei­ner Leis­tung auch an­de­re Zwe­cke ver­folg­te.

An­ders ge­sagt: Die Weih­nachts­geld­ver­ein­ba­rung glich hier nicht nur die Ge­halts­ein­bußen aus, die die et­wa 400 Ar­beit­neh­mern durch die frei­wil­li­ge Ar­beits­zeit­verlänge­rung und Lohn­ab­sen­kung 2001 er­lit­ten hat­ten, son­dern sie soll­te auch ei­nen all­ge­mei­nen An­reiz zur Ver­mei­dung von Krank­heits­ta­gen schaf­fen und die Be­triebs­treue ho­no­rie­ren.

Die zu­letzt ge­nann­ten bei­den Zweck­set­zun­gen tra­fen aber auch auf sol­che Ar­beit­neh­mer zu, die zu­vor der für sie ungüns­ti­gen Ver­tragsände­rung bzgl. der Ar­beits­zeit und der Ge­halts­ab­sen­kung nicht zu­ge­stimmt hat­ten. Trotz ih­rer Be­triebs­treue und ih­rer ge­sund­heits­be­wuss­ten Le­bensführung soll­ten sie von der Weih­nachts­geld­zah­lung aus­ge­schlos­sen wer­den. Dies ver­letz­te den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz.

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Letzte Überarbeitung: 12. Oktober 2016

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