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Ein­stel­lungs­höchst­al­ter bei der Feu­er­wehr rech­tens

Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof ver­neint Dis­kri­mi­nie­rung: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 (Co­lin Wolf gg. Stadt Frank­furt am Main)
24.03.2010. Seit Ein­füh­rung des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) sind Be­schäf­tig­te vor Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund des Al­ters ge­schützt. Seit­dem ist im­mer wie­der die Zu­läs­sig­keit ei­ner Höchst­al­ters­gren­ze für die Be­schäf­ti­gung oder die Ein­stel­lung in Fra­ge ge­stellt wor­den.

Mit der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung er­klär­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ein Ein­stel­lungs­höchst­al­ter für den Feu­er­wehr­dienst in Hes­sen für eu­ro­pa­rechts­kon­form.

Auf­grund der ex­trem gro­ßen An­for­de­run­gen an die kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit ist ein Ein­satz von Feu­er­wehr­leu­ten in den Kern­auf­ga­ben der Brand­be­kämp­fung und Per­so­nen­ret­tung nur bis zu ei­nem Höchst­al­ter von 45 bis 50 Jah­ren mög­lich, wes­halb der EuGH ei­ne Al­ters­gren­ze von 31 Jah­ren als zu­läs­si­ge, weil sach­lich ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung an­sah: EuGH, Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 (Co­lin Wolf gg. Stadt Frank­furt am Main).

Diskriminierung aufgrund des Alters und Höchstaltersgrenzen

Ver­schie­de­ne EU-Richt­li­ni­en ver­bie­ten die Dis­kri­mi­nie­rung im Er­werbs­le­ben auf­grund des Al­ters, u.a. die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf.

De­ren Art.6 Abs.1 stellt aber klar, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters zulässig sind, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ und durch ein „le­gi­ti­mes Ziel“ aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung ge­recht­fer­tigt sind. Außer­dem müssen die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein.

Darüber hin­aus ge­stat­tet die Richt­li­nie in ih­rem Art.4 Abs.1 Schlech­ter­stel­lun­gen u.a. we­gen des Al­ters, wenn das Al­ter (bzw. Ge­schlecht usw.) auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ dar­stellt, wo­bei es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und um ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­deln muss.

Die­se Vor­ga­ben ein­sch­ließlich der be­grenz­ten Er­laub­nis zu al­ters­be­ding­ten Schlech­ter­stel­lun­gen sind mitt­ler­wei­le im deut­schen Recht um­ge­setzt wor­den, nämlich durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) bzw. durch § 8 Abs.1 AGG und durch § 10 Satz 3 Nr.3 AGG.

Recht­lich und ar­beits­markt­po­li­tisch um­strit­ten ist seit ei­ni­gen Jah­ren die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber ein be­stimm­tes Höchst­al­ter für die Ein­stel­lung vor­ge­ben darf oder ob ei­ne sol­che Al­ters­gren­ze ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stellt. Zwar er­laubt § 10 Satz 3 Nr.3 AGG aus­drück­lich die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung we­gen der „Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand“, doch fragt sich, wann die - durch Ein­stel­lungs­al­ters­gren­zen maßgeb­lich be­ein­fluss­te - Beschäfti­gungs­zeit „an­ge­mes­sen“ lang und wann sie über­trie­ben lang ist.

An­ge­sichts der vor al­lem im öffent­li­chen Dienst ver­brei­te­ten Al­tershöchst­gren­zen für die Ein­stel­lung von Dienst­kräften stellt sich da­her die Fra­ge, ob z.B. ein Ein­stel­lungshöchst­al­ter von 30 Jah­ren für den mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst sach­lich ge­recht­fer­tigt oder dis­kri­mi­nie­rend ist. Über die­se Fra­ge hat­te der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) im Ja­nu­ar 2010 auf der Grund­la­ge ei­nes aus Deutsch­land stam­men­den Vor­la­ge­fal­les zu ent­schei­den (Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 - Co­lin Wolf gg. Stadt Frank­furt am Main).

Der Fall des Europäischen Gerichtshofs: Höchstaltersgrenze von 31 Jahren für die Einstellung bei der Feuerwehr in Hessen

Ein 1976 ge­bo­re­ner Be­wer­ber be­kun­de­te En­de 2006 in Frank­furt am Main sein In­ter­es­se an ei­nem Aus­bil­dungs­platz bei der Feu­er­wehr im mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst. Da er beim nächs­ten vor­aus­sicht­li­chen Ein­stel­lungs­ter­min An­fang 2008 be­reits mehr als 31 Jah­re alt ge­we­sen wäre, teil­te ihm die Brand­di­rek­ti­on un­ter Ver­weis auf das hes­si­sche Be­am­ten­recht bzw. die Feu­er­wehr­lauf­bahn­ver­ord­nung (Feu­erwL­VO) mit, dass man sei­ne Be­wer­bung nicht berück­sich­ti­gen könne, da er zum vor­aus­sicht­li­chen nächs­ten Ein­stel­lungs­tag das in der Feu­erwL­VO vor­ge­se­he­ne Ein­stel­lungshöchst­al­ter von 30 Jah­ren über­schrit­ten ha­ben würde.

Der Be­wer­ber ver­klag­te dar­auf­hin die Stadt vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) Frank­furt am Main auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung von drei Mo­nats­gehältern, min­des­tens aber von 6.650,73 EUR. Er mein­te, bei der Be­wer­bung we­gen sei­nes Al­ters in un­zulässi­ger Wei­se schlech­ter ge­stellt bzw. dis­kri­mi­niert wor­den zu sein. Die Stadt Frank­furt war da­ge­gen der An­sicht, die Al­ters­gren­ze von 30 Jah­ren sei kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung, son­dern ei­ne sach­lich ge­recht­fer­tig­te un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters. Denn oh­ne die Al­ters­gren­ze ge­be es kein an­ge­mes­se­nes Verhält­nis zwi­schen der Beschäfti­gungs­zeit als Be­am­ter und dem An­spruch auf Ver­sor­gung im Ru­he­stand.

Das VG setz­te dar­auf­hin das Ver­fah­ren aus und leg­te dem EuGH im We­ge des Er­su­chens um Vor­ab­ent­schei­dung gemäß Art.234 des Ver­trags zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft (EGV) ei­ne Rei­he von Fra­gen vor, die um die Ver­ein­bar­keit von Ein­stel­lungshöchst­gren­zen mit dem in der Richt­li­nie 2000/78/EG ent­hal­te­nen Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung kreis­ten (Be­schluss vom 21.04.2008, 9 E 3856/07).

Da­bei stell­te das Ge­richt klar, dass es das strei­ti­ge Ein­stel­lungshöchst­al­ter von 30 Jah­ren als Ver­let­zung des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung an­se­he und da­her dem Kläger ei­ne Entschädi­gung in be­an­trag­ter Höhe zu­spre­chen würde, falls sich aus der Stel­lung­nah­me des EuGH nichts Ge­gen­tei­li­ges er­ge­be (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/074 Mit 31 Jah­ren zu alt für die Feu­er­wehr?).

Im Ver­lauf des Ver­fah­rens vor dem EuGH gab die Bun­des­re­gie­rung ei­ne un­gewöhn­lich ausführ­li­che Stel­lung­nah­me zu den Be­son­der­hei­ten des feu­er­wehr­tech­ni­schen Diens­tes ab. Der Bun­des­re­gie­rung zu­fol­ge sind die An­for­de­run­gen an die körper­li­che Leis­tungsfähig­keit von Feu­er­wehr­leu­ten bei der Brand­bekämp­fung und bei der Le­bens­ret­tung so ex­trem hoch, dass Feu­er­wehr­leu­te ab ei­nem Al­ter von 45 bis 50 Jah­ren auf­grund schwin­den­der körper­li­cher Leis­tungsfähig­keit mit an­de­ren Auf­ga­ben be­traut würden. Da­her si­che­re das Ein­stel­lungshöchst-al­ter von 30 Jah­ren ei­nen ak­ti­ven Dienst in der Brand­bekämp­fung bzw. Le­bens­ret­tung von 15 bis 20 Jah­ren, wo­bei die zweijähri­ge Aus­bil­dung noch in Ab­zug zu brin­gen sei.

Von die­sen Ar­gu­men­ten hat­te sich der mit dem Fall be­trau­te Ge­ne­ral­an­walt Yves Bot über­zeu­gen las­sen und in sei­nen Schluss­anträgen vom 03.09.2009 dafür plädiert, Ein­stel­lungshöchst­al­ters­re­ge­lun­gen von der Art der hier strei­ti­gen Vor­schrif­ten der hes­si­schen Feu­erwL­VO für nicht dis­kri­mi­nie­rend bzw. sach­lich ge­recht­fer­tigt zu erklären (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/186 Höchst­al­ter von 30 bei der Ein­stel­lung von Feu­er­wehr­leu­ten).

Europäischer Gerichtshof: Keine Altersdiskriminierung. Wegen der hohen körperlichen Anforderungen an die Angestellten bei der Feuerwehr sachlich gerechtfertigt

Nun ist es amt­lich: Wie kaum an­ders zu er­war­ten war, folg­te der EuGH dem Ent­schei­dungs­vor­schlag des Ge­ne­ral­an­walts Yves Bot und ent­schied, dass Al­ters­gren­zen für die Ein­stel­lung in Fällen der vor­lie­gen­den Art nicht ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG ver­s­toßen. Die Ent­schei­dungs­for­mel lau­tet, dass Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner in­ner­staat­li­chen Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen, die das Höchst­al­ter für die Ein­stel­lung in die Lauf­bahn des mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Diens­tes auf 30 Jah­re fest­legt, nicht ent­ge­gen­steht.

Zur Be­gründung prüft der EuGH Punkt für Punkt die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner ge­recht­fer­tig­ten Schlech­ter­stel­lung gemäß Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG durch. Da­nach sind al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lun­gen kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, wenn das Al­ter auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.

Mit Blick auf die be­son­de­ren An­for­de­run­gen an die körper­li­che Leis­tungsfähig­keit von Feu­er­wehr­leu­ten, die bei der Brand­bekämp­fung und Le­bens­ret­tung ein­ge­setzt wer­den, be­wer­te­te der EuGH ein jun­ges Al­ter als ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ im Sin­ne von Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG.

An­ge­sichts der be­son­de­ren An­for­de­run­gen an die körper­li­che Be­las­tungsfähig­keit der Feu­er­wehr­leu­te, die zur Brand­bekämp­fung und Le­bens­ret­tung ein­ge­setzt wer­den, ist dem Ur­teil wohl zu­zu­stim­men. Sch­ließlich braucht die Feu­er­wehr aus­rei­chend vie­le voll ver­wen­dungsfähi­ge Dienst­kräfte, um mit die­sen ih­re o.g. bei­den Kern­auf­ga­ben erfüllen zu können.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des EuGH be­traf ei­nen ziem­lich „kla­ren Fall“, was dar­in zum Aus­druck kommt, dass der Ge­richts­hof zur Recht­fer­ti­gung der Schlech­ter­stel­lung älte­rer Be­wer­ber auf Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ver­wies, der bei al­ters­be­ding­ten Schlech­ter­stel­lun­gen nur sel­ten ein­mal zu­trifft: In der Re­gel können heut­zu­ta­ge auch älte­re Ar­beit­neh­mer noch mit­hal­ten, so dass der Wunsch des Ar­beit­ge­bers nach ei­nem „jun­gen Team“ in der Re­gel dis­kri­mi­nie­rend bzw. sach­lich nicht ge­recht­fer­tigt sein dürf­te. Die Ent­schei­dung des EuGH in Sa­chen Co­lin Wolf ist da­her kei­ne ge­ne­rel­le Er­mu­ti­gung, Höchst­al­ters­gren­zen für die Ein­stel­lung fest­zu­le­gen.

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Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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