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In­sol­venz­ar­beits­recht im Bun­des­tag

Klei­ne An­fra­ge der Frak­ti­on Die Lin­ke vom 09.02.2009: Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung vom 27.02.2009

17.04.2009. Müs­sen Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beit­ge­ber in ernst­haf­te Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten ist und die da­her ih­re Job we­gen Lohn­rück­stän­den kün­di­gen, mit ei­ner Sperr­zeit beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld rech­nen?

Ist im Fal­le ei­ner In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers der In­sol­venz­ver­wal­ter da­zu be­rech­tigt, die vor Er­öff­nung des Ver­fah­resn mit Ver­spä­tung ge­zahl­ten Löh­ne wie­der her­aus­zu­ver­lan­gen, d.h. be­steht hier ein sog. Recht zur In­sol­venz­an­fech­tung?

Mit die­sen und ähn­li­chen Fra­gen des Ar­beits­rechts in der Un­ter­neh­mens­in­sol­venz be­schäf­tigt sich ei­ne Klei­ne An­fra­ge der Frak­ti­on Die Lin­ke vom 09.02.2009.

Mitt­ler­wei­le hat die Bun­des­re­gie­rung auf die­se An­fra­ge ge­ant­wor­tet: Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung vom 27.02.2009.

Arbeitnehmer in der Klemme zwischen Insolvenzrecht und Sozialleistungsrecht?

Kommt es vor oder während ei­ner Un­ter­neh­mens­in­sol­venz zu Lohnrückständen, ist die Rechts­la­ge für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer oft un­durch­sich­tig, da zusätz­lich zum Ar­beits­recht in­sol­venz- und so­zi­al­recht­li­che Re­ge­lun­gen zu be­ach­ten sind.

Hin­zu kommt der oft große Zeit­druck, un­ter dem die Be­trof­fe­nen ent­schei­den müssen, ob sie mit Lohn­stun­dun­gen ein­ver­stan­den sind oder nicht, ob sie wei­ter zur Ar­beit ge­hen wol­len oder ihr Zurück­be­hal­tungs­recht ausüben oder so­gar kündi­gen wol­len, und ob bzw. wann sie Ar­beits­lo­sen­geld und/oder In­sol­venz­geld in An­spruch neh­men wol­len.

Nicht zu­letzt auf­grund der kom­pli­zier­ten Rechts­la­ge kommt es im­mer wie­der vor, dass „et­was an­brennt“, d.h. dass Ar­beit­neh­mer fal­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen. Zu sol­chen Fehl­ent­schei­dun­gen gehört im­mer wie­der die all­zu lan­ge Nach­sicht mit er­heb­li­chen Lohnrückständen.

Vor die­sem Hin­ter­grund wand­ten sich die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Eva Bul­ling-Schröder, Klaus Ernst und Kor­ne­lia Möller so­wie die Bun­des­tags­frak­ti­on Die Lin­ken mit ei­ner Klei­nen An­fra­ge vom 09.02.2009 an die Bun­des­re­gie­rung und er­ba­ten ei­ne Stel­lung­nah­me da­zu, dass In­sol­venz­ver­wal­ter in Bay­ern im Rah­men von zwei In­sol­venz­ver­fah­ren über mit­telständi­sche Be­trie­be den an die Ar­beit­neh­mer be­reits aus­ge­zahl­ten Lohn wie­der zurück­ge­for­dert hat­ten. Grund­la­ge für die Rück­for­de­rung wa­ren in bei­den Fällen Vor­schrif­ten der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) über die sog. In­sol­venz­an­fech­tung (§ 130 Abs. 1 In­sO).

Die In­sol­venz­an­fech­tung er­laubt es dem Ver­wal­ter, die in den letz­ten drei Mo­na­ten vor dem In­sol­venz­an­trag vom Schuld­ner getätig­ten Zah­lun­gen un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen vom Empfänger wie­der her­aus­zu­ver­lan­gen, um auf die­sem We­ge die Gleich­be­hand­lung der Gläubi­ger durch­zu­set­zen. Ei­ne sol­che Möglich­keit be­steht un­ter er­leich­ter­ten Vor­aus­set­zun­gen auch bzw. erst recht, wenn die Zah­lung nach dem Eröff­nungs­an­trag vor­ge­nom­men wur­de.

In den bei­den Ein­z­elfällen, die Grund­la­ge der An­fra­ge wa­ren, hat­ten die Ar­beit­neh­mer trotz aus­blei­ben­der oder ver­späte­ter Lohn­zah­lun­gen vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens wei­ter­ge­ar­bei­tet und ge­hofft, auf die­se Wei­se das Über­le­ben des Be­trie­bes zu ermögli­chen.

Den­noch, so heißt es in der An­fra­ge, sei es den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern nicht möglich, oh­ne gra­vie­ren­de Rechts­nach­tei­le in ei­ner sol­chen La­ge zu kündi­gen. Denn nach Aus­kunft ei­ner Ar­beits­agen­tur sei­en ver­späte­te Lohn­zah­lun­gen kein aus­rei­chen­der Grund zu kündi­gen. Wer den­noch kündi­ge, ris­kie­re ei­ne Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be.

Die zentralen beiden Fragen der Kleinen Anfrage lauten daher:

„3. Wie be­wer­tet die Bun­des­re­gie­rung, dass die Ar­beits­agen­tu­ren bei Kündi­gun­gen sei­tens Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern we­gen ver­späte­ter Lohn­zah­lun­gen ge­gen die­se ei­ne Sperr­frist verhängen können, an­de­rer­seits aber bei dro­hen­der In­sol­venz auf die Beschäftig­ten Rück­zah­lungs­for­de­run­gen des In­sol­venz­ver­wal­ters zu­kom­men?

4. Was be­ab­sich­tigt die Bun­des­re­gie­rung zu un­ter­neh­men, da­mit Beschäftig­te künf­tig nicht mehr ge­zwun­gen wer­den – ein­ge­klemmt zwi­schen In­sol­venz­recht und So­zi­al­leis­tungs­recht – um­sonst zu ar­bei­ten?“

Die Position der Bundesregierung - Antwort vom 27.02.2009

Die Bun­des­re­gie­rung hat die­se An­fra­ge mitt­ler­wei­le be­ant­wor­tet (Ant­wort der Bun­des­re­gie-rung vom 27.02.2009) und da­bei im we­sent­li­chen auf fol­gen­de, zum Schutz der Ar­beit­neh­mer bei­tra­gen­de Umstände hin­ge­wie­sen:

Ers­tens sei­en von der In­sol­venz­an­fech­tung nicht al­le lau­fen­den Lohn­ansprüche be­droht, son­dern nur er­heb­lich, d.h. um min­des­tens 30 Ta­ge ver­späte­te Zah­lun­gen.

Zwei­tens wer­de die in sol­chen Fällen be­ste­hen­de Möglich­keit der In­sol­venz­an­fech­tung zu­las­ten von Ar­beit­neh­mern von „ho­no­ri­gen“ In­sol­venz­ver­wal­tern nicht ge­nutzt, teils auch aus ei­ge­nem In­ter­es­se, da bei ei­ner Fortführung des Be­triebs ei­ne In­sol­venz­an­fech­tung die ver­blie­be­nen Ar­beit­neh­mer de­mo­ti­vie­ren und recht­li­che Ge­gen­wehr in Form der Ausübung des Zurück­be­hal­tungs­rechts her­vor­ru­fen würde.

Drit­tens sei­en Ar­beit­neh­mer bei gra­vie­ren­den Zah­lungsrückständen nicht schutz­los, da sie ihr Zurück­be­hal­tungs­recht ausüben und rechtmäßiger Wei­se kündi­gen könn­ten. Die Ar­beits­agen­tur müsse die In­sol­venz bei ih­rer Ent­schei­dung über ei­ne Sperr­zeit berück­sich­ti­gen.

Vier­tens und letz­tens wird auf das In­sol­venz­geld ver­wie­sen, das die Lohn­ausfälle während der drei letz­ten Mo­na­te vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens aus­glei­chen soll.

Ist das Recht der Insolvenzanfechtung reformbedürftig?

Die Bun­des­re­gie­rung hat zu­recht dar­auf ver­wie­sen, dass es für den Re­gel­fall kei­nen Grund gibt, die be­ste­hen­den recht­li­chen Re­ge­lun­gen als un­zu­rei­chend zu kri­ti­sie­ren.

Ar­beit­neh­mer können nämlich, so­bald ein Lohnrück­stand von min­des­tens zwei Mo­nats­gehältern auf­ge­lau­fen ist, nach der Pra­xis der Ar­beits­ge­rich­te und der Ar­beits­agen­tu­ren ihr Zurück­be­hal­tungs­recht ausüben und - bei zunächst fort­be­ste­hen­dem Ar­beits­verhält­nis - Ar­beits­lo­sen­geld be­an­tra­gen, das im We­ge der sog. Gleich­wohl­gewährung gemäß § 143 Abs. 3 Drit­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB III) gewährt wer­den muss.

Soll das Ar­beits­verhält­nis be­en­det wer­den, ist in sol­chen Fällen – nach vor­he­ri­ger Ab­mah­nung des Ar­beit­ge­bers - ei­ne außer­or­dent­li­che Ei­genkündi­gung ar­beits­recht­lich wirk­sam und so­zi­al­recht­lich oh­ne nach­tei­li­ge Sperr­zeit­fol­gen möglich, da ein so er­heb­li­cher Lohnrück­stand als „wich­ti­ger Grund“ im Sin­ne von § 144 Abs. 1 SGB III an­zu­se­hen ist.

Und schließlich wird ein großer Teil der oft un­ver­meid­li­chen Lohn­ausfälle, nämlich die Ausfälle für die letz­ten drei Mo­na­te vor In­sol­ven­zeröff­nung, durch das In­sol­venz­geld aus­ge­gli­chen.

Trotz­dem blei­ben Fra­gen, da nicht je­der Fall ein Re­gel­fall ist. Vor al­lem bei länger als drei Mo­na­ten dau­ern­den Lohnrückständen und bei über länge­re Zeit an­dau­ern­den er­heb­li­chen Aus­zah-lungs­verzöge­run­gen gibt es ei­ne gra­vie­ren­de recht­li­che Gefähr­dung des vor­insol­venz­li­chen Lohn­zu­flus­ses auf­grund der Möglich­keit der In­sol­venz­an­fech­tung.

Da die dem Ver­wal­ter bzw. der In­sol­venz­mas­se zu­ste­hen­de Rück­for­de­rungs­ansprüche oft ganz oder teil­wei­se un­ein­bring­lich sind, könn­te man dar­an den­ken, die In­sol­venz­an­fech­tung ge­genüber Ar­beit­neh­mern ge­ne­rell aus­zu­sch­ließen.

Dafür spricht auch, dass der nach gel­ten­dem Recht an­fecht­ba­re Lohn­zu­fluss in der Re­gel un­ter Be­tei­li­gung Drit­ter, nämlich der Kran­ken­kas­se und des Fi­nanz­am­tes, er­folgt, da für ge­zahl­te oder im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung bei­ge­trie­be­ne Lohn­ansprüche So­zi­al­ab­ga­ben und Lohn­steu­er ab­geführt wer­den. Auch die­se Zu­flüsse müss­ten im Fal­le ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung rückgängig ge­macht wer­den, was mit ei­nem un­verhält­nismäßigen büro­kra­ti­schen Auf­wand ver­bun­den ist.

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Letzte Überarbeitung: 27. März 2014

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