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Ent­schä­di­gung bei über­schie­ßen­dem Wett­be­werbs­ver­bot

Ka­ren­zent­schä­di­gung bei teils un­ver­bind­li­chem Wett­be­werbs­ver­bot: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.04.2010, 10 AZR 288/09
06.05.2010. Um zu ver­hin­dern, dass Ar­beit­neh­mer nach Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­ver­hält­nis­ses ei­ne Kon­kur­renz­tä­tig­keit auf­neh­men, wird ar­beits­ver­trag­lich oft ein Wett­be­werbs­ver­bot ver­ein­bart.

Ist das Wett­be­werbs­ver­bot un­ver­bind­lich, hat der Ar­beit­neh­mer die Wahl, ob er sich nicht an das Wett­be­werbs­ver­bot hält und ei­ne Kon­kur­renz­tä­tig­keit auf­nimmt oder ob er sich für die Ein­hal­tung des Wett­be­werbs­ver­bots ge­gen Zah­lung ei­ner Ka­ren­zent­schä­di­gung ent­schei­det.

Ein Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom April klärt die Fra­ge, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ar­beit­neh­mer bei ei­nem sach­lich zu weit ge­hen­den und da­her (teil­wei­se) un­ver­bind­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot das Ver­bot ein­hält und da­her die Ka­ren­zent­schä­di­gung be­an­spru­chen kann: BAG, Ur­teil vom 21.04.2010, 10 AZR 288/09.

Wettbewerbsverbot

Während Ar­beit­neh­mer während des Be­ste­hens ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses auch oh­ne ei­ne ge­son­der­te Ver­ein­ba­rung kei­ne Kon­kur­renztätig­keit zu ih­rem Ar­beit­ge­ber auf­neh­men dürfen, sind sie nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses frei, bei ei­nem Kon­kur­renz­un­ter­neh­men des ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­bers an­zu­fan­gen.

Da ge­ra­de Ar­beit­neh­mer in höhe­ren Po­si­tio­nen je­doch über ak­tu­el­les In­si­der­wis­sen des Un­ter­neh­mens ih­res vo­ri­gen Ar­beit­ge­bers verfügen und zu­dem die Ge­fahr be­ste­hen kann, dass sie bis­he­ri­ge Kun­den in das neue Un­ter­neh­men „mit­neh­men“, ver­ein­ba­ren Ar­beit­ge­ber in die­sem Fall mit dem Ar­beit­neh­mer oft ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot.

Da­mit kann dem Ar­beit­neh­mer nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zu zwei Jah­ren ver­bo­ten wer­den, ei­ne Kon­kur­renztätig­keit auf­zu­neh­men. Verstößt der Ar­beit­neh­mer hier­ge­gen, muss er ver­ein­ba­rungs­gemäß ei­ne oft­mals beträcht­li­che Ver­trags­stra­fe zah­len. Als Aus­gleich für die Un­ter­sa­gung ei­ner Kon­kur­renztätig­keit erhält der Ar­beit­neh­mer im Ge­gen­zug ei­ne Entschädi­gung, die so ge­nann­te Ka­ren­zentschädi­gung.

Wich­tig ist bei der­ar­ti­gen Ver­ein­ba­run­gen ge­nau zu de­fi­nie­ren, was als Kon­kur­renztätig­keit gilt, was Fol­ge ei­nes Ver­s­toßes ge­gen ein Wett­be­werbs­ver­bot sein soll und wie hoch die Ka­ren­zentschädi­gung ist.

Das Han­dels­ge­setz­buch (HGB), des­sen Re­ge­lun­gen zum Wett­be­werbs­ver­bot von Hand­lungs­ge­hil­fen (§§74 ff. HGB) auch auf an­de­re Ar­beit­neh­mer an­ge­wandt wer­den, enthält da­bei ei­ne Rei­he von Schutz­vor­schrif­ten zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers, weil ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot in die Be­rufs­frei­heit des Ar­beit­neh­mers (Art. 12 GG) ein­greift. Am wich­tigs­ten ist hier­bei, dass das HGB zwi­schen nich­ti­gen, d.h. völlig un­be­acht­li­chen, und bloß un­ver­bind­li­chen Wett­be­werbs­ver­bo­ten un­ter­schei­det.

Nich­tig ist ein Wett­be­werbs­ver­bot dann, wenn es er­heb­lich ge­gen die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen verstößt, z.B. wenn das Wett­be­werbs­ver­bot münd­lich ver­ein­bart wur­de oder über­haupt kei­ne Ka­ren­zentschädi­gung vor­ge­se­hen ist.

Enthält das Wett­be­werbs­ver­bot ge­ringfügi­ge­re Feh­ler, hat dies zur Fol­ge, dass es nicht ver­bind­lich ist. Der Ar­beit­neh­mer darf dann in der Re­gel sel­ber ent­schei­den, ob er sich den­noch an die ei­gent­lich un­ver­bind­li­che Un­ter­sa­gung ei­ner Kon­kur­renztätig­keit hält und sich dafür ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung zah­len lässt oder ob er ei­ne Kon­kur­renztätig­keit oh­ne für ihn nach­tei­li­ge Fol­gen auf­nimmt.

Häufigs­ter Fall ei­nes un­ver­bind­li­chen Wett­be­werbs­ver­bots ist die Ver­ein­ba­rung ei­ner zu nied­ri­gen Ka­ren­zentschädi­gung, de­ren Min­desthöhe in § 74 Abs. 2 HGB ge­re­gelt ist. Teil­wei­se un­ver­bind­lich ist das Wett­be­werbs­ver­bot, wenn es zu weit­ge­hend ist, al­so wenn der Ar­beit­ge­ber auch Tätig­kei­ten ver­bie­ten will, die kei­ne Kon­kur­renz dar­stel­len und das be­ruf­li­che Fort­kom­men des Ar­beit­neh­mers in nicht ge­recht­fer­tig­ter Wei­se er­schwert wird (§ 74a Abs. 1 Satz 1 und 2 HGB).

Wenn die ver­ein­bar­te Ka­ren­zentschädi­gung zu nied­rig ist, al­so we­ni­ger als die Hälf­te der zu­letzt be­zo­ge­nen ver­tragsmäßigen Leis­tun­gen beträgt, kann der Ar­beit­neh­mer we­gen der dar­aus fol­gen­den Un­ver­bind­lich­keit des Wett­be­werbs­ver­bots zwar ent­schei­den, ob er sich an das Ver­bot hält oder nicht, d.h. er muss in kei­nem Fall ei­ne Ver­trags­stra­fe zah­len. Wenn er sich für die Ein­hal­tung des Wett­be­werbs­ver­bots ent­schei­det, erhält er je­doch den­noch nur die ver­ein­bar­te (zu) nied­ri­ge Ka­ren­zentschädi­gung.

Pro­ble­ma­tisch ist da­ge­gen, wel­che Kon­se­quen­zen sich er­ge­ben, wenn das Wett­be­werbs­ver­bot we­gen sei­ner übermäßigen Reich­wei­te un­ver­bind­lich ist und der Ar­beit­neh­mer sich den­noch an das Ver­bot hal­ten möch­te.

Der Fall des Bundesarbeitsgerichts: Arbeitnehmer hält sich nur an verbindlichen Teil des Wettbewerbsverbots und fordert Karenzentschädigung

Der Kläger war bei dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber bis Au­gust 2003 als Mar­ke­ting­lei­ter beschäftigt. Der Ar­beit­ge­ber pro­du­ziert Fens­ter und Türen, die er aus­sch­ließlich an Fachhänd­ler veräußert. Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber hat­ten ein Wett­be­werbs­ver­bot ver­ein­bart, dem­zu­fol­ge der Mar­ke­ting­lei­ter nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne Tätig­keit bei ei­nem Kon­kur­ren­ten auf­neh­men durf­te. Da­zu zähl­te laut Ver­ein­ba­rung je­des Un­ter­neh­men, das Fens­ter und Türen ver­trieb.

Von Sep­tem­ber 2003 bis Fe­bru­ar 2005 war der ehe­ma­li­ge Mar­ke­ting­lei­ter als selbständi­ger Han­dels­ver­tre­ter für ei­nen Fens­ter­fachhänd­ler tätig, der Fens­ter und Türen aus­sch­ließlich an End­ver­brau­cher ver­trieb. Der Kläger war der An­sicht, dass er da­mit nicht ge­gen das Wett­be­werbs­ver­bot ver­stieß, weil die Un­ter­sa­gung ei­ner Tätig­keit auch in Un­ter­neh­men, die kei­ne Fens­ter und Türen an Händ­ler ver­trei­ben, zu weit­ge­hend sei.

Der Mar­ke­ting­lei­ter ver­klag­te den ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber des­halb auf Zah­lung der ver­ein­bar­ten Ka­ren­zentschädi­gung.

So­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Trier (Ur­teil vom 28.05.2008, 4 Ca 1725/07) als auch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz (Ur­teil vom 18.12.2008, 2 Sa 378/08) hat­te er da­mit kei­nen Er­folg, da Ar­beits­ge­richt und LAG die Auf­fas­sung ver­tra­ten, ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung stünde dem Kläger nur zu, wenn er sich da­zu ent­schie­den hätte, das un­ver­bind­li­che zu weit rei­chen­de Wett­be­werbs­ver­bot in vol­lem Um­fang zu be­ach­ten und da­mit auch nicht für Un­ter­neh­men tätig zu sein, die Fens­ter und Türen nur an End­ver­brau­cher lie­fer­ten.

Der Kläger dürfe sich nicht ei­ner­seits auf die Un­ver­bind­lich­keit des Wett­be­werbs­ver­bots be­ru­fen und für ein Un­ter­neh­men tätig sein, dass der Ar­beit­ge­ber als Kon­kur­rent an­sieht und gleich­zei­tig die Ka­ren­zentschädi­gung for­dern und sich da­mit nur die Ro­si­nen aus der Ver­ein­ba­rung her­aus­pi­cken, mein­te das LAG.

Bundesarbeitsgericht: Arbeitnehmer hat Anspruch auf Karenzentschädigung

Dies sah das BAG im Er­geb­nis an­ders und ent­schied da­her für den ehe­ma­li­gen Mar­ke­ting­lei­ter. So­weit sich der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung ent­neh­men lässt, stützt sich das Ge­richt auf fol­gen­de Über­le­gun­gen:

Die Er­stre­ckung des Wett­be­werbs­ver­bots auch auf Un­ter­neh­men, die Fens­ter und Türen nur an End­ver­brau­cher ver­trie­ben, dient nicht dem Schutz ei­nes be­rech­tig­ten geschäft­li­chen In­ter­es­ses des Ar­beit­ge­bers, so dass das Wett­be­werbs­ver­bot zu weit­rei­chend und da­mit (teil­wei­se) un­ver­bind­lich ist, so die Be­gründung in der bis­her al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG.

We­gen der dar­aus fol­gen­den Un­ver­bind­lich­keit des Wett­be­werbs­ver­bots hat der Kläger des­halb die Wahl, ob er das Wett­be­werbs­ver­bot be­ach­tet oder nicht. Da der ehe­ma­li­ge Mar­ke­ting­lei­ter sich je­doch an den ver­bind­li­chen Teil des Wett­be­werbs­ver­bots ge­hal­ten ha­be, ste­he ihm auch die vol­le Ka­ren­zentschädi­gung zu, so das BAG.

Fa­zit: Wenn ein Wett­be­werbs­ver­bot we­gen sei­ner „zu großen Reich­wei­te“ (nur) teil­wei­se un­ver­bind­lich ist, steht dem Ar­beit­neh­mer die vol­le Ka­ren­zentschädi­gung auch dann zu, wenn er nur den ver­bind­li­chen Teil des Wett­be­werbs­ver­bots be­ach­tet. Den un­ver­bind­li­chen Teil darf er al­so miss­ach­ten.

Wel­che Be­deu­tung das Wahl­recht des Ar­beit­neh­mers nach Auf­fas­sung des BAG hat, lässt sich der der­zeit vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung nicht ent­neh­men.

Da ein zu weit rei­chen­des Wett­be­werbs­ver­bot teil­wei­se un­ver­bind­lich ist (§ 74 Abs. 1 HGB) und den Ar­beit­neh­mer schon da­durch schützt, ist es nicht selbst­verständ­lich, dem Ar­beit­neh­mer da­ne­ben ein wei­te­res Wahl­recht und da­mit An­spruch auf die vol­le Ka­ren­zentschädi­gung bei Ein­hal­tung nur des ver­bind­li­chen Teils des Ver­bots zu­zu­spre­chen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 27. Januar 2014

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