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Kein Fa­mi­li­en­zu­schlag für Be­am­te in Le­bens­part­ner­schaft

Be­nach­tei­li­gung von Be­am­ten in Le­bens­part­ner­schaft beim Ver­hei­ra­te­ten­zu­schlag beim Be­zug des Ver­hei­ra­te­ten­zu­schlags ver­stößt we­der ge­gen das Grund­ge­setz noch ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Be­schluss vom 06.05.2008, 2 BvR 1830/06

20.06.2008. Ver­hei­ra­te­te Be­am­te er­hal­ten ei­nen Zu­schlag zu ih­ren lau­fen­den Dienst­be­zü­gen, näm­lich ei­nen Fa­mi­li­en­zu­schlag. Von die­sem sind ho­mo­se­xu­el­le Be­am­tin­nen und Be­am­te aus­ge­schlos­sen, was vie­le Ju­ris­ten und na­tür­lich die Be­trof­fe­nen als ei­ne un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der se­xu­el­len Iden­ti­tät an­se­hen.

Nicht so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG). Nach sei­ner Recht­spre­chung ist es kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung und auch kein Ver­stoß ge­gen das Grund­ge­setz (GG), schwu­le und les­bi­sche Be­am­te bzw. Be­am­tin­nen vom Ver­hei­ra­te­ten­zu­schlag aus­zu­neh­men, ob­wohl sie mit ih­rem Part­ner in ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft le­ben.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das BVerfG noch mal eins drauf­ge­setzt und klar­ge­stellt, dass die­se Schlech­ter­stel­lung auch nicht ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG ver­stößt: BVerfG, Be­schluss vom 06.05.2008, 2 BvR 1830/06.

Ist es eine Diskriminierung von Schwulen und Lesben, ihnen den Familienzuschlag vorzuenthalten, obwohl sie in Lebenspertnerschaft leben?

Be­am­te er­hal­ten gemäß § 39 Abs.1 Satz 1 Bun­des­be­sol­dungs­ge­setz (BBesG) ne­ben ih­rem Grund­ge­halt ei­nen Fa­mi­li­en­zu­schlag, des­sen Höhe sich u.a. nach ei­ner „Stu­fe“ rich­tet, die wie­der­um von den Fa­mi­li­en­verhält­nis­sen abhängig ist.

Zur Stu­fe 1 gehören u.a. ver­hei­ra­te­te Be­am­te, während Be­am­te, die in ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft le­ben, nur dann den Fa­mi­li­en­zu­schlag der Stu­fe 1 er­hal­ten, wenn sie ei­ne an­de­re Per­son nicht nur vorüber­ge­hend in ih­re Woh­nung auf­ge­nom­men ha­ben und ihr Un­ter­halt gewähren, wo­bei das Ein­kom­men der un­ter­hal­te­nen Per­son ei­ne be­stimm­te Höhe nicht über­schrei­ten darf.

Wer da­her als Be­am­ter in ei­ner auf Dau­er an­ge­leg­ten gleich­ge­schlecht­li­chen Be­zie­hung lebt und sei­nen Part­ner „ge­hei­ra­tet“ bzw. mit ihm ei­ne Le­bens­part­ner­schaft be­gründet hat, ist da­her zwar eben­so wie ein Ver­hei­ra­te­ter sei­nem Part­ner Un­ter­halt ver­pflich­tet bzw. muss zum Le­bens­un­ter­halt der Le­bens­ge­mein­schaft bei­tra­gen (§ 5 Le­bens­part­ner­schafts­ge­setz). Trotz prin­zi­pi­ell ver­gleich­ba­rer Un­ter­halts­pflich­ten wird er je­doch ver­hei­ra­te­ten Be­am­ten ge­genüber schlech­ter ge­stellt, weil er ei­nen Fa­mi­li­en­zu­schlag nicht oh­ne wei­te­res bzw. nur un­ter er­schwer­ten Vor­aus­set­zun­gen erhält.

Es fragt sich da­her, ob die­se be­am­ten­recht­li­che Ge­set­zes­la­ge mit dem Gleich­heits­grund­satz (Art.3 Grund­ge­setz - GG) und mit der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG) ver­ein­bar ist, die u.a. Dis­kri­mi­nie­run­gen von Beschäftig­ten auf­grund der se­xu­el­len Aus­rich­tung ver­bie­tet. Zu den „Beschäftig­ten“ im Sin­ne der Richt­li­nie gehören auch die Be­am­ten.

Die Fra­ge, ob die Un­gleich­be­hand­lung von ver­hei­ra­te­ten und „ver­part­ner­ten“ Be­am­ten beim Fa­mi­li­en­zu­schlag mit dem Grund­ge­setz (GG) ver­ein­bar ist oder nicht, hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) be­reits mit Be­schluss vom 20.09.2007 (2 BvR 855/06) be­jaht, d.h. es hat­te im Er­geb­nis ge­gen die Le­bens­part­ner ent­schie­den. Da­bei hat­te es die Li­nie vor­ge­ge­ben, dass die Schlech­ter­stel­lung von ver­part­ner­ten Be­am­ten ge­genüber ver­hei­ra­te­ten Be­am­ten durch den Ver­fas­sungs­auf­trag zum be­son­de­ren Schutz der Ehe (Art.6 Abs.1 GG) ge­recht­fer­tigt sei.

In ei­nem ak­tu­el­len Be­schluss vom 06.05.2008 (2 BvR 1830/06) nahm das BVerfG nun­mehr zu der Fra­ge Stel­lung, ob die Be­nach­tei­li­gung von Le­bens­part­nern mögli­cher­wei­se ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG verstößt, d.h. es ent­schied über die eu­ro­pa­recht­li­che Fra­ge der Ver­ein­bar­keit ei­ner Vor­schrift des deut­schen Be­am­ten­rechts mit den Vor­ga­ben des EU-Rechts.

Der Streitfall: Verpartnerter Beamter aus Düsseldorf klagt vergeblich auf Zahlung eines Familienzuschlags

Ein bei der Stadt Düssel­dorf täti­ger Be­am­ter, der seit 2004 in ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner­schaft lebt, klag­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) Düssel­dorf auf Zah­lung des Fa­mi­li­en­zu­schlags der Stu­fe 1 und wur­de da­mit ab­ge­wie­sen (Ur­teil des VG Düssel­dorf vom 09.03.2005, 26 K 8353/04).

Da das VG die Be­ru­fung nicht zu­ge­las­sen hat­te, be­an­trag­te er beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len (OVG NRW) die Zu­las­sung der Be­ru­fung. Das OVG NRW lehn­te dies ab (Be­schluss vom 25.06.2006, 1 A 1368/05).

Dar­auf­hin leg­te der Be­am­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum BVerfG ein mit dem Be­geh­ren, die Ent­schei­dun­gen we­gen Ver­let­zung sei­ner Rech­te aus dem GG und we­gen Ver­s­toßes ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG auf­zu­he­ben.

Die Richt­li­nie 2000/78/EG ge­bie­te es, dass Deutsch­land tätig wer­de, um den Fa­mi­li­en­zu­schlag auch Be­am­ten in ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner­schaft zu gewähren. Die Richt­li­nie ver­bie­te Dis­kri­mi­nie­run­gen in­ner­halb von Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen auf­grund der se­xu­el­len Aus­rich­tung. Dar­an könne auch die Be­gründungs­erwägung Nr.22 der Richt­li­nie nichts ändern, wo­nach ein­zel­staat­li­che Rechts­vor­schrif­ten über den Fa­mi­li­en­stand und da­von abhängi­ge Leis­tun­gen von der Richt­li­nie „un­berührt“ blie­ben, da die­se Be­gründungs­erwägung im Wi­der­spruch zu dem ein­deu­ti­gen Wort­laut der Richt­li­nie ste­he.

Bundesverfassungsgericht: Die rechtliche und faktische Lage von verheirateten und verpartnerten Beamten ist unterschiedlich und erlaubt eine Ungleichbehandlung beim Familienzuschlag

Das BVerfG hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de mit der Be­gründung der Aus­sichts­lo­sig­keit bzw. man­geln­den Be­gründet­heit nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men. Da­bei ver­wies es in Be­zug auf die Fra­ge ei­ner mögli­chen Ver­let­zung des GG auf sei­nen o.g. Be­schluss vom 20.09.2007 (2 BvR 855/06). In Be­zug auf die Fra­ge, ob die strei­ti­ge be­am­ten­recht­li­che Re­ge­lung mögli­cher­wei­se ge­gen die in der Richt­li­nie 2000/78/EG ent­hal­te­nen Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te verstößt, ar­gu­men­tiert das Ge­richt im We­sent­li­chen wie folgt:

Zwar ha­be der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) mit Ur­teil vom 01.04.2008 (Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/46: Eu­ro­pa­recht ver­bie­tet Be­nach­tei­li­gun­gen von Ho­mo­se­xu­el­len beim Be­zug von Hin­ter­blie­be­nen­ren­ten) die Richt­li­nie 2000/78/EG da­hin­ge­hend aus­ge­legt, dass die dem hin­ter­blie­be­nen Ehe- oder Le­bens­part­ner ei­nes ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers gewähr­te be­trieb­li­che Hin­ter­blie­be­nen­ren­te als „Ent­gelt“ im Sin­ne der Richt­li­nie an­zu­se­hen sei. Da­her könne nach An­sicht des EuGH der in ei­ner be­trieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nung vor­ge­se­he­ne Aus­schluss hin­ter­blie­be­ner ein­ge­tra­ge­ner Le­bens­part­ner von ei­ner Hin­ter­blie­be­nen­ren­te, die ver­hei­ra­te­ten Hin­ter­blie­be­nen gewährt wer­de, ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der se­xu­el­len Aus­rich­tung dar­stel­len.

Al­ler­dings ha­be der EuGH in sei­nem Ur­teil vom 01.04.2008 aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass der Aus­schluss in ei­ner Part­ner­schaft le­ben­der Hin­ter­blie­be­ner von ei­ner be­trieb­li­chen Wit­wen­ren­te nur dann ge­gen die Richt­li­nie ver­s­toße, wenn das na­tio­na­le Recht Per­so­nen glei­chen Ge­schlechts in ei­ne Si­tua­ti­on ver­set­ze, die in Be­zug auf die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung mit der Si­tua­ti­on von Ehe­gat­ten ver­gleich­bar sei. Es sei da­her Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts zu prüfen, ob sich ein über­le­ben­der Le­bens­part­ner in ei­ner Si­tua­ti­on be­fin­de, die mit der ei­nes Ehe­gat­ten, der die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung er­hal­te, ver­gleich­bar sei.

Auf der Grund­la­ge die­ser zu­tref­fen­den In­ter­pre­ta­ti­on des EuGH-Ur­teils in der Sa­che Ma­ru­ko ar­gu­men­tiert das BVervG im wei­te­ren so:

Le­bens­part­ner befänden sich nicht in ei­ner Si­tua­ti­on, die in Be­zug auf den Fa­mi­li­en­zu­schlag mit der Si­tua­ti­on von Ehe­gat­ten ver­gleich­bar wäre. Das Le­bens­part­ner­schafts­recht stel­le die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft nämlich be­wusst nur für ein­zel­ne Be­rei­che des Be­am­ten­rechts wie den Be­reich der Rei­se­kos­ten, der Um­zugs­kos­ten, des Tren­nungs­gelds etc. der Ehe gleich. Für das Be­sol­dungs­recht feh­le da­ge­gen ei­ne sol­che Gleich­stel­lung.

Ob das BVerfG be­reits die­se rein recht­li­che (!) Un­gleich­be­hand­lung von Ehe­leu­ten und ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­nern im Be­am­ten­recht als aus­rei­chend dafür an­sieht, um die deut­sche Re­ge­lung des Fa­mi­li­en­zu­schlags für richt­li­ni­en­kon­form zu erklären, ist nicht ganz klar. Vor­sichts­hal­ber si­chert sich das BVerfG mit ei­nem wei­te­ren Ar­gu­ment ab:

Die strei­ti­ge be­sol­dungs­recht­li­che Bes­ser­stel­lung Ver­hei­ra­te­ter beim Fa­mi­li­en­zu­schlag ist nämlich nach An­sicht des BVerfG durch den „in der Le­bens­wirk­lich­keit an­zu­tref­fen­den ty­pi­schen Be­fund“ ge­recht­fer­tigt, „dass in der Ehe ein Ehe­gat­te na­ment­lich we­gen der Auf­ga­be der Kin­der­er­zie­hung und hier­durch be­ding­ter Ein­schränkun­gen bei der ei­ge­nen Er­werbstätig­keit tatsächlich Un­ter­halt vom Ehe­gat­ten erhält und so ein er­wei­ter­ter Ali­men­ta­ti­ons­be­darf ent­steht.“ Da dies bei ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft ty­pi­scher­wei­se nicht der Fall sei, würden ver­part­ner­te Be­am­te vom Ver­hei­ra­te­ten­zu­schlag aus sach­li­chen Gründen aus­ge­schlos­sen.

Fa­zit: Der Be­schluss des BVerfG ist ein wei­te­rer Schritt auf dem Weg zu ei­ner ju­ris­ti­schen Ab­wer­tung der Richt­li­nie 2000/78/EG. Nach­dem der EuGH in sei­nem Ur­teil vom 16.10.2007, Rs. C-411/05 (Pa­la­ci­os de la Vil­la) die Be­deu­tung des in der Richt­li­nie ent­hal­te­nen Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Al­ters er­heb­lich zu­recht­ge­stutzt hat­te (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/77 Zwangs­ver­ren­tung als Mit­tel zur Beschäfti­gungsförde­rung?), hat nun­mehr das BVerfG das glei­che mit dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der se­xu­el­len Iden­tität ge­tan.

Zu­gleich kann man in dem Be­schluss des BVerfG vom 06.05.2008 aber auch ei­nen Wink mit dem Zaun­pfahl in Rich­tung EuGH se­hen: Nicht je­de Ent­schei­dung des EuGH, mit der die­ser die an­geb­li­che Un­ver­ein­bar­keit mit­glied­staat­li­cher Rechts­vor­schrif­ten mit EU-Richt­li­ni­en fest­stellt, muss von den Ge­rich­ten der Mit­glied­staa­ten „mit­ge­macht“ wer­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016

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