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Kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­an­sprü­chen bei An­schluss-El­tern­zeit

Der Rest­ur­laub wird wei­ter über­tra­gen, wenn er nach dem En­de der ers­ten El­tern­zeit we­gen ei­ner wei­te­ren El­tern­zeit nicht ge­nom­men wer­den kann: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.05.2008, 9 AZR 219/07

26.06.2008. Oft kön­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen ih­ren Ur­laub vor der El­tern­zeit nicht oder nicht voll­stän­dig neh­men. Dann ist der Rest­ur­laub ge­mäß § 17 Abs.2 Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz (BEEG) nach der El­tern­zeit zu ge­wäh­ren, und zwar im lau­fen­den oder im nächs­ten Ur­laubs­jahr.

Was aber ist mit dem Rest­ur­laub, wenn er nach dem En­de der El­tern­zeit we­gen ei­ner sich naht­los an­schlie­ßen­den wei­te­ren El­tern­zeit nicht ge­nom­men wer­den kann?

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ist der Rest­ur­laub dann oh­ne Er­satz ver­fal­len. Die­se Recht­spre­chung hat das BAG in Ent­schei­dung vom Mai 2008 auf­ge­ge­ben. Dem­nach kann der Rest­ur­laub jetzt auch noch nach ei­ner wei­te­ren El­tern­zeit ge­nom­men wer­den: BAG, Ur­teil vom 20.05.2008, 9 AZR 219/07.

Werden Eltern unzulässig benachteiligt, wenn Resturlaub aus der Zeit von einer Elternzeit verfällt, wenn auf die erste eine weitere Elternzeit folgt?

Im All­ge­mei­nen muss der Ur­laub im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den, § 7 Abs.3 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG). Ge­schieht dies nicht, verfällt der Ur­laubs­an­spruch.

Wird al­ler­dings vor Ab­lauf des Ka­len­der­jahrs El­tern­zeit gewährt, greift als vor­ran­gi­ge Son­der­re­ge­lung § 17 Abs.2 Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz (BEEG) ein, der den in­halts­glei­chen, bis En­de 2006 gel­ten­den § 17 Abs.2 Bun­des­er­zie­hungs­geld­ge­setz (BErzGG) er­setz­te.

Die­se Re­ge­lung be­sagt: Wenn ein Ar­beit­neh­mer vor dem Be­ginn sei­ner El­tern­zeit sei­nen Ur­laub nicht kom­plett er­hal­ten hat, muss der Ar­beit­ge­ber den Rest­ur­laub nach der El­tern­zeit im lau­fen­den oder im nächs­ten Ur­laubs­jahr gewähren. Da­mit soll si­cher­ge­stellt wer­den, dass die In­an­spruch­nah­me von El­tern­zeit nicht zum Ver­fall des Er­ho­lungs­an­spruchs führt.

Der Wort­laut von § 17 Abs.2 BEEG lässt al­ler­dings of­fen, wie zu ver­fah­ren ist, wenn sich an ei­ne ers­te El­tern­zeit über­g­angs­los ei­ne zwei­te, wei­te­re El­tern­zeit an­sch­ließt.

In Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur wur­de bis­her über­wie­gend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Rest­ur­laub verfällt, wenn er we­gen der zwei­ten El­tern­zeit nicht ge­nom­men wer­den kann. Grund­le­gend für die­se Rechts­an­sicht war ein Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) aus dem Jahr 1997 (Ur­teil vom 21.10.1997, 9 AZR 267/96), das die­se Auf­fas­sung recht kurz da­mit be­gründe­te, dass an­dern­falls durch ei­ne ket­ten­ar­ti­ge In­an­spruch­nah­me von El­tern­zei­ten die Über­tra­gung so aus­ge­wei­tet wer­den könn­te, dass der „Be­zug zum Ur­laubs­jahr ver­lo­ren“ gin­ge.

Erst­mals seit et­wa zehn Jah­ren hat­te das BAG nun­mehr die Ge­le­gen­heit, sei­ne Recht­spre­chung vor dem Hin­ter­grund der zwi­schen­zeit­li­chen Dis­kus­si­on zu über­prüfen. Mit Ur­teil vom 20.05.2008 (9 AZR 219/07) nahm das BAG er­neut zu die­ser Fra­ge Stel­lung.

Der Fall des BAG: Kaufmännische Angestellte bekommt während der Elternzeit ein weiteres Kind und nimmt eine erneute Elternzeit in Anspruch

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war bei der Be­klag­ten als kaufmänni­sche An­ge­stell­te beschäftigt. Laut Ar­beits­ver­trag stan­den ihr pro Ka­len­der­jahr 30 Ur­laubs­ta­ge zu. An­fang Ok­to­ber 2001 wur­de ihr ers­tes Kind ge­bo­ren, wor­auf­hin sie drei Jah­re, nämlich bis An­fang Ok­to­ber 2004 El­tern­zeit in An­spruch nahm. Während die­ser Zeit, Mit­te Au­gust 2003, be­kam sie ein wei­te­res Kind und nahm wie­der­um drei Jah­re, bis Mit­te Au­gust 2006, El­tern­zeit in An­spruch.

Die bei­den El­tern­zei­ten folg­ten da­her „naht­los“ auf­ein­an­der. Im Jah­re 2005 en­de­te das Ar­beits­verhält­nis durch Kündi­gung der Be­klag­ten, über de­ren Wirk­sam­keit die Par­tei­en zunächst ge­richt­lich strit­ten und sich dann im We­ge des Ver­gleichs ei­nig­ten. An­fang 2006 er­hob die Ar­beit­neh­me­rin er­neut Kla­ge, dies­mal auf Zah­lung von Ur­laubs­ab­gel­tung.

Streit­ge­genständ­lich war ein An­spruch auf Rest­ur­laub aus der Zeit vor An­tritt der ers­ten El­tern­zeit. Mit die­ser Kla­ge hat­te die Ar­beit­neh­me­rin so­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Rhei­ne als auch in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Ur­teil vom 17.01.2007, 18 Sa 997/06) kei­nen Er­folg.

BAG: Der Resturlaub wird weiter übertragen, wenn er nach dem Ende der ersten Elternzeit wegen einer weiteren Elternzeit nicht genommen werden kann

Das BAG gab der Kläge­rin im Ge­gen­satz zu den Vor­in­stan­zen Recht, d.h. bestätig­te ih­ren An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung. Da­mit weicht es von sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ab, d.h. es ändert die­se. In der bis­her al­lein verfügba­ren BAG-Pres­se­mit­tei­lung heißt es zur Be­gründung:

Der Rest­ur­laub wer­de wei­ter über­tra­gen, wenn er nach dem En­de der ers­ten El­tern­zeit we­gen ei­ner wei­te­ren El­tern­zeit nicht ge­nom­men wer­den könne. Das er­ge­be ei­ne ver­fas­sungs- und eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Aus­le­gung von § 17 Abs.2 BErzGG/BEEG. Die­se Aus­le­gung ha­be den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art.3 Abs.1 GG), die Vor­ga­ben in Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG, Art.2 der Richt­li­nie 2000/78/EG und die Wer­tun­gen aus Art.8 und 11 der Richt­li­nie 92/85/EWG zu be­ach­ten.

Mit die­ser hauptsächlich eu­ro­pa­recht­li­chen Be­gründung weicht das BAG von der bis­he­ri­gen ar­beits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ab, die aus­sch­ließlich auf die Vor­schrif­ten des deut­schen Rechts bzw. des BUrlG be­zo­gen war. We­der die Vor­in­stanz noch das LAG Rhein­land-Pfalz in ei­ner jüngst er­gan­ge­nen ver­gleich­ba­ren Ent­schei­dung (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 13.12.2007, 10 Sa 500/07) pro­ble­ma­ti­sie­ren die Ver­ein­bar­keit der bis­he­ri­gen Hand­ha­bung von § 17 Abs.2 BErzGG mit höher­ran­gi­gem Recht.

Mögli­cher­wei­se steht die Ände­rung der Recht­spre­chung des BAG im Zu­sam­men­hang mit der be­vor­ste­hen­den Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) in der Rechts­sa­che C-350/06 (Schultz-Hoff) bzw. den da­zu vor­lie­gen­den Schluss­anträgen der EuGH-Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak vom 24.01.2008 (vgl. da­zu Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/29: Ist der Ver­fall von Rest­ur­laubs­ans­rpüchen eu­ro­pa­rechts­wid­rig?).

In den Schluss­anträgen wird im We­sent­li­chen aus­geführt, dass der nach deut­schem Recht vor­ge­se­he­ne Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG un­terläuft, da nach die­ser Re­ge­lung ein vierwöchi­ger Min­des­t­ur­laub für je­den Ar­beit­neh­mer vor­ge­se­hen ist. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on ist auf die Vor­schrift des § 17 Abs.2 BEEG/BerzGG grundsätz­lich über­trag­bar. Die ge­naue Be­gründung des BAG bleibt al­ler­dings ab­zu­war­ten.

Fa­zit: In der Ten­denz kann je­den­falls fest­ge­hal­ten wer­den, dass die vom BAG voll­zo­ge­ne Recht­spre­chungsände­rung ein wei­te­rer Schritt auf ei­nem Weg ist, an des­sem En­de die vollständi­ge Ablösung des Ur­laubs­an­spruchs von der Er­ho­lung im lau­fen­den Ka­len­der­jahr ste­hen könn­te. Der Ur­laubs­an­spruch wäre dann ein fi­nan­zi­el­ler An­spruch, was er nach gel­ten­dem Recht (noch) nicht ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 8. Juli 2015

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