Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Kei­ne Kün­di­gung bei Rück­fall ei­nes Al­ko­ho­li­kers

Kün­di­gung: Erst wer völ­lig aus dem Rah­men fällt, darf we­gen Al­ko­hol­sucht ent­las­sen wer­den: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 17.08.2009, 10 Sa 506/09
04.11.2009. Wenn ein Ar­beit­neh­mer in vor­werf­ba­rer Wei­se ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten ver­letzt, er­hält er un­ter Um­stän­den ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung. Ob sein Ver­hal­ten ei­ne or­dent­li­che Kün­di­gung, even­tu­ell nach vor­he­ri­ger er­folg­lo­ser Ab­mah­nung oder so­gar ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung recht­fer­tigt, hängt von der Schwe­re des Ver­sto­ßes ab.

Wenn der Ar­beit­neh­mer das be­an­stan­de­te Ver­hal­ten je­doch gar nicht be­ein­flus­sen kann, kann ihm kein Vor­wurf ge­macht wer­den. Al­ler­dings kommt dann mög­li­cher­wei­se ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kün­di­gung in Be­tracht.

Zu­meist wer­den per­so­nen­be­ding­te Kün­di­gun­gen we­gen Krank­heit des Ar­beit­neh­mers aus­ge­spro­chen. Da­zu zählt auch die Al­ko­hol­ab­hän­gig­keit.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg hat­te die Fra­ge zu klä­ren, ob ein ein­ma­li­ger Rück­fall ei­nes al­ko­hol­ab­hän­gi­gen, aber the­ra­pie­wil­li­gen Ar­beit­neh­mers aus­reicht, um ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kün­di­gung zu recht­fer­ti­gen: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 17.08.2009, 10 Sa 506/09.

Keine Kündigung eines Alkoholikers bei Therapiewilligkeit

Be­ruft sich ein Ar­beit­neh­mer dar­auf, al­ko­hol­krank zu sein, be­ginnt für den Ar­beit­ge­ber, der den Ar­beit­neh­mer nicht wei­ter bei sich beschäfti­gen möch­te, ein lang­wie­ri­ger Pro­zess:

Hat der Ar­beit­ge­ber schon ei­ne Ab­mah­nung aus­ge­spro­chen und später ver­hal­tens­be­dingt gekündigt, geht bei­des ins Lee­re, wenn der Ar­beit­neh­mer durch ärzt­li­ches At­test nach­weist, an Al­ko­ho­lis­mus er­krankt zu sein und dem­ent­spre­chend sein Ver­hal­ten gar nicht steu­ern zu können. Häufig wird dann ver­ab­re­det, dass dem Al­ko­ho­li­ker noch ei­ne „Bewährungs­zeit“ gewährt wird, in der er ei­ne The­ra­pie ma­chen und ab­sti­nent blei­ben muss.

Dies ist ein prak­ti­ka­bles Vor­ge­hen, das auch ju­ris­tisch bei ei­ner per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gung sinn­voll ist. Denn ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung ist nur ge­recht­fer­tigt, wenn hin­sicht­lich des Um­stan­des, der zur Kündi­gung An­lass gab, ei­ne „ne­ga­ti­ve Pro­gno­se“ vor­liegt, al­so et­wa im Fal­le ei­ner Krank­heit mit wei­te­ren Ausfällen des Ar­beit­neh­mers zu rech­nen ist.

Die ernst­haf­te Bemühung um ei­ne The­ra­pie steht des­we­gen ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se ei­nes al­ko­hol­kran­ken Ar­beit­neh­mers ent­ge­gen, während The­ra­pie­un­wil­lig­keit oder -unfähig­keit ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se be­gründet. Die „Bewährungs­zeit“ ist zum Er­stel­len ei­ner (ne­ga­ti­ven oder po­si­ti­ven) Pro­gno­se des­halb das rich­ti­ge Mit­tel.

Frag­lich ist, ob schon der ein­ma­li­ge Rück­fall ei­nes Al­ko­hol­abhängi­gen ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se be­gründet. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg (Ur­teil vom 17.08.2009, 10 Sa 506/09).

Einmaliger Rückfall eines Alkoholikers als Kündigungsgrund?

Der al­ko­hol­abhängi­ge Ar­beit­neh­mer war als In­dus­trie­elek­tro­ni­ker bei dem be­klag­ten Un­ter­neh­men beschäftigt. Er muss­te un­ter an­de­rem mit ho­hen elek­tri­schen Span­nun­gen ar­bei­ten. Der Ar­beit­neh­mer er­schien mehr­fach al­ko­ho­li­siert bei der Ar­beit. Des­we­gen kündig­te der Ar­beit­ge­ber ihm or­dent­lich zum 30.09.2008.

An­sch­ließend wur­de mit dem Ar­beit­neh­mer, un­ter Hin­zu­zie­hung ei­ner Be­triebsärz­tin, ver­ein­bart, dass der Ar­beit­neh­mer an ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe für Al­ko­hol­kran­ke teil­neh­men soll­te und sei­ne Le­ber­wer­te re­gelmäßig kon­trol­lie­ren ließ. Wenn es bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist, al­so den 30.09.2008, kei­ner­lei Be­an­stan­dun­gen ge­be, würde der Ar­beit­ge­ber die Kündi­gung zurück­neh­men.

Tatsächlich hielt sich der Ar­beit­neh­mer be­an­stan­dungs­los an die Ver­ein­ba­rung, so dass der Ar­beit­ge­ber die Kündi­gung zurück­nahm. Schon am Fol­ge­tag er­schien er je­doch wie­der al­ko­ho­li­siert bei der Ar­beit. Darüber, wie stark er al­ko­ho­li­siert war, strit­ten die Par­tei­en. Der Ar­beit­neh­mer ge­stand al­ler­dings ein, aus Freu­de über die be­stan­de­ne "Bewährungs­zeit" am Vor­abend drei oder vier Bier ge­trun­ken zu ha­ben. Sei­ne Le­ber­wer­te wa­ren den­noch nied­rig.

Der Ar­beit­ge­ber kündig­te dem Ar­beit­neh­mer nun er­neut, dies­mal frist­los, hilfs­wei­se or­dent­lich aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen we­gen der Al­ko­hol­sucht so­wie ver­hal­tens­be­dingt we­gen Ver­s­toßes ge­gen die Be­triebs­ord­nung, nach der Al­ko­hol im Dienst aus­drück­lich ver­bo­ten war. Ge­gen die­se Kündi­gung ging der Ar­beit­neh­mer ge­richt­lich vor.

Das von ihm an­ge­ru­fe­ne Ar­beits­ge­richt Ber­lin gab dem Ar­beit­neh­mer recht, da es der Mei­nung war, ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se lie­ge im Hin­blick auf die Al­ko­hol­sucht des Ar­beit­neh­mers nicht vor (Ur­teil vom 23.01.2009, 5 Ca 16653/08). Der Ar­beit­neh­mer, so das Ar­beits­ge­richt, hat­te sein Al­ko­hol­pro­blem länge­re Zeit im Griff und war ja noch am An­fang sei­ner The­ra­pie. Ge­gen die­se Ent­schei­dung ging der Ar­beit­ge­ber in Be­ru­fung.

Chance des Arbeitnehmers eine ausreichende Distanz zu der Sucht zu schaffen

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt teil­te die An­sicht des Ar­beits­ge­richts und gab eben­falls dem Ar­beit­neh­mer recht.

Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se kann man nicht oh­ne wei­te­res dar­aus ab­lei­ten, dass ein Al­ko­hol­abhängi­ger ei­nen ein­ma­li­gen Rück­fall er­lei­det, nach­dem er zunächst er­folg­reich ei­ne The­ra­pie be­gon­nen hat, so das LAG. Si­cher­lich stellt es ei­nen Ver­trau­ens­bruch dar, dass der Ar­beit­neh­mer un­mit­tel­bar nach Be­ste­hen sei­ner "Bewährungs­zeit" wie­der Al­ko­hol ge­trun­ken hat­te, meint das LAG zwar. Al­ler­dings rei­chen nach An­sicht des LAG drei Mo­na­te in der Re­gel bei wei­tem nicht aus, um bei Such­ter­kran­kun­gen wie Al­ko­ho­lis­mus ei­ne aus­rei­chen­de Dis­tanz zu der Sucht zu ge­win­nen.

Die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung hielt das LAG eben­falls für un­wirk­sam. Der Ar­beit­ge­ber hat­te nämlich versäumt, hier­zu den Be­triebs­rat an­zuhören, stell­te das Ge­richt fest.

Fa­zit: Kündi­gun­gen we­gen ei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit sind oft un­wirk­sam, denn ein Al­ko­hol­kran­ker ver­dient Hil­fe und Un­terstützung vom Ar­beit­ge­ber, wenn er sei­ne Sucht er­kannt hat und ver­sucht, sie durch ei­ne The­ra­pie in den Griff zu be­kom­men. Ein­zel­ne Rückfälle muss der Ar­beit­ge­ber da­her hin­neh­men. An­ders ist es aber, wenn die The­ra­pi­en ganz ab­ge­bro­chen wird oder The­ra­pie­un­wil­lig­keit oder -unfähig­keit be­steht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880