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Kei­ne Un­ter­las­sungs­ver­fü­gung ge­gen Be­trieb­s­än­de­rung bei Un­tä­tig­keit des Be­triebs­rats

Ver­han­delt der Be­triebs­rat selbst nicht en­er­gisch mit dem Ziel ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs, kann er die Um­set­zung der Be­trieb­s­än­de­rung nicht per Eil­ver­fah­ren stop­pen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Be­schluss vom 05.03.2009, 5 TaBV­Ga 1/09

19.06.2009. Be­ginnt der Ar­beit­ge­ber mit der Um­set­zung ei­ner Be­trieb­s­än­de­rung, oh­ne zu­vor ernst­haft über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit dem Be­triebs­rat ver­han­delt zu ha­ben, ver­stößt er mit die­sem Ver­hal­ten ge­gen sei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflich­ten.

Ei­ni­ge Lan­des­ar­beits­ge­rich­te ge­ste­hen dem Be­triebs­rat in ei­nem sol­chen Fall das Recht zu, die Um­set­zung der ge­plan­ten Be­trieb­s­än­de­rung im We­ge des ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­rens stop­pen zu las­sen.

Al­ler­dings muss der Be­triebs­rat in ei­nem sol­chen Fall sei­ner­seits al­les tun, um mit dem Ar­beit­ge­ber zu ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich zu kom­men. Ver­han­delt er nicht en­er­gisch ge­nugt über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich, kann er dem Ar­beit­ge­ber nicht im We­ge des ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­rens die Um­set­zung ei­ner Be­trieb­s­än­de­rung un­ter­sa­gen las­sen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Be­schluss vom 05.03.2009, 5 TaBV­Ga 1/09.

Wann kann der Betriebsrat dem Arbeitgeber per Eilantrag die vorzeitige Umsetzung einer Betriebsänderung verbieten lassen?

Plant der Ar­beit­ge­ber in ei­nem mit­be­stimm­ten Be­trieb mit mehr als zwan­zig Ar­beit­neh­mern ei­ne Be­triebsände­rung, muss er den Be­triebs­rat nach den Vor­schrif­ten des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes (Be­trVG) über sei­ne Pla­nun­gen recht­zei­tig und um­fas­send in­for­mie­ren und zu­dem ver­su­chen, mit ihm zu ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich zu kom­men. Ge­gen­stand ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs sind al­le Fra­gen, die mit der in Aus­sicht ste­hen­den Be­triebsände­rung zu­sam­menhängen, d.h. die ge­sam­ten un­ter­neh­me­ri­schen Pla­nun­gen des Ar­beit­ge­bers.

Ob­wohl der Ar­beit­ge­ber zum Ab­schluss ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs vom Be­triebs­rat nicht ge­zwun­gen wer­den kann, muss er ernst­haft mit dem Wil­len zur Ei­ni­gung über ihn ver­han­deln. Un­terlässt er sol­che Ver­hand­lun­gen oder bricht sie zu früh ab, droht ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le „Stra­fe“, da er in ei­nem sol­chen Fall den von der Be­triebsände­rung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern zur Zah­lung ei­nes Nach­teils­aus­gleichs ver­pflich­tet ist (§ 113 Abs. 3 Be­trVG). Bei Ent­las­sun­gen be­steht der Nach­teils­aus­gleich in ei­ner Ab­fin­dung. Bei an­de­ren durch die Be­triebsände­rung be­ding­ten Nach­tei­len sind die­se für höchs­tens ei­ne Jahr aus­zu­glei­chen.

An­ge­sichts des An­spruchs auf Nach­teils­aus­gleich, mit dem das Ge­setz un­zu­rei­chen­de Bemühun­gen des Ar­beit­ge­bers um ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich „be­straft“, ist recht­lich un­klar und um­strit­ten, ob der Be­triebs­rat dem Ar­beit­ge­ber durch einst­wei­li­ge Verfügung die Durchführung der ge­plan­ten Be­triebsände­rung ver­bie­ten las­sen kann, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ner Pflicht zum Ver­han­deln über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich nicht nach­kommt. Hier er­ken­nen ei­ni­ge Lan­des­ar­beits­ge­rich­te (LAGs) ei­nen sol­chen Un­ter­las­sungs­an­spruch an, an­de­re da­ge­gen nicht.

Ist man der (um­strit­te­nen) Mei­nung, dass der Be­triebs­rat ei­nen An­spruch auf Un­ter­las­sung der Be­triebsände­rung hat, so­lan­ge der Ar­beit­ge­ber noch nicht aus­rei­chend über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­han­delt hat, stellt sich wei­ter­hin die Fra­ge, wel­che Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­hei­ten der Be­triebs­rat sei­ner­seits hat: Im­mer­hin kann man dem Ar­beit­ge­ber nicht un­zu­rei­chen­de In­ter­es­sen­aus­gleichs­bemühun­gen vor­wer­fen, wenn man sich selbst nicht recht­zei­tig und in­ten­siv ge­nug um ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung bemüht.

Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln mit Be­schluss vom 05.03.2009 (5 TaBV­Ga 1/09) zu ent­schei­den.

Der Streitfall: Flughafendienstleister will 200 Arbeitsplätze um 1,4 Kilometer verlegen, die Einigunsstelle tagt erstmals zwei Monate nach ihrer Errichtung

Der Ar­beit­ge­ber beschäftigt auf dem Flug­ha­fen Köln/Bonn ca. 1.800 Ar­beit­neh­mer, da­von 200 in der Ver­wal­tung. De­ren Ar­beitsplätze, die sich bis­her außer­halb der Si­cher­heits­zo­ne be­fan­den, soll­ten nach den Pla­nun­gen des Ar­beit­ge­bers um et­wa 1,4 Ki­lo­me­ter ver­legt wer­den, und zwar in die Si­cher­heits­zo­ne hin­ein.

Da­her gründe­te der Ar­beit­ge­ber Mit­te 2008 ei­ne mit dem Um­zug be­fass­te Ar­beits­grup­pe, in der auch Be­triebs­rats­mit­glie­der ver­tre­ten wa­ren. Nach­dem die Ar­beits­grup­pe ei­ni­ge Ma­le zu­sam­men­ge­tre­ten war, erklärte der Be­triebs­rat En­de Sep­tem­ber, an ihr nicht mehr teil­neh­men zu wol­len.

Im Ok­to­ber 2008 in­for­mier­te der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat über die Ein­zel­hei­ten der Um­zugs­pläne.

Im No­vem­ber erklärte er die Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich für ge­schei­tert und rief gemäß § 112 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an, die aber erst nach ei­nem vom Ar­beit­ge­ber an­ge­streng­ten ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der Ei­ni­gungs­stel­len­be­set­zung An­fang 2009 zu­sam­men­trat.

Ob­wohl sich die Par­tei­en be­reits Mit­te De­zem­ber 2008 im Ei­ni­gungs­stel­len­be­set­zungs­ver­fah­ren gütlich auf die Er­rich­tung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le zum Um­zugs­the­ma ei­nig­ten, tag­te die­se erst­mals Mit­te Fe­bru­ar 2009 und dann noch­mals An­fang März 2009, oh­ne dass es da­bei zu ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich kam.

In­zwi­schen hat­te der Ar­beit­ge­ber mit dem Um­zug be­gon­nen und der Be­triebs­rat ging hier­ge­gen im We­ge des ar­beits­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­rens vor. Das Ar­beits­ge­richt Köln wies den An­trag des Be­triebs­rats, dem Ar­beit­ge­ber die wei­te­re Durchführung des Um­zugs im We­ge der einst­wei­li­gen Verfügung zu un­ter­sa­gen, zurück (Ar­beits­ge­richt Köln, Be­schluss vom 04.02.2009, 10 BV­GA 6/09). Hier­ge­gen leg­te der Be­triebs­rat Be­schwer­de zum LAG Köln ein.

LAG Köln: Verhandelt der Betriebsrat selbst nicht energisch mit dem Ziel eines Interessenausgleichs, kann er die Umsetzung der Betriebsänderung nicht per Eilverfahren stoppen

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln hat eben­so wie das Ar­beits­ge­richt Köln ent­schie­den, d.h. es wies den An­trag des Be­triebs­rats zurück. Zur Be­gründung stützt sich das Ge­richt im we­sent­li­chen auf zwei Ar­gu­men­te:

Ers­tens, so das Ge­richt, be­steht ein im Eil­ver­fah­ren durch­setz­ba­rer Un­ter­las­sungs­an­spruch nur, wenn der Ar­beit­ge­ber durch sein Ver­hal­ten die Ansprüche des Be­triebs­rats auf Be­ra­tung über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­ei­telt, d.h. be­wusst hin­ter­treibt und die Be­triebsände­rung ein­sei­tig und un­ter Miss­ach­tung der Rech­te des Be­triebs­rats durch­set­zen will.

Ein sol­ches recht­li­ches Fehl­ver­hal­ten konn­te dem Ar­beit­ge­ber aber im vor­lie­gen­den Fall nicht vor­ge­hal­ten wer­den, da er schließlich be­reits seit Mit­te 2008 die Ver­hand­lun­gen mit dem Be­triebs­rat ge­sucht und so­gar nach Schei­tern der Ver­hand­lun­gen die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­ru­fen hat­te.

Mit dem bloßen An­ru­fen der Ei­ni­gungs­stel­le hat der Ar­beit­ge­ber sei­ne in­ter­es­sen­aus­gleichs­be­zo­ge­nen Ver­hand­lungs­pflich­ten zwar noch nicht vollständig erfüllt. Hier­zu ist zu­min­dest ein Ver­han­deln vor der Ei­ni­gungs­stel­le er­for­der­lich, zu dem es im vor­lie­gen­den Fall erst­mals Mit­te Fe­bru­ar 2009 kam.

Frag­lich könn­te höchs­tens sein, ob der zum Jah­res­wech­sel be­gon­ne­ne Um­zug ge­gen die Ver­hand­lungs­pflich­ten ver­stieß. Mit die­ser Fra­ge setzt sich das Ge­richt al­ler­dings nicht näher aus­ein­an­der, da es dem Be­triebs­rat vorhält, sei­ner­seits nicht ziel­stre­big ge­nug ver­han­delt zu ha­ben.

Als Zwi­schen­er­geb­nis hält das LAG da­her fest, dass im vor­lie­gen­den Fall kein Un­ter­las­sungs­an­spruch des Be­triebs­rats ge­ge­ben sei, da dem Ar­beit­ge­ber ein Hin­ter­trei­ben oder Ver­ei­teln der In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen über nicht vor­ge­hal­ten wer­den konn­te.

Die zwei­te Über­le­gung des Ge­richts be­fasst sich von vorn­her­ein nur mit dem Ver­hal­ten des Be­triebs­rats. Da die­ser, so das Ge­richt, es seit Mit­te 2008 versäumt hat­te, die Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich vor­an­zu­trei­ben, lie­ge je­den­falls kein Verfügungs­grund vor, d.h. ei­ne be­son­de­re Eil­bedürf­tig­keit, die Vor­aus­set­zung für den Er­lass ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung ist.

Fa­zit: Er­greift der Be­triebs­rat kei­ne Schrit­te, um möglichst bald zu kon­kre­ten In­ter­es­sen­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen mit dem Ar­beit­ge­ber zu kom­men, kann er später nicht vor Ge­richt zie­hen und dem Ar­beit­ge­ber im We­ge des ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­rens die Um­set­zung der Be­triebsände­rung un­ter­sa­gen las­sen. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on fehlt es je­den­falls an ei­nem Verfügungs­grund.

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Letzte Überarbeitung: 6. Juli 2016

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