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Be­lei­di­gung ei­nes un­er­kann­ten Kun­den

Be­lei­di­gung von Kun­den des Ar­beit­ge­bers be­rech­tigt nicht stets zur au­ßer­or­dent­li­chen Kün­di­gung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 08.04.2010, 4 Sa 474/09
27.08.2010. Ar­beit­neh­mer wer­den von Au­ßen­ste­hen­den in al­ler Re­gel als Re­prä­sen­tan­ten des Ar­beit­ge­bers wahr­ge­nom­men. Schon al­lein da prak­tisch je­der Au­ßen­ste­hen­de in al­ler Re­gel auch ein (zu­künf­ti­ger) Kun­de sein kann, soll­ten Ar­beit­neh­mer da­her stets be­müht sein, die For­men zu wa­ren.

Doch die­se Ide­al­vor­stel­lung ist an­ge­sichts des mit Leis­tungs­druck, Exis­tenz­ängs­ten oder schlicht schwie­ri­gen Mit­men­schen ver­bun­de­nen Stres­ses nicht im­mer rea­lis­tisch.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein ent­schied vor die­sem Hin­ter­grund kürz­lich dar­über, ob es ei­nen Ar­beit­neh­mer schon den Job kos­ten kann, wenn er aus­nahms­wei­se ein­mal "die Ner­ven ver­liert": Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 08.04.2010, 4 Sa 474/09.

Kann man immer gekündigt werden, wenn man einen Kunden beleidigt?

Gemäß § 626 Abs. 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) kann das Ar­beits­verhält­nis von bei­den Par­tei­en aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Nach der Recht­spre­chung gibt es da­bei kei­ne „ab­so­lu­ten Kündi­gungs­gründe“, d.h. Gründe, die in je­dem Fall zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung be­rech­ti­gen. Viel­mehr setzt je­de außer­or­dent­li­che Kündi­gung stets ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­abwägung vor­aus. Es sind al­le Umstände des Ein­zel­fal­les zu berück­sich­ti­gen. Dies ge­schieht durch ei­ne zwei­stu­fi­ge Prüfung: Zunächst ist zu prüfen, ob ein be­stimm­ter Sach­ver­halt im all­ge­mei­nen („an sich“) ge­eig­net ist, ei­nen wich­ti­gen Grund ab­zu­ge­ben. In ei­nem wei­te­ren Schritt ist zu prüfen, ob bei Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­falls ei­ne kon­kre­te Kündi­gung ge­recht­fer­tigt ist („In­ter­es­sen­abwägung“).

Be­lei­digt der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber, ei­nen Vor­ge­setz­ten oder ei­nen Ar­beits­kol­le­gen, so ist dies nach der Recht­spre­chung ein im all­ge­mei­nen bzw. „an sich“ aus­rei­chen­der Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung. Dies gilt auch für die Be­lei­di­gung ei­nes Kun­den bzw. Auf­trag­ge­bers. Ar­beit­neh­mer mit Kon­takt zu Kun­den ih­res Ar­beit­ge­bers müssen da­her auch in Stress- und Kon­flikt­si­tua­tio­nen in der La­ge sein, sich zu be­herr­schen. Denn wer­den Kun­den be­lei­digt und da­mit ver­prellt, ver­min­dern sich mögli­cher­wei­se die Umsätze des Ar­beit­ge­bers, was in letz­ter Kon­se­quenz den Be­stand von Ar­beitsplätzen gefähr­den kann.

Frag­lich ist im Ein­zel­fall al­ler­dings, ob die gemäß § 626 Abs. 1 BGB zu berück­sich­ti­gen­den Be­gleit­umstände ei­ne Kun­den­be­lei­di­gung eher in ei­nem mil­den Licht er­schei­nen las­sen oder den Vor­fall so­gar noch er­schwe­ren. Wor­auf es in Fällen die­ser Art an­kom­men kann, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Schles­wig-Hol­stein (Ur­teil vom 08.04.2010, 4 Sa 474/09).

Der Fall: Ein Kraftfahrer will nur in Ruhe arbeiten und reagiert über

Der Kläger ist seit sie­ben Jah­ren als Kraft­fah­rer bei ei­nem Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men beschäftigt und mit der Aus­lie­fe­rung von Wa­ren an Kun­den des Un­ter­neh­mens be­traut. Am 24.03.2009 lie­fer­te er Wa­ren zu ei­ner ihm seit lan­gem be­kann­ten Lie­fe­r­adres­se. Dort war die Ein­fahrt zum Park­deck recht eng und die Durch­fahrtshöhe knapp be­mes­sen. Als er dort auf das Park­deck fah­ren woll­te, wur­de er von ei­nem ihm un­be­kann­ten Pas­san­ten an­ge­spro­chen, der ihn auf­for­der­te, nicht wei­ter­zu­fah­ren. Bei die­sem han­del­te es sich um ei­nen Mit­ar­bei­ter bzw. Ver­tre­ter des Kun­den der Spe­di­ti­on, was der Kläger in die­ser Si­tua­ti­on al­ler­dings nicht wuss­te, da sich der Mann ihm ge­genüber nicht vor­ge­stellt hat­te. Der Kläger be­ant­wor­te­te die Auf­for­de­rung, nicht wei­ter zu fah­ren, mit der rüden Be­mer­kung „Ich lie­fe­re hier seit Jah­ren und jetzt aus dem Weg, du Arsch.“ An­sch­ließend be­zeich­ne­te er den Kun­den­mit­ar­bei­ter mehr­fach als „Arsch­loch“. Dies hat­te er zwar in Ab­re­de ge­stellt, doch er­gab ei­ne vom Ar­beits­ge­richt durch­geführ­te Zeu­gen­be­fra­gung, dass er sich in die­ser - be­lei­di­gen­den - Wei­se geäußert hat­te.

Auf­grund die­ses Vor­falls kündig­te der Ar­beit­ge­ber dem Kraft­fah­rer nach Anhörung des Be­triebs­ra­tes aus wich­ti­gem Grun­de frist­los. Der gekündig­te Ar­beit­neh­mer zog vor das Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter und er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Die­se ent­schied das Ar­beits­ge­richt zu sei­nen Guns­ten (Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter, Ur­teil vom 28.10.2009, 1 Ca 511 b/09).

Zwar war das Ver­hal­ten des Kraft­fah­rers nach An­sicht des Ge­richts grob un­an­ge­mes­sen. Er hat­te aber den be­lei­dig­ten Pas­san­ten nicht für ei­nen Re­präsen­tan­ten des Kun­den, son­dern für ei­nen „Wich­tig­tu­er“ ge­hal­ten. Außer­dem ging es hier um ei­nen ein­ma­li­gen Vor­fall, so dass auch aus die­sem Grund ei­ne Ab­mah­nung aus­ge­reicht hätte, so das Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter. Die Spe­di­ti­on woll­te die­ses Ur­teil nicht hin­neh­men und leg­te Be­ru­fung zum LAG Schles­wig-Hol­stein ein.

LAG Schleswig-Holstein: Eine Abmahnung hätte hier genügt

Das LAG Schles­wig-Hol­stein schloss sich im Er­geb­nis und auch in der Be­gründung der Mei­nung des Ar­beits­ge­richts an, d.h. es hielt die Kündi­gung für un­wirk­sam.

Die ausführ­li­che Ent­schei­dungs­be­gründung er­weckt über wei­te Stre­cken den Ein­druck, als wol­le sich das LAG beim Ar­beit­ge­ber für das Ur­teil ent­schul­di­gen. So be­tont LAG aus­drück­lich, dass das Ver­hal­ten des Klägers nicht zu recht­fer­ti­gen sei, und hin und bestätigt es dem Ar­beit­ge­ber, dass sein Rechts­ausführun­gen rich­tig sei­en.

Dass das Be­ru­fungs­ver­fah­ren trotz­dem zu Un­guns­ten des Ar­beit­ge­bers aus­ging, hat­te sei­nen Grund dar­in, dass der Ar­beit­neh­mer in der strei­ti­gen Si­tua­ti­on nicht si­cher wuss­te, dass die von ihm be­lei­dig­te Per­son ei­nen Kun­den der Spe­di­ti­on re­präsen­tier­te. Trotz ei­ni­ger in die­se Rich­tung wei­sen­den An­halts­punk­te, die der Kraft­fah­rer mögli­cher­wei­se „nicht se­hen woll­te“, stand für das Ge­richt auf­grund der Aus­sa­gen des be­lei­dig­ten Kun­den­mit­ar­bei­ters nicht fest, dass der Kläger wis­sent­lich ei­nen Kun­den sei­nes Ar­beit­ge­bers be­lei­di­gen woll­te. Viel­mehr ging das Ge­richt nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me da­von aus, dass der Kraft­fah­rer in ers­ter Li­nie sei­ne Ar­beit er­le­di­gen woll­te und über­re­agier­te, als er hier­an ge­hin­dert wur­de. Die­se Un­kennt­nis der wah­ren Si­tua­ti­on hielt das LAG dem Kraft­fah­rer bei der In­ter­es­sen­abwägung zu­gu­te. Da der Kläger bis­her nicht ein­schlägig auf­ge­fal­len war, han­del­te es sich um ein ein­ma­li­ges Au­gen­blicks­ver­sa­gen, so das LAG.

Auf die­ser Grund­la­ge wäre ei­ne Ab­mah­nung als Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers aus­rei­chend ge­we­sen, d.h. das Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men hätte an­stel­le der frist­lo­sen Kündi­gung un­ter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit zunächst ei­ne Ab­mah­nung er­tei­len müssen.

Fa­zit: Be­rufs­kraft­fah­rer sind heut­zu­ta­ge oft ex­tre­men Be­las­tun­gen aus­ge­setzt, vor al­lem wenn sie mit der Aus­lie­fe­rung von Wa­ren be­traut sind. Das macht Re­gel­verstöße wie die hier strei­ti­ge Be­lei­di­gung ei­nes Pas­san­ten, der sich als ei­ne Art „Lie­fe­rungs­hin­der­nis“ betätig­te, men­sch­lich verständ­lich. Da­mit sind sol­che Be­lei­di­gun­gen natürlich nicht ge­recht­fer­tigt, doch tra­gen zu ho­her Ter­min­druck und per­so­nel­le Un­ter­be­set­zung im Fahr­zeug, d.h. das häufi­ge Feh­len ei­nes Bei­fah­rers, er­heb­lich zu der Be­las­tung bei, die dann in Stress-Si­tua­tio­nen wie der hier strei­ti­gen es­ka­lie­ren kann. An­statt ei­nem langjährig beschäftig­ten Kraft­fah­rer we­gen der­ar­ti­ger Vorfälle zu kündi­gen, soll­te man als Ar­beit­ge­ber eher die Durchführung ei­nes Lehr­gangs zur Stress­bewälti­gung im Straßen­ver­kehr in Be­tracht zie­hen. Auch un­ter die­sem Ge­sichts­punkt ist die Ent­schei­dung des LAG Schles­wig-Hol­stein nicht nur kündi­gungs­schutz­recht­lich ver­tret­bar, son­dern auch sach­lich an­ge­mes­sen.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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