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Kün­di­gung bei Un­fall wäh­rend der Ar­beit

Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­neint Ver­stoß ge­gen Treu und Glau­ben: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 27.05.2009, 3 Sa 74/09

30.11.2009. Wie schwer es für Ar­beit­neh­mer ist, sich ge­gen ei­ne Kün­di­gung zu weh­ren, die nicht dem Kün­di­gungs­schutz un­ter­liegt, zeigt ei­ne Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Schles­wig-Hol­stein, LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 27.05.2009, 3 Sa 74/09.

Kündigung ohne Kündigungsschutz

Kündi­gungs­schutz nach den Vor­schrif­ten des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) ge­nießt erst, wer mehr als sechs Mo­na­te im Be­trieb beschäftigt ist (§ 1 Abs. 1 KschG). Da­nach ist ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber zwar ge­ne­rell unmöglich, doch kann der Ar­beit­neh­mer die Kündi­gung im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren ge­richt­lich über­prüfen las­sen.

Vor Ab­lauf von sechs Mo­na­ten ist ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung da­ge­gen im All­ge­mei­nen oh­ne be­son­de­ren Grund möglich. Aus­nah­mes­wei­se kann ei­ne War­te­zeitkündi­gung aber trotz­dem un­wirk­sam sein, z.B. wenn sie "treu­wid­rig" im Sin­ne von § 242 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ist. Durch die­se Vor­schrift wer­den Ar­beit­neh­mer aber letzt­lich nur vor willkürli­chen Kündi­gun­gen geschützt. Gibt es ei­nen ir­gend­wie ein­leuch­ten­den Grund für die Kündi­gung, ist sie in al­ler Re­gel nicht treu­wid­rig.

Aus Ar­beit­neh­mer­sicht be­son­ders "un­ge­recht" ist ei­ne War­te­zeitkündi­gung, die im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Ar­beits­un­fall aus­ge­spro­chen wird: Wer sich während der Ar­beit ver­letzt und krank ge­schrie­ben wird, kann doch dafür nicht mit ei­ner Kündi­gung be­straft wer­den - würde man den­ken. Recht­lich ge­se­hen gibt es aber kein Ver­bot, ei­ne Er­kran­kung und/oder ei­nen Ar­beits­un­fall während der War­te­zeit zum An­lass für ei­ne Kündi­gung zu neh­men. Das hat das LAG Schles­wig-Hol­stein in bestätigt: LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 27.05.2009, 3 Sa 74/09.

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein: Gerüstbauhelfer erhält nach angeblichem Arbeitsunfall die Kündigung

Der Kläger war als Gerüstbau­hel­fer bei der Be­klag­ten beschäftigt. Be­reits ei­nen Mo­nat nach Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses, al­so lan­ge vor An­wend­bar­keit des KSchG, stieß er mit dem Knie ge­gen ei­nen Ei­sen­rie­gel und wur­de für zunächst zwei Wo­chen ar­beits­unfähig krank ge­schrie­ben. Ob der Ar­beits­un­fall un­ver­schul­det war oder ob der Ar­beit­neh­mer die Ver­let­zung fahrlässig her­bei­geführt hat­te, ließ sich nicht klären. Der Ar­beit­ge­ber überg­ab dar­auf­hin ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung, ge­gen die der Ar­beit­neh­mer Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hob.

Da­mit hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt nur in dem Punkt Er­folg, dass die außer­or­dent­li­che Kündi­gung für un­wirk­sam erklärt wur­de. Die or­dent­li­che Kündi­gung blieb da­ge­gen ste­hen. In der Be­ru­fung vor dem LAG ar­gu­men­tier­te der Ar­beit­neh­mer, auch die or­dent­li­che Kündi­gung sei un­wirk­sam, weil sie ge­gen Treu und Glau­ben ver­s­toße. Letzt­lich ha­be der Ar­beit­ge­ber nur Ent­gelt­fort­zah­lungs­kos­ten spa­ren wol­len, und über­haupt sei ei­ne Kündi­gung als Re­ak­ti­on auf ei­nen Ar­beits­un­fall nicht rech­tens.

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein: Kündigung ist trotz Arbeitsunfall nicht treuwidrig

Das LAG bestätig­te die Wirk­sam­keit der or­dent­li­chen Kündi­gung. Der Ar­beits­aus­fall in­fol­ge der Ver­let­zung reich­te als Sach­grund für die Kündi­gung aus. Dass die Kündi­gung im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Ar­beits­un­fall erklärt wur­de, macht sie we­der willkürlich noch treu­wid­rig, so das LAG.

Der Vor­wurf, der Ar­beit­ge­ber ha­be mit der Kündi­gung Lohn­fort­zah­lungs­kos­ten spa­ren wol­len, ließ sich nicht auf­recht er­hal­ten, denn der Ar­beit­ge­ber hat­te über die Be­en­di­gung hin­aus gemäß § 8 Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz (EFZG) Lohn­fort­zah­lung ge­leis­tet. Hier hat­te er al­so durch die (or­dent­li­che) Kündi­gung nichts ge­spart.

Fa­zit: Das Ur­teil geht in Ord­nung. Ar­beit­ge­ber brau­chen vor Ab­lauf von sechs Mo­na­ten kei­nen Grund für ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung. Dem­ent­spre­chend können sie frei bzw. "aus dem Bauch her­aus" ent­schei­den, ob sie kündi­gen wol­len oder nicht. Un­ter sol­chen Umständen kann man kei­ne all­ge­mei­nen Kündi­gungs­ver­bo­te auf­stel­len und z.B. be­haup­ten, ei­ne Kündi­gung als Re­ak­ti­on auf ei­ne Er­kran­kung und/oder ei­nen Ar­beits­un­fall sei im All­ge­mei­nen treu­wid­rig.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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