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Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung im Klein­be­trieb nach 40 Jah­ren

PC-Muf­fel nach 40jähriger Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ent­las­sen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 09.09.2009, 3 Sa 153/09

20.11.2009. Kün­di­gungs­schutz nach den Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) ge­nie­ßen Ar­beit­neh­mer, wenn ihr Ar­beits­ver­hält­nis in dem­sel­ben Be­trieb oder Un­ter­neh­men oh­ne Un­ter­bre­chung län­ger als sechs Mo­na­te be­stan­den hat und wenn der Be­trieb, in dem sie tä­tig sind, kein Klein­be­trieb ist.

Dies folgt aus § 1 Abs.1 und § 23 Abs.1 Satz 2 KSchG.

Ein "Klein­be­trieb" ist nach der seit dem 01.01.2004 gel­ten­den Ge­set­zes­fas­sung ein Be­trieb, in dem in der Re­gel nur zehn oder we­ni­ger Ar­beit­neh­mer be­schäf­tigt sind, wo­bei die Aus­zu­bil­den­den nicht zäh­len.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig Hol­stein hat­te sich nun da­mit zu be­schäf­ti­gen, ob es auch bei sehr lan­ger Tä­tig­keit in ei­nem Klein­be­trieb (hier: 40 Jah­re) ei­nen ge­wis­sen Kün­di­gungs­schutz gibt, LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 09.09.2009, 3 Sa 153/09.

Das Problem: Kündigungsschutz im Kleinbetrieb

Hat man Kündi­gungs­schutz nach dem KSchG, so sind or­dent­li­che Kündi­gun­gen durch den Ar­beit­ge­ber kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen, d.h. die Möglich­keit ei­ner Be­ru­fung auf das KSchG be­sagt nicht, dass man "unkünd­bar" wäre. Viel­mehr be­steht auf der Grund­la­ge des KSchG nur die Möglich­keit, ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung des Ar­beit­ge­bers auf ih­re sach­li­che Recht­fer­ti­gung hin über­prüfen zu las­sen. Un­terfällt ein Ar­beit­neh­mer nämlich dem KSchG, ist ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber nur möglich, wenn er sich für die­se Ent­schei­dung auf trif­ti­ge Gründe im Ver­hal­ten oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers auf be­triebs­be­ding­te Gründe be­ru­fen kann. Die­se Gründe kann der Ar­beit­neh­mer in ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­richt­lich über­prüfen las­sen.

Nach der Recht­spre­chung hat der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings auch in ei­nem Klein­be­trieb, auf den das KSchG kei­ne An­wen­dung fin­det, bei der Kündi­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers ein „Min­dest­maß an so­zia­ler Rück­sicht­nah­me zu wah­ren“. Ent­spricht ei­ne Kündi­gung nicht An­for­de­rung, verstößt ge­gen Treu und Glau­ben (§ 242 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB) und ist des­halb un­wirk­sam (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.02.2001, 2 AZR 15/00, Rn. 19). In der Pra­xis ist die Be­ru­fung auf die „Treu­wid­rig­keit“ ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung im Klein­be­trieb sel­ten. Meist wird die­ser Vor­wurf von älte­ren Ar­beit­neh­mern mit lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit er­ho­ben.

Auf der Grund­la­ge der Rechts­mei­nung, der zu­fol­ge es auch im Klein­be­trieb (zwar kei­nen Kündi­gungs­schutz, aber:) ein „Min­dest­maß an so­zia­ler Rück­sicht­nah­me“ bei Kündi­gun­gen ge­ben muss, dro­hen al­ler­dings die Gren­zen zwi­schen bei­den recht­li­chen Schutz­bar­rie­ren zu ver­schwim­men: Klar ist letzt­lich nur, dass der „Min­destkündi­gungs­schutz“ im Klein­be­trieb schwächer wir­ken muss als der re­guläre Kündi­gungs­schutz nach dem KschG. Was das im Ein­zel­fall heißt, ist al­ler­dings oft un­klar. Da­zu hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung geäußert (Ur­teil vom 09.09.2009, 3 Sa 153/09).

Der Fall des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein: Kündigung eines von drei Arbeitnehmern

Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber be­trieb ei­ne Ford-Ver­tre­tung. Dort war der 55jähri­ge Kläger seit 40 Jah­ren (!) in der Werk­statt beschäftigt. Er hat­te kei­nen Aus­bil­dungs­be­ruf er­lernt und konn­te we­gen ei­ner Le­se- und Rechts­schreib­schwäche kei­nen PC be­die­nen. Ei­nen Führer­schein be­saß er nicht. Außer dem Kläger beschäftig­te der Be­klag­te zwei aus­ge­bil­de­te Kfz-Me­cha­ni­ker, ei­nen als Werk­statt­lei­ter, den an­de­ren als des­sen Ver­tre­ter.

Nach­dem der Um­satz des Be­trie­bes um 70 Pro­zent ein­ge­bro­chen war, kündig­te der Ar­beit­ge­ber dem Kläger aus wirt­schaft­li­chen Gründen. Die Ent­schei­dung, den Kläger und nicht ei­nen der bei­den an­de­ren Mit­ar­bei­ter zu kündi­gen, be­gründe­te er da­mit, dass der Kläger auf­grund sei­ner Le­se­schwäche we­der ei­nen PC noch elek­tro­ni­sche Mess­geräte ein­set­zen konn­te und oh­ne Führer­schein auch kei­ne Pro­be­fahr­ten ma­chen durf­te. Da­her hielt ihn der Ar­beit­ge­ber we­der mit dem Werk­statt­lei­ter noch mit des­sen Ver­tre­ter für ver­gleich­bar.

Der Kläger be­wer­te­te die Kündi­gung als treu­wid­rig und er­hob Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Lübeck mit dem Ziel, die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung fest­stel­len zu las­sen. Zur Be­gründung mein­te der Kläger, der Ar­beit­ge­ber ha­be bei der Kündi­gung ge­gen § 242 BGB ver­s­toßen, d.h. das recht­lich ge­bo­te­ne „Min­dest­maß an so­zia­ler Rück­sicht­nah­me“ außer Acht ge­las­sen. Er ha­be auf­grund sei­ner persönli­chen Ein­schränkun­gen kei­ne Chan­ce mehr auf dem Ar­beits­markt, das höchs­te Le­bens­al­ter un­ter den Kol­le­gen und mit 40 Jah­ren am längs­ten beschäftigt. Das Ar­beits­ge­richt Lübeck wies die Kla­ge ab.

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein: Lange Betriebszugehörigkeit schützt vor Kündigung nicht.

Auch die zum LAG ein­ge­leg­te Be­ru­fung hat­te kei­nen Er­folg. Zur Be­gründung heißt es:

Der Um­satz­ein­bruch sei kein un­sach­li­cher Kündi­gungs­grund. Auch konn­te man dem Ar­beit­ge­ber nicht vor­wer­fen, bei sei­ner Kündi­gungs­ent­schei­dung das auch im Klein­be­trieb ge­bo­te­ne „Min­dest­maß an so­zia­ler Rück­sicht­nah­me“ miss­ach­tet zu ha­ben. Al­lein ei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit, ein ho­hes Le­bens­al­ter und wei­te­re Tat­sa­chen, die ei­nen Ar­beit­neh­mer als so­zi­al schutz­bedürf­tig er­schei­nen las­sen, sind nach Mei­nung des LAG führen noch nicht un­be­dingt zur un­wirk­sam ei­ner Kündi­gung. An­dern­falls würde ein Ar­beit­neh­mer al­lein durch Zeit­ab­lauf, noch da­zu un­abhängig vom KSchG, über § 242 BGB (Treu und Glau­ben) unkünd­bar wer­den.

Die Kündi­gung und die dar­auf­fol­gen­den Ge­richts­ent­schei­dun­gen wa­ren für den Werk­statt­ge­hil­fen si­cher­lich hart. Wer prak­tisch sein gan­zes Er­werbs­le­ben, an­ge­fan­gen im ju­gend­li­chen Al­ter von fünf­zehn Jah­ren, in ei­nem klei­nen Be­trieb ge­ar­bei­tet hat, ver­liert im Fal­le ei­ner Kündi­gung si­cher­lich mehr als nur ei­nen „Job“. An­de­rer­seits muss man be­den­ken, dass die Kündi­gung so­gar dann, wenn das KSchG an­wend­bar ge­we­sen wäre, recht­lich zulässig ge­we­sen wäre: Der Ar­beit­ge­ber hätte nämlich die Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung tref­fen können, an­ge­sichts ei­nes ver­rin­ger­ten Ar­beits­an­falls auf Aus­hilfs­kräfte ganz zu ver­zich­ten, so dass ein be­trieb­li­cher Grund für die Kündi­gung ge­ge­ben wäre. Und das Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl hätte dem Werk­statt­ge­hil­fe auch bei An­wend­bar­keit von § 1 Abs.3 KSchG nicht ge­hol­fen, da er mit den bei­den aus­ge­bil­de­ten Kfz-Me­cha­ni­kern nicht ver­gleich­bar war.

Dar­aus folgt aber recht ein­deu­tig: Wer schon bei An­wen­dung der ge­setz­li­chen Schutz­vor­schrif­ten des KSchG ge­gen ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung nichts aus­rich­ten könn­te, kann sich erst nicht ge­gen sie weh­ren, wenn er in ei­nem Klein­be­trieb ar­bei­tet. Ein so weit­ge­hen­der Schutz vor Kündi­gun­gen wäre im Er­geb­nis so stark wie ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che oder ta­rif­ver­trag­li­che or­dent­li­che Unkünd­bar­keit.

Fa­zit: So hart die Kündi­gung für den Werk­statt­ge­hil­fen auch war - die recht­li­che Un­wirk­sam­keit wäre für den Ar­beit­ge­ber und die ver­blei­ben­den bei­den Ar­beit­neh­mer noch härter ge­we­sen. Wie soll man in ei­nem Mi­ni-Be­trieb mit drei Ar­beit­neh­mern und ei­nem mit­ar­bei­ten­den Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Um­satz­ein­bruch von 70 (!) Pro­zent dau­er­haft ei­ne Hilfs­kraft be­zah­len, wenn kein Geld dafür vor­han­den ist? Kämen die Ar­beits­ge­rich­te in ei­nem sol­chen Fall zu dem Er­geb­nis, dass die Kündi­gung un­wirk­sam ist, so wäre dies letzt­lich auch für den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer nur ein Schein-Sieg.

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Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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