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Kün­di­gungs­schutz und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung - Re­vi­si­ons­ent­schei­dung in Sa­chen Kar­mann

Das AGG ist auf Kün­di­gun­gen an­zu­wen­den, ver­bie­tet aber ei­ne So­zi­al­aus­wahl nach Al­ters­grup­pen nicht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 06.11.2008, 2 AZR 701/07

19.11.2008. Das Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl be­deu­tet, dass bei be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gungs­wel­len nur die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer ge­kün­digt wer­den, die so­zi­al am we­nigs­ten schutz­be­dürf­tig sind. Da­bei sind äl­te­re Ar­beit­neh­mer mit lan­ger Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit und Un­ter­halts­pflich­ten stär­ker schutz­be­dürf­tig als ih­re jün­ge­re­ren und noch nicht so lan­ge be­schäf­tig­ten kin­der­lo­sen Kol­le­gen.

Führt der Ar­beit­ge­ber zwar ei­ne So­zi­al­aus­wahl durch, bil­det aber zu die­sem Zweck Al­ters­grup­pen, wird da­durch der von der So­zi­al­aus­wahl be­zweck­te Schutz der äl­te­ren Ar­beit­neh­mer er­heb­lich ent­wer­tet. Denn Al­ters­grup­pen­bil­dung heißt: Man bil­det Al­ters­grup­pen (z.B. die 40 bis 49jährigen) und be­vor­zugt die Äl­te­ren dann nur in­ner­halb "ih­rer" Al­ters­grup­pe.

Da­her fragt sich, ob ei­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl den ge­bo­te­nen Schutz äl­te­rer Ar­beit­neh­mer zu sehr ver­rin­gert, d.h. bis zu ei­nem Punkt, an dem sie we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert wer­den.

Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem ei­nem vor zwei Wo­chen er­gan­ge­nen Ur­teil mit nein be­ant­wor­tet. Zwar gel­ten die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) auch für Kün­di­gun­gen, doch steht das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (§§ 1, 10 AGG) es nicht, bei der So­zi­al­aus­wahl Al­ters­grup­pen zu bil­den: BAG, Ur­teil vom 06.11.2008, 2 AZR 701/07.

Diskriminiert eine Altersgruppenbildung bei der Sozialauswahl die älteren Arbeitnehmer wegen ihres Alters?

Soll aus be­trieb­li­chen Gründen ei­ne be­stimm­te An­zahl von Ar­beitsplätzen ab­ge­baut wer­den, sind von ei­ner sol­chen Ent­schei­dung meist nicht nur die Ar­beit­neh­mer be­trof­fen, die zufälli­ger­wei­se ge­ra­de auf den ab­zu­bau­en­den Ar­beitsplätzen ar­bei­ten, son­dern auch sol­che, die der Ar­beit­ge­ber auf­grund sei­nes Wei­sungs­rechts auf die zu strei­chen­den Stel­len um­set­zen könn­te.

Gibt es da­her mehr „Kündi­gungs­kan­di­da­ten“ als zu strei­chen­de Stel­len, ver­pflich­tet das Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) den Ar­beit­ge­ber da­zu, bei der Aus­wahl der aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer so­zia­le Ge­sichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen, d.h. ei­ne So­zi­al­aus­wahl vor­zu­neh­men (§ 1 Abs.3 KSchG).

Die So­zi­al­aus­wahl führt da­zu, dass Ar­beit­neh­mer vor be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen um so bes­ser geschützt sind, je länger ihr Ar­beits­verhält­nis be­stand und je älter sie sind. Auch Un­ter­halts­pflich­ten und ei­ne ggf. be­ste­hen­de Schwer­be­hin­de­rung ver­bes­sern die­sen Schutz.

Das Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl ist aber nicht oh­ne Aus­nah­men durch­zuführen. In die so­zia­le Aus­wahl sind nämlich die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer nicht ein­zu­be­zie­hen, de­ren Wei­ter­beschäfti­gung we­gen ih­rer Kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Leis­tun­gen oder auch „zur Si­che­rung ei­ner aus­ge­wo­ge­nen Per­so­nal­struk­tur des Be­trie­bes“ im be­rech­tig­ten be­trieb­li­chen In­ter­es­se liegt (§ 1 Abs.3 Satz 2 KSchG).

Un­ter Be­ru­fung auf die­se Aus­nah­me­vor­schrift bil­den Ar­beit­ge­ber oft­mals Al­ters­grup­pen (z.B.: Ar­beit­neh­mer von 31 bis 40 Jah­ren, von 41 bis 50 Jah­ren, von 35 bis 60 Jah­ren usw.) und neh­men die So­zi­al­aus­wahl nur in­ner­halb die­ser Al­ters­grup­pen vor. Da­durch wird bei be­triebs­be­ding­ten Kündi­gungs­wel­len ver­hin­dert, dass auf­grund der So­zi­al­aus­wahl das Durch­schnitts­al­ter der ver­blei­ben­den Be­leg­schaft höher ist als es vor­her war. Le­bens­al­ter und Beschäfti­gungs­dau­er wer­den da­her zwar be­ach­tet, aber nur in­ner­halb der je­wei­li­gen Al­ters­grup­pen. D

enn wer zum Bei­spiel 51 Jah­re alt ist, kann im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl in­ner­halb der Al­ters­grup­pe der 51- bis 60jähri­gen „durch­fal­len“, ob­wohl er im Ver­gleich mit ei­nem Kündi­gungs­kan­di­da­ten der Al­ters­grup­pe der 31- bis 40jähri­gen schutz­bedürf­ti­ger wäre und da­her bei ei­ner So­zi­al­aus­wahl oh­ne Al­ters­grup­pen sein Ar­beits­verhält­nis ge­ret­tet hätte.

Auf der Grund­la­ge des am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­te­nen All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ist al­ler­dings zwei­fel­haft ge­wor­den, ob die Bil­dung von Al­ters­grup­pen bei der So­zi­al­aus­wahl wie bis­her recht­lich zulässig ist oder aber ei­ne nach dem AGG ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stellt.

Hier mei­nen ei­ni­ge Ar­beits­recht­ler, dass die Bil­dung von Al­ters­grup­pen älte­re Ar­beit­neh­mer be­nach­tei­ligt und da­her als Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch das AGG ver­bo­ten sei. Die Ge­gen­mei­nung be­sagt, dass ge­ra­de das Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl bzw. die die­sem ent­spre­chen­de Bes­ser­stel­lung älte­rer Ar­beit­neh­mer bei be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen dis­kri­mi­nie­rend sei, nämlich ei­ne Be­nach­tei­li­gung jünge­rer Ar­beit­neh­mer dar­stel­le.

Frag­lich ist bei al­le­dem auch, ob das AGG und sei­ne Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te auf Kündi­gun­gen über­haupt an­zu­wen­den sind, da dies nach dem Ge­set­zes­wort­laut (§ 2 Abs.4 AGG) ei­gent­lich aus­ge­schlos­sen ist (sie­he hier­zu Ar­beits­recht ak­tu­ell: 06/20 AGG und Kündi­gungs­schutz).

Zu die­sen seit länge­rem kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Fra­gen hat nun­mehr das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Ur­teil vom 06.11.2008 (2 AZR 701/07) Stel­lung ge­nom­men.

Der Fall Karmann: Bei betriebsbedingten Entlassungen von über 600 Arbeitnehmern wird die Sozialauswahl mit Zustimmung des Betriebsrats nach Altersgruppen vorgenommen

Der Ka­ros­se­rie­bau­er Kar­mann in Os­nabrück war En­de 2006 aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zur Ent­las­sung von 619 Ar­beit­neh­mern ge­zwun­gen. Da­zu ver­ein­bar­te er mit dem Be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan und In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te, d.h. die zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer wur­den im Rah­men der Ei­ni­gung zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat na­ment­lich be­nannt. Zum Zwe­cke der Er­mitt­lung der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer wur­den Al­ters­grup­pen ge­bil­det, die je­weils zehn Jahrgänge er­fass­ten, nämlich die bis 25jähri­gen, die bis 35jähri­gen, die bis 45jähri­gen, die bis 55jähri­gen und die über 55jähri­gen.

Im Er­geb­nis er­hiel­ten da­her Ar­beit­neh­mer der Al­ters­grup­pe der 46- bis 55jähri­gen ei­ne Kündi­gung, ob­wohl sie im Ver­gleich mit Ar­beit­neh­mern der Al­ters­grup­pe der 36- bis 45jähri­gen oder mit Ar­beit­neh­mern der Al­ters­grup­pe der 26- bis 35jähri­gen so­zi­al stärker schutz­bedürf­tig wa­ren: Ein sol­cher al­ters­grup­penüberg­rei­fen­der Ver­gleich von „Kündi­gungs­kan­di­da­ten“ wur­de be­wusst ver­hin­dert und die vor der Kündi­gungs­wel­le vor­han­de­ne Al­ters­struk­tur der Be­leg­schaft auf die­sem We­ge auf­recht­er­hal­ten.

Vie­le auf­grund die­ser Kündi­gungs­wel­le gekündig­ten Ar­beit­neh­mer er­ho­ben Kla­ge, wo­bei sie in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Os­nabrück im Fe­bru­ar 2007 ob­sieg­ten (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/15 Ar­beits­ge­richt Os­nabrück: AGG gilt bei Kündi­gun­gen.). Das in der zwei­ten In­stanz für die­se Pro­zes­se zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen ent­schied da­ge­gen für Kar­mann, d.h. es wies die Kla­gen im Ju­li 2007 ab und ließ die Re­vi­si­on zum BAG zu (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/48 Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen vs. Ar­beits­ge­richt Os­nabrück).

Das LAG war der Mei­nung, der im vor­lie­gen­de Fall ver­ein­bar­te In­ter­es­sen­aus­gleich ver­s­toße nicht ge­gen das AGG und auch nicht ge­gen eu­ro­pa­recht­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te. Da­bei hielt das LAG die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des AGG - trotz § 2 Abs.4 AGG - im Rah­men des KSchG für an­wend­bar. Es war aber wei­ter­hin der An­sicht, die Be­gren­zung der So­zi­al­aus­wahl zum Zwe­cke ei­ner „aus­ge­wo­ge­nen Al­ters­struk­tur“ (§ 1 Abs.3 Satz 2 KschG) ent­spre­che den von § 10 AGG zu­ge­las­se­nen Aus­nah­men vom Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters, da an­dern­falls ei­ne lang­fris­ti­ge Nach­wuchs­pla­nung nicht möglich sei.

BAG: Diskriminierungsverbote des AGG sind trotz § 2 Abs.4 AGG auf Kündigungen anzuwenden, stehen aber einer Altersgruppenbildung bei der Sozialauswahl nicht entgegen

Das BAG hat die zu­guns­ten von Kar­mann er­gan­ge­nen Be­ru­fungs­ur­tei­le bestätigt, d.h. ge­gen die kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ent­schie­den. In der bis­lang al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es hier­zu:

Die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des AGG fänden auch im Rah­men des Kündi­gungs­schut­zes nach dem KSchG An­wen­dung. Da­her könne ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gung so­zi­al­wid­rig und da­her gemäß § 1 KSchG un­wirk­sam sein. Eben­so­we­nig wie das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (§§ 1, 10 AGG) ei­ner Berück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl (§ 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG) ent­ge­gen­ste­he, ver­bie­te es aber auch die Be­gren­zung der Be­deu­tung des Le­bens­al­ters in Ge­stalt der Bil­dung von Al­ters­grup­pen (§ 1 Abs. 3 Satz 2 KSchG). Auch die Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl ist da­her nach dem AGG zulässig.

In der Zu­tei­lung von So­zi­al­punk­ten nach dem Le­bens­al­ter und in der Al­ters­grup­pen­bil­dung lie­ge zwar ei­ne an das Al­ter an­knüpfen­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung. Die­se sei aber gemäß § 10 Satz 1 AGG ge­recht­fer­tigt. Die Zu­tei­lung von Al­ter­spunk­ten führe, so heißt es in der Pres­se­mel­dung wört­lich, „mit ei­ner hin­nehm­ba­ren Unschärfe zur Berück­sich­ti­gung von Chan­cen auf dem Ar­beits­markt und im Zu­sam­men­spiel mit den übri­gen so­zia­len Ge­sichts­punk­ten (Be­triebs­zu­gehörig­keit, Un­ter­halt, Schwer­be­hin­de­rung) nicht zu ei­ner Über­be­wer­tung des Le­bens­al­ters“. Die Bil­dung von Al­ters­grup­pen wir­ke der Übe­r­al­te­rung des Be­triebs ent­ge­gen und re­la­ti­vie­re da­mit zu­gleich die Be­vor­zu­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer.

Was dies ge­nau heißen soll, wird man wohl erst der der­zeit noch nicht vor­lie­gen­den schrift­li­chen Ur­teils­be­gründung ent­neh­men können. Die Über­le­gung, dass die Al­ters­grup­pen­bil­dung die Be­vor­zu­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer bei der So­zi­al­aus­wahl be­gren­ze, weist in die Rich­tung, dass un­ter dem As­pekt des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung we­ni­ger die Al­ters­grup­pen­bil­dung (d.h. die Aus­nah­me) als viel­mehr die Be­vor­zu­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer bei der So­zi­al­aus­wahl als sol­cher (d.h. die recht­li­che Re­gel) be­gründungs­bedürf­tig ist.

Fa­zit: In Zu­kunft könn­te we­ni­ger ei­ne So­zi­al­aus­wahl mit Al­ters­grup­pen­bil­dung als viel­mehr ei­ne So­zi­al­aus­wahl oh­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung recht­lich an­ge­grif­fen wer­den, und zwar von jünge­ren Ar­beit­neh­mern. So­weit der Pres­se­mel­dung des BAG ent­nom­men wer­den kann, möch­te das BAG aber wohl ge­nau dies ver­hin­dern, d.h. es steht wohl auf dem Stand­punkt, dass so­wohl die stärke­re Be­vor­zu­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer bei ei­ner So­zi­al­aus­wahl oh­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung als auch die Al­ters­grup­pen­bil­dung kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung sei.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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