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LAG Schles­wig-Hol­stein: Frist­lo­se Kün­di­gung bei KZ-Ver­gleich

Ver­gleicht ein Ar­beit­neh­mer be­trieb­li­che Ver­hält­nis­se mit ei­nem KZ, kann der Ar­beit­ge­ber in der Re­gel frist­los kün­di­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 29.08.2006, 6 Sa 72/06

03.09.2006. Vor­aus­set­zung für ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung ist, dass ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne von § 626 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor­liegt.

Das ist ein Kün­di­gungs­grund, der so mas­siv ist, das er es dem Kün­di­gen­den un­zu­mut­bar macht, das Ar­beits­ver­hält­nis bis zum Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist fort­zu­set­zen.

Da­bei müs­sen al­le Um­stän­de des Ein­zel­falls be­rück­sich­tigt und die beid­sei­ti­gen In­ter­es­sen, näm­lich die des Kün­di­gen­den an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung und die des Ge­kün­dig­ten an der Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist ab­ge­wo­gen wer­den.

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein ent­schie­den, dass ein wich­ti­ger Grund für ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung vor­liegt, wenn ein Ar­beit­neh­mer be­trieb­li­che Ver­hält­nis­se mit ei­nem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­gleich: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 29.08.2006, 6 Sa 72/06.

Vergleich des Betriebs mit einem KZ - Grobe Beleidigung des Arbeitgebers oder zulässige Meinungsäußerung?

Be­lei­digt ein Ar­beit­neh­mer in gro­ber Wei­se den Ar­beit­ge­ber, sei­ne Re­präsen­tan­ten oder Ar­beits­kol­le­gen, so liegt in ei­ner sol­chen Ehr­ver­let­zung von Be­triebs­an­gehöri­gen ein er­heb­li­cher Ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers ge­gen sei­ne Pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis. Dies recht­fer­tigt in der Re­gel ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kündi­gung.

Al­ler­dings ist bei der Be­wer­tung von Be­lei­di­gun­gen im­mer auch die im Grund­ge­setz (GG) geschützt Mei­nungs­frei­heit des Ar­beit­neh­mers (Art.5 Abs.1 GG), die im Ar­beits­verhält­nis "un­mit­tel­bar" gilt, zu be­ach­ten. Das Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit um­fasst im all­ge­mei­nen auch un­ter­neh­mensöffent­lich vor­ge­brach­te Kri­tik am Ar­beit­ge­ber und an be­trieb­li­chen Verhält­nis­sen, und zwar auch dann, wenn die­se Kri­tik über­spitzt oder po­le­misch geäußert wird.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob der vom Ar­beit­neh­mer in ei­nem Wort­ge­fecht an­ge­stell­te Ver­gleich be­trieb­li­cher Verhält­nis­se mit ei­nem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger (KZ) noch (ge­ra­de so­eben) hin­ge­nom­men wer­den muß oder ob er ei­ne frist­lo­se Kündi­gung durch den Ar­beit­ge­ber recht­fer­tigt.

Zu die­ser Fra­ge hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein in sei­nem Ur­teil vom 29.08.2006 Stel­lung be­zo­gen.

Im Streit: Fristlose Kündigung wegen Äußerung "Ist das hier ein Konzentrationslager oder was?"

In dem vom LAG Schles­wig-Hol­stein ent­schie­de­nen Fall war der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer im An­schluß an ei­nen Hei­mat­ur­laub in der Türkei für den 27.06.2005 um 13:25 Uhr zur Ar­beit ein­ge­teilt. Auf­grund ei­ner Pan­ne ver­paßte er den für die­sen Tag ge­plan­ten Rück­flug und konn­te sei­nen Dienst da­her nicht ter­min­ge­recht an­tre­ten. Hier­von un­ter­rich­te­te er die zuständi­ge Mit­ar­bei­te­rin im Be­trieb, die Zeu­gin S, te­le­fo­nisch um 18:30 Uhr, d.h. fünf St­un­den nach Be­ginn der Ar­beits­schicht.

Mit Schrei­ben vom 28.06.2005 er­teil­te die Be­klag­te dem Kläger dar­auf­hin ei­ne Ab­mah­nung we­gen ver­späte­ter Mel­dung sei­ner Ar­beits­ver­hin­de­rung. Das Ab­mahn­schrei­ben händig­te die Be­klag­te durch ei­ne Führungs­kraft am 30.06.2005 aus, wo­bei es zum Streit über die Be­rech­ti­gung der Ab­mah­nung kam. Im Ver­lau­fe die­ses Streits schob die Führungs­kraft dem Kläger das Ab­mahn­schrei­ben mit ei­ner hef­ti­gen Be­we­gung über den Tisch hin­weg zu, wor­auf­hin die­ser sinn­gemäß äußer­te "Ist das hier Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger oder was?".

We­gen die­ser Äußerung sprach die Be­klag­te nach Anhörung des Be­triebs­rats mit Schrei­ben vom 15.07.2005 ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus.

Der Kläger er­hob dar­auf­hin Kla­ge mit dem An­trag fest­zu­stel­len, daß die Kündi­gung un­wirk­sam ist. Das in der ers­ten In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter gab der Kla­ge statt, d.h. es erklärte die Kündi­gung für un­wirk­sam.

LAG Schleswig-Holstein: Vergleicht ein Arbeitnehmer betriebliche Verhältnisse mit einem KZ, kann der Arbeitgeber fristlos kündigen

Das LAG Schles­wig-Hol­stein hat da­ge­gen für den Ar­beit­ge­ber ent­schie­den. Nach An­sicht des LAG war die vom Ar­beit­neh­mer be­gan­ge­ne Be­lei­di­gung so mas­siv, daß sie auch oh­ne ei­ne Ab­mah­nung ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­tigt. Zur Be­gründung heißt es in dem Ur­teil:

Es kommt zunächst nicht dar­auf an, ob der Kläger ge­sagt hat "Das ist hier wie in ei­nem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger!" oder nur die vom Kläger ein­geräum­te Äußerung "Ist das hier Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger oder was?" ge­fal­len ist.

denn auch mit der vom Ar­beit­neh­mer ein­geräum­ten pro­vo­kan­ten Fra­ge­stel­lung hat er die von sei­nen Vor­ge­setz­ten ge­trof­fe­nen Maßnah­men (Aus­spruch und Aushändi­gung ei­ner Ab­mah­nung) mit den un­rechtmäßigen und willkürli­chen Ter­ror­verhält­nis­sen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ver­gli­chen, so das Ge­richt.

Der Ver­gleich be­trieb­li­cher Verhält­nis­se und Vor­ge­hens­wei­sen mit dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror­sys­tem und mit den in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern be­gan­ge­nen Ver­bre­chen bil­det aber in der Re­gel ei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung. Die Gleich­set­zung be­trieb­li­cher Vorgänge und der Ver­gleich des Ar­beit­ge­bers oder der für ihn han­deln­den Per­so­nen mit den während der NS-Zeit be­gan­ge­nen Ver­bre­chen und den dafür Ver­ant­wort­li­chen stellt ei­ne gro­be Be­lei­di­gung der da­mit an­ge­spro­che­nen Per­so­nen dar. Zu­gleich ver­harm­lost ei­ne sol­che Gleich­set­zung das in der Zeit des Fa­schis­mus be­gan­ge­ne Un­recht und verhöhnt sei­ne Op­fer.

Da­mit hat der Kläger nach An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht nur sei­ne an dem Gespräch teil­neh­men­den Vor­ge­setz­ten be­zich­tigt, die ver­bre­che­ri­schen Me­tho­den in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern an­zu­wen­den, son­dern den ge­sam­ten Be­trieb der Be­klag­ten mit dem Ter­ror­sys­tem des NS-Re­gimes gleich­ge­setzt. Dies sei ei­ne der­ar­tig gro­be Be­lei­di­gung, das sie nach Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts den Be­lei­di­gungs­cha­rak­ter des Aus­drucks "Arsch­loch" so­wie den des sog. "Götz­zi­tats" (= Leck mich am Arsch) noch bei wei­tem über­trifft.

Fa­zit: Bei KZ-Ver­glei­chen hört der Spaß auf. Der­ar­tig mas­si­ve Be­lei­di­gun­gen des Ar­beit­ge­bers oder ei­nes Vor­ge­setz­ten be­rech­ti­gen in al­ler Re­gel auch oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung zum Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­che Kündi­gung.

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Letzte Überarbeitung: 31. August 2016

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