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La­den­öff­nungs­zei­ten an Ad­vents­sonn­ta­gen

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt setzt Schran­ken: Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Ur­teil vom 01.12.2009, 1 BvR 2857/07 und 1 BvR 2858/07

18.12.2009. Das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) zu den La­den­öff­nungs­zei­ten an den Ad­vents­sonn­ta­gen in Ber­lin ist auch aus ar­beits­recht­li­cher Sicht in­ter­es­sant: BVerfG, Ur­teil vom 01.12.2009, 1 BvR 2857/07 und 1 BvR 2858/07.

Schutz der Sonntage

Gemäß Art. 140 Grund­ge­setz (GG) sind die Ar-ti­kel 136, 137, 138, 139 und 141 der deut­schen Ver­fas­sung vom 11.08.1919, der sog. Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV), Be­stand­teil des Grund­ge­set­zes, d.h. sie gel­ten als Ar­ti­kel des GG fort und ha­ben da­her den­sel­ben Rang wie die an­de­ren Ar­ti­kel des GG. Die gemäß Art. 140 GG in das GG ein­be­zo­ge­nen fünf Ar­ti­kel der Reichs­ver­fas­sung be­tref­fen das Verhält­nis von Staat und Kir­che. Ei­ner die­ser Ar­ti­kel, nämlich Art. 139 WRV, lau­tet:

„Der Sonn­tag und die staat­lich an­er­kann­ten Fei­er­ta­ge blei­ben als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung ge­setz­lich geschützt.“

Dar­aus wird das Ver­fas­sungs­ge­bot des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he her­ge­lei­tet. We­sent­li­cher Be­stand­teil die­ses Schutz­prin­zips ist das Ver­bot der Sonn­tags­ar­beit, das im Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) fest­ge­schrie­ben ist (§§ 9 ff. Arb­ZG). Da­nach dürfen Ar­beit­neh­mer an Sonn­ta­gen und an ge­setz­li­chen Fei­er­ta­gen von 00:00 Uhr bis 24:00 Uhr im All­ge­mei­nen (d.h. ab­ge­se­hen von Aus­nah­men wie der Ar­beit von Not- und Ret­tungs­diens­ten, der Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung usw.) nicht beschäftigt wer­den.

Po­li­tisch und recht­lich um­strit­ten ist, wie weit der ver­fas­sungs­recht­li­che Schutz der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he geht, oder um­ge­kehrt, in wel­chem Um­fang der Ge­setz­ge­ber die­sen Schutz bei der Aus­ge­stal­tung der ge­setz­li­chen Ar­beits­zeit- und La­denöff­nungs­re­ge­lun­gen „weg­neh­men“ kann. Da Art. 139 WRV nur das all­ge­mei­ne Ver­fas­sungs­prin­zip des Schut­zes der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he fest­schreibt, gibt es hier kei­ne kla­re Gren­ze. Nur in Ex­tremfällen, die in der Pra­xis nicht vor­kom­men wer­den, ist die recht­li­che Be­wer­tung klar. So würde der Ge­setz­ge­ber z.B. ge­gen Art. 139 WRV ver­s­toßen, wenn er das Ver­bot der Sonn­tags­ar­beit ge­ne­rell auf­he­ben und den Sonn­tag all­ge­mein für die La­denöff­nung frei­ge­ben würde. Aber ist be­reits die ge­setz­li­che Frei­ga­be der La­denöff­nung an al­len vier Sonn­ta­gen vor Weih­nach­ten ein sol­cher Ver­s­toß?

Mit die­ser Fra­ge ver­bun­den ist die wei­te­re, ob christ­li­che Kir­chen un­ter Be­ru­fung auf die grund­recht­lich geschütz­te Glau­bens- und Re­li­gi­ons­ausübungs­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 GG) vor das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) zie­hen können, um dort im Rah­men ei­ner auf Art. 4 GG gestütz­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de zu er­rei­chen, dass das BVerfG die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ei­ner aus kirch­li­cher Sicht zu großzügi­gen Frei­ga­be der Sonn­tags­la­denöff­nungs­zei­ten fest­stellt. Da­ge­gen spricht, dass der sonntägli­che Kirch­gang zwar von Art. 4 GG Abs. 1 und 2 GG geschützt ist, durch ei­ne La­denöff­nung am Sonn­tag aber we­der ver­bo­ten noch sonst­wie prak­tisch unmöglich ge­macht wird. An­de­rer­seits kann man die Sonn­tags­ru­he aber auch als ei­ne Re­ge­lung an­se­hen, die die sonntäglich-christ­li­che Re­li­gi­ons­ausübung be­glei­tet und un­terstützt. So ge­se­hen würde ein zunächst „nur“ ob­jek­ti­ver Ver­s­toß ge­gen Art.140 GG bzw. ge­gen Art.139 WRV mit­tel­bar auch die Re­li­gi­ons(ausübungs)frei­heit der christ­li­chen Kir­chen ver­let­zen, da der Staat dann zu­we­nig un­ter­neh­men würde, um ei­ne un­gestörte christ­li­che Re­li­gi­ons­ausübung an Sonn­ta­gen zu schützen bzw. be­glei­tend ab­zu­si­chern.

Zu die­sen bei­den Fra­gen hat sich das BVerfG vor kur­zem mit Ur­teil vom 01.12.2009 (1 BvR 2857/07 und 1 BvR 2858/07) geäußert.

Der Fall des Bundesverfassungsgerichts: Berliner Gesetz erlaubt Ladenöffnung an den vier Adventssonntagen

Im Zu­ge der vor ei­ni­gen Jah­ren be­gon­ne­nen Föde­ra­lis­mus­re­form hat der Bund zu­guns­ten der Länder auf ei­ni­ge wirt­schaft­lich be­deu­ten­de Fel­der der Ge­setz­ge­bung ver­zich­tet. So sind seit dem 01.09.2006 al­lein die Bun­desländer zuständig für das Recht der La­denöff­nung (Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG). Von die­ser neu­en Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz mach­te das Land Ber­lin durch das Ber­li­ner La­denöff­nungs­ge­setz (Berl­LadÖffG) vom 14.11.2006 Ge­brauch. Da­nach dürfen La­den­geschäfte al­ler Art von Mon­tag bis Sams­tag durch­ge­hend, d.h. von 00:00 Uhr bis 24:00 Uhr geöff­net sein („shop-around-the-clock“) und an Ad­vents­sonn­ta­gen von 13:00 Uhr bis 20:00 Uhr (§ 3 Abs. 1 Berl­La-dÖffG).

Ge­gen die La­denöff­nung an den vier Ad­vents­sonn­ta­gen setz­ten sich der evan­ge­li­sche Lan-des­bi­schof und das ka­tho­li­sche Erz­bis­tum Ber­lin ge­richt­lich zur Wehr, in­dem sie Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­ho­ben.

Ih­rer An­sicht nach ver­letzt die Frei­ga­be der La­denöff­nung an al­len Ad­vents­sonn­ta­gen nicht nur die ob­jek­ti­ve in­sti­tu­tio­nel­le Ga­ran­tie der Sonn­tags­ru­he (Art. 139 WRV), son­dern zu­dem auch ihr sub­jek­ti­ves Grund­recht aus Art. 4 GG, d.h. die Glau­bens- und Re­li­gi­ons­ausübungs­frei­heit der christ­li­chen Kir­chen, da das Ver­fas­sungs­ge­bot der Sonn­tags­ru­he auch ei­ne „re­li­gi­onsfördern­de Di­men­si­on“ be­sit­ze.

Im übri­gen nähmen die Sonn­ta­ge in der Ad­vents­zeit ei­nen her­vor­ge­ho­be­nen Platz im Kir­chen­jahr ein und würden von den Kir­chen tra­di­tio­nell auch ent­spre­chend be­gan­gen. Die um­strit­te­nen Ber­li­ner La­denöff­nungs­re­ge­lun­gen be­rau­ben, so die be­schwer­deführen­den Kir­chen, die Vor­weih­nachts­zeit grund­le­gend ih­res ver­fas­sungs­recht­li­chen Schut­zes. Da­bei ver­wei­sen die Be­schwer­deführer auch dar­auf, dass die vier ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge hin­ter­ein­an­der lie­gen. Da­mit wer­de über ei­nen länge­ren Zeit­raum hin­weg die Sonn­tags­ru­he auf­ge­ho­ben.

Bundesverfassungsgericht: Ladenöffnung an allen vier Sonntagen verfassungswidrig

Das BVerfG gab den Kir­chen im we­sent­li­chen recht, d.h. es ent­schied, dass die Ber­li­ner Re­ge­lung zur La­denöff­nungsmöglich­keit an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Berl­LadÖffG) mit Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 in Verb. mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV un­ver­ein­bar ist.

Das Ge­richt hielt die Kir­chen für be­schwer­de­be-fugt, da ei­ne Ver­let­zung ih­res Grund­rechts aus Art. 4 GG nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te.

Da­bei wa­ren die Kir­chen nach An­sicht des BVerfG von den La­denöff­nungs­re­ge­lun­gen auch selbst be­trof­fen, ob­wohl auch während der La­denöff­nungs­zei­ten Got­tes­diens­te ab­ge­hal­ten wer­den können (bzw. not­falls auf Ta­ges­zei­ten ver­legt wer­den können, an de­nen die Geschäfte noch nicht oder nicht mehr geöff­net ha­ben). Denn durch die Frei­ga­be der La­denöff­nung ändert sich nach An­sicht des Ge­richts „ge­ne­rell der Cha­rak­ter der Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he, aber auch der Be­sin­nung“. Im­mer­hin, so das BVerfG un­ter Ver­weis auf ein­schlägi­ge Bi­bel­stel­len, ha­ben die­se Ta­ge als Ta­ge der Ru­he und der see­li­schen Er­he­bung re­li­giöse Be­deu­tung für die Be­schwer­deführer. Im Er­geb­nis wa­ren die Ver­fas­sungs­be­schwer­den der Kir­chen da­mit zulässig.

Dass die strei­ti­ge La­denöff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen im übri­gen auch ver­fas­sungs­wid­rig ist, fol­gert das BVerfG aus der Pflicht des Staa­tes zum Schutz der Glau­bens­frei­heit (Art. 4 GG) und der mit ihr sach­lich ver­bun­de­nen Sonn­tags­ru­he (Art. 140 GG, Art. 139 WRV). Trifft der Staat hier Re­ge­lun­gen, muss er die Sonn- und Fei­er­ta­ge als Ta­ge der Ar­beits­ru­he er­kenn­bar zur Re­gel er­he­ben. Aus­nah­men von der Sonn­tags­ru­he sind da­her nur auf­grund ei­nes dem Sonn­tags­schutz ge­recht wer­den­den Sach­grun­des möglich.

Die pro La­denöff­nung an­geführ­ten Gründe be­wer­te­te das Ge­richt als un­zu­rei­chend, d.h. es sah hier nur „ein un­ter­neh­me­ri­sches Er­werbs­in­ter­es­se, das sich mit dem alltägli­chen Shop­ping-In­ter­es­se von Be­su­chern und Ein­woh­nern im Land Ber­lin paart“ (Ur­teil, Rn. 170). Sol­che In­ter­es­sen sei­en aber nicht gra­vie­rend ge­nug, um ei­ne ge­ne­rel­le sie­benstündi­ge Öff­nung an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen zu recht­fer­ti­gen. Da­mit ver­stieß der Ge­setz­ge­ber ge­gen das ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­ne Min­dest­maß des Sonn­tags­schut­zes.

We­sent­lich war für das BVerfG auch die Über­le­gung, dass die strei­ti­ge Ge­set­zes­re­ge­lung ei­nen in sich ge­schlos­se­nen Zeit­block von et­wa ei­nem Zwölf­tel des Jah­res vollständig vom Grund­satz der Ar­beits­ru­he aus­nimmt (Ur­teil, Rn. 175).

Über­g­angs­wei­se erklärte das Ge­richt die Ad­vents­sonn­tags­re­ge­lun­gen noch für an­wend­bar, al­ler­dings nur bis zum 31.12.2009. Im lau­fen­den Jahr ist die La­denöff­nung an den vier Ad­vents­sonn­ta­gen da­her noch möglich.

Fa­zit: Die vom Land Ber­lin für die all­ge­mei­ne ge­setz­li­che La­denöff­nung an den vier Ad­vents­sonn­ta­gen ins Feld geführ­te „Me­tro­pol­funk­ti­on Ber­lins“ hat das BVerfG zu­recht nicht über­zeugt, da hin­ter die­sem Schlag­wort letzt­lich nur Um­satz­in­ter­es­sen des Ein­zel­han­dels ste­hen. Die­se wie­der­um sind noch nicht ein­mal plau­si­bel durch­buch­sta­biert, da die vor­han­de­ne Kauf­kraft schließlich nicht mit er­wei­ter­ten La­denöff­nungs­zei­ten zu­nimmt. Em­pi­ri­sche Un­ter­su­chun­gen deu­ten viel­mehr dar­auf hin, dass die Sonn­tags­la­denöff­nung letzt­lich nur zu ei­ner an­de­ren Ver­tei­lung der Kun­den­ströme führt. Soll­te sich die recht­li­che Be­wer­tung der Sonn­tags­ru­he in den kom­men­den Jah­ren nicht in­fol­ge eu­ro­pa­recht­li­cher Vor­ga­ben ändern, sind mit die­ser Ent­schei­dung deut­li­che Gren­zen für ei­nen wei­te­ren Aus­bau des „shop-around-the-clock“ ge­setzt.

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Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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