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BAG: Mit­be­stim­mung bei Be­schäf­ti­gung von „Ein-Eu­ro-Job­bern“

Auch bei der Be­schäf­ti­gung er­werbs­fä­hi­ger Hil­fe­be­dürf­ti­ger hat der Be­triebs­rat nach § 99 Be­trVG mit­zu­be­stim­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 02.10.2007, 1 ARB 60/06

31.10.2007. Wenn der Ar­beit­ge­ber ei­nen er­werbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen be­schäf­tigt, d.h. ei­nen sog. Ein-Eu­ro-Job­ber, wird mit die­ser Be­schäf­ti­gung kein Ar­beits­ver­hält­nis be­grün­det.

Denn das Ver­hält­nis zwi­schen ei­nem Ein-Eu­ro-Job­ber und der Be­schäf­ti­gungs­stel­le ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) "öf­fent­lich-recht­lich aus­ge­stal­tet".

Vor die­sem Hin­ter­grund fragt sich, ob die Ein­glie­de­rung von Ein-Eu­ro-Job­bern in den Be­trieb der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats ge­mäß § 99 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) un­ter­liegt. Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung ge­klärt: BAG, Be­schluss vom 02.10.2007, 1 ARB 60/06.

Was heißt "Einstellung" im Sinne von § 99 Abs.1 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG)?

Ar­beit­ge­ber ha­ben in Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als zwan­zig Ar­beit­neh­mern die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes bei per­so­nel­len Ent­schei­dun­gen wie Ein­stel­lun­gen, Ver­set­zun­gen, Ein­grup­pie­run­gen und Um­grup­pie­run­gen ein­zu­ho­len (§ 99 Abs. 1 S. 1 Be­trVG).

Das BAG hat­te in sei­ner Ent­schei­dung vom 26.09.2007, Az. 5 AZR 857/06 ent­schie­den, dass ei­ne er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge (sog. „Ein-Eu­ro-Job­be­rin“) kei­nen An­spruch auf ei­ne Ar­beits­vergütung hat, da das Rechts­verhält­nis zwi­schen ei­nem er­werbsfähi­gen Hil­fe­bedürf­ti­gen und der Leis­tungs­er­brin­ge­rin öffent­lich-recht­lich aus­ge­stal­tet ist und so­mit kein Ar­beits­verhält­nis be­gründet wird. „Ein-Eu­ro-Job­ber/in­nen“ sind dem­nach kei­ne Ar­beit­neh­mer. Im An­schluss hat­te der 1. Se­nat des BAG nun darüber zu be­fin­den, ob die Ein­stel­lung ei­nes „Ein-Eu­ro-Job­bers“ auf der Grund­la­ge des § 16 Abs.3 S.2 SGB II ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Maßnah­me im Sin­ne von § 99 Abs.1 S.1 Be­trVG dar­stellt und der Be­triebs­rat zu be­tei­li­gen ist.

Streit in kommunaler Pflegeeinrichtung über die Rechte des Betriebsrats bei Ein-Euro-Jobbern

Der Be­triebs­rat ei­ner kom­mu­na­len Pfle­ge­ein­rich­tung be­gehr­te von dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung von Hil­fe­bedürf­ti­gen be­tei­ligt zu wer­den. Der Ar­beit­ge­ber leis­tet Al­ten- und Be­hin­der­ten­hil­fe und beschäftig­te ca. 1.000 Mit­ar­bei­ter. Mit Be­scheid vom 21.02.2005 wur­den dem Ar­beit­ge­ber sei­tens der Agen­tur für Ar­beit 35 Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten mit Mehr­auf­wands­entschädi­gung im Sin­ne von § 16 Abs. 3 S. 2 SGB II mit ei­ner Förde­rungs­dau­er von bis zu neun Mo­na­ten be­wil­ligt.

Der Ar­beit­ge­ber ent­schied sich so­dann, den Be­triebs­rat über die Beschäfti­gung Hil­fe­bedürf­ti­ger zu in­for­mie­ren, sah je­doch von ei­ner Be­tei­li­gung gemäß § 99 Abs.1 S.1 Be­trVG ab.

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob der Be­triebs­rat bei per­so­nel­len Ent­schei­dun­gen wie der Beschäfti­gung Hil­fe­bedürf­ti­ger zu be­tei­li­gen ist.

Mit sei­nem An­trag be­gehr­te der Be­triebs­rat in al­len drei In­stan­zen u.a. die Fest­stel­lung, dass die Beschäfti­gung er­werbsfähi­ger Hil­fe­bedürf­ti­ger der Mit­be­stim­mung nach § 99 Be­trVG un­ter­liegt. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt so­wie das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) hat­ten die Mit­be­stim­mungs­pflicht be­jaht (Hes­si­sches LAG, Be­schluss vom 13.04.2006, 4 TaBV 9/06).

BAG: Auch bei der Beschäftigung erwerbsfähiger Hilfebedürftiger hat der Betriebsrat nach § 99 BetrVG mitzubestimmen

Das BAG hat die Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen bestätigt und fest­ge­stellt, dass der Be­triebs­rat mit­zu­be­stim­men hat, wenn der Ar­beit­ge­ber in dem Un­ter­neh­men er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge im Sin­ne von § 16 Abs.3 S.2 SGB II beschäfti­gen will. Da­nach ist die Beschäfti­gung sog. „Ein-Eu­ro-Job­ber/in­nen“ ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers im Sin­ne von § 99 Abs.1 Satz 1 Be­trVG.

Das BAG be­tont, dass Hil­fe­bedürf­ti­ge kei­ne Ar­beit­neh­mer sind. Sie sind al­ler­dings in den Be­trieb ein­ge­glie­dert und er­le­di­gen in dem Un­ter­neh­men ge­mein­sam mit dort an­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mern wei­sungs­ge­bun­de­ne Tätig­kei­ten, die der Er­zie­lung des be­trieb­li­chen Zwecks die­nen. Die­se Ein­ge­bun­den­heit reicht nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beit­ge­richts aus, um ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­ra­tes zu be­gründen, da das Ver­fah­ren im Rah­men der Mit­be­stim­mung vor­ran­gig zu be­ach­ten sein soll.

Da auch die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen ei­ner mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen per­so­nel­len Maßnah­me gemäß § 99 Abs.1 Satz 2 Be­trVG erfüllt wa­ren, be­jah­te der 1. Se­nat ei­ne Mit­be­stim­mungs­pflicht und stell­te da­mit klar, dass das Be­tei­li­gungs­recht des Be­triebs­ra­tes un­abhängig da­von be­steht, ob das zu­grun­de lie­gen­de Rechts­verhält­nis als Ar­beits­verhält­nis und der zu Beschäfti­gen­de als Ar­beit­neh­mer zu qua­li­fi­zie­ren ist.

Das BAG folgt da­mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, das be­reits am 21.03.2007 (6 P 4.06) ent­schie­den hat­te, dass dem Per­so­nal­rat ei­nes kom­mu­na­len Ar­beit­ge­bers bei der Ein­stel­lung von Hil­fe­bedürf­ti­gen im Sin­ne § 16 Abs. 3 S. 2 SGB II ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­ste­he. Außer­dem hat­te be­reits das Ar­beits­ge­richt Reut­lin­gen mit Be­schluss vom 18.01.2007, 2 BV 5/06 in die­sem Sin­ne ent­schie­den.

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Letzte Überarbeitung: 29. Juni 2016

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