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Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats beim Ver­fah­ren der Be­schwer­de­stel­le nach dem AGG

AGG-Be­schwer­de­stel­le und Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 21.07.2009, 1 ABR 42/08

06.08.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­nem Be­schluss vom Ju­li 2009 ent­schie­den, dass der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht ge­mäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) bei der Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens der Be­schwer­de­stel­le hat, die der Ar­beit­ge­ber nach den Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) er­rich­ten muss (§ 13 Abs.1 AGG), da­mit sich die Be­schäf­tig­ten we­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen be­schwe­ren kön­nen.

Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats beim The­ma AGG-Be­schwer­de­stel­le um­fasst auch das Recht des Be­triebs­rats, ein Ver­fah­ren der AGG-Be­schwer­de­stel­le von sich aus ein­zu­for­dern, d.h. hier hat der Be­triebs­rat ein Initia­tiv­recht: BAG, Be­schluss vom 21.07.2009, 1 ABR 42/08.

Einrichtung von Beschwerdestellen nach dem AGG: vom Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats umfasst?

Gemäß § 13 Abs.1 Satz 1 AGG ha­ben die Beschäftig­ten das Recht, sich bei den „zuständi­gen Stel­len des Be­triebs oder des Un­ter­neh­mens“ zu be­schwe­ren, wenn sie sich aus ei­nem der im AGG ge­nann­ten Gründe be­nach­tei­ligt fühlen, wenn sie al­so z.B. der Mei­nung sind, we­gen ih­res Ge­schlechts, ih­rer Re­li­gi­on, ih­rer Her­kunft oder ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert zu wer­den.

Gemäß § 13 Abs.1 Satz 2 AGG ist die Be­schwer­de zu prüfen und das Er­geb­nis dem Beschäftig­ten mit­zu­tei­len. Darüber hin­aus muss der Ar­beit­ge­ber gemäß § 12 Abs.5 AGG die für die Ent­ge­gen­nah­me der Be­schwer­de zuständi­ge Stel­le im Be­trieb be­kannt ma­chen. Die Be­ach­tung ei­nes be­stimm­ten Ver­fah­rens, um sich zu be­schwe­ren, ist da­ge­gen im AGG nicht vor­ge­schrie­ben.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist um­strit­ten, ob der Be­triebs­rat bei der Er­rich­tung von Be­schwer­de­stel­len im Sin­ne des AGG ein Mit­be­stim­mungs­recht in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG hat.

Nach die­ser Vor­schrift hat der Be­triebs­rat bei Fra­gen der „Ord­nung des Be­triebs und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb“ mit­zu­be­stim­men, d.h. ein­sei­ti­ge Ent­schei­dun­gen des Ar­beit­ge­bers sind in sol­chen An­ge­le­gen­hei­ten nicht zulässig; zu­dem kann der Be­triebs­rat auch von sich aus in den der Mit­be­stim­mung gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG un­ter­lie­gen­den Fra­gen ak­tiv wer­den und vom Ar­beit­ge­ber ei­ne ge­mein­sa­me Re­ge­lung ver­lan­gen.

Können sich Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber in Ver­hand­lun­gen nicht ei­ni­gen, so kann nach § 76 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­ru­fen wer­den. Da­zu muss ei­ne Sei­te ei­nen An­trag stel­len, erst dann wird sie ak­tiv. Die Ein­lei­tung des Ver­fah­rens kann ent­we­der er­zwun­gen wer­den oder es kann auf frei­wil­li­ger Ba­sis von bei­den Sei­ten ein­ge­lei­tet wer­den. In ers­te­rem Fall ist der Spruch der Stel­le letzt­lich für al­le Be­tei­lig­ten zwin­gend und im letz­te­ren nur, wenn sie sich un­ter­wer­fen wol­len.

Ge­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats gemäß § 87 Be­trVG bei der Ein­rich­tung und Aus­ge­stal­tung von Be­schwer­de­stel­len nach dem AGG spricht al­ler­dings, dass ein sol­ches Recht nur be­steht, „so­weit ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung nicht be­steht“ (§ 87 Abs.1 Ein­gangs­satz Be­trVG). Und hier kann man sa­gen, dass je­den­falls die Ein­rich­tung ei­ner Be­schwer­de­stel­le als sol­che vom AGG und so­mit ge­setz­lich zwin­gend vor­ge­schrie­ben ist, so dass für ein Mit­be­stim­mungs­recht kein Raum mehr ist.

An­de­rer­seits ist im AGG kein spe­zi­el­les Ver­fah­ren der Be­hand­lung von Be­schwer­den vor­ge­schrie­ben, so dass in­so­weit je­den­falls kei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung im AGG exis­tiert. Aber be­trifft das Ver­fah­ren, das die AGG-Be­schwer­de­stel­le bei der Be­hand­lung von Be­schwer­den be­ach­te­tet, über­haupt „die Ord­nung des Be­triebs“ und/oder „das Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb“?

Fra­gen über Fra­gen, zu de­nen das BAG mit Be­schluss vom 21.07.2009, 1 ABR 42/08, Stel­lung ge­nom­men hat.

Der Fall: Drogeriemarktkette richtet Beschwerdestelle ohne Beteiligung des Betriebsrats ein

Der Ar­beit­ge­ber be­treibt bun­des­weit Dro­ge­riemärk­te und er­rich­te­te ei­ne über­be­trieb­li­che Be­schwer­de­stel­le gemäß den Vor­schrif­ten des AGG. Nach­dem er die Be­leg­schaft mit ei­nem Rund­schrei­ben über die Er­rich­tung der Be­schwer­de­stel­le in­for­miert hat­te, rief der Be­triebs­rat die Ei­ni­gungs­stel­le an. Er mein­te, hier ein Mit­be­stim­mungs­recht zu ha­ben, das er durch die ein­sei­ti­ge Er­rich­tung der Be­schwer­de­stel­le ver­letzt sah.

Die Ei­ni­gungs­stel­le wur­de zwar im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der Ei­ni­gungs­stel­len­be­set­zung gemäß § 98 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ein­ge­setzt, erklärte sich aber be­reits im ers­ten Ter­min für un­zuständig und stell­te das Ver­fah­ren durch Be­schluss ein. Ge­gen die­sen Be­schluss zog der Be­triebs­rat vor Ge­richt mit dem Be­geh­ren, den Be­schluss der Ei­ni­gungs­stel­le für rechts­un­wirk­sam zu erklären.

Das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Trier wies den An­trag des Be­triebs­rats zurück, da es der Mei­nung war, dem Be­triebs­rat ste­he bei der Er­rich­tung ei­ner AGG-Be­schwer­de­stel­le kein Mit­be­stim­mungs­recht zu (Be­schluss vom 19.12.2007, 1 BV 162/07).

Die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­schwer­de wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz in ei­ner sorgfältig be­gründe­ten Ent­schei­dung zurück, da es im Er­geb­nis eben­falls ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats ver­nein­te (Be­schluss vom 17.04.2008, 9 TaBV 9/08), ließ al­ler­dings we­gen der grundsätz­li­chen Klärungs­bedürf­tig­keit der strei­ti­gen Rechts­fra­gen die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu.

BAG: Mitbestimmung des Betriebsrats bei der Errichtung einer Beschwerdestelle nach § 13 AGG

Das BAG hat zwar die Ent­schei­dung des LAG bestätigt und da­her die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats zurück­ge­wie­sen, doch die strei­ti­ge Rechts­fra­ge - Be­ste­hen ei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts bei der Einführung und Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens der AGG-Be­schwer­de­stel­le - in vol­lem Um­fang „pro Be­triebs­rat“ be­ant­wor­tet. Die Ent­schei­dung ist der­zeit nur in Form ei­ner Pres­se­mel­dung des BAG be­kannt (Pres­se­mit­tei­lung 71/09).

Das BAG stellt nicht nur fest, dass die Einführung und Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens, das die AGG-Be­schwer­de­stel­le bei der Be­ar­bei­tung von Be­schwer­den zu be­ach­ten hat, der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG un­terfällt.

Noch wei­ter­ge­hend ist das BAG so­gar der Mei­nung, dass dem Be­triebs­rat hier ein Initia­tiv­recht zu­ste­he. Der Be­triebs­rat, so das BAG, „kann zu die­sem Zweck selbst in­itia­tiv wer­den und ein Be­schwer­de­ver­fah­ren über die Ei­ni­gungs­stel­le durch­set­zen.“

Das Mit­be­stim­mungs­recht hängt al­so nicht et­wa, wie dies ei­ner der ver­schie­de­nen An­sich­ten in der Dis­kus­si­on über das (et­wai­ge) Mit­be­stim­mungs­recht bei Be­schwer­de­stel­len nach dem AGG ent­spricht, da­von ab, dass der Ar­beit­ge­ber sei­ner­seits ein Ver­fah­ren der Be­hand­lung von AGG-Be­schwer­den vor­ge­ben möch­te (was er nach dem AGG nicht muss), son­dern viel­mehr kann der Be­triebs­rat aus ei­ge­ner Initia­ti­ve die Er­rich­tung ei­nes sol­chen Be­schwer­de­ver­fah­ren ver­lan­gen. Spielt der Ar­beit­ge­ber nicht mit, ent­schei­det not­falls die Ei­ni­gungs­stel­le.

Mit­be­stim­mungs­frei ist da­ge­gen nach An­sicht des BAG die Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers über den Ort der Be­schwer­de­stel­le und über ih­re per­so­nel­le Be­set­zung. Hier­bei han­de­le es sich um „mit­be­stim­mungs­freie or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ent­schei­dun­gen“.

Der Be­schluss des BAG ist über­ra­schend weit­ge­hend, d.h. an­ge­sichts der bis­he­ri­gen Mei­nungs­land­schaft hätte man mit ei­ner aus Be­triebs­rats­sicht ungüns­ti­ge­ren Ent­schei­dung rech­nen können.

Er ist darüber hin­aus von er­heb­li­cher prak­ti­scher Be­deu­tung für die Be­triebs­rats­ar­beit, da das Ver­fah­ren der Be­hand­lung von AGG-Be­schwer­den durch die Be­schwer­de­stel­le von zen­tra­ler Be­deu­tung für die ge­sam­te Ar­beit der Be­schwer­de­stel­le ist.

Ist das Ver­fah­ren schnell, ef­fek­tiv und für die Be­tei­lig­ten (ein­sch­ließlich des Be­triebs­rats) trans­pa­rent, kann die Be­schwer­de­stel­le ein Mo­tor für die be­trieb­li­che Um­set­zung des AGG sein. Wird ein Ver­fah­ren da­ge­gen gar nicht oder in un­zweckmäßiger Wei­se ge­re­gelt, wird die Be­schwer­de­stel­le ein Schat­ten­da­sein führen.

Fa­zit: Dass der Be­triebs­rat vor dem BAG ver­lor und da­mit drei­mal hin­ter­ein­an­der den Kürze­ren zog, darf über sei­nen Sieg in der Sa­che selbst nicht täuschen. Im vor­lie­gen­den Fall hat­te der Ar­beit­ge­ber nämlich ei­ne über­be­trieb­li­che Be­schwer­de­stel­le er­rich­tet, was er zunächst ein­mal mit­be­stim­mungs­frei tun konn­te.

Zuständig für die Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens war da­her nicht der ört­li­che Be­triebs­rat, son­dern der Ge­samt­be­triebs­rat (GBR). Und pro­zes­siert hat­te im vor­lie­gen­den Streit­fall eben nicht der GBR, son­dern ein Be­triebs­rat.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: Nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels hat das Ge­richt sei­ne Ur­teils­gründe veröffent­licht. Die Ent­schei­dung im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 6. Juli 2016

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