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Nach­bin­dung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges bei Ver­bands­aus­tritt wird nicht ver­kürzt.

Kei­ne Ver­kür­zung der Nach­bin­dung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges bei Ver­bands­aus­tritt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 01.07.2009, 4 AZR 261/08

14.08.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil zu ent­schei­den, ob der Aus­tritt ei­nes Ar­beit­ge­bers aus ei­nem Ar­beit­ge­ber­ver­band ge­mäß § 3 Abs.3 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) ei­ne zeit­lich un­be­schränk­te Nach­bin­dung an die vom Ver­band ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­ge zur Fol­ge hat oder nicht.

Mög­li­cher­wei­se müss­te ein Ver­bands­aus­tritt ja mit ei­ner Ent­las­tung von der Ta­rif­wir­kung ein­her­ge­hen, so dass sich fragt, ob der Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­kür­zung der Nach­bin­dungs­zeit ge­richt­lich durch­set­zen kann: BAG, Ur­teil vom 01.07.2009, 4 AZR 261/08.

Die Tarifbindung und ihre "Nachwirkungen"

Sind Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer recht­lich an ei­nen Ta­rif­ver­trag ge­bun­den, gel­ten die in ihm fest­ge­leg­ten Ar­beits­be­din­gun­gen auf­grund der sog. „Ta­rif­wir­kung“ un­mit­tel­bar und zwin­gend, d.h. Ab­wei­chun­gen zu­un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers sind nicht möglich. Er­laubt ist le­dig­lich ei­ne Ab­wei­chung zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers (Güns­tig­keits­prin­zip).

Ta­rif­ge­bun­den sind Ar­beit­ge­ber, die selbst ei­nen Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen ha­ben (man spricht dann von ei­nem Haus- bzw. Fir­men­ta­rif­ver­trag) oder Mit­glie­der des ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des. Als Ar­beit­neh­mer ist man ta­rif­ge­bun­den, wenn man Mit­glied der ta­rif­sch­ließen­den Ge­werk­schaft ist.

Ta­rif­verträge - und mit ih­nen die recht­lich zwin­gen­de Ta­rif­bin­dung - en­den in der Re­gel durch Kündi­gung oder durch Zeit­ab­lauf, falls die Lauf­zeit des Ta­rifs be­fris­tet ist. Kei­ne Aus­wir­kung auf die Ta­rif­ge­bun­den­heit hat da­ge­gen der Aus­tritt des Ar­beit­ge­bers aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band oder der Wech­sel in ei­ne Mit­glied­schaft oh­ne Ta­rif­bin­dung (OT-Mit­glied­schaft). In ei­nem sol­chen Fall wird die Ta­rif­bin­dung gemäß § 3 Abs.3 TVG nämlich bis zum Ab­lauf des Ta­rif­ver­tra­ges auf­recht­er­hal­ten. Die­se ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te „Nach­bin­dung“ ver­hin­dert, dass Ar­beit­ge­ber trotz be­ste­hen­der Mit­glied­schaft in ei­nem Ar­beit­ge­ber­ver­band zu teu­re oder aus an­de­ren Gründen miss­lie­bi­ge Ta­rif­verträge um­ge­hen, in­dem sie kurz­fris­tig aus dem Ver­band aus­tre­ten.

Im übri­gen gel­ten die Rechts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags so­gar dann wei­ter, wenn der der Ta­rif­ver­trag ab­ge­lau­fen ist, nur dass sie dann kei­ne zwin­gen­de Wir­kung mehr ha­ben, son­dern je­der­zeit durch ei­ne an­der­wei­ti­ge Ab­ma­chung er­setzt wer­den können (§ 4 Abs. 5 TVG - sog. Nach­wir­kung). Mit dem Ab­lauf des Ta­rif­ver­trags en­det so­mit die Ta­rif­wir­kung und (im Fal­le ei­nes Ver­ban­des­aus­tritts) die Nach­bin­dung und es be­ginnt die sog. Nach­wir­kungs­zeit. Hier be­steht die recht­li­che Möglich­keit, in ei­ner für den Ar­beit­neh­mer ungüns­ti­gen Rich­tung vom Ta­rif ab­zu­wei­chen, et­wa durch ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen, die die ta­rif­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen un­ter­schrei­ten. Vor­aus­ge­setzt ist da­bei natürlich, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer „frei­wil­lig“ mit­ma­chen.

Vie­le Rah­men- und Man­tel­ta­rif­verträge ha­ben ei­ne sehr lan­ge Lauf­zeit, d.h. sie gel­ten im Un­ter­schied zu Lohn- und Ta­rif­verträgen oft über vie­le Jah­re. Auch sie ent­hal­ten al­ler­dings häufig wich­ti­ge fi­nan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen des Ar­beit­ge­bers, so et­wa die Pflicht zu Son­der­zah­lun­gen oder ei­ne be­stimm­te Wo­chen­stun­den­zahl. Ar­beit­ge­ber se­hen sich da­her, wenn sie durch ei­nen Ver­bands­aus­tritt oder ei­nen Wech­sel in ei­ne OT-Mit­glied­schaft den Rechts­wir­kun­gen der Ver­bands­ta­rif­verträge „ent­kom­men“ wol­len, in ih­rer ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art.9 Abs. 3 Grund­ge­setz - GG) ver­letzt und be­kla­gen da­her ei­ne Grund­rechts­ver­let­zung. Ih­rer Mei­nung nach muss die - ge­setz­lich im Prin­zip zeit­lich un­be­schränk­te -Nach­bin­dung des Ta­rif­ver­tra­ges be­schränkt wer­den, z.B. auf ein Jahr.

Bis­her ist die Recht­spre­chung die­sen For­de­run­gen nicht nach­ge­kom­men, son­dern hat § 3 Abs.3 TVG strikt an­ge­wandt. Nun­mehr hat­te sich er­neut das BAG mit die­ser Fra­ge zu be­fas­sen (Ur­teil vom 01.07.2009, 4 AZR 261/08).

Der Fall: Arbeitszeiterhöhung ohne Lohnausgleich nach dem Verbandsaustritt

Der Ar­beit­neh­mer, ein Me­tall­ar­bei­ter, konn­te zunächst kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung die An­wen­dung des Ge­mein­sa­men Man­tel­ta­rif­ver­trags (GMTV) ver­lan­gen. Er war nämlich Ge­werk­schafts­mit­glied und der Ar­beit­ge­ber Mit­glied des ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des. Im GMTV war die 35-St­un­den-Wo­che vor­ge­schrie­ben und ei­ne Erhöhung der wöchent­lich St­un­den­zahl auf 40 St­un­den nur bei Lohn­aus­gleich er­laubt.

In der Fol­ge trat der Ar­beit­ge­ber aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band aus. So­dann ver­ein­bar­te er mit dem Ar­beit­neh­mer im We­ge des Ar­beits­ver­trags ei­ne Ar­beits­pflicht von 40 St­un­den pro Wo­che - oh­ne Lohn­aus­gleich.

Nach dem Ver­bands­aus­tritt und der vom GMTV ab­wei­chen­den ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lung ver­ein­bar­ten die Ta­rif­par­tei­en ei­nen Ta­rif­ver­trag, dem zu­fol­ge der GMTV ab­gelöst wer­den soll­te, al­ler­dings erst dann, wenn der ein­zel­ne Ar­beit­ge­ber in sei­nem Be­trieb ein neu­es Ent­gelt­sys­tem (ERA) ein­geführt hat­te. Bei Nicht­einführung von ERA soll­te der GMTV noch fast drei Jah­re wei­ter, nämlich bis En­de 2008 fort­gel­ten.

Der im vor­lie­gen­den Fall ver­klag­te Ar­beit­ge­ber führ­te ERA nicht ein. Et­wa zwei Jah­re später schloss er mit der Ge­werk­schaft ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag ab.

Der Me­tall­ar­bei­ter zog vor Ge­richt und klag­te auf Fest­stel­lung, dass die mit sei­nem Ar­beit­ge­ber ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ar­beits­zeit­erhöhung oh­ne Lohn­aus­gleich bis zum In­kraft­tre­ten des Fir­men­ta­rif­ver­trags un­wirk­sam war. Der Ar­beit­ge­ber ver­tei­dig­te sich mit der Über­le­gung, dass er an den GMTV nur bis zum frühes­ten mögli­chen Kündi­gungs­ter­min ge­bun­den ge­we­sen sei. Je­den­falls müss­ten die Ge­rich­te, so sei­ne Rechts­auf­fas­sung, die Zeit der ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Nach­bin­dung (§ 3 Abs. 3 TVG) für die Zeit nach sei­nem Ver­bands­aus­tritt in ei­nem „an­ge­mes­se­nen“ Um­fang abkürzen, da er sonst in sei­ner ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­letzt sei.

Die­ser Auf­fas­sung folg­ten we­der das Ar­beits­ge­richt noch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Saar­land (Ur­teil vom 09.01.2008, 2 Sa 78/07). Bei­de Ge­rich­te ga­ben dem Me­tall­ar­bei­ter recht. Die zu­un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen wa­ren nämlich, so die Ge­rich­te, während der Nach­bin­dungs­zeit ge­trof­fen wor­den. Dem­zu­fol­ge wi­chen sie während der Zeit der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Ta­rif­wir­kung zu Un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers vom Ta­rif ab und ver­stießen so­mit ge­gen das Prin­zip der nor­ma­ti­ven Wir­kung des Ta­rifs bzw. ge­gen das Güns­tig­keits­prin­zip.

BAG: Nachbindung eines Tarifvertrages bei Verbandsaustritt wird nicht verkürzt

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätig­te die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen an und wies die Re­vi­si­on des Ar­beit­ge­bers zurück.

Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on, so das BAG, wi­der­spricht nämlich dem Wort­laut des § 3 Abs.3 TVG. Da­nach gilt der Ta­rif­ver­trag nun ein­mal zwin­gend bis zu sei­nem Ab­lauf. Ei­ne Ein­schränkung die­ser zwin­gen­den Wir­kung , z.B. bis zur nächstmögli­chen Kündi­gungs­zeit­punkt oder für ei­ne „an­ge­mes­se­ne Zeit“, sieht die ge­setz­li­che Re­ge­lung ge­ra­de nicht vor.

Die­se „Härte“ des Ge­set­zes verstößt auch nicht ge­gen die ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit ei­nes aus dem Ver­band aus­tre­ten­den Ar­beit­ge­bers. Denn schließlich ist der dem Ar­beit­ge­ber­ver­band frei­wil­lig und in Kennt­nis der oft lan­gen Lauf­zei­ten von Ta­rif­verträgen bei­ge­tre­ten.

In der Tat un­ter­stellt die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ar­beit­ge­ber in der Fra­ge der Nach­bin­dung oh­ne über­zeu­gen­de Be­gründung ei­ne „un­verhält­nismäßig“ lan­ge Bin­dung an die Ver­bands­ta­rif­verträge. Sch­ließlich ver­wirk­licht sich die grund­recht­lich geschütz­te Ver­ei­ni­gungs- und Ko­ali­ti­ons­frei­heit ge­ra­de in der recht­li­chen Bin­dung, d.h. im rechts­ver­bind­li­chen Bei­tritt zu ei­ner Ver­ei­ni­gung, und die­sen Ver­bands­bei­tritt (mit der Fol­ge der Ta­rif­bin­dung) hat der Ar­beit­ge­ber selbst frei­wil­lig her­bei­geführt.

Fa­zit: Im Er­geb­nis soll­ten Ar­beit­ge­ber, die durch ei­nen Ver­bands­ta­rif wirt­schaft­lich über­for­dert wer­den, mit der Ge­werk­schaft über ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag ver­han­deln. Dar­auf las­sen sich Ge­werk­schaf­ten in der Re­gel ein, um Ent­las­sun­gen oder gar ei­ne mögli­cher­wei­se dro­hen­de In­sol­venz zu ver­mei­den. Der Ver­bands­aus­tritt da­ge­gen hat da­ge­gen nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung, die durch das vor­lie­gen­de Ur­teil des BAG noch­mals bestätigt wird, nicht den gewünsch­ten Ef­fekt ei­ner Ent­las­tung von der Ta­rif­wir­kung, d.h. ei­ne Verkürzung der Nach­bin­dungs­zeit ist ge­richt­lich nicht durch­setz­bar.

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Letzte Überarbeitung: 22. Januar 2014

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