Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Pflicht zu fal­scher For­mu­lie­rung im Zeug­nis

Ar­beit­ge­ber kann sich zu un­rich­ti­ger For­mu­lie­rung im Zeug­nis ver­pflich­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 16.06.2009, 7 Sa 641/08

18.11.2009. Ar­beit­neh­mer kön­nen bei Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses ein Zeug­nis ver­lan­gen (§ 109 Abs. 1 Satz 1 Ge­wer­be­ord­nung - Ge­wO). Auf Wunsch des Ar­beit­neh­mers hin muss der Ar­beit­ge­ber auch Leis­tung und Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers be­wer­ten (qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis).

Ein qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis ist heu­te die Re­gel­form des Zeug­nis­ses, d.h. wer von „Zeug­nis“ spricht oder ei­nes vom Ar­beit­ge­ber ver­langt, meint meist ein qua­li­fi­zier­tes Zeug­nis.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg hat­te in ei­nem ak­tu­el­len Fall die Fra­ge zu klä­ren, ob Ab­spra­chen zwi­schen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber über den In­halt ei­nes Zeug­nis­ses auch dann ver­bind­lich sind, wenn der ver­ein­bar­te Zeug­nis­in­halt ei­ne ob­jek­tiv un­rich­ti­ge Leis­tungs­be­ur­tei­lung ent­hält: LAG Nürn­berg , Ur­teil vom 16.06.2009, 7 Sa 641/08.

Kann sich der Arbeitgeber zu einer unrichtigen Zeugnis-Formulierung verpflichten?

Ist der Ar­beit­ge­ber mit den Leis­tun­gen des Ar­beit­neh­mers nicht sehr zu­frie­den, muss er ein Zeug­nis so ab­fas­sen, dass es zwei ge­gensätz­li­che An­for­de­run­gen erfüllt: Zum Ei­nen muss das Zeug­nis wahr sein, zum An­de­ren wohl­wol­lend. Auch wenn der Ar­beit­ge­ber die Leis­tun­gen des Ar­beit­neh­mers kri­ti­siert (oder je­den­falls nicht aus­drück­lich lobt), soll­te es dem Fort­kom­men des Ar­beit­neh­mers nicht hin­der­lich sein. Das heißt bei schlech­ten Leis­tun­gen des aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mers: Je näher das Zeug­nis bei der Wahr­heit bleibt, des­to we­ni­ger wohl­wol­lend ist es (und um­ge­kehrt).

Da heut­zu­ta­ge vie­le Ar­beit­neh­mer selbst Ein­fluss auf die Zeug­nis­for­mu­lie­rung neh­men, hat es sich ein­gebürgert, bei der gütli­chen Bei­le­gung von Kündi­gungs­schutz­pro­zes­sen den Zeug­nis­in­halt gleich mit zu re­geln, in­dem man dem Ar­beit­ge­ber ei­ne be­stimm­te Zeug­nis­no­te oder kon­kre­te For­mu­lie­run­gen ver­pflich­tend vor­gibt. Ein be­son­ders miss­traui­scher Ar­beit­neh­mer bzw. sein Rechts­an­walt wird so­gar dar­auf be­ste­hen, dass das ge­sam­te Zeug­nis dem ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich als An­la­ge bei­gefügt wird und sich der Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet, das Zeug­nis mit ge­nau die­sem In­halt aus­zu­fer­ti­gen.

Im Er­geb­nis führt die­ser Um­gang mit dem Ar­beits­zeug­nis da­zu, dass Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet sein können, aus ih­rer Sicht un­wah­re Be­haup­tun­gen in das von ih­nen zu er­tei­len­de Zeug­nis auf­zu­neh­men. Frag­lich ist, ob da­mit die Gren­zen recht­lich zulässi­ger Ver­ein­ba­run­gen über den Zeug­nis­in­halt nicht über­schrit­ten wer­den. Zu die­ser Fra­ge hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung geäußert (Ur­teil vom 16.06.2009, 7 Sa 641/08).

Der Fall des LAG Nürnberg: Verhalten gegenüber Kunden - einwandfrei oder katastrophal?

Ei­ne Büroan­ge­stell­te wehr­te sich ge­gen die von ih­rem Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Im Pro­zess ei­nig­te man sich im We­ge des Ver­gleichs auf die Wirk­sam­keit der Be­en­di­gung. Der Ver­gleich war al­ler­dings wi­der­ruf­lich, so dass die Büroan­ge­stell­te die Möglich­keit hat­te, den Ver­gleich noch­mals zu über­den­ken.

Während der Wi­der­rufs­frist führ­te sie Nach­ver­hand­lun­gen mit dem Ar­beit­ge­ber und ver­lang­te ein gu­tes Zeug­nis. Der Ar­beit­ge­ber soll­te ihr dar­in be­schei­ni­gen, ihr Ver­hal­ten ge­genüber Vor­ge­setz­ten, Kol­le­gen und Kun­den sei „je­der­zeit ein­wand­frei“ ge­we­sen. Dar­auf ließ sich der Ar­beit­ge­ber ein, so dass die Ar­beit­neh­me­rin den Ver­gleich nicht wi­der­rief.

Das dar­auf­hin er­teil­te Zeug­nis ent­hielt al­ler­dings nicht die zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te For­mu­lie­rung. Viel­mehr hieß es hier nur, das Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin sei „ge­genüber Vor­ge­setz­ten und Kol­le­gen“ stets ein­wand­frei ge­we­sen. Ob sich die Ar­beit­neh­me­rin auch ge­genüber Kun­den so ver­hal­ten hat­te, war dem Zeug­nis nicht zu ent­neh­men.

Da der Ar­beit­ge­ber ei­ne Abände­rung des Zeug­nis­ses ent­spre­chend sei­ner ursprüng­li­chen Zu­sa­ge ver­wei­ger­te, er­hob die Ar­beit­neh­me­rin er­neut Kla­ge - dies­mal auf Zeug­nis­be­rich­ti­gung.

Im Pro­zess recht­fer­tig­te der Ar­beit­ge­ber sein Ver­hal­ten mit der Be­haup­tung, die Ar­beit­neh­me­rin ha­be sich ge­genüber Kun­den nicht nur nicht ein­wand­frei, son­dern ka­ta­stro­phal ver­hal­ten. Die be­gehr­te Abände­rung des Zeug­nis­ses würde auf ei­ne grob un­wah­re und da­her sit­ten­wid­ri­ge Be­haup­tung hin­aus­lau­fen. Da­zu sei er nicht ver­pflich­tet. Im­mer­hin würden sich künf­ti­ge Ar­beit­ge­ber an dem Zeug­nis ori­en­tie­ren und könn­ten da­her in die Ir­re ge­lei­tet wer­den. Letzt­lich müsse er bei grob un­rich­ti­gen Zeug­nis­in­hal­ten befürch­ten, dass künf­ti­ge Ar­beit­ge­ber ihn we­gen des fal­schen Zeug­nis­in­hal­tes auf Scha­dens­er­satz in An­spruch neh­men würden.

Das Ar­beits­ge­richt Wei­den ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber den­noch zur Zeug­nis­be­rich­ti­gung (Ur­teil vom 31.07.2008, 2 Ca 215/08). Da­ge­gen ging der Ar­beit­ge­ber in Be­ru­fung.

LAG Nürnberg: Vereinbarungen über Leistungsbeurteilungen gehen vor

Das LAG ent­schied eben­falls für die Ar­beit­neh­me­rin und bestätig­te da­mit die Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zur Zeug­nis­be­rich­ti­gung.

Ei­ne „nur“ ob­jek­tiv un­rich­ti­ge Leis­tungs­be­ur­tei­lung macht das Zeug­nis nämlich nach An­sicht des LAG noch nicht sit­ten­wid­rig.

Die vom ver­klag­ten Ar­beit­ge­ber be­schwo­re­ne Ge­fahr ei­ner Haf­tung auf Scha­dens­er­satz konn­te das LAG nicht nach­voll­zie­hen. In der Tat kommt dies nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung der Zi­vil­ge­rich­te nur in Be­tracht, wenn der zeug­nis­aus­stel­len­de al­te Ar­beit­ge­ber ekla­tant fal­sche An­ga­ben über die Red­lich­keit bzw. Zu­verlässig­keit des aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mers macht und da­mit ein von die­sem be­gan­ge­nes Vermögens­de­likt ver­schweigt. Erhält der aus­ge­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer in sol­chen Ex­tremfällen auf­grund ei­ner im Zeug­nis ent­hal­te­nen Bemänte­lung sei­ner Vermögens­de­lik­te die Möglich­keit, Vermögen oder Ei­gen­tum ei­nes nach­fol­gen­den neu­en Ar­beit­ge­bers zu schädi­gen, kann die­ser von sei­nem Vorgänger mögli­cher­wei­se Scha­dens­er­satz ver­lan­gen.

Im vor­lie­gen­den Fall ging es aber nicht um die Ehr­lich­keit der aus­ge­schie­de­nen Büroan­ge­stell­ten, son­dern um ih­re Leis­tun­gen. Ge­nau­er ge­sagt ging es um ihr Ver­hal­ten ge­genüber Kun­den. Da­zu meint das LAG, der neue Ar­beit­ge­ber könn­te sich auf Grund­la­ge sei­ner ei­ge­nen Leis­tungs­an­for­de­run­gen ein Bild von der Ar­beit­neh­me­rin ma­chen. Außer­dem ha­be er die Möglich­keit, sie in­ner­halb der ers­ten sechs Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses wie­der zu kündi­gen.

Fa­zit: Tref­fen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen über Zeug­nis­aus­sa­gen, so sind die­se recht­lich ver­bind­lich. Es ist da­her auch sinn­voll, Ver­ein­ba­run­gen die­ser Art in ei­nen Ab­fin­dungs­ver­gleich auf­zu­neh­men.

So gab auch das LAG Köln vor kur­zem ei­nem Ar­beit­neh­mer recht, der ent­spre­chend ei­ner in ei­nem ge­richt­li­chen Ver­gleich ent­hal­te­nen Ver­ein­ba­rung dar­auf be­stand, dass ihm ein Zeug­nis ent­spre­chend sei­nem Ent­wurf aus­ge­stellt würde (Be­schluss vom 02.01.2009, 9 Ta 530/08). Dass der vom Ar­beit­neh­mer über­reich­te Ent­wurf dem Ar­beit­ge­ber zu­fol­ge nicht der Wahr­heit ent­sprach, änder­te nichts an sei­ner im Ver­gleich über­nom­me­nen Pflicht, den Zeug­nis­ent­wurf des Ar­beit­neh­mers zu über­neh­men (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/037 Pflicht zur Zeug­nis­er­tei­lung ent­spre­chend ei­nem For­mu­lie­rungs­vor­schlag des Ar­beit­neh­mers).

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 23. Januar 2014

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880