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Son­der­zah­lung steht kraft Gleich­be­hand­lung al­len zu, wenn Be­triebs­treue ho­no­riert wird.

Zu den An­for­de­run­gen an den Zweck ei­ner be­trieb­li­chen Son­der­zah­lung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 05.08.2009, 10 AZR 666/08

14.09.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te vor gut ei­nem Mo­nat dar­über zu ent­schie­den, ob ei­ne Son­der­zah­lung auf­grund des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes al­len Ar­beit­neh­mern zu­steht, wenn die Son­der­zah­lung frei­wil­lig ak­zep­tier­te Lohn­kür­zun­gen aus­glei­chen soll.

Die Be­son­der­heit des hier zu ent­schei­den­den Streit­fal­les be­stand dar­in, dass die Son­der­zah­lung nicht nur die in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den fi­nan­zi­el­len Ein­bu­ßen aus­glei­chen soll­te, son­dern au­ßer­dem auch die Be­triebs­treue der Ar­beit­neh­mer ho­no­rie­ren soll­te: BAG, Ur­teil vom 05.08.2009, 10 AZR 666/08.

Freiwillige Sonderzahlungen und die Gleichbehandlung der Arbeitnehmer

So­lan­ge kei­ne zwin­gen­den ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen un­ter­schrit­ten wer­den, können Ar­beits­verträge frei aus­ge­han­delt wer­den. Da­her können Ar­beit­neh­mer recht­lich nicht ver­lan­gen, für die glei­che Ar­beit in der glei­chen Höhe wie ih­re Kol­le­gen vergütet zu wer­den.

Will der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings über be­ste­hen­de ver­trag­li­che Pflich­ten hin­aus nach ei­nem all­ge­mei­nen Prin­zip Zah­lun­gen an sei­ne Beschäftig­ten oder ei­ne Grup­pe von Beschäftig­ten leis­ten, darf er ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer nicht oh­ne sach­li­chen Grund hier­von aus­neh­men. Der Ar­beit­ge­ber ist in ei­nem sol­chen Fall an den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den.

Ein sach­li­cher Grund für die Her­aus­nah­me ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer von ei­ner all­ge­mei­nen Vergüns­ti­gung liegt vor, wenn die Un­gleich­be­hand­lung durch den Zweck der Vergüns­ti­gung be­dingt ist. Bei­spiels­wei­se kann der Ar­beit­ge­ber, wenn er Son­der­zah­lun­gen für Be­triebs­treue gewährt, erst vor kur­zem ein­ge­tre­te­ne oder gekündig­te Ar­beit­neh­mer von der Leis­tung aus­neh­men.

Der mit ei­ner all­ge­mei­nen Vergüns­ti­gung ver­folg­te Zweck ist aber nur dann ei­ne Recht­fer­ti­gung dafür, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer von der Vergüns­ti­gung aus­zu­neh­men, wenn der Zweck selbst recht­lich zulässig ist.

Hier­bei er­gibt sich aus der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) recht klar, dass der Aus­gleich von Lohnkürzun­gen, den die Mehr­zahl der Beschäftig­ten frei­wil­lig mit­ge­macht hat, Grund dafür sein kann, bei ei­ner später als Aus­gleich bzw. zur Be­loh­nung gewähr­ten Vergüns­ti­gung die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer aus­zu­neh­men, die der vor­he­ri­gen Lohnkürzung nicht zu­ge­stimmt ha­ben.

Ein Ver­s­toß ge­gen das in § 612a Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­re­gel­te Maßre­ge­lungs­ver­bot, d.h. ei­ne un­zulässi­ge nachträgli­che „Be­stra­fung“ der Nein-Sa­ger, liegt in sol­chen Fällen nicht vor, vgl. das Ur­teil des BAG vom 15.07.2009, 5 AZR 486/08 (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/159 Kei­ne Gleich­be­hand­lung bei Loh­nerhöhung, die vor­he­ri­gen Ein­kom­mens­ver­lust aus­gleicht).

Wich­tig ist da­her bei all­ge­mein gewähr­ten Son­der­zah­lun­gen und/oder Loh­nerhöhun­gen zum Aus­gleich ver­gan­ge­ner fi­nan­zi­el­ler Ein­bußen,

  • dass der Ar­beit­ge­ber den Aus­gleichs­zweck möglichst ein­deu­tig be­nennt und
  • dass nicht wei­te­re Zwe­cke für die Son­der­zah­lung ei­ne Rol­le spie­len, auf die sich die von der Vergüns­ti­gung aus­ge­nom­me­nen Ar­beit­neh­mer be­ru­fen können.

So lag es in dem Fall, den das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit Ur­teil vom 01.04.2009 (10 AZR 353/08) zu ent­schei­den hat­te und der zu­guns­ten des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers aus­ging (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht Ak­tu­ell 09/142: Gleich­heits­wid­ri­ger Aus­schluss von der Erhöhung des Weih­nachts­gel­des).

Vor kur­zem hat­te das BAG er­neut über ei­nen ähn­li­chen Fall zu ent­schei­den. Auch hier wur­de ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergüns­ti­gung mit der zu­vor von den meis­ten Ar­beit­neh­mern ak­zep­tier­ten fi­nan­zi­el­len Ver­zicht be­gründet, doch war dies mögli­cher­wei­se nicht der ein­zi­ge Zweck der Vergüns­ti­gung (Ur­teil vom 05.08.2009, 10 AZR 666/08). Das Ur­teil liegt bis­her nur in Form ei­ner Pres­se­mit­tei­lung vor.

Der Fall: Ausschluss von "Nein-Sagern" bei betriebichen Sonderzahlungen

Der Kläger war seit 1968 als Fach­ar­bei­ter ei­ner Dru­cke­rei mit ins­ge­samt et­wa 360 Mit­ar­bei­tern beschäftigt. Im Fe­bru­ar 2005 er­stell­te die Ar­beit­ge­be­rin ein Stand­ort­si­che­rungs­kon­zept. Im Rah­men die­ses Kon­zepts erhöhte sich auf ar­beits­ver­trag­li­cher bzw. „frei­wil­li­ger“ Ba­sis die Ar­beits­zeit stu­fen­wei­se oh­ne Lohn­aus­gleich auf bis zu 40 St­un­den; zu­dem ver­zich­te­ten die Ar­beit­neh­mer auf ei­ne ta­rif­li­che Ein­kom­mens­erhöhung.

Am 21.12.2005 teil­te die Ar­beit­ge­be­rin mit, dass al­le Mit­ar­bei­ter, die die veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen ak­zep­tiert hat­ten und sich am 31.12.2005 in ei­nem un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis be­fin­den würden, für 2005 ei­ne ein­ma­li­ge Son­der­zah­lung von 300,00 EUR er­hal­ten würden.

Da der Kläger An­fang 2005 der Ver­schlech­te­rung sei­ner Ar­beits­be­din­gun­gen nicht zu­ge­stimmt hat­te, ging er eben­so wie wei­te­re sechs Kol­le­gen bei der Aus­zah­lung leer aus und er­hob da­her Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Würz­burg. Die­ses wies sei­ne Kla­ge ab. Und auch die Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg hat­te kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 12.03.2008, 4 Sa 172/07).

Das LAG schloss sich der Be­gründung des Ar­beits­ge­richts an und stell­te ergänzend her­aus, dass die vom Ar­beit­ge­ber be­zweck­te „Be­loh­nung“ der zu­vor ar­beits­ver­trag­lich fi­nan­zi­ell schlech­ter ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer sach­ge­recht sei. Al­lein de­ren Op­fer­be­reit­schaft bzw. die - teil­wei­se - Entschädi­gung für die An­fang 2005 ak­zep­tier­ten Ein­bußen wa­ren nach Auf­fas­sung des LAG die (recht­lich zulässi­gen) Mo­ti­ve für die Son­der­zah­lung.

Ei­ne recht­lich ver­bo­te­ne Maßre­ge­lung lag nach An­sicht des LAG nicht vor, da die Schlech­ter­stel­lung der Nein-Sa­ger erst im De­zem­ber 2005 be­kannt ge­ge­ben wur­de und da­her die Frei­heit der Ent­schei­dung über die ver­trag­li­che Lohn­re­du­zie­rung im Fe­bru­ar 2005 nicht be­ein­träch­ti­gen konn­te.

BAG: Hohe Anforderungen an die Eindeutigkeit des Zwecks von Sonderzahlungen

An­ders als das Ar­beits- und das Lan­des­ar­beits­ge­richt gab das Bun­des­ar­beits­ge­richt dem Kläger recht. So­weit aus der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG (Pres­se­mit­te­lung Nr. 78/09) her­vor­geht, stützt sich das Ge­richt auf fol­gen­de Gründen:

Hier hat­te die Ar­beit­ge­be­rin über den Nach­teils­aus­gleich hin­aus noch wei­te­re Zwe­cke mit der strei­ti­gen Son­der­zah­lung ver­folgt, so das BAG. Sie hat­te nämlich nur die­je­ni­gen Mit­ar­bei­ter be­den­ken wol­len, die sich in ei­nem un­gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis be­fan­den. Das sprach nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts dafür, dass die Ar­beit­ge­be­rin auch die (ver­gan­ge­ne und künf­ti­ge) Be­triebs­treue ho­no­rie­ren woll­te. Die­se Zweck­set­zung traf aber auch auf den Kläger zu.

Fa­zit: Das vor­lie­gen­de Ur­teil bestätigt er­neut, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt - zu­recht - ho­he An­for­de­run­gen an die Ein­deu­tig­keit des Zwecks stellt, den der Ar­beit­ge­ber ei­ner Son­der­zah­lung zu­grun­de legt.

Berück­sich­tig der Ar­beit­ge­ber dies und teilt sei­ne Zweck­set­zung un­miss­verständ­lich mit, ist er recht­lich auf der si­che­ren Sei­te, d.h. es ist dann un­wahr­schein­lich, dass die Son­der­zah­lung auch von Ar­beit­neh­mern be­an­sprucht wer­den kann, auf die der mit der (Aus­gleichs-)Zweck der Son­der­zah­lung nicht zu­trifft.

Soll ei­ne Son­der­zah­lung in der Ver­gan­gen­heit er­lit­te­ne Lohn­ein­bußen aus­glei­chen, soll­te der Ar­beit­ge­ber da­her auch nur die­sen - ein­zi­gen - Zweck mit­tei­len und der Aus­zah­lung der Son­der­zah­lung zu­grun­de le­gen. Tut er dies nicht, ver­mehrt sich die An­zahl der an­spruchs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer auf­grund des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes al­ler Wahr­schein­lich­keit nach er­heb­lich.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Oktober 2014

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