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So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht: Bau­lei­ter ei­ner Ein-Per­so­nen-Li­mi­ted ist i.d.R. kein Ar­beit­neh­mer

Bau­lei­ter üben qua­li­fi­zier­te Ar­bei­ten aus, die ty­pi­scher­wei­se von selb­stän­di­gen Ar­chi­tek­ten oder In­ge­nieu­ren aus­ge­übt wer­den: Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 21.04.2008, L 1 KR 153/04

28.05.2008. Ist der Der Ge­sell­schaf­ter-Ge­schäfts­füh­rer ei­ner Ein-Per­so­nen-Li­mi­ted (Ltd.), der für se­ne Ge­sell­schaft Ar­bei­ten der Bau­lei­tung aus­führt, so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig be­schäf­tigt oder ar­bei­tet er als Selb­stän­di­ger?

Mit die­ser Fra­ge hat sich das Hes­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung be­fasst. Hier gung es um ei­nem Ge­sell­schaf­ter und Ge­schäfts­füh­rer ei­ner Ein-Mann-Li­mi­ted (Ltd.), die nach eng­li­schem Recht ge­grün­det wor­den war und Auf­trä­ge für Bau­un­ter­neh­men aus­führ­te. Die Auf­trä­ge "sei­ner" Ltd. wie­der­um ar­bei­te­te der Ein-Mann-Ge­sell­schaf­ter ab, und zwar als Auf­trag­neh­mer sei­ner Ltd.

Für ei­ne Schein­selb­stän­dig­keit sprach hier auf den ers­ten Blick der ge­küns­tel­te Weg der Auf­trags­be­ar­bei­tung über den Um­weg ei­ner zwi­schen­ge­schal­te­ten Ltd., doch muss man sich auch fra­gen, wel­che Art von Ar­beit der Ein-Mann-Ge­sell­schaf­ter aus­üb­te: Hes­si­sches Lan­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 21.04.2008, L 1 KR 153/04.

Ist ein Bauleiter, der Arbeiten für seine eigene Ldt. ausführt, Arbeitnehmer oder Selbständiger?

Ar­beit­neh­mer sind im All­ge­mei­nen in den ver­schie­de­nen Zwei­gen der So­zi­al­ver­si­che­rung pflicht­ver­si­chert, während selbständig Täti­ge grundsätz­lich kei­ne So­zi­al­ver­si­che­rungs­ab­ga­ben leis­ten müssen. Die Ein­ord­nung als Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger stellt sich al­ler­dings oft schwie­rig dar.

Ei­ne all­ge­mei­ne Ab­gren­zungs­re­gel enthält § 7 Abs.1 Vier­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IV). Da­nach ist Beschäfti­gung die „nicht­selbständi­ge Ar­beit, ins­be­son­de­re in ei­nem Ar­beits­verhält­nis. An­halts­punk­te für ei­ne Beschäfti­gung sind da­bei ei­ne Tätig­keit nach Wei­sun­gen und ei­ne Ein­glie­de­rung in die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on des Wei­sungs­ge­bers.“

Auf der Grund­la­ge die­ser Vor­schrift fragt die so­zi­al­ge­richt­li­che Recht­spre­chung beim The­ma „Wei­sungs­ge­bun­den­heit“ da­nach, ob der Dienst­ver­pflich­te­te, d.h. der et­wai­ge „Beschäftig­te“, hin­sicht­lich der Zeit, des Or­tes, der Dau­er so­wie der Art und Wei­se sei­ner Tätig­keit von Wei­sun­gen des Auf­trag­ge­bers abhängig ist.

Ei­ne sol­che Wei­sungs­ge­bun­den­heit ist ins­be­son­de­re na­he­lie­gend, wenn der (nur schein­bar?) Selbständi­ge in dem Be­trieb sei­nes Auf­trag­ge­bers tätig wird. Dann liegt aus tatsächli­chen Gründen, d.h. auf­grund der fak­ti­schen Ko­ope­ra­ti­on des Auf­trag­neh­mers mit den Ar­beit­neh­mern des Auf­trag­ge­bers ei­ne Wei­sungs­ge­bun­den­heit des Auf­trag­neh­mers häufig vor.

Frag­lich ist, ob der Ge­sell­schaf­ter-Geschäftsführer ei­ner Ein-Per­so­nen-Li­mi­ted (Ltd.) wei­sungs­abhängig und da­her beschäftigt bzw. so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ist, wenn er in Ausführung des Auf­trags sei­ner Ltd. im Be­trieb ei­nes Kun­den der Ltd. tätig wird. Zu die­ser Fra­ge hat das Hes­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) in ei­ner Ent­schei­dung vom 21.04.2008 (L 1 KR 153/04) Stel­lung ge­nom­men.

Der Streitfall: Bauleiter führt Arbeiten für seine Ein-Mann-Gesellschaft aus und wird als Scheinselbständiger qualifiziert

Ein Bau­un­ter­neh­men hat­te mit ei­ner Ein-Per­so­nen-Ltd. eng­li­schen Rechts mit Fir­men­sitz in Deutsch­land Werk­verträge über die von der Ltd. zu er­brin­gen­de Pro­jek­tie­rung der Mon­ta­ge von Bau­wer­ken ab­ge­schlos­sen. Auf­ga­be der Ltd. war ne­ben der Pro­jek­tie­rung auch die Über­wa­chung der Rea­li­sie­rung von Be­ton­bau- und Mau­er­werks­ar­bei­ten.

Die Ltd. führ­te die Ar­bei­ten auf ver­schie­de­nen Bau­stel­len des Bau­un­ter­neh­mens durch ih­ren Ge­sell­schaf­ter-Geschäftsführer, den Herrn B., aus, war da­ne­ben aber auch für an­de­re Auf­trag­ge­ber tätig. Anläss­lich ei­ner Be­triebs­prüfung bei dem Bau­un­ter­neh­men stell­te die Lan­des­ver­si­che­rungs­an­stalt (LVA) Hes­sen (jetzt: „Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Hes­sen“) fest, dass Herr B. der Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht un­ter­lie­ge, wor­aus sich die Bei­trags­pflicht des Bau­un­ter­neh­mens er­ge­be, auf des­sen Bau­stel­len Herr B. tätig wur­de.

Der ge­gen die­sen Be­scheid ein­ge­leg­te Wi­der­spruch des Bau­un­ter­neh­mens blieb eben­so er­folg­los wie die Kla­ge in ers­ten In­stanz vor dem So­zi­al­ge­richt Kas­sel (Ur­teil vom 10.03.2004, S 12 KR 1805/01).

Das Bau­un­ter­neh­men hat­te ein­ge­wandt, Herr B. ha­be die Lei­tung und Durchführung von Bau­pro­jek­ten des Bau­un­ter­neh­mens selbständig über­nom­men und sei nicht wei­sungs­ge­bun­den ge­we­sen. Das Bau­un­ter­neh­men ha­be we­der in den tech­ni­schen noch in den zeit­li­chen Ar­beits­ab­lauf ein­grei­fen können.

Das So­zi­al­ge­richt ging dem­ge­genüber mit der LVA Hes­sen da­von aus, dass die Tätig­keit des Herrn B. als schein­selbständi­ge bzw. als in Wahr­heit so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Tätig­keit zu qua­li­fi­zie­ren sei. We­gen Über­schrei­tung der Jah­res­ar­beits­ent­gelt­gren­ze sei ei­ne Kran­ken­ver­si­che­rungs­pflicht zwar nicht ge­ge­ben, doch bestünde Ver­si­che­rungs­pflicht in der ge­setz­li­chen Ren­ten- und in der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung.

Da­bei be­gründe­te das So­zi­al­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung al­ter­na­tiv auf zwei Be­gründungs­we­gen.

Der vom Ge­richt be­vor­zug­te Weg geht da­hin, dass die Tätig­keit des Herrn B. bei dem Bau­un­ter­neh­men un­mit­tel­bar als so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäfti­gung dort, d.h. beim Bau­un­ter­neh­men selbst, zu qua­li­fi­zie­ren sei, so dass Herr B. „das recht­li­che Kon­strukt der Li­mi­ted (...) al­lein als Dach ei­ner ver­meint­lich selbständi­gen Tätig­keit im Rah­men von ver­meint­li­chen Su­b­un­ter­neh­mer­aufträgen ge­nutzt hat“.

Zum sel­ben Er­geb­nis führt die recht­li­che Be­ur­tei­lung durch die LVA, die auch vom So­zi­al­ge­richt in Erwägung ge­zo­gen wird. Da­nach be­ste­hen zwar – ernst­zu­neh­men­de – zi­vil­recht­li­che Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen dem Bau­un­ter­neh­men und der Ltd. als Auf­trag­neh­me­rin, doch sind die­se nur dem Schei­ne nach als Werk­verträge, in Wahr­heit aber als Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­verträge in Be­zug auf die Ar­beits­leis­tung des Herrn B. zu qua­li­fi­zie­ren. In die­sem Fal­le läge man­gels ei­ner behörd­li­chen Er­laub­nis zur ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­merüber­las­sung ei­ne ver­bo­te­ne ge­werb­li­che Ar­beit­neh­merüber­las­sung durch die Ltd. in Be­zug auf die Ar­beits­leis­tung ih­res Ge­sell­schaf­ter-Geschäftsführers vor, was gemäß § 10 Abs.1 Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz (AÜG) da­zu führt, dass der Ge­sell­schaf­ter-Geschäftsführer, hier al­so Herr B., als Ar­beit­neh­mer des Ent­lei­hers an­zu­se­hen wäre.

Im Übri­gen stell­te das So­zi­al­ge­richt dar­auf ab, dass Herr B. im We­sent­li­chen als Po­lier tätig ge­wor­den sei. Außer­dem sei­en ihm nicht nur (ech­te oder nur ver­meint­lich „freie“) Su­b­un­ter­neh­mer des Bau­un­ter­neh­mens un­ter­stellt ge­we­sen, son­dern Ar­beit­neh­mer des Bau­un­ter­neh­mens. Sch­ließlich spre­che auch die Art der Vergütung für ei­ne abhängi­ge Beschäfti­gung, da die Vergütung ga­ran­tiert und nicht er­folgs­abhängig ge­we­sen sei, so dass der Stahl- und Be­ton­bau­er sei­ne Ar­beits­kraft und nicht sein Ka­pi­tal ein­ge­setzt ha­be.

Ge­gen die­ses Ur­teil hat das kla­gen­de Bau­un­ter­neh­men Be­ru­fung beim Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt ein­ge­legt.

Hessisches LSG: Bauleiter üben qualifizierte Arbeiten aus, die typischerweise von selbständigen Architekten oder Ingenieuren ausgeübt werden

Das Hes­si­sche LSG hat das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Kas­sel auf­ge­ho­ben und der Kla­ge mit Ur­teil vom 21.04.2008, L 1 KR 153/04 statt­ge­ge­ben. Die Re­vi­si­on zum Bun­des­so­zi­al­ge­richt wur­de nicht zu­ge­las­sen.

In der bis­lang al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung heißt es zu Be­ginn, dass für ei­ne Ein-Per­so­nen-Li­mi­ted eng­li­schen Rechts in der EU ge­ne­rell Nie­der­las­sungs­frei­heit gel­te. Auch wenn ei­ne sol­che Ltd. ih­ren fak­ti­schen Ver­wal­tungs­sitz in Deutsch­land ha­be, sei sie vom deut­schen Recht mit ih­rer frei gewähl­ten ausländi­schen Rechts­form an­zu­er­ken­nen. Das LSG folgt da­mit der in Be­zug auf EU-ausländi­sche Ge­sell­schaf­ten mitt­ler­wei­le all­ge­mein an­er­kann­ten Gründungs­theo­rie.

Im Übri­gen ist die Tätig­keit ei­nes Stahl- und Be­ton­bau­ers, der ei­ne Meis­ter­prüfung ab­ge­legt ha­be, nach Auf­fas­sung des LSG als selbständi­ge und nicht abhängi­ge zu qua­li­fi­zie­ren. Die Auf­ga­ben des Herrn B. hätten sich, an­ders als dies bei ei­nem Po­lier der Fall sei, nicht in dem Ein­satz der Pro­duk­ti­ons­mit­tel so­wie der Mit­ar­bei­ter und de­ren Über­wa­chung erschöpft. Er ha­be viel­mehr auch die Kal­ku­la­ti­on über­nom­men, Bau­vor­ha­ben ei­genständig ab­ge­wi­ckelt so­wie Ab­nah­men und Ab­rech­nun­gen der Wer­ke vor­ge­nom­men.

Die­se Tätig­keit ent­spre­che am ehes­ten der­je­ni­gen ei­nes Bau­lei­ters. Die­ser aber wer­de „ty­pi­scher­wei­se selbständig“ tätig; Bau­lei­tertätig­kei­ten würden nämlich hauptsächlich von Ar­chi­tek­ten oder In­ge­nieu­ren an­ge­bo­ten und aus­geführt. Im Er­geb­nis konn­te das Bau­un­ter­neh­men da­mit die Pflicht zur Abführung von So­zi­al­ver­si­che­rungs­ab­ga­ben für Herrn B. ab­wen­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 22. November 2016

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