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Ta­rif­ver­trag nach Be­triebs­über­gang

Trans­for­ma­ti­on des gel­ten­den Ta­rif­ver­tra­ges auf die be­ste­hen­den Ar­beits­ver­hält­nis­se beim Be­triebs­über­gang: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.08.2009, 4 AZR 280/08

28.09.2009. Ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) be­fasst sich mit den recht­li­chen Kon­se­quen­zen der Re­ge­lung, dass Ta­rif­ver­trä­ge nach ei­nem Be­triebs­über­gang In­halt der ein­zel­nen Ar­beits­ver­trä­ge wer­den.

Im vor­lie­gen­den Fall wur­de über die Wei­ter­gel­tung ei­nes für den Ar­beit­neh­mer nach­tei­li­gen Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trags ge­strit­ten.

Recht­lich ging es da­bei um die Fra­ge, ob ei­ne Ge­werk­schaft oder ein Ar­beit­neh­mer den Ta­rif­ver­trag, der be­reits vor dem Be­triebs­über­gang ver­ein­bart wor­den war, mög­li­cher­wei­se nach dem Be­triebs­über­gang kün­di­gen kön­nen: BAG, Ur­teil vom 26.08.2009, 4 AZR 280/08.

Sanierungstarifvertrag und Betriebsübergang

Nach § 613a Abs. 1 Satz 1 des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches (BGB) über­nimmt im Fal­le ei­nes Be­triebsüber­gangs der Er­wer­ber ei­nes Be­triebs oder Be­triebs­teils al­le Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Be­triebsüber­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen als Ar­beit­ge­ber.

Die­se Über­tra­gung der Ar­beits­verhält­nis­se auf den neu­en Ar­beit­ge­ber kann pro­ble­ma­tisch sein, wenn der Ar­beit­neh­mer Ge­werk­schafts­mit­glied ist, der neue Ar­beit­ge­ber aber im Ge­gen­satz zum al­ten Ar­beit­ge­ber nicht an ei­nen vor Be­triebsüber­gang im Be­trieb gel­ten­den Ta­rif­ver­trag ge­bun­den ist. Denn auch durch den Be­triebsüber­gang wird ei­ne un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Ta­rif­bin­dung des Er­wer­bers nicht her­ge­stellt.

Um in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on den vom Ta­rif­ver­trag pro­fi­tie­ren­den Ar­beit­neh­mer vor ei­ner un­mit­tel­ba­ren Ver­schlech­te­rung sei­ner Ar­beits­be­din­gun­gen durch den Be­triebsüber­gang zu schützen, schreibt § 613a Abs. 1 Satz 2 die so­ge­nann­te „Trans­for­ma­ti­on“ der vor Be­triebsüber­gang kraft Ta­rif­ver­trags gel­ten­den Ar­beits­be­din­gun­gen vor. Sie wer­den ver­trag­li­cher Be­stand­teil des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen Be­triebs­er­wer­ber und Ar­beit­neh­mer und können für die Dau­er ei­nes Jah­res nicht zu des­sen Un­guns­ten geändert wer­den.

Im Ein­zel­nen sind die Fol­gen die­ser Re­ge­lung je­doch um­strit­ten. Um die­ses Pro­blem dreht sich auch das vor­lie­gen­de Ur­teil des BAG, das über die Fra­ge zu ent­schei­den hat­te, ob auch ein zwi­schen Be­triebs­veräußerer und Ge­werk­schaft ge­schlos­se­ner Ta­rif­ver­trag beim Be­triebsüber­gang „trans­for­miert“ wird, und ob die Ge­werk­schaft oder so­gar der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer ge­ge­be­nen­falls ein Kündi­gungs­recht bezüglich des Ta­rif­ver­tra­ges ha­ben.

Geltung eines Sanierungstarifvertrages gegenüber Betriebserwerber

Über das Vermögen ei­ner GmbH der Säge­in­dus­trie wur­de im Jah­re 2001 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Bis da­hin gal­ten im Be­trieb die Ta­rif­vertäge für die Säge­in­dus­trie.

En­de Mai 2005 ver­ein­bar­ten die IG Me­tall und der In­sol­venz­ver­wal­ter des Be­trie­bes ei­nen Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag (San-TV), der im Un­ter­schied zum vor­her gel­ten­den Ta­rif­ver­trag im we­sent­li­chen länge­re Ar­beits­zei­ten bei ge­rin­ge­rem Ent­gelt vor­sah.

Am 1.7.2006 er­warb der nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Be­klag­te den Be­trieb. Die IG-Me­tall kündig­te ihm ge­genüber den San-TV. Der Kläger, ein seit 1981 im Be­trieb beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer, Mit­glied der IG-Me­tall „ge­neh­mig­te“ die­se Kündi­gung und kündig­te zu­dem sei­ner­seits die auf den San-TV be­zo­ge­nen Ver­ein­ba­run­gen.

Die Be­klag­te zahl­te des­sen un­ge­ach­tet wei­ter­hin gemäß dem San-TV. Der Kläger er­hob dar­auf­hin Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Duis­burg und for­der­te Be­zah­lung nach dem re­gulären Ta­rif­ver­trag für die Säge­in­dus­trie. Mit dem Be­triebsüber­gang sei die Geschäfts­grund­la­ge des San-TV ent­fal­len, des­halb könne er oder die Ge­werk­schaft ihn kündi­gen. Da er we­der vor dem Ar­beits­ge­richt (AG Duis­burg Ur­teil vom 13.09.2007, 2 Ca 3244/06), noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf Er­folg hat­te (LAG Düssel­dorf Ur­teil vom 14.02.2008, 11 Sa 1922/07), leg­te er Re­vi­si­on beim BAG ein.

BAG: Geschäftsgrundlage von Tarifnormen ist für die Transformation bei Betriebsübergang nicht von Bedeutung

Auch vor dem BAG zog der Kläger den Kürze­ren. So­weit der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung ent­nom­men wer­den kann, stützt sich das BAG auf fol­gen­de Über­le­gun­gen:

Ob mit dem Be­triebsüber­gang die Geschäfts­grund­la­ge für den San-TV weg­ge­fal­len war, spiel­te hier­bei kei­ne Rol­le. Durch die „Trans­for­ma­ti­on“ nach § 613a Abs.1 Satz 2 BGB war nämlich der San-TV le­dig­lich ver­trag­li­cher Be­stand­teil des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen Kläger und Be­klag­ter ge­wor­den. Ei­ne un­mit­tel­ba­re Ta­rif­bin­dung des Er­wer­bers wur­de da­ge­gen nicht be­wirkt. Die IG-Me­tall stand al­so auch nach dem Be­triebsüber­gang in kei­ner­lei Rechts­be­zie­hung zum Er­wer­ber. Schon des­halb konn­te sie ihm ge­genüber den San-TV nicht kündi­gen.

Aber auch der Kläger hat­te kein Kündi­gungs­recht. Da der San-TV in den Ar­beits­ver­trag trans­for­miert war, wäre ei­ne Kündi­gung durch den Ar­beit­neh­mer gleich­be­deu­tend mit ei­ner Teilkündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­we­sen. Ei­ne sol­che Teilkündi­gung ist aber im Ar­beits­recht grundsätz­lich un­zulässig. In der Vor­in­stanz hat das LAG zwar er­wo­gen, dass dies mögli­cher­wei­se an­ders zu be­ur­tei­len wäre, wenn al­le Ar­beit­neh­mer den San-TV dem Er­wer­ber ge­genüber kündig­ten. Den Ge­dan­ken hat es dann al­ler­dings nicht wei­ter aus­geführt, weil im zu be­ur­tei­len­den Fall nur der Kläger die Kündi­gung erklärt hat­te.

Das Er­geb­nis des BAG er­staunt auf den ers­ten Blick, weil hier die Wir­kung des § 613a Abs 1 Satz 1 ent­ge­gen sei­nem ei­gent­li­chen Zweck für den Ar­beit­neh­mer ungüns­tig zu sein scheint.

Dass vor­lie­gend die Trans­for­ma­ti­on des Ta­rif­ver­tra­ges in das Ar­beits­verhält­nis für den Ar­beit­neh­mer letz­lich nach­tei­lig war, liegt je­doch al­lein dar­an, dass es sich bei dem Ta­rif­ver­trag um ei­nen so ge­nann­ten Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag han­del­te. Die­ser wird ge­ra­de im Hin­blick auf ei­ne wirt­schaft­lich schwie­ri­ge Si­tua­ti­on des Un­ter­neh­mens ge­schlos­sen und mu­tet Ar­beit­neh­mern des­halb ge­genüber der zu­vor gel­ten­den Re­ge­lung ty­pi­scher­wei­se Ab­stri­che bei Vergütung und Ar­beits­zeit zu, in der Er­war­tung, da­durch Ent­las­sun­gen ver­hin­dern zu können. Er ist al­so aus­nahms­wei­se ein für den Ar­beit­neh­mer „nach­tei­li­ger Ta­rif­ver­trag“.

Fa­zit: Letz­lich be­ruht die Ent­schei­dung des BAG auf ei­ner am Wort­laut ori­en­tier­ten An­wen­dung des § 613 Abs 1 Satz 1 BGB. Aber auch dem Zweck der Ge­set­zes­vor­schrift dürf­te genügend Rech­nung ge­tra­gen sein. Denn durch die Trans­for­ma­ti­on nach dem Be­triebsüber­gang ver­schlech­ter­ten sich die Ar­beits­be­din­gun­gen des Klägers nicht. Viel­mehr gal­ten die „schlech­te­ren Be­din­gun­gen“ schon vor Be­triebsüber­gang durch den Ab­schluss des San-TV.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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