Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Um­klei­den als Ar­beits­zeit

Be­triebs­rat hat Mit­be­stim­mungs­recht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08
08.03.2010. Der Be­triebs­rat hat ein Mit­be­stim­mungs­recht bei der Fest­le­gung von Be­ginn und En­de der Ar­beits­zeit. Da­bei kann je­doch Streit dar­über be­ste­hen, wel­che Auf­ga­ben über­haupt als "Ar­beit" an­zu­se­hen sind und des­halb für die Ar­beits­zeit re­le­vant sind.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te zu klä­ren, ob und un­ter wel­chen Um­stän­den das Um­klei­den beim Tra­gen von Fir­men­klei­dung "Ar­beit" dar­stellt.

Das hät­te die Fol­ge, dass der Ar­beit­ge­ber nicht oh­ne Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats fest­le­gen darf, dass das Um­klei­den au­ßer­halb der be­trieb­li­chen Ar­beits­zei­ten er­folgt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08.

Mitbestimmung des Betriebsrats in sozialen Angelegenheiten

Der Be­triebs­rat hat ein Mit­be­stim­mungs­recht in al­len An­ge­le­gen­hei­ten, die in § 87 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) auf­geführt sind, d.h. oh­ne den Be­triebs­rat kann der Ar­beit­ge­ber in die­sen Fra­gen nicht ent­schei­den. Darüber hin­aus hat der Be­triebs­rat nor­ma­ler­wei­se ein Initia­tiv­recht, er kann al­so in­iti­ie­ren, dass ei­ne An­ge­le­gen­heit ge­re­gelt wird.

Zu den Mit­be­stim­mungs­an­ge­le­gen­hei­ten nach § 87 Abs.1 Nr.2 Be­trVG zählen un­ter an­de­rem der Be­ginn und das En­de der tägli­chen Ar­beits­zeit ein­sch­ließlich der Pau­sen so­wie die Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit auf die ein­zel­nen Wo­chen­ta­ge. Al­ler­dings darf der Be­triebs­rat nur über die La­ge der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zeit mit­be­stim­men, al­so et­wa über fle­xi­ble Ar­beits­zei­ten, Ar­beits­zeit­kon­ten oder Schicht­ar­beit, nicht je­doch darüber, wie lan­ge die Ar­beits­zeit ins­ge­samt ist.

Pro­ble­ma­tisch ist, ob dem Be­triebs­rat auch dann ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG zu­steht, wenn der Ar­beit­ge­ber Beschäftig­te an­weist, be­stimm­te Auf­ga­ben, et­wa das Um­klei­den, außer­halb der mit dem Be­triebs­rat ab­ge­stimm­ten Ar­beits­zei­ten zu er­le­di­gen. Ei­ner­seits macht der Ar­beit­ge­ber da­mit nämlich von sei­nem Wei­sungs­recht ge­genüber ein­zel­nen Beschäftig­ten ge­brauch, was nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt. An­de­rer­seits legt er da­mit je­doch gleich­zei­tig mit­be­stim­mungs­pflich­tig Be­ginn und En­de der Ar­beits­zeit (neu) fest, wenn das Um­klei­den als „Ar­beit“ an­zu­se­hen ist und des­halb un­ter die Ar­beits­zeit fällt.

Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit der hier be­spro­che­nen Ent­schei­dung (Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08).

Der Fall des Bundesarbeitsgerichts: Arbeitnehmer müssen auffällige Firmenkleidung tragen. Arbeitgeber weist Arbeitnehmer an, sich außerhalb der festgelegten Arbeitszeiten umzukleiden

Der Ar­beit­ge­ber, ein deutsch­land­weit täti­ges schwe­di­sches Ein­rich­tungs­haus, schreibt al­len Ar­beit­neh­mern in ei­ner "Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung Fir­men­klei­dung" vor, be­stimm­te Fir­men­klei­dung in den Far­ben blau-gelb während der Ar­beit zu tra­gen. Er stell­te den Ar­beit­neh­mern im Be­trieb Um­klei­deräume zur Verfügung, da­mit Ar­beit­neh­mer, die die Klei­dung nicht schon zu Hau­se an­le­gen woll­ten, sich im Be­trieb um­zie­hen konn­ten.

Mit dem Be­triebs­rat hat­te der Ar­beit­ge­ber zu­dem ei­ne Ar­beits­zeit­be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­ge­schlos­sen, die die La­ge der Ar­beits­zei­ten re­gel­te, die nach der Be­triebs­vereiba­rung durch Ein- und Aus­stem­peln elek­tro­nisch er­fasst wer­den soll­te. Im Jahr 2007 er­hielt ein Ar­beit­neh­mer von dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ab­mah­nung, weil er sich erst nach dem Um­klei­den aus­ge­stem­pelt hat­te. Der Ar­beit­ge­ber war nämlich der An­sicht, dass das Um­klei­den nicht zur „Ar­beit“ gehörte und des­halb außer­halb der be­zahl­ten Ar­beits­zeit er­fol­gen muss­te.

Der Be­triebs­rat sah in der Auf­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers da­ge­gen ei­ne ein­sei­ti­ge neue Fest­le­gung der La­ge der Ar­beits­zeit und da­mit ei­nen Ver­s­toß ge­gen sein Mit­be­stim­mungs­recht aus § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG.

Der Ar­beit­ge­ber be­kam so­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Bie­le­feld (Be­schluss vom 24.10.2007, 6 BV 32/07) als auch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Be­schluss vom 23.04.2008, 10 TaBV 131/07) recht.

Bundesarbeitsgericht: Betriebshat hat Mitbestimmungsrecht

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­ge­gen gab dem Be­triebs­rat recht. Es be­steht nämlich nach Auf­fas­sung des BAG ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats, wenn der Ar­beit­ge­ber die Beschäftig­ten auf­for­dert, sich außer­halb der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zei­ten um­zu­zie­hen.

Ent­schei­dend ist für das BAG hier­bei wie für die Vor­in­stan­zen, ob das Um­klei­den als Ar­beit an­zu­se­hen ist, mit der Fol­ge, dass das Um­klei­den außer­halb der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zeit dann die Ar­beits­zeit ein­sei­tig durch den Ar­beit­ge­ber ver­legt. Da­bei kommt es dar­auf an, ob das Um­klei­den al­lein im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers er­folgt und da­mit als „Ar­beit“ an­zu­se­hen ist, so das BAG.

Al­ler­dings ver­tritt das BAG im Ge­gen­satz zu den Vor­in­stan­zen die Auf­fas­sung, dass das Um­klei­den al­lein fremdnützig ist und des­halb als „Ar­beit“ an­ge­se­hen wer­den muss. Dies fol­gert das BAG aus der Auffällig­keit der Fir­men­klei­dung. Die Ar­beit­neh­mer hätten bei ei­ner auffälli­gen Fir­men­klei­dung kein ob­jek­ti­ves ei­ge­nes In­ter­es­se, die­se Klei­dung zu tra­gen, so das BAG.

Die Fir­men­klei­dung soll zur Fir­men­kul­tur und zum Mar­ke­ting bei­tra­gen und da­zu die­nen, dass Kun­den in den großen Ver­kaufs­flächen die Verkäufer schnel­ler und leich­ter auf­fin­den können. Wenn Beschäftig­te die Fir­men­klei­dung schon auf dem Ar­beits­weg tra­gen, sei für die Öffent­lich­keit er­kenn­bar, dass sie für das schwe­di­sche Ein­rich­tungs­haus ar­bei­ten. Dies dient je­doch al­lein dem In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers, so das BAG. Un­er­heb­lich fin­det es das BAG des­halb, dass die Hälf­te der Beschäftig­ten die Klei­dung den­noch schon auf dem Ar­beits­weg trägt. Es kommt nämlich auf die ob­jek­ti­ve In­ter­es­sens­la­ge an. Eben so we­nig hält das BAG es des­halb auch für re­le­vant, ob die Klei­dung ein zu­mut­ba­res Aus­se­hen hat, wie der Ar­beit­ge­ber mein­te.

Fa­zit: Wenn der Ar­beit­ge­ber den Beschäftig­ten vor­schreibt, ei­ne auffälli­ge Fir­men­klei­dung zu tra­gen, die den Ar­beit­neh­mer als Beschäftig­ten ei­nes be­stimm­ten Un­ter­neh­mens iden­ti­fi­ziert, ist die Ent­schei­dung, ob das Um­klei­den in­ner­halb oder außer­halb fest­ge­leg­ter Ar­beits­zei­ten zu er­fol­gen hat, mit­be­stim­mungs­pflich­tig. Denn das Tra­gen der­ar­ti­ger Fir­men­klei­dung und da­mit auch das Um­klei­den er­folgt al­lein im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers und ist des­halb als ar­beits­zeit­re­le­van­te „Ar­beit“ an­zu­se­hen.

Die­se Kri­te­ri­en, was als ar­beits­zeit­re­le­van­te Ar­beit an­zu­se­hen ist, gel­ten je­doch nur bei der Fra­ge, ob dem Be­triebs­rat gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­steht. Da­von un­abhängig ist die Fra­ge, ob die für das Um­klei­den benötig­te Zeit als Ar­beits­zeit bzw. Über­stun­den zu vergüten ist und ob das Um­klei­den Ar­beits­zeit im Sin­ne des Ar­beits­zeit­ge­set­zes (Arb­ZG) ist und des­halb mögli­cher­wei­se die zulässi­ge Höchst­ar­beits­zeit über­schrit­ten wird.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 23. Januar 2014

Bewertung: Um­klei­den als Ar­beits­zeit 3.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880