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Un­wirk­sam­keit von Ver­trags­klau­seln, die Über­stun­den mit dem Lohn pau­schal ab­gel­ten

Der for­mu­lar­ver­trag­li­che Aus­schluss je­der ge­son­der­ten Be­zah­lung von Über­stun­den ist we­gen man­geln­der Ver­ständ­lich­keit ("In­trans­pa­renz") der Klau­sel un­wirk­sam: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 11.07.2008, 9 Sa 1958/07

31.10.2008. Vie­le Ar­beit­ge­ber ver­su­chen, ih­re In­ter­es­sen nicht nur beim The­ma Lohn und Ge­halt zu wah­ren, son­dern auch beim The­ma "Klein­ge­druck­tes". Da­her wer­den prak­tisch al­le schrift­li­chen Ar­beits­ver­trä­ge ein­sei­tig vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­ar­bei­tet und stel­len da­her All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) dar.

Als AGB müs­sen sich die vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Klau­seln ei­ne ge­richt­li­che Über­prü­fung ge­fal­len las­sen. Hier kommt es vor al­lem auf Klar­heit und in­halt­li­che An­ge­mes­sen­heit an.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf zu ei­ner ver­brei­te­ten Klau­sel ge­äu­ßert, näm­lich zu ei­ner Über­stun­den­klau­sel, de­ren Zweck der Aus­schluss jeg­li­cher ge­son­der­ten Be­zah­lung von Über­stun­den ist: Der Klau­sel zu­fol­ge soll­ten sämt­li­che Über­stun­den mit dem Fest­ge­halt be­zahlt sein.

Ei­ne sol­che Klau­sel ist un­wirk­sam. Nach An­sicht des LAG Düs­sel­dorf ver­stößt sie ge­gen das in § 307 Abs.1 Satz 2 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ent­hal­te­ne Trans­pa­renz­ge­bot: LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 11.07.2008, 9 Sa 1958/07.

Können arbeitsvertragliche Klauseln die gesonderte Bezahlung von Überstunden ausschließen?

Seit der zum 01.01.2002 in Kraft ge­tre­te­nen Schuld­rechts­re­form sind in Ar­beits­verträgen ent­hal­te­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) ei­ner ge­setz­li­chen bzw. ge­richt­li­chen An­ge­mes­sen­heits­kon­trol­le un­ter­wor­fen. Nach ei­ner Über­g­angs­frist von ei­nem Jahr, d.h. seit dem 01.01.2003, sind die ge­setz­li­chen Kon­troll­vor­schrif­ten der §§ 305 ff. BGB auch auf Alt­verträge, d.h. auf Ar­beits­verträge an­zu­wen­den, die vor dem 01.01.2002 ab­ge­schlos­sen wur­den (Art. 229 § 5 Einführungs­ge­setz zum Bürger­li­chen Ge­setz­buch - EGBGB).

Vor­aus­set­zung für die Kon­trol­le der An­ge­mes­sen­heit von ar­beits­ver­trag­li­chen Klau­seln ist, dass sie von ei­ner Ver­trags­par­tei, ty­pi­scher­wei­se vom Ar­beit­ge­ber, vor­for­mu­liert sind und der an­de­ren Ver­trags­par­tei, in der Re­gel dem Ar­beit­neh­mer, ein­sei­tig zur An­nah­me ge­stellt wer­den (dann han­delt es sich um AGB), und dass die­se Klau­seln ih­rem In­halt nach von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen oder die­se ergänzen (§ 307 Abs.3 Satz 1 BGB).

Preis­re­ge­lun­gen sind dem­nach kei­ne AGB, da sie von kei­nen Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen (für die al­ler­meis­ten Verträge gibt es nämlich kei­ne Preis­vor­schrif­ten), und weil die AGB-Kon­trol­le außer­dem auf ver­trag­li­che Ne­ben­ab­re­den zu­ge­schnit­ten ist, d.h. die von den Ver­trags­par­tei­en ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen über ih­re Haupt­leis­tungs­pflich­ten nicht er­fas­sen.

Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­tro­vers darüber dis­ku­tiert, ob vom Ar­beit­ge­ber vor­for­mu­lier­te ar­beits­ver­trag­li­che Ab­gel­tungs­klau­seln, de­nen zu­fol­ge Über­stun­den bzw. Mehr­ar­beit mit dem re­gulären Lohn pau­schal ab­ge­gol­ten sein sol­len, als AGB auf ih­re An­ge­mes­sen­heit hin über­prüft wer­den können – und wenn ja, mit wel­cher Be­gründung.

Hier kann man der Mei­nung sein, sol­che Klau­seln sei­en Preis­ab­spra­chen, da sie bei Schwan­kun­gen des Um­fangs der ge­leis­te­ten Ar­beit den Ge­samt­lohn kon­stant hal­ten und da­mit den St­un­den­lohn verändern. Die­ser An­sicht zu­fol­ge können Ab­gel­tungs­klau­seln – als Preis­ab­spra­chen - nur mit dem Ar­gu­ment recht­lich zu Fall ge­bracht wer­den, dass sie nicht klar und verständ­lich sei­en und den Ar­beit­neh­mer aus die­sem Grun­de un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­lig­ten (§ 307 Abs.1 Satz 2, Abs.3 Satz 2 BGB).

Ist man da­ge­gen der An­sicht, Ab­gel­tungs­klau­seln sei­en ver­trag­li­che Ne­ben­be­stim­mun­gen, die nur in­di­rekt auf das Verhält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ein­wirk­ten, können sie wie je­de „gewöhn­li­che“ AGB-Klau­sel auf ih­re in­halt­li­che An­ge­mes­sen­heit über­prüft wer­den. Die­ser Mei­nung zu­fol­ge sind Ab­gel­tungs­klau­seln ins­be­son­de­re dar­auf­hin zu über­prüfen, ob sie mögli­cher­wei­se auf ei­ne in­halt­lich bzw. sach­lich un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­lung des Ar­beit­neh­mers hin­aus­lau­fen (§ 307 Abs.1 Satz 1 BGB).

Die Fra­ge nach der recht­li­chen Wirk­sam­keit von auf Über­stun­den be­zo­ge­nen Ab­gel­tungs­klau­seln ist von er­heb­li­cher prak­ti­scher Be­deu­tung, da Ab­gel­tungs­klau­seln ei­nem verständ­li­chen Bedürf­nis des Ar­beit­ge­bers ent­spre­chen und da­her weit ver­brei­tet sind: Will der Ar­beit­ge­ber ver­mei­den, dass er häufig statt der ver­ein­bar­ten Fest­vergütung ei­ne va­ria­ble, nämlich auf der An­zahl der ge­leis­te­ten Über­stun­den ba­sie­ren­de Lohn­ab­rech­nung er­stel­len und da­bei mögli­cher­wei­se über den Um­fang der zu vergüten­den Über­stun­den mit dem Ar­beit­neh­mer dis­ku­tie­ren muss, bie­tet sich ei­ne Ab­gel­tungs­klau­sel an, da sie bei­den Par­tei­en Ge­wiss­heit über den zu zah­len­den Lohn ver­schafft.

Zu der Fra­ge, ob auf Über­stun­den be­zo­ge­ne Ab­gel­tungs­klau­seln als ar­beits­ver­trag­li­che AGB ei­ner recht­li­chen An­ge­mes­sen­heits­kon­trol­le un­ter­lie­gen und wie die­se Kon­trol­le vor­zu­neh­men ist, hat sich das LAG Düssel­dorf mit Ur­teil vom 11.07.2008 (9 Sa 1958/07) geäußert.

Der Streitfall: Arbeitnehmer ist zu Mehr-, Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit "im zulässigen Umfang" verpflichtet, doch soll "alle anfallende Mehrarbeit" mit dem Gehalt abgegolten sein

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war bei der Be­klag­ten, die ein pri­va­tes Bus­un­ter­neh­men be­treibt, von Ok­to­ber 1999 bis April 2007 als Om­ni­bus­fah­rer beschäftigt und wur­de im Li­ni­en- und Ge­le­gen­heits­ver­kehr ein­ge­setzt.

Nach Ziff. 1.6 des Ar­beits­ver­tra­ges war er „zu Mehr-, Nacht-, Sonn- und Fei­er­tags­ar­beit im zulässi­gen Um­fang ver­pflich­tet“. Zif­fer 6.a) leg­te den Mo­nats­brut­to­lohn auf 3.700,00 DM fest. Gemäß Ziff. 6.b) soll durch den Wo­chen/Mo­nats­lohn „al­le an­fal­len­de Mehr­ar­beit ab­ge­gol­ten“ sein.

Sch­ließlich ent­hielt der Ar­beits­ver­trag ei­ne ergänzen­de In­be­zug­nah­me der Ta­rif­verträge für die ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer im Om­ni­bus­ver­kehr in der je­wei­li­gen Fas­sung. Nach dem dem­zu­fol­ge ein­schlägi­gen Man­tel­ta­rif­ver­trag (MTV) für die Ar­beit­neh­mer des pri­va­ten Om­ni­bus­ge­wer­bes des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len vom 24.05.2005 beträgt die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit 38,5 St­un­den.

En­de 2006 ver­lang­te der Kläger mit zwei an­walt­li­chen Schrei­ben Zah­lung von Zu­schlägen für Sonn­tags- und Fei­er­tags­ar­beit nach Maßga­be der Re­ge­lun­gen des MTV. Außer­dem mach­te er mit An­walts­schrei­ben vom Mai 2007 Über­stun­den­vergütung gel­tend. Da die Ar­beit­ge­be­rin Zah­lung ver­wei­ger­te, zog der Kläger vor das Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf. Die­ses gab sei­ner Zah­lungs­kla­ge teil­wei­se statt und wies sie über­wie­gend ab (Ur­teil vom 05.09.2007, 10 Ca 1917/07), wo­bei es die auf Über­stun­den be­zo­ge­ne ver­trag­li­che Ab­gel­tungs­klau­sel für un­wirk­sam hielt. Ge­gen die (teil­wei­se) Kla­ge­ab­wei­sung ging der Kläger mit der Be­ru­fung zum Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf vor.

LAG Düsseldorf: Klausel zur Pauschalabgeltung von Überstunden verstößt gegen das Recht der allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB-Recht)

Das LAG Düssel­dorf gab der Be­ru­fung teil­wei­se statt und bestätig­te da­mit die Aus­sa­ge des Ar­beits­ge­richts bezüglich der Wirk­sam­keit der Ab­gel­tungs­klau­sel (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 11.07.2008, 9 Sa 1958/07).

Als Be­gründung sei­ner An­sicht, der zu­fol­ge die ar­beits­ver­trag­li­che Pau­scha­li­sie­rungs­klau­sel un­wirk­sam sei, ver­weist das LAG auf das in § 307 Abs.1 Satz 2 BGB ent­hal­te­ne Trans­pa­renz­ge­bot. Da­nach sind AGB-Be­stim­mun­gen un­wirk­sam, die den Ver­trags­part­ner un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen, weil sie nicht klar und verständ­lich sind. Mit dem BAG sei zu fra­gen, ob der Kläger In­halt und Um­fang sei­ner Rech­te durch­schau­en und ver­ste­hen könne. Dies war hier nach An­sicht des LAG nicht der Fall.

Aus Ziff. 1.6. des Ar­beits­ver­trags sei nämlich nur er­sicht­lich, dass der Kläger zu Mehr­ar­beit in­ner­halb der ge­setz­li­chen, durch § 3 Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) ge­zo­ge­nen, so­wie der ta­rif­ver­trag­li­chen Gren­zen ver­pflich­tet sei. Es blei­be je­doch of­fen, wel­che Ge­gen­leis­tung er dafür er­hal­ten sol­le. Die Be­klag­te hätte dies z.B. durch An­ga­be der mo­nat­lich mit dem Lohn ab­ge­gol­te­nen Mehr­ar­beits­stun­den kon­kre­ti­sie­ren können.

In die­sem Fall sei der Kläger in der La­ge ge­we­sen, aus dem Mo­nats­lohn sei­nen St­un­den­lohn zu be­rech­nen und zu er­ken­nen, wel­che Ent­loh­nung er für Mehr­ar­beit er­hal­te. Da er die­se In­for­ma­ti­on dem Ar­beits­ver­trag nicht ent­neh­men könne, sei er ent­ge­gen dem Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs.1 Satz 2 BGB un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt. Da­her sei die Re­ge­lung un­wirk­sam.

Im Wei­te­ren zog das LAG zur Be­stim­mung der Höhe der Über­stun­den­vergütung, die es dem Kläger zu­sprach, § 612 Abs.1 BGB her­an. Der Kläger dürfe, so das LAG, er­war­ten, für sei­ne Ar­beit ei­ne Vergütung zu er­hal­ten. Man­gels an­der­wei­ti­ger An­halts­punk­te sei als „übli­che Vergütung“ im Sin­ne von § 612 Abs.2 BGB die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Vergütung zu­grun­de zu le­gen.

Kri­tisch ist zu die­ser Be­gründung für die Un­wirk­sam­keit der strei­ti­gen Klau­sel an­zu­mer­ken, dass die Ab­gel­tungs­klau­sel ent­ge­gen den ge­wun­de­nen Über­le­gun­gen des Ge­richts al­les an­de­re als un­klar oder un­verständ­lich ist. Tatsächlich ist die­se Klau­sel zwar ein­sei­tig im Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­se ge­stal­tet, aber – ge­ra­de des­halb! – oh­ne Wei­te­res klar und verständ­lich ge­fasst, in­dem sie nämlich be­sagt, dass Mehr­ar­beit in den Gren­zen des § 3 Arb­ZG zu leis­ten ist und nicht zusätz­lich vergütet wer­den, son­dern mit dem Ge­halt ab­ge­gol­ten sein soll. Un­klar ist nicht die hier in Re­de ste­hen­de Klau­sel, son­dern die vom LAG ge­ge­be­ne Be­gründung ih­rer an­geb­li­chen Un­verständ­lich­keit.

Dass das LAG ei­nen ge­ne­rel­len Aus­schluss der Be­zah­lung von Über­stun­den als un­an­ge­mes­sen be­trach­tet, ist im Er­geb­nis nicht zu be­an­stan­den, soll­te aber mit in­halt­li­chen Über­le­gun­gen be­gründet wer­den und nicht mit der geküns­telt wir­ken­den Be­haup­tung der Un­klar­heit der Ab­gel­tungs­klau­sel. Die­se Re­ge­lung ist als Preis­ne­ben­ab­re­de an­zu­se­hen, die als sol­che der AGB-Kon­trol­le un­ter­liegt. Die - mit­tel­ba­re - Aus­wir­kung auf den ver­ein­bar­ten Preis der Ar­beit re­sul­tiert aus der je nach Um­fang der Über­stun­den schwan­ken­den Höhe des St­un­den­lohns. Da es der Ar­beit­ge­ber durch ex­zes­si­ve An­ord­nung von Über­stun­den in der Hand hat, das Verhält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung in er­heb­li­chem Um­fang zu sei­nen Guns­ten zu ver­schie­ben, liegt in die­ser Klau­sel ei­ne (in­halt­lich) un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers.

Das LAG Düssel­dorf ließ we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der An­ge­le­gen­heit die Re­vi­si­on zu. Sie ist der­zeit beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) anhängig (5 AZR 678/08). Es wäre zu wünschen, dass das BAG oh­ne den Um­weg über § 307 Abs.1 Satz 2 BGB die Un­an­ge­mes­sen­heit der Re­ge­lung aus § 307 Abs.1 Satz 1 BGB her­lei­ten würde.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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