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Ur­teils­grün­de im Fall "Em­me­ly" - frist­lo­se Kün­di­gung we­gen 1,30 EUR

Be­ru­fungs­ge­richt geht von er­wie­se­ner vor­sätz­li­cher Tat­be­ge­hung aus: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 24.02.2009, 7 Sa 2017/08

22.04.2009. Der Fall der Ber­li­ner Kai­ser´s-Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra ("Em­me­ly") Em­me hat­te im Fe­bru­ar und März 2009 bun­des­weit für Auf­se­hen ge­sorgt.

Ihr Ar­beit­ge­ber hat­te ihr we­gen ei­nes an­geb­li­chen Dieb­stahls bzw. der Un­ter­schla­gung zwei­er Leer­gut­bons im Wert von 1,30 EUR frist­los ge­kün­digt, ob­wohl sie be­reits mehr als 30 Jah­re lang be­schäf­tigt war. Und so­wohl das Ar­beits­ge­richt Ber­lin als auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg hat­ten ge­gen Frau Em­me ge­ur­teilt, d.h. die Kün­di­gung als rech­tens be­wer­tet.

Die mitt­ler­wei­le vor­lie­gen­de schrift­li­che Ur­teils­be­grün­dung des LAG zeigt al­ler­dings, dass der Fall bzw. das Ver­hal­ten Frau Em­mes Be­son­der­hei­ten auf­weist, die - trotz der teil­wei­se hef­ti­gen Ur­teils­kri­tik - ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung al­les an­de­re als ab­we­gig er­schei­nen las­sen: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 24.02.2009, 7 Sa 2017/08.

Der Streitfall: Fristlose Kündigung nach 30 Jahren wegen 1,30 EUR, aber auch wegen beharrlichen Lügens und des Anschwärzens einer Kollegin

Die seit 1977 bei Kai­ser´s beschäftig­te Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra Em­me, von ih­ren Kol­le­gin­nen und Freun­den Em­me­ly ge­nannt, hat­te im Jah­re 2008 auf­grund ei­nes vom Ar­beit­ge­ber be­haup­te­ten Vermögens­de­likts ih­ren Job ver­lo­ren. Kai­ser´s be­haup­te­te nämlich, die Kas­sie­re­rin ha­be zwei von Kun­den im La­den ver­lo­re­ne Leer­gut­bons im Wert von zu­sam­men 1,30 EUR (!) wi­der­recht­lich an sich ge­nom­men und an der Kas­se ein­gelöst, um die 1,30 EUR für sich zu be­hal­ten.

Dar­auf­hin sprach Kai­ser´s nach vor­he­ri­ger mehr­fa­cher Anhörung der Kas­sie­re­rin ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung, hilfs­wei­se ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung aus, wo­bei man sich in ers­ter Li­nie auf den (an­geb­lich er­wie­se­nen) Dieb­stahl und in zwei­ter Li­nie bzw. hilfs­wei­se auf den drin­gen­den Tat­ver­dacht be­rief, d.h. Kai­ser´s sprach ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Tat- und ei­ne Ver­dachtskündi­gung aus.

Die Ein­zel­hei­ten des Vor­gangs, der zur Kündi­gung führ­te, fin­den Sie in un­se­rem Bei­trag Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/028 Frist­lo­se Kündi­gung we­gen 1,30 EUR bestätigt.

Das Ar­beits­ge­richt wies die ge­gen die Kündi­gung vom 22.02.2008 er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ab. Die Kündi­gung sei als Ver­dachtskündi­gung ge­recht­fer­tigt. Auch das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schied ge­gen die kla­gen­de Kas­sie­re­rin, d.h. es erklärte die Kündi­gung für rech­tens.

Die­se bei­den Ent­schei­dun­gen, vor al­lem die in der zwei­ten In­stanz er­gan­ge­ne Ent­schei­dung des LAG, lösten ei­ne bun­des­wei­te Dis­kus­si­on über die Be­rech­ti­gung von Kündi­gun­gen auf­grund ge­ringfügi­ger Vermögens­de­lik­te aus (wir be­rich­te­te darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/031 Der Fall „Em­me­ly“ als Po­li­ti­kum).

LAG Berlin-Brandenburg: Frau Emme hat die beiden Kunden-Pfandbons entwendet, um sie für sich einzulösen

Das LAG geht zunächst in Übe­rein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) da­von aus, dass ein vom Ar­beit­neh­mer zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers be­gan­ge­nes Vermögens­de­likt in der Re­gel Grund ge­nug für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus „wich­ti­gem Grund“ nach § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) sei. Ein Ar­beit­neh­mer, der straf­ba­re Hand­lun­gen zu­las­ten des Vermögens sei­nes Ar­beit­ge­bers be­ge­he, ver­let­ze sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten schwer­wie­gend und miss­brau­che das in ihn ge­setz­te Ver­trau­en er­heb­lich.

An­ders als dies in der öffent­li­che Mei­nung und in der Kri­tik an den bei­den Ur­tei­len im Fall Em­me­ly teil­wei­se ge­se­hen wird, ist das LAG der Mei­nung, dass der Wert ei­ner dem Ar­beit­ge­ber ge­stoh­le­nen Sa­che bei der Prüfung der Wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung kei­ne Rol­le spie­le. Auch dann, wenn ein zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers be­gan­ge­nes Vermögens­de­likt ge­ring­wer­ti­ge Din­ge be­tref­fe, sei das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers „an sich“ als ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ge­eig­net.

Das LAG setzt sich so­dann mit der ju­ris­ti­schen Kri­tik der Kläge­rin bzw. ih­rer ge­werk­schaft­li­chen Pro­zeßbe­vollmäch­tig­ten an der Rechts­fi­gur der Ver­dachtskündi­gung aus­ein­an­der. Die Be­son­der­heit die­ser Va­ri­an­te ei­ner (meist außer­or­dent­li­chen) Kündi­gung be­steht dar­in, dass schon der gra­vie­ren­de Ver­dacht ei­ner straf­ba­ren Hand­lung zur Kündi­gung be­rech­ti­gen soll.

Hier meint das Ge­richt in Übe­rein­stim­mung der mit der prak­tisch all­ge­mei­nen Auf­fas­sung un­ter Ju­ris­ten, dass die ge­gen die Möglich­keit ei­ner Ver­dachtskündi­gung ge­rich­te­ten Einwände nicht über­zeu­gen könn­ten (Ein­zel­hei­ten hier­zu fin­den Sie in: Hand­buch Ar­beits­recht, Stich­wort Ver­dachtskündi­gung).

Im vor­lie­gen­den Fall muss­te sich das LAG aber im Er­geb­nis gar nicht zu der Fra­ge po­si­tio­nie­ren, ob die ge­gen das Rechts­in­sti­tut der Ver­dachtskündi­gung ge­rich­te­ten Einwände rich­tig oder falsch sind, da es - an­ders als die ers­te In­stanz - der Über­zeu­gung war, die Kas­sie­re­rin ha­be die ihr vor­ge­wor­fe­ne straf­ba­re Un­ter­schla­gung tatsächlich be­gan­gen.

Ob ei­ne Kündi­gung we­gen des bloßen Ver­dachts, zwei Leer­gut­bons im Wert von zu­sam­men 1,30 EUR un­ter­schla­gen oder ge­stoh­len zu ha­ben, als Kündi­gungs­grund aus­rei­chend sein kann oder nicht, muss­te das LAG da­her nicht ent­schei­den, da es die Kündi­gung als sog. Tatkündi­gung, d.h. we­gen des zur Über­zeu­gung des Ge­richts fest­ste­hen­den Tat­vor­wurfs für rech­tens hielt.

Das LAG nahm da­bei ei­ne um­fang­rei­che Würdi­gung der Zeu­gen­aus­sa­ge ei­ner Kol­le­gin der gekündig­ten Kas­sie­re­rin vor.

Die­se Ar­beits­kol­le­gin hat­te die ihr von der Kläge­rin über­reich­ten Pfand­bons am 22.01.2008 über den Scan­ner an der Kas­se ge­zo­gen. Die die Kläge­rin be­las­ten­den Aus­sa­gen die­ser Ar­beits­kol­le­gin be­ur­teil­te das LAG als glaub­haft.

Da­bei wur­de der Kläge­rin an­ge­krei­det, dass sie sich wech­sel­haft ein­ge­las­sen hat­te. So hat­te sie in der ers­ten In­stanz den Vor­trag der Be­klag­ten zum Auf­fin­den der Leer­gut­bons zunächst be­strit­ten und be­haup­tet, dass sich die­ser Vor­gang im Sep­tem­ber/Ok­to­ber 2007 er­eig­net ha­be.

Vor dem LAG hielt sie die­sen Vor­trag aber nicht mehr auf­recht und erklärte, es sei zwi­schen ihr und ih­rem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zu ei­nem Miss­verständ­nis ge­kom­men. Das LAG hielt der Kläge­rin an die­sem Punkt vor, ih­re pro­zes­sua­le Wahr­heits­pflicht ver­letzt zu ha­ben, d.h. den Vor­trag der Be­klag­ten der Wahr­heit zu­wi­der so­lan­ge be­strit­ten zu ha­ben, wie sie sich da­von ei­nen Vor­teil er­hofft hätte.

Das LAG sah in dem aus sei­ner Sicht fest­ste­hen­den straf­ba­ren Ver­hal­ten der Kläge­rin ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB, da sie die Leer­gut­bons an sich ge­nom­men und durch de­ren Einlösen ver­sucht ha­be, sich zu Las­ten ih­res Ar­beit­ge­bers ei­nen rechts­wid­ri­gen Vermögens­vor­teil zu ver­schaf­fen.

Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung sei im vor­lie­gen­den Fall nicht nötig ge­we­sen. Zwar sein ei­ne Ab­mah­nung nach dem Verhält­nismäßig­keits­prin­zip in der Re­gel vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung ge­bo­ten. Sie sei al­ler­dings aus­nahms­wei­se dann nicht er­for­der­lich, wenn die Pflicht­ver­let­zung so gra­vie­rend sei, dass die Rechts­wid­rig­keit für den Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res er­kenn­bar und ei­ne Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen sei.

Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen war ei­ne Ab­mah­nung nach An­sicht des LAG im vor­lie­gen­den Fall nicht nötig. Die Kläge­rin ha­be als Kas­sie­re­rin ih­re ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten „auf das Schwers­te ver­letzt“, in­dem sie durch die Weg­nah­me und das Einlösen der Pfand­bons ein Vermögens­de­likt ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber be­gan­gen ha­be.

Es sei für die Kläge­rin klar ge­we­sen, dass sie nicht be­fugt ge­we­sen sei, die ihr an­ver­trau­ten Pfand­bons an sich neh­men und für ei­nen ei­ge­nen Ein­kauf ein­zulösen. Sie sei seit vie­len Jah­ren bei der Be­klag­ten beschäftigt und ha­be sich da­her mit dem Um­gang von Pfand­bons aus­ge­kannt.

Auf et­wai­ge Un­klar­hei­ten der Or­ga­ni­sa­ti­ons­an­wei­sun­gen zum Um­gang mit Fund­geld ha­be sie sich nicht be­ru­fen können. Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­an­wei­sung se­he vor, dass auch Pfand­bons mit Beträgen un­ter 1,00 EUR ab­zu­ge­ben sei­en. Außer­dem ha­be der Markt­lei­ter ein­deu­ti­ge An­wei­sun­gen zum Um­gang mit Pfand­bons er­teilt.

In­fol­ge der Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung ha­be die Kläge­rin nicht da­von aus­ge­hen können, dass die Be­klag­te die­ses Ver­hal­ten auch nur ein­ma­lig hin­neh­men oder dul­den wer­de.

Auch bei Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen be­ur­teil­te das Ge­richt das In­ter­es­se von Kai­ser´s an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als vor­ran­gig.

Zwar sei zu Guns­ten der Kläge­rin ei­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit von 31 Jah­ren, ei­ne aus­sch­ließli­che Tätig­keit für die Be­klag­te und auch de­ren Al­ter zur Be­ur­tei­lung der (schlech­ten) Chan­cen auf dem Ar­beits­markt an­zuführen. Auch sei der Be­klag­ten mit 1,30 EUR kein nen­nens­wer­ter Scha­den ent­stan­den.

Auf der an­de­ren Sei­te sei zu Guns­ten von Kai­ser´s zu berück­sich­ti­gen, dass nicht al­lein oder in ers­ter Li­nie der Um­fang der vom Ar­beit­neh­mer ver­ur­sach­ten Schädi­gung ent­schei­dend sei, son­dern der durch die Straf­tat ein­ge­tre­te­ne Ver­trau­ens­ver­lust. Auch müsse und dürfe ein Ar­beit­ge­ber ge­ra­de im Ein­zel­han­del präven­ti­ve Ge­sichts­punk­te be­ach­ten.

Die Abwägung ge­he da­her zu Guns­ten der Be­klag­ten aus, d.h. de­ren In­ter­es­se an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wie­ge schwe­rer. Ins­be­son­de­re die Tätig­keit der Kläge­rin als Kas­sie­re­rin er­for­de­re ei­ne „ab­so­lu­te Zu­verlässig­keit und Kor­rekt­heit im Um­gang mit der Kas­se“. Die Ar­beit­ge­be­rin müsse sich dar­auf ver­las­sen können, dass sich die bei ihr beschäftig­ten Kas­sie­re­rin­nen stets kor­rekt ver­hal­ten.

Er­schwe­rend sei beim The­ma Ver­trau­ens­ver­lust zu berück­sich­ti­gen, dass die Kläge­rin das Einlösen der Pfand­bons ent­ge­gen ih­rer im Pro­zess be­ste­hen­den Wahr­heits­pflicht be­harr­lich ab­ge­strit­ten, un­be­tei­lig­te Per­so­nen als mögli­che „Quel­le“ der Leer­gut­bons ge­nannt und so­gar ver­sucht ha­be, den Ver­dacht auf Kol­le­gen zu len­ken.

Die Kündi­gung ver­s­toße auch nicht ge­gen das Maßre­ge­lungs­ver­bot, da die Kas­sie­re­rin nicht we­gen ei­ner Streik­teil­nah­me gekündigt wor­den sei. Die Be­klag­te ha­be viel­mehr so re­agiert, wie dies je­des Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men un­abhängig von ei­ner et­wai­gen Streik­be­tei­li­gung ge­tan hätte.

Fazit: Bagatelldelikte können auch künftig eine fristlose Kündigung nach sich ziehen, aber die Gerichte sollten die beiderseitigen Interessen im Einzelfall ergebnisoffen abwägen

Die oben erwähn­te öffent­li­che De­bat­te über die Be­rech­ti­gung frist­lo­ser ver­hal­tens­be­ding­ter Kündi­gun­gen bei Vermögens­de­lik­ten im Ba­ga­tell­be­reich wird mitt­ler­wei­le auch un­ter Ar­beits­recht­lern geführt. Ver­ein­zelt wird vor­ge­schla­gen, die bei der Straf­ver­fol­gung gel­ten­den Ba­ga­tell­gren­zen auch im Ar­beits­recht an­zu­wen­den.

In die­se Rich­tung ge­hen­de Vor­schläge wer­den sich al­ler­dings al­ler Wahr­schein­lich­keit nach nicht durch­set­zen, da ein Ar­beit­ge­ber nun ein­mal nicht der Staat ist. Was dem Staat bei der Straf­ver­fol­gung sinn­voll er­scheint, nämlich die fak­ti­sche Sank­ti­ons­lo­sig­keit bei erst­ma­lig be­gan­ge­nen Ba­ga­tell­de­lik­ten, ist ei­nem (oft „klei­nen“) Ar­beit­ge­ber nicht zu­zu­mu­ten.

Rich­tig ist al­ler­dings, dass die Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te in Strei­tig­kei­ten von der Art des Fal­les „Em­me­ly“ nicht im­mer an­ge­mes­sen ist. Kor­rek­tur­be­darf be­steht aus un­se­rer Sicht vor al­lem in zwei Hin­sich­ten:

Ers­tens wäre zu wünschen, dass Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te in Zu­kunft kri­ti­scher als bis­lang die vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­brach­ten In­di­zi­en für an­geb­li­che kri­mi­nel­le Ab­sich­ten des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers über­prüfen. Ein Bei­spiel: Wer als Außen­dienst­mit­ar­bei­ter sehr gut ver­dient, wäre schon mehr als „doof“, wenn er es im Rah­men ei­ner Rei­se­kos­ten­ab­rech­nung dar­auf an­le­gen würde, sei­nen Ar­beit­ge­ber um 5,00 EUR Park­gebühren zu betrügen.

Sol­che Vorgänge, die von Ar­beit­ge­bern oft mit er­heb­li­chem „de­tek­ti­vi­schem“ Auf­wand dem Ge­richt un­ter­brei­tet wer­den, genügen lei­der bis­her in al­ler Re­gel, um auch lang­ge­dien­te, gut ver­die­nen­de und bis­lang völlig „ho­no­ri­ge“ Ar­beit­neh­mer vor Ge­richt mit Er­folg als (Klein-)Kri­mi­nel­le hin­zu­stel­len. Hier soll­ten sich Ar­beits­rich­ter ein­mal über­le­gen, ob sie der­ar­ti­ge „Vorfälle“ auch als aus­rei­chen­den An­halts­punkt für die kri­mi­nel­le Ab­sicht ei­nes ih­rer Rich­ter­kol­le­gen an­se­hen würden.

Zwei­tens soll­te man die In­ter­es­sen­abwägung viel erns­ter neh­men als dies bis­lang ge­schieht. Der Fall „Em­me­ly“ macht deut­lich, dass die lan­ge Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nem Ar­beit­neh­mer prak­tisch nichts nützt, wenn ihm ein (klein-)kri­mi­nel­les De­likt vor­ge­hal­ten wird. In er Pra­xis ver­kommt die „Abwägung“ des Ar­beit­neh­mer­inter­es­ses am Fort­be­stand sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­se an ei­ner Ver­trags­auflösung oft zu ei­nem „Ge­hu­be­re“ mit be­reits vor­ab fest­ste­hen­dem, nämlich zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers ge­hen­dem Er­geb­nis.

Auch hier soll­te die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ar­beit­ge­ber­sei­te, durch das be­haup­te­te Vermögens­de­likt sei ein ir­re­pa­ra­bler Ver­trau­ens­ver­lust ein­ge­tre­ten, kri­ti­scher als bis­her über­prüft wor­den. Vor­aus­set­zung für ei­ne zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ge­hen­de In­ter­es­sen­abwägung ist da­bei al­ler­dings auch in Zu­kunft, dass sich der gekündig­te Ar­beit­neh­mer ab­so­lut of­fen und da­her über­zeu­gend zu sei­nen mögli­cher­wei­se wirk­lich be­gan­ge­nen, „klei­nen“ Ver­feh­lun­gen verhält.

Im Fall „Em­me­ly“ ha­ben das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt un­se­rer Mei­nung nach letzt­lich rich­tig ent­schie­den.

Denn ers­tens konn­te die Kas­sie­re­rin die ge­gen sie be­ste­hen­den Ver­dachts­mo­men­te nicht ent­kräften, d.h. hier be­stand ei­ne über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit, dass sie das ihr vor­ge­hal­te­ne De­likt tatsächlich be­gan­gen hat­te.

Und zwei­tens hat­te sie sich nach Be­kannt­wer­den des Vor­falls nicht of­fen und ehr­lich ver­hal­ten, son­dern sich mit ver­schie­de­nen, teil­wei­se wi­dersprüchli­chen An­ga­ben im­mer un­glaubwürdi­ger ge­macht. Hätte sie an­ders ge­han­delt, d.h. den Vor­fall of­fen ein­geräumt, hätte die In­ter­es­sen­abwägung wohl zu ih­ren Guns­ten aus­ge­hen müssen.

Denn die Un­ter­schla­gung zwei­er von ei­nem Kun­den ver­lo­re­nen Leer­gut­bons im Wert von 1,30 EUR, die zu­dem in sol­chen Fällen prak­tisch nie vom Be­rech­tig­ten zurück­ver­langt wer­den, ist ein Vor­fall, der ge­genüber an­de­ren denk­ba­ren Pflicht­verstößen ei­ner Kas­sie­re­rin so vie­le „er­leich­tern­de“ Be­son­der­hei­ten auf­weist, dass ei­ne dar­auf gestütz­te Kündi­gung bei ei­nem über 30 Jah­re lang be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis kaum an­ge­mes­sen er­scheint.

Es bleibt ab­zu­war­ten, was die gekündig­te Kas­sie­re­rin ge­gen die Ent­schei­dung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg un­ter­neh­men wird. Da das Ge­richt die Re­vi­si­on zum BAG nicht zu­ge­las­sen hat, bleibt zunächst nur die Möglich­keit, ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim BAG zu er­he­ben mit dem Ziel, dass das BAG die Re­vi­si­on zulässt.

Da die we­sent­li­chen, d.h. ur­teilstra­gen­den Über­le­gun­gen des LAG al­ler­dings in ei­ner Be­wer­tung der in die­sem kon­kre­ten Fall maßgeb­li­chen Be­wei­se be­ste­hen und die vom Ge­richt im übri­gen zi­tier­ten all­ge­mei­nen Rechts­grundsätze nicht wirk­lich um­strit­ten sind, dürf­te ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nur ge­rin­ge Er­folgs­aus­sich­ten ha­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt über den Fall ent­schie­den und zunächst die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen, die das LAG Frau Em­me ver­wehrt hat­te, und so­dann das LAG-Ur­teil auf­ge­ho­ben und der Kläge­rin Bar­ba­ra Em­me Recht ge­ge­ben. Die Ent­schei­dun­gen des BAG und ei­ne Be­spre­chung fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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