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Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zu per­so­nel­len Maß­nah­men oh­ne Un­ter­schrift

Der Be­triebs­rat kann sei­ne Zu­stim­mung zu ei­ner per­so­nel­len Maß­nah­me in Text­form ver­wei­gern, d.h. die ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Un­ter­schrift ist nicht im­mer nö­tig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 09.12.2008, 1 ABR 79/07

09.06.2009. Ver­wei­gert der Be­triebs­rat sei­ne Zu­stim­mung zu ei­ner per­so­nel­len Maß­nah­me ge­mäß § 99 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz in ei­nem aus­führ­li­chen Schrei­ben, dem je­doch ei­ne Un­ter­schrift des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den fehlt, hat der Be­triebs­rat die ge­setz­li­chen For­mer­for­der­nis­se er­füllt, die an ei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung zu stel­len sind.

Nach dem Ge­setz muss die Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zwar "schrift­lich" er­klärt wer­den und ei­ne schrift­li­che Er­klä­rung liegt nor­ma­ler­wei­se nur bei ei­ner ei­gen­hän­di­gen Un­ter­schrift des Er­klä­ren­den vor.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) al­ler­dings auch ein Schrei­ben oh­ne Un­ter­schrift gel­ten las­sen: BAG, Be­schluss vom 09.12.2008, 1 ABR 79/07.

Ist die Verweigerung der Zustimmung zu einer personellen Einzelmaßnahme nur wirksam, wenn die Zustimmungsverweigerung unterschrieben ist?

Für Ein­stel­lun­gen, Ein- und Um­grup­pie­run­gen und Ver­set­zun­gen braucht der Ar­beit­ge­ber gemäß § 99 Abs. 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des Be­triebs­rats, da die Maßnah­me an­sons­ten recht­lich un­zulässig ist. Ver­wei­gert der Be­triebs­rat die Zu­stim­mung, was er bin­nen ei­ner Wo­che nach ent­spre­chen­der Anhörung und un­ter Be­zug­nah­me auf sechs ge­setz­lich ge­nann­te Ver­wei­ge­rungs­gründe tun kann, muss der Ar­beit­ge­ber vor Ge­richt zie­hen und die Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats be­an­tra­gen.

Für die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung schreibt das Ge­setz die Schrift­form vor (§ 99 Abs. 3 Satz 1 Be­trVG). Un­ter Berück­sich­ti­gung der in § 126 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ent­hal­te­nen De­fi­ni­ti­on ei­ner „schrift­li­chen“ Erklärung würde dies be­deu­ten, dass der Be­triebs­rat bzw. sein Vor­sit­zen­der die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung dem Ar­beit­ge­ber in Form ei­nes ei­genhändig un­ter­schrie­be­nen Schriftstücks über­mit­teln müss­te.

Ob der Be­triebs­rat wirk­lich so stren­ge For­mer­for­der­nis­se be­ach­ten muss, war bis­her un­klar.

Zwar hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2002 (Be­schluss vom 11.06.2002, 1 ABR 43/01) klar­ge­stellt, dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung kei­ne Wil­lens­erklärung im Sin­ne der zi­vil­recht­li­chen Rechts­geschäfts­leh­re ist. Da­her ist die ge­setz­li­che Form­vor­schrift des § 126 Abs. 1 BGB nicht an­zu­wen­den.

Al­ler­dings lag die­ser Ent­schei­dung ein Fall zu­grun­de, in dem der Be­triebs­rat die un­ter­schrie­be­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung dem Ar­beit­ge­ber frist­wah­rend per Te­le­fax über­mit­telt hat­te, d.h. hier gab es im­mer­hin un­ter­schrie­be­nes Ori­gi­nal­do­ku­ment. Außer­dem wur­den in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur Zwei­fel geäußert, ob man für das Be­trVG ei­nen ei­ge­nen Be­griff der Schrift­lich­keit einführen kann.

Mit der Fra­ge, ob die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats auch dann „schrift­lich“ im Sin­ne von § 99 Abs. 3 Satz 1 Be­trVG erklärt und da­her be­acht­lich ist, wenn das dem Ar­beit­ge­ber über­mit­tel­te Schrei­ben kei­ne Un­ter­schrift trägt, hat­te sich das BAG vor kur­zem zu be­fas­sen (BAG, Be­schluss vom 09.12.2008, 1 ABR 79/07).

Der Streitfall: Betriebsrat verweigert mit ausführlichem Begründungsschreiben seine Zustimmung zu einer Eingruppierung, doch trägt das Schreiben keine Unterschrift

In dem Be­schluss­ver­fah­ren strit­ten ein bun­des­weit täti­ges Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men und der in ei­nem sei­ner Kaufhäuser be­ste­hen­de Be­triebs­rat über die Um­grup­pie­rung ei­ner Ar­beit­neh­me­rin.

Am 23.11.2005 be­an­trag­te der Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung von Ar­beit­neh­me­rin W. in die Ge­halts­grup­pe III. Mit Schrei­ben vom 29.11.2005 lehn­te der Be­triebs­rat das mit ausführ­li­cher Be­gründung ab. Er hielt die Ein­rei­hung in ei­ne höhe­re als die Ge­halts­grup­pe III für rich­tig.

Das Schrei­ben en­det mit der ma­schi­nen­schrift­li­chen Wie­der­ga­be des Na­mens des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den un­ter Nen­nung sei­ner Funk­ti­on. Es ist hand­schrift­lich nicht un­ter­zeich­net. Das Schrei­ben wur­de dem Fi­li­al­geschäfts­lei­ter am 29.11.2005 vom Vor­sit­zen­den des Be­triebs­rats persönlich über­ge­ben.

Im März 2006 mach­te der Be­triebs­rat ein ar­beits­ge­richt­li­ches Be­schluss­ver­fah­ren anhängig, mit dem er dem Ar­beit­ge­ber die Ein­grup­pie­rung von Frau W. in Ge­halts­grup­pe III un­ter­sa­gen las­sen woll­te. Der Ar­beit­ge­ber setz­te sich zur Wehr und be­gehr­te sei­ner­seits die Fest­stel­lung, dass die Zu­stim­mung zur der be­gehr­ten Ein­grup­pie­rung als er­teil­te gel­te. Hilfs­wei­se be­an­trag­te der Ar­beit­ge­ber die Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes zu der strei­ti­gen Ein­grup­pie­rung.

Das Ar­beits­ge­richt Trier wies so­wohl die Anträge des Be­triebs­rats als auch den in der ers­ten In­stanz vom Ar­beit­ge­ber al­lein ge­stell­ten An­trag auf Zu­stim­mungs­er­set­zung ab (Be­schluss vom 27.11.2006, 4 BV 9/06).

Auf die Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers hob das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts auf und gab dem Ar­beit­ge­ber recht (Be­schluss vom 12.07.2007, 2 TaBV 74/06), in­dem es fest­stell­te, dass die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung der Frau W. in die Ge­halts­grup­pe G III als er­teilt gel­te. Zur Be­gründung stützt sich das LAG dar­auf, dass die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats nicht der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Schrift-form ent­spre­che.

Mit der vom LAG zu­ge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de ver­folgt der Be­triebs­rat sein Be­geh­ren wei­ter. Sein ursprüng­li­ches Ziel, dem Ar­beit­ge­ber die Ein­grup­pie­rung der Frau W. un­ter­sa­gen zu las­sen, ver­folg­te er nicht mehr; in die­ser Hin­sicht war die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Trier be­reits rechts­kräftig ge­wor­den. Ge­gen­stand der Rechts­be­schwer­de, d.h. des Ver­fah­rens vor dem BAG wa­ren al­lein die Anträge des Ar­beit­ge­bers. Wie erwähnt be­gehr­te der Ar­beit­ge­ber in ers­ter Li­nie die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass die Zu­stim­mung zur strei­ti­gen Ein­grup­pie­rung der Frau W. in die Ge­halts­grup­pe, hilfs­wei­se die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung der Frau W. in die Ge­halts­grup­pe III zu er­set­zen.

BAG: Der Betriebsrat kann seine Zustimmung zu einer personellen Maßnahme in Textform verweigern, d.h. die gesetzlich vorgesehene Unterschrift ist nicht zwingend erforderlich

Das BAG gab dem Be­triebs­rat recht. Zur Be­gründung heißt es, dass der Be­triebs­rat sei­ne Zu­stim­mung frist­ge­recht und form­wirk­sam ver­wei­gert ha­be. Zwar sei die Form des § 126 Abs. 1 BGB nicht erfüllt, da kei­ne ei­genhändi­ge Un­ter­zeich­nung mit Na­mens­un­ter­schrift vor­lag. Nach An­sicht des BAG genügt für ei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung aber die Text­form gemäß § 126b BGB.

Ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung des § 126 Abs. 1 BGB schließt das BAG mit der Be­gründung aus, Norm­zweck und In­ter­es­sen­la­ge ver­lang­ten nicht nach ei­ner ei­genhändi­gen Un­ter­zeich­nung der schrift­li­chen Erklärung durch Na­mens­un­ter­schrift des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den.

Das Schrift­for­mer­for­der­nis des § 99 Abs. 3 Be­trVG soll nach An­sicht des BAG gewähr­leis­ten, dass der Ar­beit­ge­ber auf si­che­re Wei­se Kennt­nis von den Gründen er­hal­te, die den Be­triebs­rat zur Ver­wei­ge­rung sei­ner Zu­stim­mung be­wo­gen ha­ben. Die­sem In­for­ma­ti­ons- und Klar­stel­lungs­zweck genügt aber ein dem Ar­beit­ge­ber zu­ge­gan­ge­nes Ver­wei­ge­rungs­schrei­ben auch oh­ne ei­genhändi­ge Na­mens­un­ter­schrift des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den.

Auch an­de­re Zwe­cke, die mit der Schrift­form ver­bun­den wer­den wie et­wa Übe­rei­lungs­schutz oder dgl., spie­len im Rah­men von § 99 Be­trVG nach An­sicht des BAG kei­ne Rol­le.

Das BAG hält statt des­sen die ent­spre­chen­de An­wen­dung von § 126b BGB für aus­rei­chend. Die In­ter­es­sen­la­ge spre­che für ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung des § 126b BGB, da die In­for­ma­ti­ons- und Do­ku­men­ta­ti­ons­funk­ti­on auch durch die Text­form ge­wahrt wer­de.

Fa­zit: Der Ent­schei­dung des BAG ist zu­zu­stim­men. Zwar mag man un­ter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der „Ein­heit der Rechts­ord­nung“ Be­den­ken ge­gen die un­ter­schied­li­che Aus­le­gung iden­ti­scher Be­grif­fe in un­ter­schied­li­chen Ge­set­zen ha­ben. Dem­ge­genüber sind der Zweck der Norm (hier: § 99 Be­trVG ei­ner­seits, § 126 BGB an­de­rer­seits) und der Schutz der In­ter­es­sen der Ge­set­zes­adres­sa­ten wich­ti­ger.

Be­triebsräte soll­ten dar­auf ach­ten, die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung zu per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­men stets (min­des­tens) in Text­form ab­zu­ge­ben. Wich­ti­ger und schwie­ri­ger zu be­werk­stel­li­gen als die Be­ach­tung der (re­du­zier­ten) For­mer­for­der­nis­se bei der Erklärung der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung ist die Her­beiführung ei­nes ord­nungs­gemäßen Be­schlus­ses des Be­triebs­rats über die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung.

Hier kann der Be­triebs­rat nach wie vor vie­le Feh­ler ma­chen, an­ge­fan­gen bei der Ein­la­dung der Mit­glie­der zur Be­triebs­rats­sit­zung bis hin zur kon­kre­ten fall­be­zo­ge­nen Be­gründung sei­ner Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung.

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Letzte Überarbeitung: 8. August 2014

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