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Vor­stel­lungs­ge­spräch für schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber

Die Pflicht öf­fent­li­cher Ar­beit­ge­ber zum Vor­stel­lungs­ge­spräch mit schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern ent­fällt nur bei Nicht­er­fül­lung der An­for­de­run­gen ge­mäß Stel­len­aus­schrei­bung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.07.2009, 9 AZR 431/08

13.10.2009. Ein schwer­be­hin­der­ter Mensch, der sich bei ei­nem öf­fent­li­chen Ar­beit­ge­ber be­wirbt, muss zum Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­ge­la­den wer­den, es sei denn, er ist für die Stel­le of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net.

Ein Ver­stoß des Ar­beit­ge­bers hier­ge­gen führt zu der Ver­mu­tung, dass der Be­wer­ber auf­grund sei­ner Be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wur­de.

Aus ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) er­gibt sich, wann ein Be­wer­ber als "of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net" für die Stel­le an­ge­se­hen wer­den kann.

Aus­schlag­ge­bend da­für und da­mit für die Pflicht zum Vor­stel­lungs­ge­spräch sind da­bei die in der Aus­schrei­bung ge­nann­ten An­for­de­run­gen: BAG, Ur­teil vom 21.07.2009, 9 AZR 431/08.

Bewerbung Schwerbehinderter im öffentlichen Dienst

Das all­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) soll Ar­beit­neh­mer vor Dis­kri­mi­nie­run­gen schützen, d.h. vor sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Be­nach­tei­li­gun­gen im Be­rufs­le­ben. Ver­bo­ten sind gemäß § 1 AGG u.a. Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen ei­ner Be­hin­de­rung. Sie müssen gemäß § 2 Abs.1 Nr.1 AGG in Verb. mit § 7 Abs.1 AGG ins­be­son­de­re bei Ein­stel­lun­gen un­ter­blei­ben. Auch Stel­len­be­wer­ber sind Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des AGG und ge­nießen da­her Schutz vor be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen (§ 6 Abs.1 Satz 2 AGG).

Um den Be­trof­fe­nen die Rechts­ver­fol­gung zu er­leich­tern, sieht § 22 AGG vor, dass sie im Streit­fall vor Ge­richt le­dig­lich In­di­zi­en (Ver­mu­tungs­tat­sa­chen) für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung nach­wei­sen müssen. Lie­gen sol­che In­di­zi­en vor, ist es Auf­ga­be des Ar­beit­ge­bers zu be­wei­sen, dass kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­le­gen hat.

Ein sol­ches In­diz ist der Ver­s­toß ge­gen abs­trak­te Rechts­pflich­ten, die Dis­kri­mi­nie­run­gen vor­beu­gen sol­len wie z.B. der Ver­s­toß ge­gen das ge­setz­li­che Ge­bot, Stel­len­aus­schrei­bun­gen dis­kri­mi­nie­rungs­frei aus­zu­schrei­ben, d.h. oh­ne Be­nach­tei­li­gung po­ten­ti­el­ler Be­wer­ber we­gen ih­res Al­ters, ih­res Ge­schlechts usw. (§ 11 AGG).

Sucht der Ar­beit­ge­ber z.B. in ei­ner Aus­schrei­bung ei­nen „Ab­tei­lungs­lei­ter“, wird ver­mu­tet, dass ei­ne Frau, die sich trotz­dem auf die Stel­le be­wor­ben hat, bei der Stel­len­be­set­zung we­gen ih­res Ge­schlechts be­nach­tei­ligt wur­de. Die­se Ver­mu­tung zu wi­der­le­gen, ist für den Ar­beit­ge­ber schwer.

Kann der Ar­beit­ge­ber die ein­mal ein­ge­tre­te­ne Ver­mu­tung der Dis­kri­mi­nie­rung ei­nes Stel­len­be­wer­bers nicht wi­der­le­gen, steht die­sem gemäß § 15 Abs. 2 S.2 AGG ei­ne Entschädi­gung in Höhe von bis zu drei Mo­nats­gehältern zu.

Um schwer­be­hin­der­te Men­schen im Be­rufs­le­ben zu fördern, sieht § 71 SGB Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) vor, dass die öffent­li­che Hand und größere pri­va­te Ar­beit­ge­ber min­des­tens fünf Pro­zent ih­rer Stel­len mit schwer­be­hin­der­ten Men­schen be­set­zen müssen. Öffent­li­che Ar­beit­ge­ber müssen darüber hin­aus gemäß § 82 Satz 2, 3 SGB IX schwer­be­hin­der­te Men­schen, die sich auf ei­ne aus­ge­schrie­be­ne Stel­le be­wor­ben ha­ben, zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­la­den, es sei denn, der Be­wer­ber ist für die Stel­le „of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net“.

Ähn­lich wie im Fal­le ei­ner nicht dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Stel­len­aus­schrei­bung be­steht die Ver­mu­tung der be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung bei der Be­wer­be­r­aus­wahl, wenn der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber ei­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber ent­ge­gen § 82 Satz 2, 3 SGB IX nicht zum Be­wer­bungs­gespräch einlädt.

Ge­lingt dem Ar­beit­ge­ber nicht die Wi­der­le­gung die­ser Ver­mu­tung, hat er ei­ne Entschädi­gung zu zah­len (§ 15 Abs.2 Satz 2 AGG). Von we­sent­li­cher Be­deu­tung ist in die­sem Zu­sam­men­hang die Fra­ge, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen sich der Ar­beit­ge­ber dar­auf be­ru­fen kann, dass der Be­wer­ber für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le, auf die er sich be­wor­ben hat, „of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net“ ist, so dass be­reits aus die­sem Grun­de ei­ne Ein­la­dung zum Gespräch un­ter­blei­ben konn­te.

Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des BAG vom 21.07.2009 (9 AZR 431/08).

Keine Chance im Bewerbungsverfahren aufgrund schlechter Examensnoten?

Der Kläger war ein schwer­be­hin­der­ter Mensch und Rechts­an­walt. Er hat­te bei­de ju­ris­ti­sche Ex­amen mit ei­ner schlech­ten No­te, nämlich mit „aus­rei­chend“ be­stan­den. Da­nach hat­te er ei­ni­ge Jah­re in der Rechts­ab­tei­lung ei­ner Stadt ge­ar­bei­tet. Im An­schluss dar­an war er als selbstständi­ger Rechts­an­walt u.a. mit dem Schwer­punkt Ver­wal­tungs­recht tätig.

Er be­warb sich auf ei­ne von ei­nem Land­kreis aus­ge­schrie­be­ne Stel­le. Ge­sucht wur­de in der öffent­li­chen Aus­schrei­bung ein Ju­rist mit bei­den Ex­amen, der Auf­ga­ben der Rechts­be­ra­tung und Pro­zessführung für die Kreis­ver­wal­tung über­neh­men soll­te und gu­te Kennt­nis­sen im Ver­wal­tungs­recht be­sit­zen soll­te.

Bei der Aus­wahl, wer von den gut 180 Be­wer­bern zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wer­den soll­te, wur­de der Be­wer­ber aus­sor­tiert. Der be­klag­te Land­kreis hat­te nämlich ent­spre­chend ei­nem in­tern er­stell­ten An­for­de­rungs­pro­fil, in dem durch Ex­amens­no­ten nach­ge­wie­se­ne aus­ge­zeich­ne­te Rechts­kennt­nis­se ge­for­dert wur­den, al­le Be­wer­ber, die nur aus­rei­chen­de Ex­ami­na auf­wei­sen konn­ten, so­fort aus­sor­tiert. Ein­ge­la­den wur­den schließlich nur ei­ni­ge we­ni­ge Be­wer­ber mit über­durch­schnitt­lich gu­ten Ex­amen (sog. Prädi­kats­ex­amen).

Nach­dem er die Stel­le nicht er­hal­ten hat­te, war der Be­wer­ber der An­sicht, er sei im Rah­men der Be­wer­be­r­aus­wahl we­gen sei­ner Be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wor­den, wo­bei er als In­di­ztat­sa­che dar­auf ver­wies, dass er zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch nicht ein­ge­la­den wor­den war. Da­her ver­klag­te er den Land­kreis vor dem Ar­beits­ge­richt Nien­burg auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung in Höhe von drei Mo­nats­gehältern.

Der Land­kreis meint, der Be­wer­ber sei we­gen sei­ner schlech­ten Ex­ami­na für die Stel­le of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net ge­we­sen, so dass ei­ne Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­gespräch un­ter­blei­ben durf­te bzw. recht­lich nicht nötig ge­we­sen sei.

Das Ar­beits­ge­richt Nien­burg (Ur­teil vom 14.06.2007, 1 Ca 129/07) und das Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Nie­der­sach­sen (Ur­teil vom 24.04.2008, 4 Sa 1077/07) wie­sen die Kla­ge ab. Dar­auf­hin leg­te der Kläger Re­vi­si­on zum BAG ein.

BAG: Pflicht des öffentlichen Arbeitgebers zum Vorstellungsgespräch!

Das BAG gab dem Kläger recht und ver­wies die Sa­che zur nähe­ren Aufklärung und Fest­set­zung der Höhe der Gel­dentschädi­gung an das LAG zurück.

Auf­grund der ge­setz­lich ge­re­gel­ten recht­li­chen Pflicht des öffent­li­chen Ar­beit­ge­bers, hier al­so des be­klag­ten Land­krei­ses, schwer­be­hin­der­te Men­schen im Fal­le der Teil­nah­me an ei­nem Be­wer­bungs­ver­fah­ren im All­ge­mei­nen zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, ver­mu­te­te das BAG hier ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung des Klägers auf­grund sei­ner Be­hin­de­rung. Die­se Ver­mu­tung hat­te der be­klag­ten Land­kreis nach An­sicht des BAG im Pro­zess nicht wi­der­legt.

Das BAG hält den Be­wer­ber ent­ge­gen den Ausführun­gen des Land­krei­ses nicht für „of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net“ im Sin­ne von § 82 Satz 3 SGB IX. Denn auf das rein in­ter­ne An­for­de­rungs­pro­fil, dem­zu­fol­ge gu­te Ex­amens­no­ten wich­tig sind, konn­te sich der Land­kreis an­ge­sichts sei­ner öffent­li­che Stel­len­aus­schrei­bung nicht be­ru­fen, da dort von sol­chen An­for­de­run­gen nicht die Re­de war.

Der Ar­beit­ge­ber konn­te das BAG außer­dem nicht mit dem Ar­gu­ment über­zeu­gen, die Ex­amens­no­ten hätten mit der Be­hin­de­rung des Be­wer­bers nichts zu tun. Es sei letzt­lich nicht aus­ge­schlos­sen, so je­den­falls das BAG, „dass die Be­hin­de­rung im Mo­tivbündel des Be­klag­ten nicht doch ent­hal­ten war“.

We­gen der Höhe der dem Be­wer­ber zu­ste­hen­den Entschädi­gung deu­te­te das BAG an, dass es ei­ne Entschädi­gung von drei Mo­nats­gehältern für zu hoch hält, da der Be­wer­ber ei­ner an­der­wei­ti­gen be­ruf­li­chen Tätig­keit mit exis­tenz­si­chern­dem Ein­kom­men nach­ging und die Stel­le, auf die er sich oh­ne Er­folg be­wor­ben hat­te, auf zwei Jah­re be­fris­tet war.

Die Ent­schei­dung ist auf den ers­ten Blick selt­sam, da es in dem vor­lie­gen­den Fall schwer vor­stell­bar ist, dass der be­klag­te Land­kreis den Rechts­an­walt wirk­lich we­gen sei­ner Be­hin­de­rung nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den hat. Im­mer­hin ist es üblich, dass Ar­beit­ge­ber ju­ris­ti­sche Stel­len­be­wer­ber an­hand der Ex­amens­no­ten be­wer­ten und bei ei­ner Viel­zahl von Be­wer­bun­gen die­je­ni­gen mit den schlech­tes­ten No­ten vor­ab aus­sor­tie­ren.

Dem­ge­genüber ist aber zu be­den­ken, dass die Re­ge­lung in § 82 Satz 2, 3 SGB IX den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich da­zu ver­pflich­tet, schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, um ih­nen an­ge­sichts ih­rer Be­nach­tei­li­gung auf dem Ar­beits­markt die Chan­ce zu ge­ben, im persönli­chen Gespräch von ih­ren Fähig­kei­ten zu über­zeu­gen. Dies soll Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen ei­ner Be­hin­de­rung aus­glei­chen bzw. da­zu führen, dass es zu ei­ner sol­chen Be­nach­tei­li­gung im kon­kre­ten Fall gar nicht erst kommt. Die­se An­stren­gung zur Ver­mei­dung ei­ner be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung hat­te der Land­kreis hier aber un­strei­tig nicht auf sich ge­nom­men.

Ei­ne sol­che Gesprächsführungs­pflicht ist dem Ar­beit­ge­ber auch zu­zu­mu­ten. Sie kommt nur bei we­ni­gen Be­wer­bern zum Tra­gen und schränkt die Frei­heit, sich nach dem Vor­stel­lungs­gespräch ge­gen ei­ne Ein­stel­lung zu ent­schei­den, nicht ein. Al­ler­dings würde die Gesprächs­pflicht leer­lau­fen, wenn der Ar­beit­ge­ber auf rein in­ter­ne und da­her dem Be­wer­ber un­be­kann­te „An­for­de­run­gen“ ver­wei­sen könn­te, die die Be­wer­bung als „of­fen­sicht­lich“ un­ge­eig­net er­schei­nen las­sen würden.

Fa­zit: Die Pflicht des öffent­li­chen Ar­beit­ge­bers, ei­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, entfällt we­gen of­fen­sicht­li­chen Feh­lens der fach­li­chen Eig­nung nur, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ne An­for­de­run­gen in der öffent­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung deut­lich ge­macht hat. Verstößt die Nicht­ein­la­dung zum Gespräch dem­nach ge­gen § 82 Satz 2, 3 SGB IX, kann der Ar­beit­ge­ber die Ver­mu­tung der be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung nur schwer wi­der­le­gen.

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Letzte Überarbeitung: 14. August 2016

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