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Was ge­schieht mit den Job­cen­tern?

Nach dem Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 20.12.2007 herrscht Rat­lo­sig­keit über die ge­bo­te­nen Re­pa­ra­tur­maß­nah­men: Die Zu­kunft der AR­GEN und der Job­cen­ter ist der­zeit wei­ter­hin of­fen

01.04.2008. In § 44b Zwei­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB II) ist die Er­rich­tung von Ar­beits­ge­mein­schaf­ten (AR­GEN) ge­re­gelt. Die­se sind von den bei­den Trä­gern der Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de, der Bun­des­agen­tur für Ar­beit und den Kom­mu­nen, zu bil­den und die­nen dem Zwe­cke ei­ner ein­heit­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung an er­werbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge.

Die Er­rich­tung sol­cher AR­GEN ist das vom Ge­setz vor­ge­se­he­ne Grund­mo­dell für die Job­cen­ter, die seit An­fang 2005 für die Ge­wäh­rung von Ar­beits­lo­sen­geld II zu­stän­dig sind.

Die Job­cen­ter und die hin­ter ih­nen ste­hen­den AR­GEN sind das po­li­ti­sche Herz­stück der Hartz IV-Re­form. Mit den Job­cen­tern soll­te die tra­di­tio­nel­le Tren­nung von Ar­beits­lo­sen­hil­fe, für die die Agen­tur für Ar­beit zu­stän­dig war, und So­zi­al­hil­fe, für die die Ge­mein­den zu­stän­dig sind, im Be­reich der Leis­tun­gen an er­werbs­fä­hi­ge Per­so­nen auf­ge­ho­ben wer­den: Er­werbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge sol­len nach dem Re­form­mo­dell nur noch ei­ne ein­heit­li­che Leis­tung, das Ar­beits­lo­sen­geld II, von ei­ner ein­heit­lich auf­tre­ten­den Leis­tungs­stel­le, dem Job­cen­ter, er­hal­ten.

Zum Zwe­cke der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Zu­sam­men­füh­rung von Ar­beits­ver­wal­tung und ge­meind­li­cher So­zi­al­hil­fe be­stimmt § 44b Abs.3 Satz 1, 2 SGB II, dass die AR­GE die Auf­ga­ben der Agen­tur für Ar­beit als Leis­tungs­trä­ger nach dem SGB II wahr­nimmt. Wei­ter heißt es hier, dass die kom­mu­na­len Trä­ger der AR­GE die Wahr­neh­mung ih­rer Auf­ga­ben nach dem SGB II über­tra­gen „sol­len“.

An die­sen Be­stim­mun­gen setz­te das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom vom De­zem­ber 2007 an. Dem BVerfG zu­fol­ge ist § 44b SGB II mit Art.28 Abs.2 Satz 1 und 2 in Ver­bin­dung mit Art.83 Grund­ge­setz (GG) un­ver­ein­bar (BVerfG, Ur­teil vom 20.12.2007, 2 BvR 2433/04, 2 BvR 2434/04). Die Be­grün­dung für die­ses Ur­teil lau­tet im we­sent­li­chen, dass die ge­mäß § 44b SGB II ge­bil­de­ten AR­GEN dem Grund­satz ei­gen­ver­ant­wort­li­cher Auf­ga­ben­wahr­neh­mung wi­der­spre­chen. Die­ser Grund­satz ver­pflich­tet den zu­stän­di­gen Ver­wal­tungs­trä­ger da­zu, sei­ne Auf­ga­ben durch ei­ge­ne Ver­wal­tungs­ein­rich­tun­gen, d.h. mit ei­ge­nem Per­so­nal, ei­ge­nen Sach­mit­teln und ei­ge­ner Or­ga­ni­sa­ti­on wahr­zu­neh­men.

Da das BVerfG dem Ge­setz­ge­ber ei­ne Frist bis zum 31.12.2010 ge­setzt hat, um § 44b SGB II durch ei­ne an­de­re Re­ge­lung zu er­set­zen, brin­gen sich die be­tei­lig­ten Krei­se der­zeit mit ih­ren ver­schie­de­nen Vor­stel­lun­gen über die Zu­kunft der Job­cen­ter in Po­si­ti­on. Hier­zu hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) Mit­te Fe­bru­ar 2008 zu­sam­men mit der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) ein Eck­punk­te­pa­pier vor­ge­legt, das als Re­ak­ti­on auf die Ent­schei­dung des BVerfG die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Tren­nung von Ar­beits­agen­tur und Ge­mein­de im Grund­satz fort­schrei­ben will (BMAS/BA: Das ko­ope­ra­ti­ve Job­cen­ter. Ers­ter Vor­schlag zu Eck­punk­ten. Stand: 12.02.2008).

Die­sem Vor­schlag zu­fol­ge soll es ge­mein­sa­me An­lauf­stel­len für die Kun­den, ei­ne ge­mein­sa­me An­trags­an­nah­me und ei­ne auf­ein­an­der ab­ge­stimm­te Be­schei­der­tei­lung und Leis­tungs­er­brin­gung künf­tig nur noch im Rah­men ei­ner frei­wil­li­gen Ko­ope­ra­ti­on bzw. auf Grund­la­ge frei­wil­lig aus­ge­han­del­ter Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trä­ge ge­ben.

Die of­fi­zi­el­le Be­zeich­nung für die­ses grund­sätz­li­che Ne­ben­ein­an­der von Ar­beits­agen­tur und Kom­mu­ne, das nur auf Ba­sis frei­wil­li­ger Ver­ein­ba­run­gen im Ein­zel­fall durch­bro­chen wird, lau­tet et­was ir­re­füh­rend „ko­ope­ra­ti­ves Job­cen­ter“. Die­ses soll zwar ei­ne „ei­gen­ver­ant­wort­li­che Ge­schäfts­ein­heit“ der ört­lich zu­stän­di­gen Ar­beits­agen­tur sein und als sol­che ei­nen Ge­schäfts­füh­rer ha­ben, doch soll da­ne­ben ein von Ar­beits­agen­tur und kom­mu­na­lem Trä­ger ge­mein­sam ge­bil­de­ter „Ko­ope­ra­ti­ons­aus­schuss“ exis­tie­ren, in dem das lo­ka­le Ar­beits­markt- und In­te­gra­ti­ons­pro­gramm ab­ge­stimmt wird. Schließ­lich bie­ten BMAS und BA in dem Eck­punk­te­pa­pier die dau­er­haf­te Über­nah­me der der­zeit et­wa 18.000 in den AR­GEN tä­ti­gen Be­schäf­tig­ten an. Dar­un­ter be­fin­den sich auch et­wa 6.400 Be­am­te.

Ge­gen die­sen Vor­schlag wird von sei­ten der be­ste­hen­den AR­GEN und der Kom­mu­nen ein­ge­wandt, dass die Leis­tungs­pro­zes­se zwar auf­ein­an­der ab­ge­stimmt sein sol­len, es aber trotz­dem zu Dop­pel­struk­tu­ren bei der Leis­tungs­be­wil­li­gung, Wi­der­spruchs­be­ar­bei­tung oder beim Au­ßen­dienst kom­men wer­de. Au­ßer­dem sei­en die Ver­wal­tungs­ab­läu­fe und die Lei­tungs­kom­pe­ten­zen nicht aus­rei­chend klar de­fi­niert, was ins­be­son­de­re für die Be­fug­nis­se des Ko­ope­ra­ti­ons­aus­schus­ses gel­te.

Das Fa­zit der Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der AR­GEN in Nord­rhein-West­fa­len lau­tet da­her: „Über ei­nen in Aus­sicht ge­stell­ten frei­wil­li­gen Ko­or­di­nie­rungs­pro­zess hin­aus lässt das vor­ge­stell­te Mo­dell in der jet­zi­gen Form kei­ne aus­rei­chen­den Un­ter­schie­de zu ei­ner ge­trenn­ten Trä­ger­schaft er­ken­nen.

Die Nach­tei­le der ge­trenn­ten Trä­ger­schaft (kei­ne Ei­ni­gungs­not­wen­dig­keit bei ab­wei­chen­den Ziel­set­zun­gen, Schnitt­stel­len und Dop­pel­ar­beit zum Nach­teil der ein­heit­li­chen Hil­fe­ge­wäh­rung für den Kun­den um zum Nach­teil der ad­mi­nis­tra­ti­ven Kos­ten des SGB II) sind nicht er­kenn­bar ge­löst.“ (Po­si­ti­ons­pa­pier der Lan­des­ar­beits­ge­mein­schaft der AR­GEn NRW zu den Lö­sungs­mo­del­len zur Um­set­zung des BVerfG-Ur­teils vom 20.12.07, vom 01.03.2008).

Fa­zit: Die Zu­kunft der AR­GEN und der Job­cen­ter ist der­zeit wei­ter­hin völ­lig of­fen. Ob­wohl die Zu­sam­men­le­gung von Ar­beits­lo­sen­hil­fe und So­zi­al­hil­fe von ei­nem brei­ten po­li­ti­schen Kon­sens ge­tra­gen wird, herrscht an­ge­sichts der Un­ver­ein­bar­keit der der­zei­ti­gen ge­setz­li­chen Re­ge­lung mit der Ver­fas­sung weit­ge­hend Rat­lo­sig­keit über ei­ne Kor­rek­tur die­ses Miss­stan­des.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 14. September 2016

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